Und nach einigen Tagen ging Jesus wieder nach Kapernaum; und es wurde bekannt, dass er im Hause war. Und es versammelten sich viele, sodass sie nicht Raum hatten, auch nicht draußen vor der Tür; und Jesus sagte ihnen das Wort.
Und es kamen einige zu ihm, die brachten einen Gelähmten, von vieren getragen. Und da sie ihn nicht zu Jesus bringen konnten wegen der Menge, deckten (brachen) sie das Dach auf, wo er war, machten ein Loch und ließen das Bett herunter, auf dem der Gelähmte lag. Als nun Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: „Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.“
Es saßen da aber einige Schriftgelehrte und dachten in ihrem Herzen: „Wie redet der so? Er lästert Gott! Wer kann Sünden vergeben als Gott allein?“ Und Jesus erkannte sogleich in seinem Geist, dass sie so bei sich selbst dachten, und sprach zu ihnen: „Was denkt ihr solches in euerm Herzen? Was ist leichter zu dem Gelähmten zu sagen: Dir sind deine Sünden vergeben, oder zu sagen: Steh auf, nimm dein Bett und geh umher? Damit ihr aber wisst, dass der Menschensohn Vollmacht hat, Sünden zu vergeben auf Erden“ – sprach er zu dem Gelähmten: „Ich sage dir, nimm dein Bett und geh heim!“
Und der Gelähmte stand auf, nahm sein Bett und ging alsbald hinaus vor aller Augen, so dass sich alle entsetzten und Gott priesen und sprachen: „Wir haben so etwas noch nie gesehen.“
Liebe Festgemeinde, lieber Herr Förschler,
eine wunderbare Geschichte, die uns mit Dankbarkeit erfüllt! Vier Menschen tragen einen anderen zu Jesus, der ihm hilft: So gedeiht Diakonie! In die Gemeinschaft kommt Bewegung. Freude breitet sich aus und Staunen über die Güte Gottes: So wächst eine inklusive, eine diakonische Kirche. In ihr ist Raum für viele, unterschiedlich begabte Menschen!
I
Der Gelähmten liegt auf einer Trage mit vier Griffen. Sie, lieber Herr Dr. Förschler, könnte ich mir gut an einen der Griffe vorstellen. Diakonisch handeln, heißt: die Ärmel aufkrempeln und kraftvoll zupacken. So haben Sie die Johannes-Diakonie geleitet, so tatkräftig habe ich Sie erlebt.
Sie haben immer gewusst: Das geht nur gemeinsam Wer so eine Trage tragen will, braucht an jedem Griff eine Person. Nur so lässt sich kompetent und wirksam helfen. In der Diakonie brauchen wir verschiedene Gaben und Kompetenzen: Fachleute für Leib und Seele, diejenigen, die bauen, Räume gestalten und instand halten, Menschen, die mit Geld umgehen können, andere, die gut reden und mit denen verhandeln können, mit denen wir gemeinsam Verantwortung tragen für unsere Städte und unser Land.
Die diakonische Grundgeschichte vom barmherzigen Samariter zeigt, dass in der Nachfolge Jesu jede und jeder persönlich fürs Helfen verantwortlich ist. Diese Geschichte vom Gelähmten zeigt: Helfen ist eine Gemeinschaftsaufgabe! Einer allein hätte den Gelähmten nicht aufs Dach gebracht. Schon wenn eine Hand an einem Griff fehlt, können wir die Menschen, die unsere Hilfe brauchen, nicht optimal unterstützen und tragen.
Versuchen Sie mal eine Trage allein an Seilen durch ein Dach nach unten zu lassen, ohne dass die Trage kippt. Da muss man schon ein gutes Team sein. Diakonie gelingt nur als Kooperation. Das war Ihnen wichtig, lieber Herr Förschler, das Miteinander hier in der Johannes-Diakonie, die Kooperation mit den staatlichen Stellen, mit der Stadt, mit den Gemeinden, mit uns als Landeskirche.
II
Viele Menschen suchen Hilfe bei Jesus und drängen sich zu ihm. Vielleicht kann er uns helfen!? Deshalb ist das Haus schon voll, als die vier mit ihrer Trage ankommen. Was sollen sie nun machen?
Diese Situation kennen die diakonisch Engagierten. Die sozialen Herausforderungen sind riesig. Was muss noch alles geschehen, damit wir eine inklusive Kirche und Gesellschaft werden? „Mein Gott, schaff die Treppen ab.“ Der Buchtitel trifft es gut. Wer sich umschaut, entdeckt Stufen, verschlossene Türen und vor allem ein Gedränge um knappe Finanzmittel. Um den Menschen zu helfen, die es schwer haben, die alt oder krank sind, die in Armut leben oder fremd sind, müssen wir uns stark machen und mutig sein.
