Liebe Gemeinde!
Vielen Dank für die Einladung zu diesem Gottesdienst, an dem wir feiern, dass wir einen Schritt weitergehen, auf dem Weg, um den Jesus betet: „dass alle eins seien; damit die Welt glaube!“ Ich gratuliere Ihnen herzlich zu diesem Schritt. Er ist mutig und lebt aus dem Vertrauen, dass Christus mit uns geht auf unseren Wegen: dann, wenn alles seinen gewohnten Gang geht, aber auch dann, wenn die See stürmisch ist und die Wellen hoch schlagen. Oder um es mit der biblischen Geschichte zu sagen, die uns heute als Predigttext vorgegeben ist: Wir sind mit Jesus als Christinnen und Christen gemeinsam in einem Boot unterwegs und können uns bei allem, was auf uns zukommt, auf seine Zusage verlassen: „Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du gehörst zu mir!“
Ich lese aus dem Markusevangelium im 4. Kapitel die Verse 35-41.
Die Stillung des Sturmes
35 Und am Abend desselben Tages sprach er zu ihnen: Lasst uns ans andre Ufer fahren. 36 Und sie ließen das Volk gehen und nahmen ihn mit, wie er im Boot war, und es waren noch andere Boote bei ihm.
37 Und es erhob sich ein großer Windwirbel, und die Wellen schlugen in das Boot, sodass das Boot schon voll wurde. 38 Und er war hinten im Boot und schlief auf einem Kissen.
Und sie weckten ihn auf und sprachen zu ihm: Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen? 39 Und er stand auf und bedrohte den Wind und sprach zu dem Meer: Schweig! Verstumme!
Und der Wind legte sich und es ward eine große Stille. 40 Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?
41 Und sie fürchteten sich sehr und sprachen untereinander: Wer ist der, dass ihm Wind und Meer gehorsam sind!
Als Kirche aus Gottes Zusage „Fürchte dich nicht!“ leben
Festgottesdienst anlässlich der Fusion der Ev. Kirchengemeinde Mußbach – Keppenbach – Reichenbach in der Evang. Kirche Keppenbach Freiamt 10.02.2019
I
„Fürchte dich nicht!“ Für mich fassen diese drei Worte die christliche Botschaft kurz und bündig zusammen. Schon bei der Geburt von Jesus rufen die Engel diese gute Nachricht den Hirten zu. Von da ab breitet Jesus diese Botschaft überall aus, wo er hinkommt: wenn er Einsame und Ausgeschlossene zu sich an den Tisch lädt; wenn er Kranke gesund macht; wenn er Ängstlichen Mut macht, ihren Lebensauftrag anzunehmen; wenn er seine Freundinnen und Freunde ermutigt, ihren Glauben in die Welt zu tragen.
In allem, was Jesus damals tut, in allem, was der Geist Jesu bis heute in dieser Welt unter uns bewegt, immer klingt diese Zusage mit, wie der Grundton einer Glocke: „Fürchte dich nicht! Du gehörst zu mir!“ Deshalb hören wir diese Worte auch bei jeder Taufe; sie sind das Leitwort für christliches Leben, wie unterschiedlich es auch immer verlaufen mag.
II
Wenn der Glaube hilfreich sein soll, muss er sich in unseren Lebensgeschichten und in unserem Alltag bewähren, nicht nur bei schönem Wetter, sondern gerade auch in stürmischen Zeiten.
Das Boot mit Jesus und den Jüngern legt bei schönem Wetter ab. Jesus hat viel geredet. Er hat Menschen ermu-tigt, gesund gemacht und gestärkt. Erschöpft legt er sich nun schlafen. Seine Freundinnen und Freunde sitzen im Boot und reden über all das, was sie gerade mit Jesus erlebt haben. Aufregende Zeiten!
Dann zieht ein Sturm auf. Auf dem See Genezareth kann das Wetter schnell wechseln, so wie am Bodensee. Wo eben noch alles klar schien und das Wasser ruhig, da herrscht nun der Schrecken. Ein Sturmwind peitscht die Wellen immer höher. Das Boot schwankt hilflos im Wasser. Kein Land mehr in Sicht; keine Orientierung mehr. Schon schwappt Wasser ins Boot.
