„Komm herüber und hilf uns!“ – Kirchen gestalten das gemeinsame Haus Europa

Impuls beim badischen Ökumenetag im Stephanienbad, Karlsruhe

Sehr geehrter, lieber Erzbischof Barakat,
sehr geehrter, lieber Bischof Trevor,
lieber Bruder Yassir Eric,
liebe Schwestern und Brüder!
der Internationale Konvent Christlicher Gemeinden (IKCG) in Baden ist ein Segen für uns und unsere Kirche, für unsere Region und auch für Europa. Zehn Jahre gibt es diesen Konvent inzwischen. Das ist ein Grund zum Feiern. Wir sind froh und dankbar über diese „Ökumene vor der Haustür“, die unseren Glauben stärkt und unseren Horizont in geistlicher und kultureller, in räumlicher und zeitlicher Hinsicht weitet. Wir gehören zusammen: Männer und Frauen, Menschen aus dem Sudan und Syrien, aus Korea und Deutschland, aus unterschiedlichen konfessionellen Traditionen, Junge und Alte. Wir sind Kinder Gottes, Geschwister von Jesus Christus: viele verschiedene Glieder, in einen Leib getauft!

I

„Komm herüber und hilf uns!“, ruft eine Stimme aus Makedonien. Und sogleich brechen die Apostel auf und bringen die gute Nachricht nach Europa. Jetzt sind wir gemeinsam hier - und füreinander und miteinander verantwortlich für das Leben in dieser Region der Erde. Jeremia hat den nach Babylon Verschleppten zugerufen „Suchet der Stadt Bestes!“ Ihr seid zwar eine Minderheit – aber es ist euer Auftrag von Gott, dieses Land mitzugestalten. Der Römerbrief meint das gleiche, auch wenn Luthers Übersetzung: „Seid untertan der Obrigkeit!“ mehr nach Gehorsam und Anpassung klingt. „Auch wenn ihr eine Minderheit seid, auch wenn ihr nicht die Macht habt: tragt das Eure dazu bei, dass sich Gottes Schalom in unserer Welt ausbreitet, dort, wo ihr Verantwortung tragt.“

Wer das Leben in Baden mitgestalten will, muss sich heute um Europa kümmern. Denn der Ungeist der Abgrenzung, der sich in Europa breit macht und die Menschen polarisiert, verändert das politische Klima und das Lebensgefühl auch in unserer Region und auch weltweit. Da werden Menschen als minderwertig diskriminiert und gegeneinander ausgespielt, da werden Häfen geschlossen und Grenzzäune erhöht. Angst breitet sich aus und wird zum wichtigsten Ratgeber.

II

Was verbinden wir als Kirchen mit dem Haus Europa? Fünf Themen möchte ich hervorheben und jeweils eine Konkretion damit verbinden:
  1. Ein Haus gibt Sicherheit. Es grenzt ein „Innen“ von einem „Außen“ ab und bietet verlässliche Strukturen zum Leben und Sich-Einrichten. Wer ist Nachbar und wer ein Mitbewohner? Wen lasse ich hinein in mein Haus und wem schlage ich die Tür vor der Nase zu? Aber lebendig ist das Haus nur, wenn sich die Türen und Fenster leicht und oft öffnen, so dass Menschen einander begegnen. Sicherheit und Offenheit!

    Baden ist im Haus Europa wie ein Foyer. Da treffen sich Menschen, die von Süden nach Norden, von Osten nach Westen wollen. In diesem Foyer herrscht Bewegung und Leben, da gibt es unerwartete, dynamische Begegnungen und Innovation.

    Meine erste Konkretion: Als internationaler Konvent der Kirchen schulden wir dem Haus Europa die Botschaft von Pfingsten, die die Angst vertreibt: „Fürchtet euch nicht!“ Schaut mal, wie gut es sich mit offenen Türen und Fensterläden leben lässt. Kooperation in einem Leib ist der Schlüssel für die Zukunft, stärkt das Vertrauen und mindert die Angst. Was hilft dazu: Trinationale Kirchentage, die KKR, die Freundschaft mit der UEPAL, das interkulturelle Kirchenzentrum in Freiburg Unterwiehre, in dem katholische, anglikanische und afrikanisch-baptistische Christinnen und Christen miteinander Gottesdienst feiern und am Haus Gottes bauen.

  2. Im Haus Europa ist Raum für Vielfalt. Es lebt von den Menschen, die sich begegnen.

    Meine zweite Konkretion ist eine Herausforderung, auch für uns als Gemeinden, die wir unsere Gemein-schaft pflegen: Raus aus den Filterblasen! Segmentierung überwinden! Christus im Anderen suchen!

