Als sie nun in die Nähe von Jerusalem kamen, nach Betfage an den Ölberg, sandte Jesus zwei Jünger voraus und sprach zu ihnen: Geht hin in das Dorf, das vor euch liegt, und gleich werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Füllen bei ihr; bindet sie los und führt sie zu mir!
Und wenn euch jemand etwas sagen wird, so sprecht: Der Herr bedarf ihrer. Sogleich wird er sie euch überlassen. Das geschah aber damit erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten, der da spricht (Sacharja 9,9): „Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen, dem Jungen eines Lasttieres.“ Die Jünger gingen hin und taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte, und brachten die Eselin und das Füllen und legten ihre Kleider darauf, und er setzte sich darauf.
Aber eine sehr große Menge breitete ihre Kleider auf den Weg; andere hieben Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. Die Menge aber, die ihm voranging und nachfolgte, schrie: „Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!“
Und als er in Jerusalem einzog, erregte sich die ganze Stadt und fragte: „Wer ist der?“ Die Menge aber sprach: „Das ist Jesus, der Prophet aus Nazareth in Galiläa.“
Liebe Festgemeinde,
„wie soll ich dich empfangen und wie begegne ich dir?“ Das ist die Frage des 1. Advents! Jesus steht vor den Toren der Stadt und will einziehen. Damals in Jerusalem. Damals vor 50 Jahren bei der Einweihung dieser Kirche und heute am Vorabend des 1. Advents 2018. Wir sind gefragt: Wie wir Jesus empfangen? Wie wir ihm Raum geben in unserer Kirche, in unserer Stadt – und in unseren Herzen?
50 Jahre Markus-Kirche im Freiburger Westen: Ich gratuliere Ihnen sehr herzlich zu Ihrem Jubiläum. Wir feiern eine Kirche in der Stadt, eine Kirche mit und für die Menschen im Stadtteil. Eine adventliche Kirche, die Jesus Raum gibt, damit er in unsere Wirklichkeit einzieht.
I
„Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen, dem Jungen eines Lasttieres.“
Das ist ein einprägsames Bild, wie Jesus da auf einem Esel einzieht. Als Kaiser Wilhelm der II. um die letzte Jahrhundertwende Jerusalem besuchte, ließ er ein Stadttor vergrößern, damit er auf einem Pferd aufrecht und reitend einziehen konnte. Er wollte seine Macht und die Bedeutung Deutschlands im Nahen Osten demonstrieren.
Wenn Sie sich dagegen Jesus auf dem kurzbeinigen Esel vorstellen, besonders eindrücklich war das nicht. Die Beine schlenkern knapp über dem Erdboden, das grauhaarige Lasttier trottelt vor sich hin, der Reiter schaukelt hin und her. Das ist doch kein König! Was kann ich von so einem erwarten? Das ist, wie wenn der Papst in diesen Tagen bei der G20-Konferenz in seinem Heimatland mit einem Fiat 500 vorfahren würde. Kann so einer Kriege stoppen, Gewalttäter zur Vernunft bringen, Flüchtlingen ihre Heimat zurückgeben? Kann so einer Klimagerechtigkeit schaffen?
Ja, Jesus, der Eselsreiter, kann das. Er bringt einen neuen Himmel und eine neue Erde mit sich. In ihm hat die Zukunft ein neues Gesicht bekommen. Ein Kind, das im Stall und nicht im Palast geboren wird, ein Kind, das fliehen muss, wie heute so viele in Syrien, im Jemen – dieses Kind rettet die Welt. Darauf vertrauen wir. Ein junger Mann, der durch die Dörfer und Städte zieht und Menschen Mut macht, sie aufrichtet, sie zurückholt in die Gemeinschaft. Er hat das Gesicht dieser Erde verändert. Ein Mensch, der nicht um Anerkennung und Macht kämpft, sondern um der anderen willen von sich selbst absieht und sich selbst zurücknimmt: Der Eselsreiter eröffnet uns eine neue Welt!
Diese Kirche erzählt viele Geschichten davon, wie Jesus einzieht. Wie er Menschen Mut macht und tröstet. Wie er Menschen zu einer Entscheidung hilft: Soll ich das machen? Wie gehen wir in unserer Ehe miteinander weiter? Da ist es gut, wenn die Kirche offen ist, dass man einen Raum der Stille und der Einkehr hat, zum Innehalten. Ihre Kirche ist „erst“ 50 Jahre alt, aber an ihren Mauern und Fenstern, den Bildern und Stühlen/Bänken, dem Altar und dem Taufstein haften solche Erfahrungen. Wessen Kind ist in dieser Kirche getauft worden? Wer von Ihnen wurde hier konfirmiert, getraut? Oder hat vielleicht schon eine Jubelkonfirmation in dieser Kirche gefeiert?
