„Mensch, wo bist du?“ Unter dieser Frage bin ich mit sieben anderen Personen aus unserer Landeskirche seit Donnerstag in ihrem Kirchenbezirk bei der Visitation unterwegs, liebe Gemeinde. Ihre Dekanin, Frau Klusmann, hat Ihren Bezirk mehrfach als Paradies bezeichnet, uns wunderbare Äpfel geschenkt und uns versichert, dass hier tatsächlich aus Wasser Wein wird. Ich muss sagen: der Sonne, die Sonne, die Blicke, die Fahrten durch diese wunderbare Landschaft mit den Bäumen, die sich bunt färben, ich ahne, was sie meint. Es waren sehr schöne Tage!
„Mensch, wo bist du in diesem Paradies?“ So fragt Gott Adam und Eva, nachdem die beiden im Paradies von dem Baum gegessen haben. Von allem durften sie essen, aber nicht von diesem einen. Aber genau der reizt. Genau der verspricht Freiheit. Und seine Früchte versprechen Erkenntnis, Fortschritt und Selbständigkeit.
Nun haben sie gegessen und entdecken ihre Freiheit, aber auch die Kehrseite davon: die Angst, etwas falsch zu machen; all das, was unterscheidet; das Ringen um Macht und Anerkennung.
Also: Wo bist du, Mensch, nachdem du vom Baum des Lebens gegessen hast? Und wie lebst du nun?
I
Ich lese den Predigttext für den heutigen Sonntag:
Die Zeit ist kurz.
Auch sollen die, die Frauen haben, sein, als hätten sie keine; 30 und die weinen, als weinten sie nicht; und die sich freuen, als freuten sie sich nicht; und die kaufen, als behielten sie es nicht; 31 und die diese Welt gebrauchen, als brauchten sie sie nicht.
Denn das Wesen dieser Welt vergeht.
II
Wo bist du, Mensch? Die erste Antwort lautet: Dazwischen! Zwischen Himmel und Erde. Zwischen woher und wohin. Hier zu Hause und doch unterwegs.
Zwischen Himmel und Erde: Ich sitze am See in der Sonne und sehe hinüber zum Säntis. Ich denke an meine Familie, an meine Frau, die Kinder, die beiden Enkel. Schön, diese Ruhe und Geborgenheit, die sich da einstellt. Oder das Wasserprojekt von Brot für die Welt in Kenia: Endlich Wasser im Dorf. Endlich können auch die Mädchen in die Schule und müssen nicht mehr jeden Tag sieben Kilometer zum Brunnen laufen – und sieben Kilometer mit den schweren Kanistern zurück. Strahlend erzählen, was sie gelernt haben. Und siehe, es war sehr gut.
Wo bist du, Mensch? Dazwischen. Zwischen Himmel und Erde. Ich mache mir Sorgen um meine Mutter. Wie wird es weitergehen mit fast neunzig? Oder: die wunderbare Wärme in diesem Herbst wird mir unheimlich: alle sprechen vom Klimawandel. Wie geht das weiter? Da verändert sich etwas. Alle reden davon, aber irgendwie sind die Veränderungen auch nicht greifbar. Was hat das mit mir zu tun? Das ist heimlich – und unheimlich.
Wie leben wir zwischen Himmel und Erde?
III
Der Predigttext gibt eine zweite Antwort: Wir leben in Spannungen!
Sie kennen alle diese wunderbare Stelle aus dem Buch Prediger: Jedes Ding hat seine Zeit! Weinen und Lachen, Bäume pflanzen und Äpfel ernten, Tanzen hat seine Zeit und Klagen hat seine Zeit, Abschied nehmen und Heiraten.
In der Kirche werden diese Verse gerne zitiert. Gerade zu wichtigen Abschnitten im Leben. Sie treffen unsere Erfahrungen: Ein tolles Fest. Ein bestandenes Examen. Ein Abschied. Eine schwere Krankheit.
Sie helfen, das Leben zu sortieren – alles hat seine Zeit. Schweres und Schönes gehören zum Leben.
Paulus fällt es schwer, so klar zu sortieren: Auch sollen die, die Frauen haben, sein, als hätten sie keine; 30 und die weinen, als weinten sie nicht; und die sich freuen, als freuten sie sich nicht; und die kaufen, als behielten sie es nicht; 31 und die diese Welt gebrauchen, als brauchten sie sie nicht. Ihn bewegen die Spannungen.
Ja, klar, wer heiratet, soll sich daran freuen, soll die Liebe in jeder Hinsicht und leidenschaftlich genießen – und richtig schön feiern. Und doch gibt es da ein: „als ob nicht!“ Wie geht das verheiratet sein – als ob nicht?
