"Selig sind, die weinen; sie werden getröstet werden".

Predigt über Matth 5,3-10 beim deutsch-französischem Chorfest am 14. Oktober 2018 in Strasbourg

Kennen Sie die Frage, liebe Festgemeinde: Dreht sich auch bei Euch die Stimmung? Mir wird sie in den letzten Monaten häufig gestellt, von Presseleuten, von Politikerinnen: Kann sich die Kirche dem populistischen Trend noch widersetzen, der auf Sicherheit und Abgrenzung setzt: du gehörst dazu und du nicht; der Ellenbogen ausfährt und betont, dass es jetzt endlich mal Zeit ist, an uns selber zu denken?

Da kommen die Seligpreisungen gerade recht, mit ihrer unwiderstehlichen Hoffnung, cette invincible espérance, die du uns gerade so lebendig vorgestellt hast, Christian. Christus steht da auf dem Berg und redet zu den Menschen – da öffnet sich eine Tür – und wir betreten eine andere Welt, eine Welt, die aus der Barmherzigkeit Gottes lebt und uns auf den Weg der Gerechtigkeit führt.

Für Kinder und Alte leuchtet das vielen ein: Kinder wachsen und gedeihen in einer Kultur der Barmherzigkeit, die gibt und liebt, ohne danach zu fragen, was sie zurückbekommt. Deswegen nennen wir Gott unseren Vater und verstehen uns als Geschwister von Jesus Christus. Auch am Ende des Lebens hoffen wir auf eine Kultur der Barmherzigkeit. Dass die anderen nicht mehr von uns erwarten, als wir können; dass sie uns in unseren Einschränkungen trotzdem ernst nehmen und mit Respekt behandeln; dass am Ende nicht gerechnet wird: Nur was du gegeben hast, bekommst du zurück.

Die Seligpreisungen sagen: In Gottes neuer Welt herrscht eine Kultur der Barmherzigkeit; nicht nur für Kinder und Alte, sondern auch für Erwachsene.

In einer Flüchtlingsunterkunft sagt ein junger Pakistani zu mir: „Wir sind doch ganz unten – und ihr habt uns willkommen geheißen!“ Er ist ein starker und gebildeter junger Mann, der zu Hause gearbeitet und seine Familie versorgt hat. „Ich bin bedroht worden, weil ich Sufi bin“, das ist eine mystische Richtung des Islam. „Die Taliban haben mich auf ihre Liste gesetzt, meine Frau und meine vierjährige Tochter sind noch zu Hause in Pakistan. Sie fragt am Telefon: Wann kommst du wieder, Papa?“ Dann sagt er: „Ihr habt uns aufgenommen wie Babys. Ihr haltet uns im Arm, gebt uns zu essen, tröstet uns.“ Ich muss schlucken: Wie würde es mir gehen, wenn ich mich plötzlich hilflos wie ein Baby fühlen würde? Ich bin doch so stolz auf meine Eigenständigkeit.

Der junge Mann ist dankbar für die Barmherzigkeit. „Selig sind die Leidtragenden, denn sie sollen getröstet werden.“ Neben seiner Unterkunft liegt eine Kapelle, in der es ein Bild gibt, das die Geschichte vom barmherzigen Samariter erzählt. Er hat es sich von einem Mitglied der Unterstützer-Gruppe erklären lassen. „Euer Gott ist barmherzig und ihr seid es auch!“, sagt er zu mir.  

Aus Gottes Barmherzigkeit leben, heißt dankbar leben und für andere da sein: Ein Ehepaar wandert und kommt müde, durstig und hungrig zu einer alten Gaststätte, vor der Menschen am gedeckten Tisch sitzen und essen. Sie wollen etwas bestellen. Es gibt keine Speisekarte, aber der junge Mann, wohl der Wirt, macht einen Vorschlag; es schmeckt. Als sie zahlen wollen, wird das abgelehnt – und es stellt sich heraus: Das Gasthaus ist schon lange kein Gasthaus mehr. Die Wirtsfamilie sind Flüchtlinge, die hier in diesem Haus Zuflucht und Unterkunft gefunden haben – und nun froh und begeistert sind, selbst etwas tun und geben zu können für erschöpfte Wanderer: Selig sind, die Leid tragen: Sie werden getröstet - und werden selbst zum Salz der Erde und zum Licht der Welt.

Nein, im Reich Gottes dreht sich der Wind nicht! Die Barmherzigkeit Gottes bläst dem Populismus scharf ins Gesicht! Sie macht uns frei und mutig: barmherzig mit denen zu sein, die Leid tragen, und auf dem Weg der Gerechtigkeit weiterzugehen.

