Liebe Hausgemeinde,
das neue Jahr liegt offen vor uns. Wird es gute Tage bringen? In unserem persönlichen Leben, hier im Haus, in unserer Kirche, in unserem Land, in der Weltpolitik?
Eine neue Losung begleitet uns durch das Jahr. Wir kommen von der großen Zusage Gottes her: „Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst“ und hören nun einen drängenden, persönlichen Aufruf an jede und jeden von uns in friedloser Zeit: „Suche Frieden und jage ihm nach!“
I
Die Losung stammt aus Psalm 34. Wir haben ihn gerade gemeinsam gebetet. Er singt ein großes Loblied auf Gottes Gerechtigkeit. Er zieht uns hinein in eine Wirklichkeit, in der sich die Elenden freuen. Diejenigen, die in ihren Ängsten zu versinken drohen, erleben, wie sie aus ihrer Furcht gerettet werden. Wir können auf Gottes Güte und Beistand vertrauen.
Jede Zeile des Liedes beginnt im Hebräischen mit einem anderen Buchstaben des Alphabets. Wenn wir diesen Vertrauenspsalm nachdichten wollten, müsste der erste Vers also mit einem A beginnen: „Allezeit will ich Gott loben“. Der zweite: „Bis es die Elenden hören und sich freuen“. Und im letzten Z-Vers könnte es heißen: Zuflucht findet, wer auf Gott traut.
II
Diejenigen, die die Psalmen für unser Gesangbuch ausgewählt haben, haben Psalm 34 in zwei Teile auseinander geschnitten, wahrscheinlich damit er nicht zu lang für den Gottesdienst wird. Dabei sind einige Verse zwischen die Stühle gefallen. Sie fehlen; auch unsere Losung gehört dazu: „Kommt her, ihr Kinder, hört mir zu! Ich will euch die Furcht des Herrn lehren. Wer ist es, der Leben begehrt und gerne gute Tage hätte? Behüte deine Zunge vor Bösem und deine Lippen, dass sie nicht Trug reden. Lass ab vom Bösen und tue Gutes; suche Frieden und jage ihm nach!“
Wir begehren zu leben und hätten gerne gute Tage! Gerade am Anfang des Jahres, wenn wir uns neu orientieren. Nun sind gerade die Verse herausgeschnitten, die uns auffordern, in der Furcht Gottes zu leben. Behüte deine Zunge vor Bösem und deine Lippen, dass sie nicht Trug reden. Lass ab vom Bösen und tue Gutes; suche Frieden und jage ihm nach! Wer ein glückliches Leben sucht, muss darauf achten, was sein Reden für andere bedeutet. Wer ein glückliches Leben führen will, muss sich vom Bösen fernhalten, Gutes tun und eben: den Frieden suchen und ihm nachjagen. So leben wir in der Furcht Gottes, so werden wir Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Gottes, damit sich der Friede auf der Erde ausbreitet.
Das ist schwierig in diesen Zeiten. Viele sehen militärische Gewalt wieder selbstverständlich als legitimes Mittel der Politik, obwohl sie nach allem, was wir sehen, Zerstörung und Leid bringt, aber keine politischen Lösungen. Die Rüstungsausgaben steigen. Die Zahl der zivilen Opfer wächst. Krieg scheint sich wie von selbst auszubreiten; den Frieden müssen wir dagegen suchen, ihm aktiv, konzentriert und gemeinsam, gut koordiniert nachjagen. Damit sich der Friedensgeist Christi in unserer Welt ausbreitet, müssen wir uns für das Alphabet des Friedens engagieren: von A wie „Armut überwinden“ über B wie „Begegnungen zwischen Feinden ermöglichen“ und R wie „Rüstungskontrolle“ bis hin zu Z wie „zivile Konfliktlösungen einüben“.
III
Mir ist es wichtig, dass diese wenigen Verse und unsere Jahreslosung, die uns so deutlich zum Handeln drängt, in der Mitte dieses Psalms stehen.
1. Dieser Psalm wird David zugeschrieben, dem König, der viel für sein Volk getan hat. Aber er hat auch Vieles in seinem Leben falsch gemacht hat. Sie erinnern sich an die Geschichte mit Batseba, der Frau seines Hauptmanns, die er verführt hat, um dann ihren Mann in den Tod an der Kriegsfront zu schicken.