Die Bibel ist realistisch: Das Leben kann sich schnell ändern! In den biblischen Geschichten ist Jesus immer mit-ten drin, wenn sich etwas ändert. Ein Vater trauert um seine kranke Tochter – und Jesus tröstet ihm, hilft ihm. In vielen Geschichten will Jesus, dass sich etwas ändert, damit es gerechter zugeht und die Menschen erleben, wie freundlich und gütig Gott ist. Jesus gehört nicht zu denen, die, wenn eine Veränderung ansteht, sagen: Aber das muss so sein, das war doch schon immer so.
Er geht zu den Kranken, die außen vor gehalten wurden; auch wenn andere sagen: „Das macht man doch nicht.“ Er lädt die Außenseiter an seinen Tisch und isst mit ihnen; da schütteln sogar seine Freundinnen und Freunde den Kopf. Er sagt: „Das Gebot, am Sabbat nicht zu arbeiten, ist für die Menschen gemacht worden, nicht damit die Armen noch einen Tag länger Hunger haben.“ Das stört die Obrigkeit.
Wird sich der Glaube im Sturm bewähren? Oder ist er nur etwas für schönes Wetter und ruhige See? Und wo ist Gott, wenn es richtig stürmt? Jesus liegt einfach da und schläft. Seelenruhig! Als würde ihn das alles nichts an-gehen und nichts ausmachen. „Das kann doch nicht wahr sein.“
III
Wenn wir in Schwierigkeiten geraten, konzentrieren wir uns auf uns selbst. „Ich zuerst“, wird dann zur Devise. Das erleben wir zurzeit in der Politik, zwischen den Staaten, aber auch in unserem Land. Das begegnet mir aber auch in unserer Kirche. Auch da ist oft die Frage: Wie kommt unsere Landeskirche, wie meine Gemeinde gut durch die Krise? Und erst dann schauen wir nach den anderen.
Wir kennen das auch von uns selbst, wenn Angst haben: Dann wird die Welt schnell enger; ich schaue auf mich und sorge für mich. Alles andere tritt in den Hintergrund. Angst und Not werfen uns auf uns selbst zurück. Dass noch andere Boote mit auf den See gefahren sind, ist nicht mehr im Blick.
Hier auf dem Boot ist das anders, eher so, wie sie das hier mit ihrer Fusion versuchen. Wir sind gemeinsam in einem Boot, gemeinsam mit Jesus. Die Freundinnen und Freunde Jesu teilen ihre Angst. Sie ringen gemeinsam um Gottes Beistand. Gemeinsam rütteln sie Jesus wach: Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkom-men? Ist dir das alles egal? Dass wir hier elendig im Sturm untergehen und ertrinken?
So wie zum Glauben die Zweifel gehören, so gehört es auch zum Glauben dazu, um Gottes Aufmerksamkeit zu ringen. Genau das tun die Freundinnen und Freunde Jesu, die mit ihm auf dem Schiff sind. Sie bitten und drängen Jesus: „Tu etwas, lass uns nicht im Stich. Du hast uns doch versprochen, bei uns zu sein und mit uns zu gehen. Du hast doch zu uns gesagt: „Fürchtet euch nicht!“ Gerade haben wir am Ufer noch erlebt, wie du mit deiner Kraft Menschen neuen Mut gemacht hast. Wie sich Freude ausgebreitet hat. Wie neue Gemeinschaft entstanden ist. Und nun soll alles vorbei sein? Jesus, tu etwas!“
IV
Genau dazu ist Kirche da. Miteinander und füreinander nach Wegen durch den Sturm zu suchen. Einander in der Angst beizustehen und füreinander zu beten. Miteinander Jesus zu drängen, dass Gott unsere Not nicht übersieht und vergisst, sondern uns neue Wege öffnet und bahnt. Wir brauchen einander, um Gott gemeinsam in den Ohren zu liegen, um gemeinsam zu spüren, wie Gott uns trägt, um gemeinsam neue Wege zu entdecken.
Es ist schön, wie eng sie mit ihren Geschwistern in Kenia verbunden sind. Von unseren Partnerkirchen habe ich in den letzten Jahren viel gelernt, wie wichtig es ist, gemeinsam Gott um Hilfe zu bitten. Es stärkt unsere ortho-doxen Geschwister in Syrien sehr, dass wir regelmäßig für sie beten. Dass wir Gott darum bitten, ihnen beizu-stehen, wenn sie jetzt, wo der Krieg etwas abflaut, versuchen Menschen aus den Schrecken herauszuhelfen: Frauen, die ihren Mann, ihre Kinder verloren haben, denen Gewalt angetan wurde; für diese traumatisierten Menschen Häuser zu eröffnen, in die sie mit ihren Schrecken und ihrer Verzweiflung kommen können, und wo sie erfahren: Gott bleibt dir treu und sucht mit dir einen neuen Weg in das Leben. „Betet für uns, für diese Frau-en!“
Wir sitzen als Christinnen und Christen gemeinsam mit Christus in einem Boot, hier in Freiamt, aber eben auch weltweit. Deswegen ist das Schiff mit dem Kreuz als Mast das Zeichen der Ökumene.
