1 Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. 2 Dasselbe war im Anfang bei Gott. 3 Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist. 4 In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.
5 Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat's nicht ergriffen. 9 Er war das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen. 10 Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn gemacht; aber die Welt erkannte ihn nicht. 11 Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf.
12 Die ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, denen, die an seinen Namen glauben, 13 die nicht aus dem Blut noch aus dem Willen des Fleisches noch aus dem Willen eines Mannes, sondern von Gott geboren sind.
14 Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.
Liebe Festgemeinde,
„das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“
An Weihnachten stellt Gott sich uns vor. Hier in Bethlehem, im Stall, in einer Futterkrippe erfahren wir alles, was wir über Gott wissen müssen. In Jesus erkennen wir unseren Gott: Jesus ist auf Beziehung angewiesen. Er braucht Maria, die für ihn sorgt und ihm auf manchen Bildern aus der Bibel vorliest; er braucht Joseph, der ihm Brei kocht. Er freut sich an den Hirten und ihren blökenden Schafen; er lacht über die großen Geschenke der drei Weisen aus dem Morgenland. Und alle, die zu ihm kommen, gehen verändert von ihm fort. Mit neuem Mut, mit neuem Gottvertrauen und neuem Selbstvertrauen. So wie dieser Jesus ist unser Gott: nah an Mensch und Tier und eng verbunden mit allem, was lebt, mit allem, was am Anfang durch das göttliche Wort geschaffen wurde: Tag und Nacht, Erde und Wasser, Pflanzen und Tiere, wir Menschen.
So wie dieser Jesus ist unser Gott: immer im Gespräch! Ein geselliger Gott, ein Gott mit uns, ein Gott für uns, auch in Zweifeln und in der Dunkelheit! „Immanuel, o süßes Wort! Mein Jesus heißt mein Hort, mein Jesus heißt mein Leben.“ (Weihnachtsoratorium, 38)
I
„Am Anfang war das Wort.“ Johannes beginnt seine Jesusgeschichte nicht im Stall oder an der Krippe. Für ihn ist Bethlehem überall da, wo Gott durch Jesus mit uns und allen anderen Kreaturen redet und hört.
Alles beginnt mit dem Wort, auch wenn es ganz leise, nur gedacht oder geseufzt ist. Leben vor und mit Gott heißt Leben mit Worten, sich in Beziehungen hineindenken und -reden, auf den Klang und den Inhalt hören, der Atmosphäre nachspüren, die mit Gottes und unseren Worten verbunden ist. Unser Gott redet freundlich zu und mit uns – und dadurch wachsen und gedeihen unsere Beziehungen zu Gott und miteinander: „Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!“ Unser Gott argumentiert und gibt Orientierung: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, damit es dir wohlergehe auf Erden.“ Unser Gott spricht – und es geschieht. „Es werde Licht – und es ward Licht!“ Tätelworte hat Luther das genannt, Sprechakte, die die Welt und uns verändern, die wirklich etwas bewirken.
An Weihnachten erleben wir, was das Volk Israel in seinem Bund mit Gott schon lange wusste und woraus es lebt. Gott sucht das Miteinander mit uns und allem, was lebt. Gott wartet auf unsere Antwort, Gott hofft auf unsere Resonanz. Gott ist unglücklich, wenn die Menschen gleichgültig oder untreu sind. Gott ringt um jeden Teil dieser Erde, um jeden und jede von uns.
Seit Jesus gehören auch wir hinein in diese „Wort-Welt“! Gott und Mensch und Mitmensch – das ist das Miteinander, um das es an Weihnachten geht. Seit Weihnachten sind wir gewiss: Wir sind Gott nicht einerlei. Jesus spricht uns an und hört uns zu. Jesus will unsere Antwort, auch wenn sie anders ist, als er sie erwartet hat, so wie bei der Samariterin am Brunnen, die mit ihm streitet, um Gottes Liebe. Jesus sucht unsere Resonanz und leidet unter unserer Gleichgültigkeit gegenüber Gott und unseren Mitmenschen.
II
In diesem lebendigen, gesprächigen Miteinander zwischen Gott, Mensch und Mitmensch gedeiht das Leben, das wie ein Licht in die Finsternis scheint. Aber die Finsternis ist dunkel und stark; sie will sich nicht vertreiben lassen. Das weiß auch Johannes. Aber er erzählt nicht von der Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten oder den ersten Auseinandersetzungen, in die Jesus schon bald gerät; Johannes beschreibt, wie unser Gespräch und unsere Kommunikation misslingt. Die Welt erkennt Jesus nicht; die Menschen nehmen diesen geselligen, vertrauenserweckenden, liebenden Gott nicht an. Die Geschichten von Jesus erreichen ihre Ohren, vielleicht auch ihren Verstand, aber nicht ihr Herz. Fast scheint es so, als sei das Missverstehen normal und die Regel.