Ganz klar ist, dass damit die Treue und die Verantwortung füreinander nicht klein geredet wird: Wer heiratet, bindet sich an den und die andere. Wer sich den anderen in der Liebe vertraut macht, wird nicht mit ihm oder ihr wie mit einer Sache umgehen, die man so benutzt, wie es einem gefällt.
Im Gegenteil: wir leben miteinander, als hätten wir einander nicht, weil du und ich einander nicht gehören; weil wir einander nicht haben im Sinne von besitzen, weil ich und du noch eine andere Bindung haben, die wichtig ist, zu Christus.
Wir leben in Spannungen. Manchmal funktioniert eine Ehe nicht so, wie wir es gerne hätten; dann müssen wir miteinander ringen. Und wir entdecken, dass die andere nicht so ist, wie ich sie gerne hätte, sondern so, wie Gott sie mir anvertraut. Da braucht es Geduld und Rücksichtnahme. Manchmal sagen alle anderen, was für ein schönes Paar – nur die beiden ahnen, wie schwer sie es gerade miteinander haben.
Ja, wir leben miteinander vor Gott in Spannungen. Auch wenn wir es gerne klarer und eindeutiger hätten. Da gibt es viele Bilder und Vorgaben: So ist das richtig in einer guten Ehe; so muss man mit dreißig aussehen - und so vielleicht sogar noch mit siebzig, so agil musst du sein, so witzig, so kräftig. Da wächst ein Druck, da malen wir Bilder, die wenig Raum zu atmen lassen – und wenig Freiheit für eigene Wege.
Sie zwingen Menschen dazu, sich vor sich selbst und vor anderen zu verstellen. Auch das kann ein Leben im „als ob“ sein: dass wir uns und anderen etwas vormachen.
Genau daraus befreit der Glaube und ermutigt uns, darauf zu vertrauen, dass Gottes Weg uns in unserer Liebe zusammen hält, auch wenn wir die geltenden Bilder und die angeblichen Standards nicht erfüllen. Gebt euch Freiheit; ihr habt, besitzt einander nicht, wie eine Sache, sondern seid miteinander unterwegs. Wer sich ein Bild von der anderen Person macht und versucht, die andere nach diesem Bild zu gestalten, der überhebt sich. Die andere Person ist ein Ebenbild Christi; nicht unser Geschöpf. Wir nehmen sie aus Gottes Hand und vertrauen darauf, dass Christus uns in Freiheit miteinander verbindet und gehen lässt.
IV
Wir leben zwischen Himmel und Erde. Wir leben in Spannungen in dieser Welt. Wir leben aus der Hoffnung, als ob Christus schon mitten unter uns ist. Das ist die dritte Antwort auf die Frage: Wo bist du, Mensch? Und: wie lebst du? Wir leben aus Hoffnung!
Ein solches Leben öffnet Spielräume. Ja, wir kaufen Schönes ein, Dinge, die uns Freude machen, aber wir wissen, dass wir nicht daraus leben. Wir können sie auch wieder hergeben, weitergeben und teilen. Leben in der Hoffnung heißt leben „als ob“ wir schon in der neuen Welt sind, die Christus uns schenkt. So gewinnen wir Freiheit.
Da sind bei der Hochzeit auch die im Blick, bei denen es nicht so geklappt hat, wie sie gehofft haben. Deren Ehe zerbrochen, die im Miteinander gescheitert sind.
Da freuen wir uns an unserer Liebe und feiern das Fest der Liebe – und vergessen zugleich die Eheleute nicht, von denen der eine in einer badischen Flüchtlingsunterkunft lebt und seine Frau und sein Kind sind noch in Griechenland. „Wir telefonieren ab und zu miteinander – und meine Tochter fragt mich: Papa, wann sehen wir uns endlich wieder?“
„Das Wesen dieser Welt vergeht“, aber die Hoffnung breitet sich aus. Die Liebe, die uns durch die Ehe trägt, hat so viel Kraft, dass sie auch die umschließt und stärkt und ihnen Hoffnung gibt, die weinen. Wir freuen uns an unserem kleinen, privaten Glück, aber wir geben uns damit nicht zufrieden. Wir wollen mit unserem Leben davon erzählen, wie die neue Welt aussieht, in der der Mensch dem Menschen ein Bruder und eine Schwester ist. In der wir Freude und Leid teilen.
Mensch, wo bist du? Hier, Gott, hier bin ich – und hier sind meine Geschwister. Wir hoffen auf dich und teilen unser Leben, so wie Christus sein Leben mit uns geteilt hat.
