Gott befreit! Das feiern die jüdischen Gemeinden in aller Welt an Pessach. Am Sederabend fragt ein Kind: Was ist das Besondere dieses Abends und dieser Mahlzeit?
Wahrscheinlich hat auch Jesus in seiner Familie so gefragt. Als Antwort wurde ihm dann die Geschichte vom Auszug aus Ägypten erzählt: Wie Gott die Schreie des Volkes Israel hört und es aus der Unterdrückung befreit. Wie die Plagen Schrecken verbreiten. Wie das Volk sich in einem besonderen Mahl stärkt. Wie es mit Gott aufbricht und mitten durch das Meer in die Freiheit zieht!
Die Geschichte darf nicht verloren gehen. Sie muss jedes Jahr wieder erzählt werden, von einer Generation zur nächsten. Damit die Kraft der Befreiung lebendig bleibt: Wer gefangen ist oder beladen mit Schuld, sei frei. Wer hungrig ist, komme und esse. Wer in Not ist, trete ein und feiere mit. Das schwarze Tuch ist zerrissen! Der Durchgang durchs Meer ist frei!
I
Lesung: Exodus 6, 5-8
Ich habe die Wehklage der Israeliten gehört, die die Ägypter mit Frondienst beschweren, und habe an meinen Bund gedacht. Darum sage den Israeliten: Ich bin der HERR und will euch wegführen von den Lasten, die euch die Ägypter auflegen, und will euch erretten von ihrem Frondienst und will euch erlösen mit ausgerecktem Arm und durch große Gerichte; ich will euch annehmen zu meinem Volk und will euer Gott sein, dass ihr's erfahren sollt, dass ich der HERR bin, euer Gott, der euch wegführt von den Lasten, die euch die Ägypter auflegen. Und ich will euch in das Land bringen, über das ich meine Hand zum Schwur erhoben habe, dass ich's geben will Abraham, Isaak und Jakob; das will ich euch zu eigen geben. Ich bin der HERR.
Es ist keine Flucht aus Ägypten; es ist eine Befreiung!
Gott hört das Wehklagen. Das ist das eine.
Das andere ist, dass Gott eine Verpflichtung eingegangen ist: „Ich will euer Gott sein – und ihr sollt mein Volk sein.“ Unser Gott ist kein Gott, der teilnahmslos bleibt, sondern bindet und verpflichtet sich und lässt sich auf seine Verpflichtungen ansprechen. So wie die Menschen sich verpflichten, der Weisungen Gottes zu gedenken in ihrem Tun und Lassen auf dieser Erde, so, wie sie vor allem der Schwachen gedenken sollen, so sollen sie auch zu Gott rufen: „Gedenke, Gott, an deine Zusagen! Lass uns nicht allein im Unheil! Befreie uns!“
Gott führt das Volk heraus aus dem Sklavenhaus und hinein in das Land der Väter und Mütter. Was dabei stattfindet, ist keine „friedliche Revolution“. Der Pharao und die Herrschenden sind gefangen in ihrer Perspektive; sie können den Auszug der Israeliten nicht als Befreiung wahrnehmen. Gott hat ihr Herz verhärtet.
Erst die Schrecken der Plagen ermöglichen die Befreiung. Sie sind brutale Machtmittel, um ein Ziel zu erreichen. Sie prägen sich nicht nur den Ägyptern ein. Sie brennen sich auch in die Herzen derjenigen, die nach dem Durchzug durch das Schilfmeer ihr Siegeslied anstimmen, als die nachsetzenden ägyptischen Truppen mit ihren Wagen in den Fluten versinken. Auch die Befreiten sollen sie nicht vergessen, sondern an ihren Fingern aufzählen können:
- Das blutige Nilwasser
- Die Frösche
- Die Stechmücken
- Das Ungeziefer
- Die Viehseuche
- Die Geschwüre
- Der Hagel
- Die Heuschrecken
- Die Finsternis
- Die Tötung der Erstgeburt
Die Theologie der Befreiung führt nicht in einen Triumphalismus; sie gedenkt nicht nur der eigenen Leiden in Ägypten, sondern auch der Schrecken, die die Feinde erleiden mussten. So wie Mose die Gebeine Josefs mit sich nimmt, des Ahnvaters, der sie in das Land geführt hatte, weil es damals Hoffnung, Nahrung und Sicherheit bedeutete, so nimmt das Volk auch das Schreckliche mit, das sich unauflöslich mit der Befreiung verbunden hat.
