17 Wenn also jemand in Christus ist, dann ist das neue Schöpfung; das Alte ist vergangen, siehe Neues ist geworden. 18 Alles aber kommt von Gott, der uns durch Christus mit sich versöhnt und uns den Dienst der Versöhnung aufgetragen hat. 19 Denn ich bin gewiss: Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich, indem er den Menschen ihre Verfehlungen nicht anrechnete und unter uns das Wort der Versöhnung aufgerichtet hat.
20 So treten wir nun als Gesandte Christi auf, denn durch uns lässt Gott seine Einladung ergehen. Wir bitten an Christi Statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! 21 Den, der von keiner Sünde wusste, hat er für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm zur Gerechtigkeit Gottes würden.
6,1 Als Mitarbeiter aber ermahnen wir euch auch: Empfangt die Gnade Gottes nicht vergeblich! 2 Denn es heißt: Zu willkommener Zeit habe ich dich erhört, und am Tag der Rettung habe ich dir geholfen. (Jesaja 49,8) Jetzt ist sie da, die ersehnte Zeit, jetzt ist er da, der Tag der Rettung. (Zürcher Übersetzung 2007)
Liebe Gemeinde,
es ist Neues geworden! 80 Jahre nach den Novemberpogromen und der Zerstörung der Synagogen, nach der Schändung von Torarollen und der Misshandlungen jüdischer Menschen, nach Spießrutenlaufen durch schreiende und geifernde Männer und Frauen, nach dem Morden in Ausschwitz und anderen Vernichtungslagern: Es gibt wieder jüdisches Leben in Deutschland! Gott hat sein Volk bewahrt. Neue Gemeinden und Synagogen sind entstanden, Gott sei Dank! Die jüdische Gemeinde in Stuttgart hat ihre neue Torarolle im September in Gebrauch genommen; die jüdische Gemeinde in Lörrach wird sie am Sonntag einweihen, nachdem gestern im Landtag auch Christinnen und Christen und Muslime an den letzten Buchstaben mitschreiben durften.
„Neues ist geworden!“ - und wir, Nachkommen der Täter und Mitläufer, der johlenden Meute und der Weggucker, wir, evangelische und katholische Christinnen und Christen, dürfen mitfeiern.
I
Es ist Neues geworden, aber das Alte will nicht vergehen! Der Antisemitismus kriecht wieder aus den Löchern und durch die Straßen. Synagogen stehen unter Polizeischutz; jüdische Friedhöfe werden geschändet. Wer in der Öffentlichkeit eine Kippa trägt, muss in bestimmten Quartieren Sorge haben, angepöbelt zu werden. Auf manchen Schulhöfen tönt: „Du Jude!“ wieder als Schimpfwort und Jugendliche erzählen lieber nicht, dass sie Jüdinnen oder Juden sind: Sind wir schon wieder auf der schiefen Bahn? Menschen werden als Nestbeschmutzer beschimpft, weil sie Stolpersteine verlegen und das Gedächtnis der Opfer bewahren: ihre Namen, ihre Geschichten, ihre Gesichter: Wann ist der Tag der Rettung, an dem der Hass vergeht?
II
Unsere Eltern, Großeltern und Urgroßeltern haben saure Trauben gegessen - und unsere Zähne sind stumpf. Manchmal fühlt sich das Gedenken so an: Eine Last. Ein Aufreißen von Wunden. Ein Erschrecken, was Menschen einander antun können. Nein, das ist zu unpräzise: was Christinnen und Christen, was Menschen in Deutschland ihren jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern angetan haben. Wie war das möglich? Wo war da die Ehrfurcht vor dem Leben? Wo blieb die Nächstenliebe? Warum hat sich das christliche Gewissen nicht gemeldet? Warum haben die Kirchen keinen Anlass gesehen zu handeln und Verantwortung zu übernehmen?
Und noch einmal: Warum vergehen der Antisemitismus und der Hass nicht? Auch nicht 80 Jahre nach den Pogromen im November 1938 und der darauf folgenden Verfolgung und Ermordung jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger?
III
Ich bin versucht, auf die Anderen zu zeigen: auf die, die sortieren und meinen, dass sie entscheiden können, wer lebenswert ist und wer nicht, wer zu ihnen gehört und wer nicht. Auf die, die ihre Größe auf die Missachtung und Abwertung Anderer bauen, auf Respektlosigkeit und Menschenfeindlichkeit. Auf die, die einfache Antworten und klare Verhältnisse suchen und die es nicht ertragen können, dass Gott dieses Volk erwählt hat, mit ihm einen Bund der Treue geschlossen hat, ohne ihn vor uns zu rechtfertigen.
Paulus erinnert mich, dass ich mit meinem langen Zeigefinger selbst sortiere, genau da, wo Gott uns und alle Menschen zusammenführt: in unseren Verfehlungen. Hat nicht der Antijudaismus im Neuen Testament und gerade auch unsere Lesart des „alt“ gegen „neu“ bei Paulus den Antisemitismus wesentlich befördert. Ich bin froh, dass die evangelischen Kirchen sich 2017 deutlich von den antisemitischen Ausfällen Martin Luthers distanziert haben, die eine verheerende Wirkung im Nationalsozialismus hatten.
