„Suchet der Stadt Bestes!“

Andacht über Jeremia 29, 1-14 i.A. auf der Diakonischen Konferenz 2018 in Berlin

Liebe Konferenzgemeinde,

die Zivilgesellschaft lebt vom aufrechten Gang durch die Konflikte und vom Wissen um die eigenen Grenzen!

Ich habe Ihnen als Text für die Andacht den Brief mitgebracht, den Jeremia von Jerusalem nach Babylon schreibt. Auch wenn es kurz sein soll, ich lese Jeremia 29, 1-14.

Dies sind die Worte des Briefes, den der Prophet Jeremia von Jerusalem sandte an den Rest der Ältesten, die weggeführt waren, an die Priester und Propheten und an das ganze Volk, das Nebukadnezar von Jerusalem nach Babel weggeführt hatte – 2 nachdem der König Jechonja und die Königinmutter mit den Kämmerern und Oberen in Juda und Jerusalem samt den Zimmerleuten und Schmieden aus Jerusalem weggeführt waren –, 3 durch Elasa, den Sohn Schafans, und Gemarja, den Sohn Hilkijas, die Zedekia, der König von Juda, nach Babel sandte zu Nebukadnezar, dem König von Babel:

4 So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels, zu allen Weggeführten, die ich von Jerusalem nach Babel habe wegführen lassen:

5 Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte; 6 nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären; mehrt euch dort, dass ihr nicht weniger werdet. 7 Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn's ihr wohl geht, so geht's euch auch wohl.

8 Denn so spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels: Lasst euch durch die Propheten, die bei euch sind, und durch die Wahrsager nicht betrügen, und hört nicht auf die Träume, die sie träumen! 9 Denn sie weissagen euch Lüge in meinem Namen. Ich habe sie nicht gesandt, spricht der HERR.

10 Denn so spricht der HERR: Wenn für Babel siebzig Jahre voll sind, so will ich euch heimsuchen und will mein gnädiges Wort an euch erfüllen, dass ich euch wieder an diesen Ort bringe. 11 Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung. 12 Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten, und ich will euch erhören. 13 Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, 14 so will ich mich von euch finden lassen, spricht der HERR, und will eure Gefangenschaft wenden und euch sammeln aus allen Völkern und von allen Orten, wohin ich euch verstoßen habe, spricht der HERR, und will euch wieder an diesen Ort bringen, von wo ich euch habe wegführen lassen.

Jeremia schreibt aus Jerusalem nach Babylon. An eine Minderheit: Verschleppte, Geflüchtete, Angehörige einer fremden Religion. Da klingt der viel benutzte Satz: „Suchet der Stadt Bestes!“ wie ein Aufruf zur Assimilation. Als einen der Märtyrer unter den Bibeltexten hat Rainer Keßler ihn deshalb bezeichnet, weil er in politischen Reden so oft benutzt und zivilreligiös instrumentalisiert wird.

Vielleicht muss man ihn andersherum lesen: Das Beste für ein Gemeinwesen entdecken am ehesten die Minderheiten, die Machtlosen, die Außenseiter. Nur wer Differenz erfahren hat, bekommt das Ganze in den Blick. Zu leicht wird sonst das Eigene zum Allgemeinen. Die biblische Tradition macht deshalb die Schwachen zum Kriterium dafür, wie gut ein Gemeinwesen funktioniert und ob es vom Segen Gottes erfüllt ist, ja zum Ort der Offenbarung Gottes wird. Das Beste der Stadt misst sich daran, ob und welchen Platz die Armen in ihr haben, ob gut für die Kranken und für die Sterbenden gesorgt ist, ob die Fremden und Flüchtlinge zu ihrem Recht kommen und gastfreundlich aufgenommen werden.

Was ist das Beste? Hebräisch steht in dem Vers 7 dreimal Schalom: 7 Sucht den Schalom der Stadt, in die ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn in ihr Schalom herrscht, lebt auch ihr im Schalom.

Das Beste, der Schalom, von dem hier die Rede ist, ist konkret, sozial und leiblich. Da geht es um Ökonomie: sich ansiedeln, das Land, die Gärten bebauen, Einkommen generieren und etwas beitragen zum Bruttosozialprodukt.

Es geht um Fortpflanzung und um die kommenden Generationen. Ob „Mehren“ auch heißt, Menschen aus anderen Gruppen zu heiraten, gar aus der Mehrheitsgesellschaft? In vielem erinnert der Text an Exodus 1: das Volk, das in und trotz der Sklaverei zahlenmäßig wächst, aber sich nicht vermischt, sondern identifizierbar bleibt. Aber wohin gehören dann die, die sich trotzdem in einander verlieben? Sie bilden ja auch eine Minderheit, oft zwischen den Fronten; gilt auch ihnen der Brief?

Was unterscheidet den Brief des Jeremia von einem Aufruf zur Assimilation? Zuerst und vor allem die religiöse Dimension: und betet für sie zum HERRN! Bei aller Teilhabe und allem Einfinden in die Mehrheitsgesellschaft: In der Fürbitte bleibt die Differenz zu der religiösen Umgebung deutlich. Nicht die Orientierung an Marduk oder einer babylonischen Leitkultur ermöglicht Schalom, sondern die Fürbitte für die Anderen; den Schalom der Stadt fördern nicht Assimilation oder Unterwerfung, sondern eine selbstbewusste Integration. 

Allerdings gibt es Schalom nicht ohne Widerworte. Immer wieder streitet Jeremia um die richtige Verwendung des Begriffs und wehrt sich dagegen, dass mit dem Reden vom Besten der Stadt Konflikte übertüncht werden. Wenn Schalom wirklich gedeihen soll, braucht es Streit und Auseinandersetzung. Da müssen Widersprüche aufgedeckt werden und die unterschiedlichen Akteure und Interessen zu Wort kommen. Wenn der Konkurrenzprophet Hannaja ruft: „Friede! Friede! Und ist doch nicht Friede!“, wenn er behauptet, ihr müsst euch nicht auf die Situation einstellen, sondern nur ein bisschen durchhalten, nur noch zwei Jahre, dann wachsen die Mauern eher noch und Wege verschließen sich. Zivilgesellschaft lebt mit und von dem Konflikt, nicht vom Frieden um jeden Preis.

Jeremia mahnt einen langen Atem an: 70 Jahre, drei Generationen, dann kommt das Ende der Verbannung und eine Rückkehr wird möglich sein; ob die Enkel und Urenkel dann noch zurück wollen? Auf jeden Fall sind es nicht die kurzfristigen Interessen einer Generation, sondern die langen Rhythmen und die langen Verantwortungsketten, die wir in die Zivilgesellschaft einzubringen haben.

Es geht um mehr als um einen Weg für mich selbst; es geht um Enkeltauglichkeit und die Bereitschaft auch für andere Verantwortung zu übernehmen. Der Wochenspruch der nächsten Woche führt das fort. Seine erste Hälfte: „Lasst euch nicht vom Bösen überwinden!“, lässt uns auf uns selbst schauen. Ein anständiger Mensch sein, sich an die Gebote halten, da bin ich persönlich gefragt, das passt auch in ein privatisiertes Christentum. Aber der Vers geht weiter und wird damit zur Herausforderung und Zumutung: „Sondern überwinde das Böse mit Gutem!“ Da kommen die Anderen in den Blick, das System, die Interessenkonflikte. Da ist der aufrechte Gang gefragt, die sorgfältige Wahrnehmung der Konflikte, Klarheit und Geduld.

Die Kraft dazu erwächst aus der Geistesgegenwart Gottes: „Ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht Gott: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.“ (Jeremia 29,11)