22 Gott hat mich schon bei sich gehabt im Anfang aller Wege. Ehe Gott etwas schuf, von Anbeginn her. 23 Ich bin eingesetzt von Ewigkeit her, im Anfang, ehe die Erde war. 24 Als die Tiefe noch nicht war, ward ich geboren, als die Quellen noch nicht waren, die von Wasser fließen. 25 Ehe denn die Berge eingesenkt waren, vor den Hügeln ward ich geboren, 26 als er die Erde noch nicht gemacht hatte noch die Fluren darauf noch die Schollen des Erdbodens. 27 Als Gott die Himmel ausspannte, war ich da. Als Gott den Erdkreis absteckte über der Tiefe, 28 als Gott die Wolken droben mächtig machte, als die Quellen der Tiefe kräftig sprudelten, 29 als Gott dem Meer seine Grenze setzte und den Wassern, dass sie nicht überschreiten seinen Befehl; als Gott die Grundfesten der Erde legte, 30 - da war ich beständig dabei! Gottes Freude war ich Tag für Tag und spielte vor Gott allezeit; 31 ich spielte auf dem Erdkreis und hatte meine Lust an den Menschenkindern.
32 So hört nun auf mich, meine Kinder! Wohl denen, die meine Wege einhalten! 33 Hört meine Unterweisung und werdet weise und schlagt sie nicht in den Wind! 34 Wohl dem Menschen, der meine Botschaft hört, dass er lausche an meiner Tür täglich, dass er hüte die Pfosten meiner Tore! 35 Wer mich findet, der findet das Leben und erlangt Freude vor Gott. 36 Wer aber mich verfehlt, zerstört sein Leben; alle, die mich hassen, lieben den Tod.
Der Anfang des Lebens ist die Freude, liebe Gemeinde! Ein Grundgefühl, dass Gott „Ja“ sagt: zu dieser Erde, zu den Menschenkindern – und zu mir. Noch bevor Gott die Welt schuf, war da bei Gott diese Lust am Leben und dieser Jubel: Jubilate, „Lobet den Herrn!“ Noch bevor Himmel und Erde unterschieden wurden, noch bevor die Berge sich hoben und die Täler sich senkten, noch ehe die Wasser aus den Quellen flossen, war sie da: diese Freude über Gottes Liebe zum Leben. Sie breitete sich aus im ganzen Planetensystem; sie riss alles mit sich und brachte es in Schwung; von Anfang an machte sie dem Leben Mut, aus diesem Grundvertrauen heraus zu leben, zu wachsen und zu gedeihen – im Jubel, in der Freude vor und mit Gott.
I
Um dieses Grundgefühl geht es heute am Sonntag „Jubilate“. Wie eine weise und sehr vergnügte Person erzählt die Freude von ihren Erfahrungen mit Gott und der Welt und macht uns ihr Lebensgefühl schmackhaft. Sie lockt uns, mit unserem Jubel einzustimmen in diese Urerfahrung, die allen Unterscheidungen vorausliegt und das Leben von Anfang an begleitete. Alles, was ist, ruht auf einem Grundton, der Gottes Liebe zum Leben zum Klingen bringt.
Als vor ein paar Wochen das erste Foto eines Schwarzen Loches durch die Presse ging, habe ich mit Menschen darüber gesprochen, was das für sie, für uns heißt. Wie verändern solche neuen Entdeckungen in den Weiten des Weltraums unseren Glauben? Wir wissen immer besser, wie das Weltall entstanden ist, wie sich der Mensch entwickelt hat. Wo ist da Gott? Was heißt da: Schöpfung?
Unser Bibeltext gibt darauf eine Antwort: Gott ist nicht der Erfinder, der Bio-Wissenschaftler, der Gentechniker, dem wir bei der Arbeit zuschauen: wie er Festes und Flüssiges voneinander trennt; wie er die einzelnen Planeten auf ihre Bahnen setzt; wie er die vielfältigen Formen des Lebens aus einander hervorgehen lässt. Gott ist die Lust, die sich am Leben freut. Gott ist die Kraft des Geistes, die eine Welt entstehen lässt, in der Pflanzen und Tiere und Menschen sich lebendig entwickeln, ihre Lebensräume ausfüllen und verändern. Gott ist der Geist der Liebe, die sich in diesem Sonnensystem ausbreitet, damit das Leben gelingt.