    Das ist nicht bequem. Wir haben ja Gründe, warum wir manchen Menschen aus dem Weg gehen, uns auf manche Gespräche nicht freuen. Aber der Geist Christi vertraut mir die ANDEREN nicht nur an, sondern mutet sie mir auch zu. Unser Miteinander im internationalen Konvent ist für mich eine wichtige Ein-übung in den Umgang mit Differenz; das sollten wir öffentlich zeigen.

  3. Das Haus Europa ist nur ein Haus in Gottes zukünftiger Stadt!

    Als internationaler Konvent christlicher Gemeinden haben wir Europa daran immer wieder zu erinnern. Wir leben in der EINEN Welt. Was derzeit im Jemen, in Kamerun oder in Syrien geschieht, verändert unser Leben auch hier. Unsere Autoabgase, Flugreisen und Braunkohlekraftwerke zwingen Mitglieder unserer Partnerkirchen schon jetzt zur Umsiedlung.

    Meine dritte Konkretion: Ob im Handel, in der Rüstung oder in der Nachhaltigkeit: Wir haben Europa an die langen Verantwortungsketten zu erinnern. A) Wie wird die Kleidung für Europa wo produziert? B) Was haben wir aus unserer Vergangenheit gelernt? Das ist nicht umsonst gegenwärtig eines der umstrittensten Themen in Europa: die Gedenkkultur. C) Denken wir an unsere Enkelkinder und die unserer Geschwister in Indonesien, wenn wir heute handeln?

  4. Das Haus Europa verbindet Freiheit und Verantwortung füreinander!

    Viele, die schon lange darin wohnen, übersehen, wie wichtig diese beiden Grundwerte Europas in ihrem Zusammenklang und ihrer Verwobenheit sind, auch für unser alttägliches Miteinander. Viele Neuankömmlinge betonen diesen Dreiklang: mit Europa verbinden wir wirtschaftlichen Erfolg, individuelle Freiheit und soziale Gerechtigkeit. Die Charta Oecumenica sagt: „Aufgrund unseres christlichen Glaubens setzen wir uns für ein humanes und soziales Europa ein, in dem die Menschenrechte und die Grundwerte des Friedens, der Gerechtigkeit, der Freiheit, der Toleranz, der Partizipation und der Solidarität zur Geltung kommen.“ (COE 7)

    Meine vierte Konkretion: Ich halte es für wichtig, dass wir dieses Bild von Europa bei der Wahl im Mai 2019 gemeinsam deutlich vertreten. Wie wäre es mit einer gemeinsamen Kampagne, um unsere Gemeinden zur Wahl zu ermutigen? Ein buntes Plakat, das alle hier vertretenen Gemeinden zeigt und sagt: „Wir brauchen ein humanes und soziales Europa. Ihr internationaler Konvent christlicher Gemeinden in Baden.“

  5. Das Haus Europa braucht die Gottesfurcht! Oder mit dem Psalm 127: „Wenn der Herr nicht das Haus baut, so arbeiten umsonst, die daran bauen. Wenn der Herr nicht die Stadt behütet, so wacht der Wächter umsonst.“

    Vielleicht sind das die beiden wichtigsten Dinge, die wir für Europa tun können. Ihm das „Fürchte dich nicht!“ zurufen und es daran zu erinnern, dass jedes Haus auf Sand gebaut ist, wenn es nicht auch die geistliche Dimension des Lebens bedenkt: die Differenz zwischen Gott und Mensch.

    Menschen tendieren dazu, selbstgenügsam den eigenen Wohlstand zu genießen und gleichgültig zu werden gegenüber Not. Sie stehen in der Gefahr, sich zu übernehmen, die Wahrheit in die eigenen Hände zu nehmen, den Respekt vor der Würde des ANDEREN zu verlieren, wenn er oder sie sich nicht ins Bild fügt. Die Gottesfurcht ist der Anfang der Weisheit!

    Meine fünfte Konkretion: Wir haben eine besondere Verantwortung dafür, dass Europa (wieder neu) lernt mit einer Pluralität von Religionen zu leben. Der internationale Konvent könnte ein Ort sein, an dem das Gespräch der Religionen in Europa einen neuen Zungenschlag bekommt, weil es nicht immer wie in unseren landeskirchlichen Dialogen zugleich ein Gespräch zwischen Mehrheit und Minderheit ist.