Jesus zieht ein – und wir begegnen ihm, auf ganz vielfältige, manchmal sehr persönliche Weise. Matthäus war das wichtig. Deshalb ist er der einzige Evangelist, der Jesus nicht nur auf einem Esel reiten lässt, sondern auf einer Eselin und ihrem Füllen. Ob er auf der Eselin saß und das Jungtier mit sich führte – oder umgekehrt?
Auf jeden Fall ist Platz, mit ihm unterwegs zu sein. Jesus will mitnehmen. Er will zusammen führen: die Generationen und Geschlechter, verschiedene Kulturen, Religionen und Nationen. Jesus bringt alle zusammen, die manche zurzeit wieder mit Gewalt auseinander sortieren wollen, um „Unseres“ gegen „die da“ zu sichern. Jesus setzt auf den gemeinsamen Weg; neben ihm ist noch Platz auf einem Esel: für die, die schon immer engagiert dabei sind, aber eben auch für die, die es schwer haben mit dem Glauben. Die Bürgerglocke in Ihrem Turm steht für mich für diese Offenheit und Weltzugewandtheit von Jesus. Sie ruft alle! Sie sagt allen den neuen Himmel und die Erde an. Sie lädt alle ein, sich mit Jesus auf den Weg zu machen.
II
Jesus zieht bei uns ein. „Siehe, dein König kommt zu dir, sanftmütig!“ Der Eselsreiter verändert uns, unsere Kirche und unsere Welt. Nicht durch eine Machtdemonstration, sondern sanftmütig. Für Matthäus ist das eine der wichtigsten Eigenschaften von Jesus.
Was bedeutet sanftmütig? Wer sanftmütig ist, sucht die Verständigung mit den anderen. Er oder sie will sich nicht durchsetzen, sondern hört genau zu und fragt nach: Was brauchst du? Was können wir füreinander und für andere tun? Was wollen wir miteinander erreichen? Sanftmut lädt anderen keine Lasten auf, sondern entlastet. „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken. Ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.“
Sanftmütig kommt Jesus in die Welt und verändert sie; sanftmütig sollen wir ihm nachfolgen. „Die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein.“
Eine Kirche der Sanftmut ermöglicht es, Verletzungen, Kränkungen und Trauer anzusprechen. In ihr gehen die Menschen respektvoll und gewaltfrei miteinander um. Denn die, die sich in dieser Kirche der Sanftmütigen treffen, glauben, dass ihnen in ihren Geschwistern Jesus Christus begegnet, gerade auch in denen, die ihnen fremd sind und über die sie sich manchmal oder öfter ärgern. Trotzdem zusammenhalten und gerade im Konflikt verbinden, das sind wichtige Aufgaben der Kirche der Sanftmütigen.
Das ist eine deutliche Zeitansage am Beginn des neuen Kirchenjahres: Gott kommt sanftmütig in die Welt und lässt uns sanft und mutig miteinander leben. Wir wollen eine lebendige Kirche sein, die sich umschaut und mitten im Leben steht, mitten im Stadtteil. Die sich einmischt in die Nachbarschaft. Eine Kirche, die auch die fernen Nächsten im Blick hat. Heute Morgen haben wir in Stuttgart die sechzigste Aktion „Brot für die Welt“ eröffnet. Eine adventliche Kirche hat Hoffnung und Brot für die Welt. Wie Jesus verfolgt sie sanft, aber beharrlich und mit klarer Ausrichtung in vielen kleinen Schritten ihr Ziel: die mutig und sanft einen gerechten Frieden auf dieser Erde auszubreiten.
In ihrer Chronik habe ich gelesen, wie wichtig ihnen die Diakonie hier in der Gemeinde immer war. „Einer, eine trage des anderen Last!“ heißt es deshalb als Inschrift auf ihrer zweiten Glocke, der Diakonie-Glocke. Entschieden hat sich die Gemeinde für den Frieden eingesetzt, den Grünen Gockel eingeführt und sich schon in den 90er Jahren für Flüchtlinge engagiert. Und jetzt wieder!