Wie in einem Vorwort zu allen Geschichten, die danach folgen, zeigt Johannes hier die Spannung auf, in die Jesus gerät. Gott wird Mensch und überwindet von sich aus, aus Liebe, die entscheidenden Grenzen: zwischen Himmel und Erde, Endlichem und Unendlichem, Allmacht und Ohnmacht, zwischen Tod und Leben. „Aber die Seinen nahmen ihn nicht an!“ Weil wir, weil die Seinen immer wieder auf Grenzziehungen setzen, die uns Sicherheit versprechen; wir suchen unsere Identität durch Abgrenzung zu gewinnen.
Dabei erfahren wir an Weihnachten, dass Gott und Mensch, Himmel und Erde nicht mehr voneinander zu trennen sind. Dass Gott uns barmherzig und liebevoll einen Lebensraum eröffnet, in dem wir vertrauensvoll, getrost und mutig miteinander im Geist Christi leben. In diesen Raum des fröhlichen Wechsels zwischen Gott und Mensch führt uns Johannes, in diesen Raum ziehen uns die Krippenspiele und Weihnachtslieder hinein: „Er wird ein Knecht und ich ein Herr, das mag ein Wechsel sein; wie könnt es doch sein freundlicher, das herze Jesulein, das herze Jesulein.“
III
„Die ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Kinder Gottes zu werden.“ Johannes weiß um die Spannung zwischen Finsternis und Licht, zwischen unserer Not und der himmlischen Freude. Aber er sieht auch, dass sich in diesen Spannungen etwas bewegt. Wo der Name von Jesus Christus laut wird, weicht die Furcht: „Flößt dein Namen auch den allerkleinsten Samen jenes strengen Schreckens ein? Nein!“ – und im Echo noch einmal klar und deutlich: „Nein!!“ „Nein, dein süßes Wort ist da! Ja, du Heiland sprichst selbst ja!“ Und wieder bekräftigend im Echo: „Ja!!“
An Weihnachten feiern wir Gottes Ja zu uns in diesem Kind in der Krippe. Jesus und seine Geschichten stecken voller Dynamik. Seine Lebensworte breiten sich aus: „Fürchte dich nicht!“ „Ich liebe dich!“ „Du gehörst zu mir!“ Seine Lebensworte entfalten ihre Kraft in den Dunkelheiten, die wir erleben und erleiden: Die Ehefrau stirbt viel zu früh. Der Großvater wird so vergesslich und verachtet sich selbst. Die Politik setzt wieder auf mehr Waffen und militärische Sicherheit. Das kann nicht gut gehen; aber was sollen wir tun?
„Die ihn aber aufnahmen, denn gab er Macht, Kinder Gottes zu werden.“ Die Weihnachtsbotschaft macht Mut und gibt Kraft, da zu sein für die, die es schwer haben. Für die Schwachen einzutreten. Frieden zu stiften und zu versöhnen, wo andere auf Gewalt und Macht setzen, auch wenn das politisch gerade nicht gewünscht wird.
Christus sagt ja zu uns, stärkt uns, richtet uns auf und geht mit uns. Wir vertrauen uns dem Kind in der Krippe an und gehen unsere kleinen Schritte: die Kranken besuchen; die Fremden freundlich aufnehmen; für Versöhnung eintreten; auch die fernen Nächsten lieben. Mich selbst dem anvertrauen, der den Tod überwunden hat: „Dein Name (Jesus) steht in mir geschrieben, der hat des Todes Furcht vertrieben.“
IV
„Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“
Der Glanz Gottes breitet sich aus der Armut des Stalles unter uns aus. Gott spricht uns durch Jesus liebevoll an, spricht in unser Leben hinein: Worte, die nicht leer zurückkommen; Worte, die uns Kraft und Mut geben, die uns aufrichten und verändern. „Ich will nur dir zu Ehren leben, mein Heiland, gib mir Kraft und Mut.“
An Weihnachten wird es Licht auf der Erde: in unseren Dunkelheiten, in meiner Finsternis. Gott kommt uns nahe. Mit Worten, mit Hand und Fuß. In unseren Herzen breitet sich Freude aus: „Jesus, meine Freud und Wonne, meine Hoffnung, Schatz und Teil, mein Erlösung, Schmuck und Heil.“