Vor aller Unterscheidung, vor allen Fragen nach Zufall und Notwendigkeit, vor aller Knappheit, vor allem Sorgen: Wie wird es weitergehen? ist die Welt eingehüllt in Gottes Liebe zum Leben. In ihr sind wir geborgen. Sie macht unser Herz leicht. So wie ein Kind nach einem Schrecken in den Armen von Mutter oder Vater wieder Vertrauen schöpft und ruhig wird, – und mutig, wieder spielen zu gehen, sich auszuprobieren und die Welt zu gestalten. Wie ein weiter Raum, der uns Freiheit schenkt zum Atmen, zum Leben inmitten von Leben, das Leben will.
II
In unserem Predigttext erzählt die Freude, wie sie erlebt, wie das Leben entsteht und sich entwickelt. Da wird Ordnung geschaffen. Da wird unterschieden und geplant. Da wird gerechnet und gearbeitet. Wie einen Bauplatz steckt Gott den Erdkreis ab über der Tiefe; wie beim Küstenschutz in Zeiten des Klimawandels setzt Gott dem Meer eine Grenze.
Aber zugleich hat die Freude, die sich in Gottes Schaffen ausbreitet etwas Spielerisches und Leichtes. Gottes Freude war ich Tag für Tag und spielte vor Gott allezeit; 31 ich spielte auf dem Erdkreis und hatte meine Lust an den Menschenkindern. Gott freut sich, über Spiel und Tanz und all das Unerwartete. Über Lebensräume der Freiheit, in denen Neues erprobt wird, über ungewohnte Perspektiven, die uns die Augen öffnen und den Kopf frei machen für Herausforderungen, die unser Planen und Rechnen übersteigen. Auf einmal zeigen sich ungeahnte Möglichkeiten: der Mensch kann fliegen; er kann mit anderen Menschen reden, sie sehen, auch wenn sie auf der anderen Seite der Erdkugel sind. Und das nicht nur, um etwas zu erreichen und weil es nützlich ist, sondern weil es gut ist, weil es Freude macht, weil es verbindet.
So ist die Welt der Freude, die aus Gottes „Ja“ lebt: sie verbindet Freiheit und Ordnung, Arbeit und Spiel, Notwendigkeit und Möglichkeit. In diesem Miteinander entstehen Schulen und Krankenhäuser und Tunnel für Stadtbahnen, Arzneimittel und Aufzüge mit Solarenergie. Da gibt es Bildung und Forschung, da entwickelt sich das Recht. Vor 70 Jahren entstand unsere Verfassung. Den Vätern und Müttern des Grundgesetzes ist Großartiges gelungen: die Menschenwürde ganz oben und ganz tief in allem zu verankern, was unser Land ausmacht. Den Rechtsstaat, die Verantwortung für die, die Unterstützung und Fürsorge brauchen. Nicht alles ist bis ins Kleinste geregelt, aber aus diesem Kern heraus lassen sich die jeweils aktuellen Herausforderungen, die Aufbrüche und Veränderungen klug und weise gestalten.
Nicht gegeneinander, sondern miteinander sind Ordnung und Spiel unterwegs, weil Gottes „Ja“ den Raum des Lebens öffnet. Immer wieder tun sich neue Möglichkeiten auf. Leistung und Erfolg sind nicht alles. Gottes „Ja“ gilt nicht nur den Besten; Gott hat auch an den schrägen Vögeln seine Freude. Die körperlich Verwundeten, die geistig oder psychisch Angeschlagenen – sie sind seine Freude; auch an ihnen und mit ihnen und durch sie wächst Gottes Lebenslust. „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“, sagt uns Gottes „Ja“. Lasst sie uns suchen und entdecken! Und erleben, dass uns Begegnungen mit Menschen, die anders, die fremd, die vermeintlich schwächer sind, etwas geben, was wir vielleicht noch gar nicht wissen. Dass sie uns frei machen vom Zwang zur Norm und von den Bildern, die wir und andere über uns haben, die uns klein machen oder unter Druck setzen. Die Lust am Leben hängt nicht daran, wie klug oder stark oder erfolgreich ich bin; sie lebt aus der Freude am Ja Gottes zu dieser Welt, zu uns, zu mir.