Wer auf einen sanftmütigen König und Retter wartet, dem sind die Menschen nicht gleichgültig, die bei uns Zuflucht suchen. Die Not der Anderen betrifft uns im Kern unseres Glaubens und verändert unser Miteinander in der Gemeinde. Ganz praktisch durch Zusammenrücken und aufeinander Rücksicht nehmen, durch Begegnungen zwischen Konfirmandinnen und Konfirmanden und Flüchtlingskindern, durch konkrete Hilfen; vor allem aber geistlich: in dem wir erleben, wie Jesus Christus uns zusammen führt, unsere Herzen verändert und wir ihn im Anderen entdecken.
Manchmal fragt die Stadt oder der Stadtteil dann auch wie die Menge damals: „Wer ist der?“ Und warum lauft ihr ihm nach? Und wir antworten mit denen, die sich damals von seinem Gottvertrauen und seiner Sanftmut haben anstecken lassen: „Jesus ist der Prophet aus Nazareth in Galiläa“, das Gesicht Gottes. Er überwindet unsere Angst und ermutigt uns dazu, im aufrechten Gang den gerechten Frieden zu suchen: „Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.“
III
Jesus zieht auf einem Esel reitend in Jerusalem ein. Sanft und mutig zeigt er uns Gottes Gesicht. Auf dem zweiten Esel ist Platz mit ihm zu reiten, für die, die schlecht zu Fuß sind. Alle anderen ruft Jesus, ihm zu Fuß zu folgen. Der, der sanftmütig ist, will nicht allein sein und sich nicht alleine durchkämpfen. Er will mit uns und allen, die im Dunkel sind, gemeinsam zur Krippe gehen. Damit Flüchtlinge wieder Mut schöpfen und Obdachlose die Kälte gut überstehen; damit Zerstrittene sich versöhnen; damit diese Erde in ihrer Schönheit und Vielfalt für unsere Kinder und Kindeskinder bewahrt wird.
Jesus traut uns etwas zu. So wie den Freundinnen und Freunden, die damals mit ihm nach Jerusalem gezogen sind. Obwohl sie Vieles nicht verstanden haben, was er getan hat; obwohl sie manchmal überhaupt nicht sanftmütig sind, sondern sich lauthals und auch hinterrücks stritten, wer der Größte ist; obwohl sie eingeschlafen sind, als er sie bat, mit ihm zu wachen; obwohl sie ihn am Ende verraten. Diesen schwachen Gesellen und uns traut Jesus zu, der Welt die gute Botschaft zu bringen. Jesus traut uns das zu und lässt uns nicht alleine mit diesem Auftrag. „Siehe, ich bin bei Euch alle Tage“, heißt es am Ende des Matthäusevangeliums.
Wie stärkt uns der Geist Jesu? Bevor die Freundinnen und Freunde mit Jesus in die Stadt einziehen, halten sie gemeinsam inne und bereiten sich vor auf das, was ihnen bevorsteht. Dafür brauchen wir unsere Kirchen, diese Kirche: als Ort des Innehaltens, um Kraft und Klarheit zu gewinnen, um über die Bibel nachzudenken und sich stärken zu lassen mit Brot und Wein. Um zu erleben, wie uns der Geist Christi trägt und bewegt und ausrichtet.
Dafür sind die anderen wichtig, die mit mir singen und beten und manchmal, wenn mir die Worte im Halse stecken bleiben, auch für mich. In dieser Gemeinschaft im Gottesdienst, im Gesprächskreis, im gemeinsamen Engagement erfahren wir, dass wir von Gottes Güte getragen sind, wie Jesus vom Esel. Dass wir darauf vertrauen können, dass im Geist Gottes heute gemeinsam Wege in der Nachfolge von Jesus finden werden, auch wenn sie zurzeit manchmal wie hinter Struktur- und Liegenschaftsdebatten versteckt zu sein scheinen.
Die adventliche Bewegung Gottes in unsere Welt nimmt uns mit und führt uns zueinander und zu Gott. Das ist der Grundton, auf dem alles aufbaut, was wir dann in unserer Kirche, in Gruppen und Kreisen tun. Deshalb ist die schwerste größte Glocke in Ihrem schlanken, hoch aufragenden Turm die Glocke des Gebets. Ihr Klang stärkt unser Gottvertrauen und erinnert uns immer wieder an die Menschenfreundlichkeit Gottes. Gott will das Leben. Gott freut sich über unsere Gebete und Lieder. Gottes Sohn wird Mensch, damit wir wie Menschen miteinander auf dieser Erde leben und einstimmen in das große „Hosianna, gelobt sei, der da kommt, im Namen des dreieinigen Gottes. Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden!“
