Dankbarkeit gibt der Welt ein neues Gesicht

Predigt über 1. Timotheus 4, 4 und 5 im Erntedankgottesdienst in Neuenheim-Grißheim, BLHV am 07.10.2018

„Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird. Denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet.“
 
Liebe Erntedankgemeinde,
Dankbarkeit gibt der Welt ein neues Gesicht!
Für mich ist der Gottesdienst am Erntedankfest einer der schönsten und wichtigsten im Jahr! Die Kirchen, aber auch andere Gottesdiensträume wie diese Halle sind herrlich geschmückt: mit Blumen und Ähren, mit Äpfeln und Birnen, Kürbissen, Kohl, Kartoffeln …. Alles leuchtet in präch-tigen Farben, es riecht nach frischem Brot und Erde, man kann fast schon beim Hinschauen schmecken, wie süß die Trauben in diesem Jahr sind.

Vielen Dank allen, die diese Halle hier so wunderbar gestaltet haben; vielen Dank, liebe Familie Kaufmann, dass Sie uns eingeladen haben; vielen Dank, Euch, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, dass Ihr beim Bewirten helft; vielen Dank allen, die dazu beigetragen haben, das dieses Fest heute stattfinden kann.

Vor allem aber gibt Erntedank dem Leben ein neues Gesicht: Wir halten inne und setzen die Brille der Dankbarkeit auf. Im Gottvertrauen finden wir unseren Platz zwischen Himmel und Erde. Wir entdecken unsere Verantwortung für unsere Mitmenschen, aber auch für Tiere und Pflanzen, für alles, was Gott geschaffen hat. Wir schauen dankbar zurück und mutig und hoffnungsvoll nach vorne.
Was für eine Fülle des Lebens, die Gott uns anvertraut.

I

Am Erntedankfest feiern wir: „Es geht durch unsere Hände, kommt aber her von Gott.“ Himmel und Erde, was wir tun und was Gott für uns tut, das gehört zusammen! Sie, die Landwirte, haben gepflügt und gestreut, Sie haben sich mit Wissen und Sorgfalt darum gekümmert, dass das Getreide und die Früchte gut wachsen und die Tiere gedeihen. Sie haben gearbeitet und das getan, was nötig und möglich war; „doch Wachstum und Gedeihen liegen in des Herren Hand.“

Für manche waren die Hitze und die viele Sonne in diesem Jahr zu viel; sie hatten sich eine bes-sere Ernte erhofft. Andere haben eine besonders gute Ernte, so viel Obst, so viele Reben, dass die Genossenschaften gar nicht mehr wissen, wohin damit.

Erntedank lehrt uns, dass Himmel und Erde zusammen gehören. Gott trägt uns durch die Zeiten. Gott sorgt für uns und die Schöpfung. Darauf baut alles auf; das ist die erste, grundlegende Dimension, die unser Leben bestimmt. Gott gilt unser erster Dank!

II

Diese Erntedank-Entdeckung verändert unser Leben: „Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird.“ Wer die Welt mit Gottvertrauen und Dankbarkeit anschaut, gewinnt Freiheit. Gott ist nicht kleinlich, schreibt nicht jeden einzelnen Schritt vor, wie wir diese Welt, das Land, die Tiere, die Früchte zu behandeln haben, was wir zu essen haben, was gesund ist und was nicht. Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, wenn wir es mit den Augen der Dankbarkeit sehen.

Im Glauben sind wir frei, unseren eigenen Weg zu gehen. Allerdings ist das keine Freiheit der Ellenbogen; diese Freiheit ist weder rücksichtslos noch gleichgültig. Vielmehr macht uns dieses dankbare Gottvertrauen frei und verantwortlich. Gott traut uns zu, mit unserer Freiheit so verantwortlich umzugehen, dass unsere Mitmenschen, die ganze Schöpfung und auch die zukünftigen Generationen zu ihrem Recht kommen.

Das Erntedankfest stärkt unser Gottvertrauen und schenkt uns Freiheit. Das ist heute wichtig, wo wir manchmal den Eindruck haben, dass es gar keine Alternativen gibt, dass wir nur noch getrieben sind von den harten wirtschaftlichen Bedingungen am Markt. Das brauchen wir angesichts von auseinander strebenden Interessen, wenn es z.B. darum geht, wofür Flächen verwendet werden: für Neubaugebiete, für eine Bahnstrecke oder für eine landwirtschaftliche Nutzung.
Wer glaubt und singt, dass Wachstum und Gedeihen, dass alle guten Gaben von Gott kommen, dass am Ende für uns gesorgt ist, der entdeckt Alternativen, Kompromisse und kleine, aber manchmal vielleicht auch große Schritte auf dem Weg in eine gute Zukunft für Mensch und Natur und die zukünftigen Generationen.
 
III

Wir danken heute den Menschen, die dazu beitragen, dass wir genug zu essen und die meisten von uns ein gutes Leben haben: Ihnen, den Männern und Frauen in der Landwirtschaft, aber natürlich auch denen, die die Nahrung verarbeiten, den Menschen, die sie transportieren, denen, die die Züge und die LKWs für den Transport bauen usw.

