1 Die Wüste und Einöde werden frohlocken, und die Steppe wird jubeln und wird blühen wie die Lilien. 2 Sie wird blühen und jubeln in aller Lust und Freude. Die Herrlichkeit des Libanon ist ihr gegeben, die Pracht von Karmel und Scharon. Sie sehen die Herrlichkeit des Herrn, die Pracht unseres Gottes.
3 Stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie! 4 Sagt den verzagten Herzen: »Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott! Er kommt zur Rache; Gott, der da vergilt, kommt und wird euch helfen.«
5 Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden. 6 Dann wird der Lahme springen wie ein Hirsch, und die Zunge des Stummen wird frohlocken. Denn es werden Wasser in der Wüste hervorbrechen und Ströme im dürren Lande. 7 Und wo es zuvor trocken gewesen ist, sollen Teiche stehen, und wo es dürre gewesen ist, sollen Brunnquellen sein. Wo zuvor die Schakale gelegen haben, soll Gras und Rohr und Schilf stehen.
8 Und es wird dort eine Bahn sein und ein Weg, der der heilige Weg heißen wird. Kein Unreiner darf ihn betreten; nur sie werden auf ihm gehen; auch die Toren dürfen nicht darauf umherirren. 9 Es wird da kein Löwe sein und kein reißendes Tier darauf gehen; sie sind dort nicht zu finden, sondern die Erlösten werden dort gehen.
10 Die Erlösten des HERRN werden wiederkommen und nach Zion kommen mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen.
„Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht!“ Da gibt es viel zu sehen, liebe Festgemeinde! Wenn Gott kommt, verwandelt sich die Erde und das Leben blüht auf. Das dürre Land wird fruchtbar. Menschen werden geheilt und verlieren ihre Furcht. Sie richten sich auf und machen sich mit Gott auf den Weg. Sie rufen einander zu: „Fürchtet euch nicht und habt Mut!“ Sie stärken einander und treten ein für das Leben. „Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen werden entfliehen.“
I
Ich danke Ihnen, dass Sie mich eingeladen haben, mit Ihnen diesen Festgottesdienst auf der Baustelle zu feiern. Dieser Gottesdienst ist ein deutliches Zeichen, ein Symbol. Ich meine nicht dafür, dass es am Ende vor jeder Einweihung immer eng wird, bei jedem Bau. Nein, es ist ein Symbol für unsere christliche Existenz.
Der christliche Glaube lebt aus der Bewegung, mit der Gott uns und unsere Welt verändert: „Die Wüste und Einöde wird frohlocken, und die Steppe wird jubeln und wird blühen wie die Lilien. Sie wird blühen und jubeln in aller Lust und Freude.“ Wir gehören zu einem wandernden Gottesvolk, das diese Bewegung Gottes in unsere Welt aufnimmt und sich von ihr mitreißen lässt.
Wir sind unterwegs. Das heißt: Wir haben hier keine bleibende Statt, weil noch etwas aussteht: Noch gibt es viel Furcht; noch werden Menschen bedroht und unterdrückt; noch sterben manche viel zu früh, manchmal sogar Kinder; noch werden zu viele krank, weil sie kein sauberes Wasser haben; noch, noch ….
Aber Gottes Kommen ist schon angekündigt. Es brennen schon zwei Kerzen. „Das Volk, das noch im Dunkeln wandert, sieht ein großes Licht und über denen, die im Finstern wohnen, scheint es hell.“ Bald wird sich die Not wenden. „Die Steppe wird trinken, die Steppe wird blühen, die Steppe wird jauchzen und lachen.“
II
Christliche Existenz heißt: Wir sind unterwegs, aber nicht allein! Sondern miteinander und mit Gott und im Geist Christi.