III
Die Freude, die Gottes Handeln von Anfang an begleitet, will sich unter uns ausbreiten. Aber sie stößt auch auf Widerstand und erlebt, wie gefährdet das Leben ist. Deshalb hat der letzte Absatz einen anderen Ton:
So hört nun auf mich, meine Kinder! Wohl denen, die meine Wege einhalten! 33 Hört meine Unterweisung; werdet weise und schlagt sie nicht in den Wind! 34 Wohl dem Menschen, der auf meine Weisungen hört und lausche an meiner Tür täglich; dass er hüte die Pfosten meiner Tore! 35 Wer mich findet, der findet das Leben und erlangt Freude vor Gott. 36 Wer aber mich verfehlt, zerstört sein Leben; alle, die mich hassen, lieben den Tod.
Die weise und vergnügte Freude mahnt uns. Was wird aus der Lebenslust, wenn wir mit ihrem Tun und Lassen das Leben gefährden? Wir überschreiten die planetarischen Grenzen mit unserem Verbrauch fossiler Brennstoffe, so dass der Meeresspiegel immer schneller steigt und das Leben und die Kultur von vielen Millionen Menschen gefährdet. Wir füllen die Meere mit Plastikmüll, der nicht zerfällt. Wir engen den Lebensraum von vielen Tier- und Pflanzenarten immer weiter ein. Ob die Freude, die bei und mit und vor Gott spielt und ihre Lust an den Menschenkindern hat, deshalb heute weint?
Vielleicht, wahrscheinlich! Aber ihre Hoffnung auf Gottes „Ja“ lässt sie nicht los. Sie lockt uns von der Sorge in das Vertrauen auf Gottes Zusage; weg vom Kampf um immer mehr zum Genug und in die Freude. Wer mich findet, der findet das Leben und erlangt Freude vor Gott.
Die Kraft zur Umkehr kommt nicht aus der Drohung oder aus einer griesgrämigen Unfreundlichkeit. Die Kraft wieder hineinzufinden in Gottes „Ja“ zum Leben, kommt aus der Teilhabe an der Freude Gottes. Aus dem Vertrauen darauf, dass Gott immer schon für diese Schöpfung, für uns, für mich gesorgt hat. Dass Gott uns nicht fallen lässt, trotz all dem, was wir nachhaltig falsch machen. Aus der Gewissheit: Es gibt ein Genug. Und es ist genug für alle da!
Wir feiern heute gemeinsam Abendmahl. Wir teilen, was wir zum Leben nötig haben: Brot und Wein und Gemeinschaft und vor allem Gottes „Ja“ zum Leben.
Brot steht für all das, was wir unbedingt zum Leben brauchen: Obdach, Kleidung, Nahrung. Da gibt es ein Genug; deshalb teilen wir Brot und keine Lachspasteten. Deshalb erzählt die Bibel, dass fünf Brote und zwei Fische für Tausende gereicht haben. „Wenn jeder gibt, was er hat, dann werden alle satt.“ Das ist nicht einfach. Schon in der Bibel streiten die Gemeinden darum, wie die Armen und die Reichen miteinander Abendmahl feiern können. Aber es ist möglich, weil Gottes Liebe uns die Augen füreinander öffnet und uns verbindet.
Wir feiern die Gemeinschaft. Wir geben uns ein Zeichen des Friedens. „Friede sei mit dir!“ Wir achten aufeinander. Kann ich etwas für dich tun? Wir trauen uns zu wenig, das zu fragen oder auch von uns aus zu sagen, was wir brauchen. Wer aus der Freude Gottes lebt, will sie weitergeben. Sie ist die Mitte des Abendmahls.
Wir feiern mit Wein, oder zumindest mit leckerem Traubensaft. Der Wein steht für all das, was uns erfreut wie Wein: das Grün des Frühlings, der blaue Himmel, das Lachen der Kinder, die Lebensgeschichten der Alten. Wenn uns die Freude ergreift, verändern wir uns und unseren Lebensstil - wie von selbst.
Wir feiern die Freude über Gottes Liebe zur Welt und finden im Abendmahl mit Christus die Kraft, uns den großen Herausforderungen von Klimawandel und Artensterben zu stellen. Denn: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ (2. Korinther 5, 17)