V
Wir sind gemeinsam in einem Boot; wir gehören zusammen. Als Gemeinden. Als diakonische Einrichtungen. Als Kirchen. Vor allem aber: Jesus Christus ist mit uns in diesem Boot. Das ist entscheidend für uns. Und der lässt sich von unserem Bitte drängen und wecken! Und Jesus stand auf und bedrohte den Wind und sprach zu dem Meer: Schweig! Verstumme! Und der Wind legte sich und es ward eine große Stille.
Mit Vollmacht führt Jesus die Menschen aus ihrer Not. Er stillt das Ungewitter. Die Wellen legen sich. Gottes Geist breitet sich über den See aus; da verlieren die Mächte des Todes ihre Kraft. Ein Wunder! Die Menschen werden gerettet – sie verlieren ihre Angst und werden in ihrem Glauben gestärkt. Gottes Macht ist stärker als der Sturm. Gottes Geist überwindet Krankheit und Tod, macht uns heil, verbindet uns miteinander zu einer Gemeinschaft und eröffnet uns gemeinsam neue Perspektiven und Wege.
Die Angst ist überwunden; die Menschen bekommen neuen Mut. Sie erleben auf dem stürmischen Meer, dass sie sich auf Gottes Zusage verlassen können: „Fürchtet euch nicht!“ Der Glaube trägt nicht nur bei schönem Wetter, sondern auch durch die tiefen Täler und die schlimmen Stürme.
Ein weiter Horizont tut sich auf, in dem ein neues Miteinander möglich wird. Natürlich wird es Situationen ge-ben, wo manche sich fragen, ob es früher nicht besser und schöner war. Und manchmal wird sich der eine oder die andere fragen: Warum muss ich jetzt ausgerechnet mit dem oder der in einem Boot sitzen?
Aber genau das zeichnet Kirche aus. Wir sind ein Leib. Wir gehören zusammen, auch wenn manchmal der Kopf oder die Hand fragen, warum sie eigentlich den Blinddarm oder andere ungeliebte Körperteile brauchen. Gott vertraut mir gerade auch die an, die mir fern und fremd sind; wir gehören in einem Geist zusammen. So ver-wandelt und erneuert Christus uns und unsere Welt.
Bei so einem Miteinander in einem Boot geht es nicht darum, alles in einem Einheitsbrei gleich zu machen, son-dern wie bei Ihnen den besonderen Traditionen und Stärken der einzelnen Gemeinden Raum zu geben. Ich nenne nur die Afrika Gottesdienste hier in Keppenbach oder die Konzerte in Reichenbach. Vielleicht lassen sich bei Ihnen in Zukunft auch Projekte stemmen, die für eine Gemeinde allein zu groß wären. Im Zusammenspiel wird hoffentlich das Ganze stärker und strahlt in die Kommune aus, so dass sich möglichst viele Menschen der Kraft der Zusage Jesu anvertrauen: „Fürchtet euch nicht! Ich habe euch befreit. Ich habe euch bei eurem Namen gerufen. Ihr gehört zu mir!“
VI
Doch die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Jesus spricht seine Freundinnen und Freunde noch einmal auf ihren Glauben an: 40 Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben? Doch sie fürchteten sich sehr und sprachen untereinander: Wer ist der, dass ihm Wind und Meer gehorsam sind! Noch einmal stellt Jesus Glaube und Furcht streng gegeneinander. Das ist nicht so einfach für uns; immer wieder kommen wir in Situationen, in denen uns fürchten.
Vor allem aber stellt sich im Glauben eine neue Ehrfurcht ein. Eine Ehrfurcht vor dem Sohn Gottes, vor Jesus Christus, dem Wind und Wellen gehorsam sind, der am Ende seines Weges auch die Macht des Todes überwin-det. Eine Ehrfurcht, die manche Menschenfurcht klein und unwichtig erscheinen lässt und uns Mut macht, uns diesem Christus anzuvertrauen, der für uns da ist und uns durch alle Not trägt; der uns in eine neue Wirklichkeit führt und uns zuruft: „Fürchte dich nicht, ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du gehörst zu mir!“