Aber die Schuld kommt uns noch näher: Wir sind in den evangelischen Kirchen in Deutschland stolz auf Barmen, weil es die Kirche gegen den Herrschaftsanspruch der Nationalsozialisten verteidigte; doch auf die Seite unserer jüdischen Geschwister haben wir uns nicht gestellt. Wir haben 1945 hier in Stuttgart unsere Schuld bekannt; doch die Shoa und unsere Mitverantwortung für die Vernichtung jüdischen Lebens in Deutschland haben wir nicht erkannt und benannt.
Eben haben wir den Abschnitt aus Kurt Witzenbachers Buch „Kaddisch für Ruth“ gehört, indem er schildert, wie jüdische Menschen in der Pogromnacht 1938 im Spießrutenlauf durch eine gröhlende und schlagende Volksmenge zum Polizeipräsidium getrieben wurden. Ich habe mich gefragt, was hätte ich getan? Hätte ich protestiert? Oder wäre ich weggegangen? Oder hätte ich den Mut gehabt, mich dem Zug der Leidenden anzuschließen?
IV
Wann ist „der Tag der Rettung“? Wie finden wir heraus aus dieser Gefangenschaft?
„Alles aber kommt von Gott, der uns durch Christus mit sich versöhnt und uns den Dienst der Versöhnung aufgetragen hat.“(2 Kor 5,18) Durch den Juden Jesus bekommen wir Anteil an der Liebe Gottes zu seinem erwählten Volk. Weil er für uns eintritt, unsere Position einnimmt. Nichts anderes meint ja das griechische Wort „versöhnen“: sich in die anderen hineinversetzen, die Position des anderen, der anderen einnehmen. Jesus wurde für uns zum Christus und hat uns dadurch hineingenommen in die Gemeinschaft mit Gott.
Was hätte Christus angesichts des Spießrutenlaufes gemacht? Ich glaube, er ist mit seinen Geschwistern gegangen. Er hat sich in ihre Lage hineinversetzt und ihre Position eingenommen. Er öffnet uns einen Raum des Lebens, der die Sperren zwischen denen, die durch die schmale Gasse getrieben werden, und denen, die gröhlend und geifernd die Gasse bilden, abbricht. Auf einmal wird es still; wir erkennen Christus - und gehen mit ihm und seinen Glaubensgeschwistern.
V
Durch Christus bekommen wir Zugang zu diesem Lebensraum, der wie eine neue Schöpfung ist. Wir finden heraus aus den Teufelskreisen der Gewalt und der Abgrenzung in ein Miteinander, in dem das Sortieren ein Ende hat. Ich muss niemanden abwerten, um etwas zu gelten. Ich bin vom Kämpfen befreit und kann aufrecht und frei und in Würde durch das Leben gehen und dazu beitragen, dass sich der Geist der Versöhnung in unserer Welt in konkreten Schritten ausbreitet.
In diesem Geist der Versöhnung suchen wir Antworten auf Unrecht und Unfrieden. Wir fragen nach Wegen, den Schwachen beizustehen und die Gedemütigten aufzurichten. Wir stärken Vertrauen und suchen nach gewaltfreien Lösungen.
Heute, im Gedenken an die Schrecken, die unseren jüdischen Mitmenschen in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 angetan wurden, verpflichtet uns dieser Geist der Versöhnung, deutlich und offen gegen Antisemitismus Stellung zu nehmen.
Dazu brauchen wir das Gedenken, gerade vor Ort: die Geschichten der Opfer, die Nachbarinnen und Nachbarn waren, die wir nicht vergessen wollen – das Mahnmal-Projekt in allen badischen Gemeinden, in denen es vor den Transporten nach Gurs eine jüdische Gemeinde gab, hat dazu viel beigetragen, manchmal gerade auch dadurch, dass es Konflikte ausgelöst hat. Aber es geht auch um die Geschichten der Menschen, die im Kleinen in ihrem Alltag etwas gewagt haben, um anderen beizustehen. Und immer wieder so wie heute um das gemeinsame Gedenken.
Im Dienst der Versöhnung haben wir auch politisch einen klaren Auftrag: jeder Form des Antisemitismus und anderen Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit deutlich zu widersprechen, bei uns und weltweit; denen entgegenzutreten, die das Existenzrecht Israels bestreiten; einzutreten für eine Politik, die auf Versöhnung, Gerechtigkeit und Frieden zielt statt auf Abgrenzung und Trennung: zu Begegnung und Verständigung einzuladen, gerade da wo sich Menschen fremd, ja feind sind.
Vor allem aber brauchen wir das Miteinander heute, die Freude, dass es wieder jüdisches Leben in unserem Land gibt, konkrete Begegnungen in Gemeinden und Schulen, in Pflegeeinrichtungen und Kindertagesstätten, das gemeinsame Essen und Feiern, das Miteinander in den jüdisch-christlichen Gesellschaften, die Woche der Brüderlichkeit, auch den Trialog und die Pflege der Gärten der Religionen. „Das Alte ist vergangen. Siehe, Neues ist geworden!“
VI
Christus hat uns versöhnt, hat uns mit hineingenommen in den Lebensraum, der aus der Versöhnung Gottes lebt. Nun sind wir eingeladen, die Türen und Fenster offen zu halten, uns am Dienst der Versöhnung zu beteiligen und den Menschen in unseren Gemeinden und in unserem Land zuzurufen: „Lasst euch versöhnen mit Gott!“ Damit der Hass ein Ende findet und alle sehen: „Jetzt ist sie da, die ersehnte Zeit, jetzt ist er da, der Tag der Rettung.“