Am Sederabend wird den Kindern nur mit großem Schaudern erzählt, dass Gott die Erstgeburt der Ägypter tötete. Symbolisch werden die Finger in einen Freudenbecher mit Wein getaucht und alle verschütten ein paar Tropfen. Die Freude bleibt eingeschränkt; sie ist getrübt, weil die Befreiung mit so viel Leid erkauft ist.
So entsteht eine Gedenkkultur, die einen weiten Horizont eröffnet. Sie hält die unterschiedlichen Perspektiven der Befreiten und der Unterdrückenden gleichzeitig präsent. Sie führt auf neue Wege in die Zukunft: Weil ihr Fremde gewesen seid, könnt ihr mit Fremden anders umgehen; weil ihr Sklaven gewesen seid, könnt ihr jetzt die wie Menschen behandeln, die von euch abhängig sind.
Wer diese Befreiungsgeschichte als Kind erzählt bekommt und erwachsen weitergibt, entdeckt im Kopf und im Herzen, dass seine Befreiung mit Schrecken und Gewalt erkauft wurde. Das ist lange her, sagen manche. Doch die Pessach-Haggada widerspricht: sie stellt die Frage im Präsenz und antwortet auch so, als wäre es unsere gegenwärtige Erfahrung.
So ist es auch beim Abendmahl. Wir verdanken unsere Freiheit Christus. Er hat die Gewalt auf sich genommen hat, damit wir uns nicht verhärten müssen, damit wir nicht länger der Gewalt ausgeliefert sind, damit wir nicht mehr auf die Gewalt vertrauen müssen, sondern frei werden für ein versöhntes Leben.
Lesung II: Exodus 4, 10 Mose aber sprach zu dem HERRN: Ach, mein Herr, ich bin von jeher nicht beredt gewesen, auch jetzt nicht, seitdem du mit deinem Knecht redest; denn ich hab eine schwere Sprache und eine schwere Zunge. 11 Der HERR sprach zu ihm: Wer hat dem Menschen den Mund geschaffen? Oder wer hat den Stummen oder Tauben oder Sehenden oder Blinden gemacht? Habe ich's nicht getan, der HERR? 12 Nun aber geh hin: Ich will mit deinem Munde sein und dich lehren, was du sagen sollst.
13 Mose aber sprach: Ach, mein Herr, sende, wen du senden willst. 14 Da wurde der HERR sehr zornig über Mose und sprach: Gibt es da nicht deinen Bruder Aaron, den Leviten? Ich weiß, dass er beredt ist. Und siehe, er wird dir entgegenkommen, und wenn er dich sieht, wird er sich von Herzen freuen. 15 Du sollst zu ihm reden und die Worte in seinen Mund legen. Und ich will mit deinem und seinem Munde sein und euch lehren, was ihr tun sollt.
Gott gellen die Schreie der Elenden im Ohr: die Hilferufe derjenigen, die in den Wellen des Mittelmeers um ihr Überleben kämpfen; die Schreie der Kinder, die sich in Idlib oder im Jemen vor den nächsten Bombenangriffen fürchten; die Wut derjenigen, die schon heute auf pazifischen Inseln wegen des Klimawandels umgesiedelt werden müssen; die Gebete unserer verfolgten Geschwister, in unseren Partnerkirchen in Syrien und Nigeria, an die wir heute am Sonntag Reminiscere besonders denken. Gott liebt die Elenden und sorgt sich um sie. Gott will sie befreien, aber nicht wie ein Puppenspieler oder ein deus ex machina. Gott hat sich an unsere Freiheit gebunden und braucht Mose, braucht uns als Flucht-Helfer.
Sie kennen seine Geschichte. Ein Kästchen schwimmt im Nil. Die Tochter des Pharao findet ihn. Seine Mutter wird seine Amme. Später wird er Hirte. Eines Tages brennt der Dornbusch: Gott stellt sich in einem Feuer vor, das brennt und sich doch nicht verzehrt.
Gott sagt: „Ich will dich senden.“ Aber Mose will kein Flucht-Helfer werden: „Sie werden mir nicht glauben und nicht auf mich hören!“ Geduldig erklärt Gott Mose seine Aufgabe. Übt mit ihm Sätze. Zeigt ihm seine Kraft: Stab wird Schlange, Schlange wird Stab. Hand wird aussätzig und wieder geheilt.