Wahrscheinlich standen die Vier dann vor dem Haus und haben miteinander diskutiert: „Was sollen wir jetzt machen?“ „Kommt, wir gehen wieder nach Hause! Das bringt ja doch alles nichts. “ „Nein, los, wir drängeln uns durch!“ „Aber ich habe doch sehr gehofft“, murmelt der Gelähmte.
Was hätten Sie wohl vorgeschlagen, lieber Herr Förschler? Vielleicht: „Stricke holen. Aufs Dach steigen. Ein Loch machen und die Trage an den Seilen hinunter lassen.“
Diakonie braucht Mut!! Den haben Sie! Sie hatten Ihre Ziele vor Augen: Gute Perspektiven für die Menschen in der Johannes-Diakonie; klare Schritte in Richtung Inklusion; eine gute Abstimmung zwischen Diakonie und Kirche. Und sie haben sie mit mutigen Entscheidungen auf den Weg gebracht. Ich nenne nur zwei: den Neubau der Diakonie Klinik, den Ausbau der wohnortnahen Unterbringung.
Sehr konsequent und konzentriert haben Sie diese grundlegenden Perspektiven umgesetzt. Sie haben verhandelt, Kompromisse gesucht, aber auch beharrt. Sie waren bereit, auch ungewöhnliche Wege zu gehen. Sie haben sich auch durch schüttelnde Köpfe nicht aufhalten lassen, sondern mutig gesagt: „Hier machen wir das Loch. Das ist der richtige Platz!“
III
Als klar war, es gibt keinen Weg durch die Türe, sind die Vier mit der Trage auf das Flachdach gestiegen. Sie hackten und kratzten, sie brachen ein Loch in das Dach. Man sieht, wer sich diakonisch engagieren will, muss auch gerne bauen!
Wahrscheinlich rieselte nicht nur Staub auf Jesus und seine Zuhörerinnen und Zuhörer, sondern es fielen auch Lehm- und Holzbrocken herunter. Die unten waren bestimmt nicht begeistert, eher empört, auf jeden Fall erstaunt; sie schauten nach oben: in den offenen Himmel, zu den vier Freunden mit dem Gelähmten. Der schwebte nun auf seiner Trage herab und lag vor Jesus.
Als nun Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: „Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.“Was hat Jesus da gesehen, als er ihren Glauben sah?
Zwei Dinge sind mir wichtig:
- In vielen Heilungsgeschichten finden wir den Satz: Dein Glaube hat dir geholfen. In dieser Geschichte verweist Jesus auf den Glauben einer Gemeinschaft: „als Jesus ihren Glauben sah“. Dieser Glaube verbindet die, die tragen, und den, der getragen wird. Dieser inklusive Glaube ist die Grundlage diakonischer Existenz. Wir handeln und denken nicht nur miteinander und füreinander, sondern wir glauben und beten auch miteinander und füreinander. Wir sind nicht nur in der praktischen Hilfe aufeinander angewiesen, sondern leben daraus, dass wir uns im Glauben stärken und wechselseitig durch Zweifel, Einsamkeit und Trauer tragen. Es ist dieser gemeinsame Glaube, der die Menschen in Bewegung bringt und Lähmungen überwindet: „Niemand glaubt für sich allein.“
- Diakonischer Glaube findet sich nicht mit Not und Ungerechtigkeit ab, mit den Abgrenzungen zwischen denen, die dazu gehören und denen, die außen vor sind. Diakonischer Glaube sieht die neue Welt Gottes auf uns zukommen. Diakonische Hoffnung macht sich mit dem Gelähmten auf dem Weg in eine Gemeinschaft, in der er ein lebendiges, bewegliches, vergnügtes Glied ist. Diakonische Liebe ist bereit, dafür mutige, auch anstößige Schritte zu gehen: Auf die Idee muss man erst einmal kommen, das Dach aufzubrechen!
IV
Und der Gelähmte stand auf, nahm sein Bett und ging alsbald hinaus vor aller Augen, so dass sich alle entsetzten und Gott priesen und sprachen: „Wir haben so etwas noch nie gesehen.“
Der Gelähmte stand auf. Aber das Loch im Dach öffnet allen den Blick in den Himmel. Auf alle fällt ein neues Licht, dass sie staunen lässt über die Güte Gottes. Diese Licht führt uns in eine neue Welt, in der der Geist der Menschenfreundlichkeit Gottes unser Miteinander prägt. Da wächst eine heilsame Gemeinschaft, in der Menschen sich wechselseitig stärken. Der Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit breitet sich aus und lässt uns Gott preisen.
Diesen Geist verkündigt Diakonie. Sie stärkt unseren Glauben und strahlt aus in unsere Welt. Dazu haben Sie mit Ihrer Arbeit viel beitragen und dafür danken wir Ihnen, lieber Herr Förschler, sehr herzlich!