Es ist ein wunderbares Zeichen, dass wir heute gemeinsam diesen Gottesdienst zum 2. Advent feiern, dass bei Ihnen die Ökumene schon lange so intensiv gelebt wird, wie das Kreuz auf dem Altar zeigt. Wir brauchen dieses ökumenische Miteinander als Christinnen und Christen in einer Welt, in der viele kein Vertrauen mehr in Gott haben und in der zugleich das Leben unserer Erde und die Würde der Menschen bedroht sind. Wir brauchen die unterschiedlichen Gaben, Traditionen und Stärken, die jede Konfession einbringt auf diesem gemeinsamen Weg der Gerechtigkeit. Wir brauchen möglichst viel Gemeinsames, „damit die Welt glaubt“.
Vor allem aber ist wichtig, dass wir mit Gott und im Geist Christi unterwegs sind. Und zwar in der Reihenfolge unseres Predigttextes: Gott erneuert die Erde. Wir haben an dieser Bewegung Gottes Anteil. Wir wirken an ihr mit. Aber vor allem können wir uns ihr anvertrauen.
Wenn die Dürre, die Bedrohungen, das Dunkle sich so nach vorne drängen, dass man am liebsten die Tagesschau ausmachen und wegschauen würde, ruft uns Gott zu: „Fürchtet euch nicht! Lasst euch nicht von all dem Unheil in Bann schlagen. Erstarrt nicht vor Angst vor dem Bösen. Denkt daran: Ich komme. Und die Steppe wird blühen wie ein Lilienfeld; die Lahmen werden gehen und die Stummen werden Worte finden.“ Auch wenn es so viele Schrecken, so viele Orte zurzeit gibt, wo wir uns fragen: Wie wird es da jemals zu einem gerechten Frieden kommen? In Syrien etwa, im Jemen? Aber auch zwischen Israel und Palästina? – Gottes Verheißung gilt: Ich werde euch einen Weg bahnen und eurer Hoffnung eine Tür öffnen. Wir müssen Frieden und Gerechtigkeit nicht allein schaffen, sondern können auf Gottes Zusage vertrauen: „Freude und Wonne werden die Welt ergreifen, und Schmerz und Seufzen werden entfliehen.“
III
Wir sind unterwegs, aber wir sind nicht allein. Wir vertrauen auf Gottes heilvolle Bewegung – und nehmen sie auf. Um uns in diesem Vertrauen zu vergewissern, müssen wir immer wieder innehalten und auf das hören, was uns von Gott verheißen ist: „Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht!“
Dafür brauchen wir Rastplätze, auch wenn sie Baustellen sind, um das miteinander und mit Gott zu feiern. So wie das Israel gemacht hat, als es der Sklaverei in Ägypten entflohen und ausgezogen ist. Unterwegs, mitten in der Wüste hielten sie inne, hörten auf Gottes Wort, beteten, lobten, tanzten und sangen. Und sammelten dadurch neue Kraft für die nächsten Schritte, den nächsten Abschnitt auf dem Weg der Gerechtigkeit.
Manchmal feiern wir in einer wunderbaren Basilika, die uns schon mit ihrer Höhe und der Fülle des Glaubens, der sich seit Jahrhunderten in ihre Mauern und Fenster „eingebetet“ hat, nach oben zieht und stärkt. Manchmal haben wir nur ein Zelt– so wie es ihr Gottesdienstraum hier nachbildet. Entscheidend ist ein Ort, um innezuhalten und um uns miteinander im Gottvertrauen zu vergewissern; ein Ort um auf Gottes Zusagen und Verheißungen zu antworten, mit unseren Gebeten, mit unseren Fragen und Zweifeln, mit unseren Liedern.
Ein Zelt wirkt weniger stabil und verlässlich, aber die Menschen rücken in ihm nahe zusammen. Sie spüren, dass sie aufeinander angewiesen sind und miteinander, den neuen Weg suchen und gehen müssen. Und wenn die Stühle noch fehlen, dann teilen sie sie, damit immer die, deren Knie gerade wanken, sich wieder etwas stärken können. Ein Zelt ist mobiler; in ihm stellt man sich leichter auf veränderte Lagen ein; was draußen ist, ist nur durch eine Stoffbahn von denen, die drinnen sind getrennt.