Für mich ist er ein Beispiel dafür, dass Frieden bei uns selbst anfängt, dass Alltag und große Politik, meine Gefühle und mein Engagement eng zusammen gehören. Den Frieden suchen kann nur, wer weiß, wie leicht wir selbst auf falsche Wege geraten. Wie schnell wir auf der Suche nach Frieden die anderen aus den Augen verlieren, weil wir uns durchsetzen wollen; weil wir auf unserem Recht beharren; weil wir zögern, wenn der erste Schritt gefragt ist.
Gott stellt David zur Rede und ruft ihn zur Umkehr; barmherzig und gnädig ist unser Gott. Und David hört und richtet sich demütig neu auf Gott aus und sucht den Frieden.
Der Ruf der Jahreslosung macht uns nicht zu fanatischen Jägern, die genau wissen, wo es zu Hause oder in der Politik zum Frieden geht. Eher erleben wir, dass wir an unsere Grenzen stoßen, in die Irre gehen oder mutlos sind. Aber Christus bleibt bei uns. Wir können umkehren wie David.
IV
2. Das andere, weswegen ich froh bin, dass unsere Losung Teil des 34. Psalms ist: Der Psalm macht mit seinen beiden langen Lobgesängen vor und nach diesen Versen deutlich: Das Lob des Gottvertrauens hüllt alles ein, was wir tun, wie ein dicker Schal. Wenn wir das Gefühl haben: „Der Friede steht auf der Kippe“, ruft uns der Psalm zu: „Du hast mir das Leben gerettet, Gott!“ „Du hast mich aus meinen Ängsten gerissen!“ Gegen die Verzweiflung stärkt er die Hoffnung und ermutigt uns, ‚trotzdem‘ Frieden zu stiften.
Noch bevor wir handeln und das Alphabets des Friedens zu buchstabieren beginnen, handelt Gott für uns. Gott stößt die Mächtigen vom Thron und nimmt den Gewalttätigen die Waffen aus der Hand. Christus geht mit uns zu unseren Feinden. Als Gekreuzigter sagt er uns in unseren Niederlagen zu: Ich lebe und ihr sollt auch leben! Gottes Geist stärkt die Kräfte der Umkehr und der Versöhnung und zieht uns, die wir ängstlich sind und zweifeln, hinüber in die neue Wirklichkeit des Friedens.
Ein neues Jahr liegt vor uns. Ein Jahr unter dem Segen Gottes, in dem wir das Alphabet des Friedens in unserem Leben durchbuchstabieren, und uns in allem, was wir tun und lassen, geborgen wissen im Alphabet des Gottvertrauens!
Kanon zur Jahreslosung oder WWDL 187: Peace-Child
Lasst uns beten:
Ein neues Jahr beginnt. Wir danken dir, Gott, für deine Treue im vergangenen Jahr und bitten dich um deinen Segen für das Neue.
Ein neues Jahr beginnt. Wir werden Abschied nehmen müssen und neuen Menschen begegnen. Manche werden uns nahe kommen, andere werden wir nicht verstehen. Wir vertrauen sie dir an, Freunde wie Feinde. Lege deinen Segen auf unser Miteinander und lass uns Frieden finden.
Ein neues Jahr beginnt. Wir werden glücklich sein und das Leben genießen, aber auch neue Katastrophen, Gewalt und Kriege erleben. Deine Schöpfung stöhnt. Deine Kinder fliehen. Lass uns mit allen Menschen guten Willens kämpfen für Klimagerechtigkeit und einen gerechten Frieden, für ein Leben in Freiheit und Menschenwürde für alle. Wir vertrauen dir diesen Planeten an. Hülle ihn ein in deinen Segen und lass uns und alle Lebewesen auf ihm Frieden finden.
Ein neues Jahr beginnt. Wir werden als Kirche dein großes Ja in unsere Welt tragen und trotzdem Menschen verlieren. Deine Kirche ringt um ihren Weg. Mach uns stark, dass wir das Leben, das du uns schenkst feiern und unsere Freude und unser Vertrauen in die Welt ausstrahlen; dass wir in deinem Geist unsere Aufgaben erfüllen. Wir bitten dich heute besonders für … Wir vertrauen Dir unsere Kirchen an. Stärke sie durch deinen Segen und richte ihre Füße auf den Weg des Friedens.
Ein neues Jahr beginnt. Jedem und jeder einzelnen von uns rufst du zu: „Suche Frieden und jage ihm nach!“ Dir vertrauen wir uns an. Lege deinen Segen auf uns und alle, die uns am Herzen liegen und dir wir in der Stille vor dich bringen.
