"Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt."

Predigt am Buß- und Bettag 2018 in Villingen

„Und dem Engel der Gemeinde in Laodizea schreibe:
Das sagt der, der Amen heißt, der treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Schöpfung Gottes: „Ich kenne deine Werke, dass du weder kalt noch warm bist. Ach, dass du kalt oder warm wärest! Weil du aber lau bist und weder warm noch kalt, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde.“
Du sprichst: „Ich bin reich und habe genug und brauche nichts!“ Und du weißt nicht, dass du elend und jämmerlich bist, arm, blind und nackt. Ich rate dir, dass du Gold von mir kaufst, das im Feuer geläutert ist, damit du reich wirst; und weiße Kleider, damit du sie anziehst und die Schande deiner Blöße nicht offenbar wird und Augensalbe, deine Augen zu salben, damit du sehen mögest.
Welche ich lieb habe, die überführe ich und bringe sie zurecht. So sei nun eifrig und tue Buße!
Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir. Wer überwindet, dem will ich geben, mit mir auf dem Thron zu sitzen, wie auch ich überwunden habe und mich gesetzt habe mit meinem Vater auf seinen Thron.
Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt.“

Liebe Gemeinde,
wie sagt man einem Freund, dass er auf einem falschen Weg ist? Trauen sie sich das? Bei ihren Kindern? Im Verein oder im Betrieb? Wie macht man deutlich, dass man einerseits Bescheid weiß und sich wünscht, dass der oder die andere sich ändert und umkehrt – aber dass man andererseits in Kontakt bleiben will?

Der Seher Johannes schreibt einen Brief: Da muss man sich nicht in die Augen schauen. Da bleibt der Empfängerin Zeit und Freiheit zu überlegen, wie sie rea-giert. Da kann der Schreiber jede Formulierung genau abwägen, damit sie die Balance hält zwischen: „Ich muss dir das jetzt mal sagen!“ und „Wir gehören zusammen, egal, was passiert!“. So wie bei Eltern, wenn sie mit ihrem Kind unzufrieden sind und wollen, dass sich etwas ändert; aber trotzdem lieben sie ihr Kind, egal was passiert. Oder wie bei einem Freund, der enttäuscht ist, aber mich nicht loslassen will, weil er mich gern hat.

Sie klopfen an und stehen vor der Tür. Vorsichtig und zurückhaltend lassen sie mir die Freiheit zur Umkehr. Sie machen keinen Druck, aber sie sind da, wenn ich den Mut gewinne, umzukehren und etwas Neues zu versuchen. So lockt uns Christus zur Umkehr!

I

„Ich kenne dich und deine Werke! Du bist weder kalt noch warm, du bist lau.“ Ja, stimmt, so geht es mir meistens. In der Mitte bleiben, sich nicht zu weit nach vorne wagen, vorsichtig nach rechts und links schauen, was passiert, was alle machen. Obwohl: Das Leben wird erst spannend, wenn es richtig heiß oder kalt wird. Wenn ich mich ‚packen’ lasse und mich für etwas mit Herz und Verstand einsetze: Schule, Arbeit, Gemeinschaft.

In der Gegend von Laodicea gibt es beides: heiße Quellen und sehr kaltes, frisches Wasser. Beides weckt die Lebensgeister, beides bringt in Bewegung. Lauwarmes Wasser macht uns dagegen speiübel und galt schon damals als gutes Hausmittel, wenn man etwas Schlechtes gegessen hatte und sich erbrechen musste. Also: warm oder kalt will uns Christus, nicht lau. Entschieden und erkennbar sollen wir sein.
Das ist ein hoher Anspruch.

II

Die Menschen in Laodicea in der heutigen Türkei haben widersprochen: „Ich bin reich und habe genug und brauche nichts.“ Nach einem Erdbeben hatte Rom da-mals finanzielle Hilfe angeboten; aber die Stadt hatte zurückgeschrieben: „Wir brauchen nichts!“
Mit gutem Grund: Laodicea war ein Finanzzentrum. Es gab eine starke Leinen- und Wollindustrie. Außerdem war die Stadt berühmt wegen der Heilmittel, die hier hergestellt wurden: „Wir haben Arbeit und Geld. Wir haben schöne Kleider; es geht uns gut.“ Auch die Kirchengemeinde war lebendig. Sie trafen sich oft und feierten schöne Gottesdienste. „Nein, lieber Seher Johannes, du magst das lau finden, aber wir genießen es!“

Der Streit ist eröffnet. Johannes hält dagegen; er kennt sich aus: „Ja, ihr seid ein Finanzzentrum, ihr habt viel Geld, aber eigentlich seid ihr nicht reich, sondern arm. Ja, ihr produziert schöne Stoffe, aber ihr seid nicht gut angezogen, eigentlich seid ihr nackt. Ja, ihr wisst alles über Medizin, aber die Augensalbe, die euch erkennen lässt, wie die Lage wirklich ist, die benutzt ihr nicht. Ihr seid geschäftig in eurer Gemeinde, immer ist etwas los, ihr seid mit euch zufrieden. Aber die Ecken und Kanten, an denen sich die Stadt und viele Leute stoßen würden, über die schweigt ihr vornehm. Da passt ihr euch lieber an.“