Die Seligpreisungen sind wie ein Fächer, auf dem sich verschiedene Facetten des Weges der Gerechtigkeit entfalten. Zu jedem Feld des Fächers lassen sich Geschichten erzählen: über die Versöhnung zwischen französischen und deutschen Jugendlichen nach dem zweiten Weltkrieg, über die gemeinsame Fahrt von europäischen und asiatischen und afrikanischen Kirchen zur Klimakonferenz in Frankreich, über Ärztinnen und Ärzte, die in deutschen, aber auch in französischen Städten Arme und Flüchtlinge auch ohne Krankenschein behandeln. Es sind unterschiedliche Wege, manchmal merken wir, sie gehören zusammen, manchmal stehen sie auch in Spannung zueinander, aber sie kommen alle aus der Barmherzigkeit, die Gott uns schenkt, und führen ins Freie und in die Nähe Gottes.

„Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen.“ Diese Verheißung der Bergpredigt steht im Zentrum des Glaubens einer unserer Partnerkirchen in Nordnigeria, der Kirche der Geschwister. Seit 2015 erleben sie große Schrecken, weil das Gebiet ihrer Kirche durch die islamistische Terrorgruppe Boko Haram bedroht wird. Viele ihrer Mitglieder mussten innerhalb des Landes fliehen, viele Gemeinden sind zerstört. Vielleicht erinnern Sie sich noch an die Berichte über die 450 Schülerinnen, die von diesen Terroristen in Nigeria entführt und versklavt wurden. Die meisten von ihnen gehören zur Kirche der Geschwister; viele sind bis heute nicht wieder zurück.

Viele junge Leute in der Kirche zweifeln. „Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen.“ „Stimmt das noch? Oder sind wir einfach nur schwach oder gar feige?“ „Auf Gottes Barmherzigkeit vertrauen“ fängt damit an, solche Fragen zuzulassen, miteinander zu reden und zu ringen, die Wahrheit nicht gepachtet zu haben.

Die Seligpreisungen spielen nicht in einer jenseitigen Sonderwelt. Sie wollen ihre Kraft unter uns, in unserer Welt entfalten. Frieden stiften, Frieden machen, soll ein Handwerk werden, hast Du gesagt, Christian: Ja, wir wollen Schwerter zu Pflugscharen schmieden. Wir wollen dafür sorgen, dass keine Waffen mehr an Länder verkauft werden die Krieg führen, z.B. im Jemen. Wir wollen Versöhnung stiften: Mitten in den Schrecken des Bürgerkrieges baut unsere Partnerkirche am Frieden. An öffentlichen Schulen haben sie Gruppen gegründet, die christliche und muslimische Jugendliche ein Jahr lang miteinander verbinden. Ein Jahr lang ist einer oder eine für den oder die andere ein Engel. Wie beim Wichteln weiß man nicht, wer sein Engel ist. Sie schicken sich Briefe, versuchen sich zu unterstützen – und erst am Ende des Jahres erfahren sie, wer da an sie gedacht hat. Oft gibt es da sehr überraschte Gesichter und viele neue Entdeckungen: Das hätte ich von dir nicht gedacht!

Außerdem übernehmen die Jugendlichen Verantwortung für einander in einer Art Frühwarnsystem: „Wenn ihr in eurer Gemeinschaft etwas hört, dass es zu Übergriffen auf die anderen kommen soll, dann ruft euch an und dann gehen wir gemeinsam – Christinnen und Christen, Muslimas und Muslime dort hin und versuchen zu vermitteln.“

Gesicht zeigen, mutig Verantwortung übernehmen, sich keine Angst einreden lassen, sondern sich Gottes Barmherzigkeit anvertrauen. Aufrecht hinstehen für unseren Glauben und gemeinsam singen: da ist jede Stimme nötig, das vielfältige Zusammenklingen strahlt die Kraft aus, die der Welt ein neues Gesicht geben kann. Das beginnt im Kleinen: Selig sind die Frieden stiften – den ersten Schritt auf den Nachbarn zugehen, mit dem man seit zehn Jahren verkracht ist. Denen widersprechen, die Hass säen, im Betrieb, in der Schule, bei Freunden am Tisch.

Vor hundert Jahre haben wir in den Kirchen mehr auf die Stimmen des Nationalismus und unserer politischen Machtinteressen gehört als auf die Seligpreisungen, mehr den Waffen vertraut als Christus. Gottes Barmherzigkeit hat uns Umkehr und Versöhnung ermöglicht und macht uns Mut den Weg der Gerechtigkeit zu gehen. Wir freuen uns, wenn sie am 11. November auf die Passerelle kommen, um ein Zeichen für einen gerechten Frieden zu setzen. Vielleicht können wir ja auch gemeinsam ein Lied singen im Vertrauen auf Jsus Christus, der uns zuruft: „Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen.“