Wer die anderen Menschen mit den Augen der Dankbarkeit ansieht, entdeckt, wie sehr wir aufeinander angewiesen sind. Wir brauchen einander. Die Starken und die Jungen, die Erfahrung der Alten und manchmal gerade auch die, von denen wir wenig erwarten. Der Leib gedeiht nur, wenn alle Glieder zusammenwirken, wenn gerade auch die schwächsten, die am wenigsten angesehenen Glieder zu ihrem Recht kommen.

Am Erntedankfest sollen alle satt werden; wir geben weiter, was wir empfangen. Deshalb feieren wir heute auch ein Fest des Teilens. In vielen Gemeinden werden die Gaben vom Altar zu den sogenannten Tafeln gebracht, um denen eine Freude zu machen, die weniger haben. HIER??

IV

Die Dankbarkeit führt uns aber noch darüber hinaus: Sie achtet Pflanzen und Tiere, sie sind keine austauschbaren Produktionsmittel, sie sind Geschöpfe Gottes. Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut.

Als wir letztes Jahr im Winter ein paar Tage Urlaub auf einem Bauernhof gemacht haben, sind mein Enkel und ich jeden Abend in den Stall, um beim Melken, Füttern und Misten zuzusehen; morgens war uns zu früh. Es war kein großer Hof. Die Familie hatte vielleicht knapp 30 Kühe im Stall; ich fand sie alle ziemlich ähnlich, aber die Bauersfamilie, auch die Kinder vom Hof kannten jede einzelne mit Namen, ihre Freundlichkeit und ihre störrischen Züge.

Die Landschaft, die Rebe, den Roggenhalm, den Käfer, das Schwein und den Hahn als Mitwelt entdecken, als Kreaturen Gottes, die ihr eigenes Recht haben, dazu kann uns das Erntedankfest helfen. Das ist keine Idylle: Wir gestalten als Menschen unsere Erde und unsere Mitwelt, wir prägen ihr unseren Stempel auf, wir gefährden sie auch mit unseren Planungen und unserem Handeln. Was würde geschehen, wenn alle Menschen auf der Erde so viel Fleisch essen würden, wie wir in Deutschland?

Aber wer dankbar auf die Erde und ihre Geschöpfe schaut, entdeckt, was die „Ehrfurcht vor dem Leben bedeutet“, die uns Albert Schweitzer so ans Herz legt. Alles, was da ist, wird geheiligt durch Gott. „Ich bin Leben inmitten Leben, das Leben will.“ Das geht nicht ohne Konflikte. Da fallen Entscheidungen. Da gibt es Konstellationen, in denen wir merken, dass wir andere Wege gehen und umkehren müssen, wenn wir unsere Erde bewahren wollen, wenn wir so leben wol-len, dass auch noch die übernächste Generation sich an dieser herrlichen Kulturlandschaft freuen kann.

V

Der Grundton der Dankbarkeit verändert auch unseren Blick auf unsere Zeit. Wir werden frei weiter nach vorne zu schauen. Manchmal muss man sich heute zurücknehmen und weniger machen, um langfristig und nachhaltig zu wirtschaften, hat mir ein Landwirt letztes Jahr gesagt. Da wachsen die Hoffnung und das Vertrauen, dass auch in der nächsten und übernächsten Generation Menschen und Familien in und von der Landwirtschaft leben können. „Enkeltauglich“ finde ich ein wunderbares Wort und ein gutes Kriterium, um beim Abwägen und Nachdenken zu ent-scheiden. Solange die Erde steht, soll nicht aufhören: Saat und Ernte, Sommer und Winter …, dieses Gottvertrauen stärkt unsere Hoffnung und macht die Zukunft hell und weit. Wir sind nicht festgelegt auf diesen Weg oder keinen. Aus dankbarem Gottvertrauen brechen wir mutig auf und entdecken neue Wege in die Zukunft.

VI

Das Erntedankfest übt in die Dankbarkeit ein, die wir in unseren Familien, im Beruf, in Dorf und Stadt brauchen. Wir wollen sie mitnehmen in unseren Alltag. Deshalb ist es uns als Kirchen wichtig, Familien in der Landwirtschaft dabei zu begleiten und zu beraten, wie es weitergehen kann. Deshalb ist es gut, wenn wir bei einer Hofübergabe an die nächste Generation einen Gottesdienst feiern und den Segen Gottes für die erbitten, die dankbar loslassen und neue Freiheit gewinnen, aber auch für die, die nun in die Verantwortung eintreten und das Vertrauen brauchen, dass Gott es gut meint mit Ihnen, in allem Wandel der nötig ist.

„Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird. Denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet.“

Ein Weg, diese Dankbarkeit des Erntedankfestes mit in den Alltag zu nehmen, ist das Tischgebet oder ein Tischlied zum Essen: Es ist wie ein kleines Erntedankfest vor der Mahlzeit. Wir halten inne, manchmal nur kurz, manchmal nur, weil wir es halt so gewohnt sind.

Aber in dieser kleinen Geste blitzt doch das auf, was entscheidend ist: Gottes Segen trägt uns durchs Leben. Wir brauchen Menschen, die für uns sorgen und sind selbst gerufen, für andere dazu sein. Wir sind Teil der Schöpfung und verantwortlich, sie zu bebauen und für kommende Generationen zu bewahren sind.
Solche Dankbarkeit gibt der Welt ein neues Gesicht!