III

Und wir? Sind wir kalt oder warm? Was heißt heute: lau? Der Buß- und Bettag bietet uns Gelegenheit zu überlegen, wo wir reich oder arm sind, ob wir weiße Kleider anhaben oder vor den anderen nackt dastehen, ob wir blind sind oder sehen, was wirklich wichtig ist.
Geld regiert auch heute die Welt! Aber wenn nur das Geld regieren würde; wo würden wir enden? Viele erleben das gerade im Alter. Was ein Mensch braucht, wenn er oder sie immer weniger für sich selbst sorgen kann, lässt sich nicht mit Geld kaufen. Wir brauchen eine Pflegeversicherung, die eine gute Versorgung alter Menschen ermöglicht und nicht in die Armut führt. Aber wir brauchen vor allem auch Begegnungen, Teilhabe und Interesse aneinander. Eine sorgende Gemeinde, in der Menschen für andere da sind, auch wenn sie nicht verwandt sind, auch wenn sie nicht sicher sein können, etwas zurück zu bekommen.

Das ist nicht leicht: Manchmal steht man vor der Tür und klopft an und niemand macht auf. Manchmal ist der Mensch hinter der Tür schon zu verbittert oder zu ängstlich, zu sehr in seiner Hoffnungslosigkeit versunken. Am Buß- und Bettag nimmt uns Christus mit an die Zimmertüren, um mit ihm und in seinem Namen anzuklopfen.
Das gilt auch im Großen: „Ich stehe vor der Tür und klopfe an.“ Gott hat uns die Praxis des Erlassjahres geschenkt: Alle sieben Jahre soll das Ackerland brach lie-gen. Der Boden kann sich erholen, die Menschen, die kein eigenes Land haben, dürfen ernten, was auf der Brache wächst. Und nach sieben mal sieben Jahren feiern wir das Jubeljahr. Jesus rief es in seiner ersten Predigt aus: Alle fünfzig Jahre werden alle Schulden gestrichen. Menschen, die in Schuldsklaverei geraten waren, sollten frei werden. Die Spirale, die die einen immer reicher und die anderen immer ärmer macht, sollte unterbrochen werden.

Buß- und Bettag heißt: Umkehr ist möglich; wir können neu beginnen. Denken Sie an die Situation nach dem 2. Weltkrieg. Schon bald erhielt zumindest der Westen Deutschlands eine neue Chance! Wir wurden nicht auf unsere Schuld und auch nicht auf unsere Schulden festgelegt. Was würde das heute bedeuten?

Für die Menschen in Afrika? Für unseren Umgang mit den natürlichen Lebensgrundlagen? Mit Schwung setzen viele derzeit auf die E-Mobilität: endlich abgasfrei fahren, endlich eine Wende für das Klima, dessen Veränderungen uns in diesem heißen und trockenen Jahr sehr nahe rücken. Aber der Abbau von Lithium, das für die Batterien gebraucht wird, hat in Afrika schreckliche Folgen; und der Strom, der die Batterien hier speist, um mit E-Autos genauso schnell zu fahren wie mit den bisherigen, kommt zwar aus der Steckdose, muss aber auch erst produziert werden.

Wir brauchen ein grundsätzliches Innehalten, das vom Genug her denkt statt vom immer schneller und immer mehr. Dass vom Genug für uns her denkt, aber vor allem auch von den Anderen her fragt: Was können wir tun, damit sie genug zum Leben haben?

IV

Welche ich lieb habe, die überführe ich und bringe sie zurecht. Am Buß- und Bettag geht es um eine Umkehr zum Leben. Der Seher Johannes löst mit seinem Brief Zustimmung und Widerspruch aus. Das ist schon mehr als ‚lau’! Es zeigt, dass uns die Anderen und die Zukunft unserer Erde und unserer Enkel nicht egal sind, sondern dass wir die Freiheit nutzen wollen, die Gott uns schenkt, um miteinander über den richtigen Weg zu streiten.

Der Brief droht nicht, er rüttelt und schüttelt uns nicht, denn er weiß, dass wir unsere Fehler, unsere Härte, unseren Hochmut, unsere Faulheit, unser Absehen von Gott und von unseren Nächsten nur entdecken können, wenn wir nicht darin gefangen sind, uns zu rechtfertigen und alles schön zu reden. Deshalb lockt uns der Brief, wirbt um uns, malt ein hoffnungsvolles Bild: „Mach die Tür auf, lass Christus ein. Selbst wenn alle anderen sagen: das ist nicht mehr auszuhalten mit dem! Christus malt nicht schön; er sieht dich, so wie du bist. Er öffnet dir die Augen für deine Verantwortung und trägt sie mit dir. Er bleibt dir treu und deckt dir den Tisch! Er hat dich gerne und wird dein Leben zum Guten verändern.“

Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir. Wer überwindet, dem will ich geben, mit mir auf dem Thron zu sitzen, wie auch ich überwunden habe und mich gesetzt habe mit meinem Vater auf seinen Thron.