Mose bleibt störrisch. „Wer bin ich, dass ich mir das zutraue?“ Darauf antwortet Gott: „Ich will mit dir sein!“ Eine unerwartete Antwort. Eher hätte man erwartet: Du bist der Sohn von Herrn x und Frau y; du bist deinem Volk verpflichtet; du hast die Kompetenz.
Aber Gottes Antwort verlässt die Ordnung der Zugehörigkeit und stiftet eine neue Verbindung. Sie wahrt die Eigenständigkeit und das Geheimnis der Person Mose; sie macht ihn nicht zu einem Rädchen in Gottes großem Plan. Gott bahnt Mose einen Weg, sich der Zumutung zu stellen. Gibt es da nicht deinen Bruder Aaron? Das wäre doch gut, wenn ihr gemeinsam ….
Die Frage: „Wer bin ich, dass ich mir das zutraue?“ rückt in ein neues Licht. Gottes Aufforderung: „Geh hin!“ wandelt sich in die Verheißung einer vertikalen und einer horizontalen Kooperation. Die Kraft der Händelschen Chöre ist stärker als ein einzelnes religiöses Genie: „Du, Mose, du, Mensch, kannst mitwirken in der Befreiungsgeschichte; du kannst Menschen auf der Flucht helfen, weil Aaron dich stützt und ich mit euch gehe!“
III
Exodus 13, 20-22: So zogen sie aus von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste. Und der HERR zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten. Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.
Auf dem Weg durch die Wüste in das Land der Freiheit gab es viele Rückschläge. Die Israeliten murrten: War die Knechtschaft in Ägypten nicht vielleicht doch besser? Da gab es wenigstens Fleischtöpfe. Hier in der Wüste drohte der Hungertod!
Außerdem versuchten einige, sich auf Kosten anderer zu bereichern; die Solidarität der Leidenden zerbrach. Die Freiheit war nicht mehr von außen, sondern von den eigenen Leuten bedroht. All das lässt den Zweifel wachsen: Wird Gott uns zum Ziel führen? Oder brauchen wir etwas, das glänzt und das wir anfassen können: ein goldenes Kalb?
Die Passionszeit bietet die Gelegenheit, diese Wüstenerfahrungen aufzunehmen. Uns zu konzentrieren und neu auszurichten. Was nimmt uns derzeit gefangen? Was verhärtet uns? Was hindert uns, weiter zu gehen in Richtung Schilfmeer?
Das schwarze Tuch ist doch zerrissen, das Meer wird sich teilen! Gott wird uns sicher auf die andere Seite führen.
Aber wir vertrauen eher auf die Macht der Streitwagen als auf Gottes Wolken- und Feuersäule. 2013 verbrannten in Bangladesh in einer Textilfabrik 112 Arbeiterinnen; ein großes Erschrecken ging durch unser Land. Einige Firmen haben damals Besserung versprochen; ganz wenige haben dann etwas getan. Solange wir Blusen und T-Shirts, Hemden und Hosen so günstig wie möglich kaufen wollen, so lange wir nicht danach fragen, wie unsere Kleidung hergestellt wird, wird die Sklaverei weiter gehen. Und es sind nicht nur Billigläden, die ihr Kleidung aus Fabriken beziehen, in denen unter menschenunwürdigen Bedingungen produziert wird, auch teure Marken lassen so produzieren, um mehr Gewinn zu erwirtschaften.
Werde ich daran denken beim nächsten Einkauf? Werde ich Gottes Feuer- und Wolkensäule folgen, die mich befreit und in eine neue Welt führt, in der Menschen unter guten Arbeitsbedingungen von ihrem Lohn leben können? Der Entwicklungshilfeminister wollte ein Lieferkettengesetz machen. Das wäre ein Anfang. In Zeiten der Digitalisierung ist es einfach, den Weg einer Jeans vom Baumwollfeld bis auf den Ladentisch genau zu verfolgen.
Stattdessen wird jetzt sein Etat gekürzt und damit werden wohl auch die Möglichkeiten von Brot für die Welt, Misereor und anderen Hilfsorganisationen eingeschränkt. Das gesparte Geld soll in den Rüstungsetat, in die Streitwagen fließen, die im Schilfmeer untergegangen sind.
IV
Das schwarze Tuch ist zerrissen. Das Meer hat sich geteilt. Christus hat den Tod überwunden.
Gott befreit! Gott geht uns voraus: „am Tage in einer Wolkensäule, um uns den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um uns zu leuchten.“ Wohin wir unsere Füße setzen, Gott ist zuvor schon da gewesen!