Ob Münster, Zelt oder Baustelle, wichtig ist, dass wir am Ende im Segen Gottes aus unseren Kirchenräumen gestärkt herausgehen. Dass wir neuen Mut bekommen, Verantwortung zu übernehmen für das Miteinander auf dieser Erde.
IV
Wir feiern heute Gottesdienst auf einer Baustelle. Wir halten inne und lassen uns stärken. Wir richten uns neu aus – wohin will der Geist Christi uns führen. Wir brechen mit Gott auf. Seit 60 Jahren übernehmen unsere beiden kirchlichen Hilfswerke Brot für die Welt und Misereor in diesem Geist Verantwortung und engagieren sich: Brot für die Welt – Würde für den Menschen.
Viele tausend Projekte haben die beiden Hilfswerke seitdem durchgeführt – und immer wieder danach gefragt, was hilft den Menschen, sich selbst zu helfen. Was nützt nicht nur einzelnen, sondern einer ganzen Gemeinschaft, einer Region? Was kann man tun, damit die Projekte auch nachhaltig sind? Sie kennen die schönen Fragen: Was ist besser: Brot oder Saatgut? Einem Menschen einen Fisch geben oder eine Angel? Aber unser Blick muss noch weiter gehen. Wir können nicht helfen, ohne über Macht und Politik nachzudenken und zu sprechen: Wie kann man die Fischer im Senegal mit ihren kleinen Booten unterstützen gegen die industriellen Fangflotten der Fischindustrie, die die Fischgründe vor Westafrika plündern? Und was kann wir hier zu Hause tun gegen die immer größeren Mengen von Plastik im Meer, die die Fische sterben lassen?
Ein Kollege ist aus Kenia zurückgekehrt und hat von einem wunderbaren Wasserprojekt erzählt. Die Frauen und Mädchen mussten in diesem Dorf bisher jeden Tag sieben Kilometer zum nächsten Brunnen laufen und dann wieder sieben Kilometer mit den schweren Kanistern zurück. Durch den Klimawandel drohen die Wege noch weiter zu werden. Die Männer arbeiten auf dem Feld; die Frau holen Wasser. Deshalb ging kein Mädchen in die Schule. Jetzt sind mit Hilfe von Brot für die Welt Brunnen entstanden. Die Mädchen gehen in die Schule und erzählen strahlend, was sie schon alles können. Brot für die Welt –Würde für den Menschen. Jeder und jede einzelne ist Gott wichtig. Und auf einmal bekommen die großen Verheißungen Gottes ein konkretes Gesicht und Namen: Ja, so soll es werden. Denn es werden Wasser in der Wüste hervorbrechen und Ströme im dürren Lande. Und wo es zuvor trocken gewesen ist, sollen Teiche stehen, und wo es dürre gewesen ist, sollen Brunnquellen sein.
V
Wir feiern den zweiten Advent. Wir halten gemeinsam inne in diesem Zelt und lassen uns stärken: Gott kommt. Gott macht unsere Welt neu. Darauf vertrauen wir. Daran wollen mitwirken , in unseren Familien, in unseren Berufen, in unserem Engagement hier vor Ort und weltweit; mit Menschen, die bei uns Zuflucht suchen; im Engagement für die Bewahrung der Schöpfung und für eine Zukunft, in der Konflikte ohne Gewalt, zivil gelöst werden.
Christus kommt und macht uns zu seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Wir merken, wie er uns stärkt, so dass wir unsere Begrenzungen und Einschränkungen überwinden und mutiger werden. Kann ich vor anderen reden? Von meinen Hoffnungen erzählen und zupacken, wo Hilfe gebraucht wird. Ja, Gott stärkt unsere Hände und macht unsere Knie, so dass wir uns aufrichten. So, dass wir uns trauen, anderen ihre müden Hände zu stärken und ihren wankenden Knie fest zu machen! Und den verzagten Herzen zu sagen: »Seid getrost, fürchtet euch nicht!“
Es ist Advent. Gott kommt. Also „Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht!“
