Im Geist der Liebe einstimmen!

Predigt über Epheser 3, 14-21 im Festgottesdienst zum 100jährigen Jubiläum der Melanchthonkantorei Mannheim aam Sonntag Exaudi (02.06 2019)

14 Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater, 15 der der wahre Vater ist über alle Kinder im Himmel und auf Erden. 16 Er möge euch Kraft geben nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, damit ihr stark werdet durch seinen Geist am inwendigen Menschen. 17 Auf dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne und ihr in seiner Liebe eingewurzelt und gegründet seid.

18 So könnt ihr mit allen Heiligen begreifen, welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist, 19 und ihr erkennt die Liebe Christi, die alle Erkenntnis übertrifft, bis ihr erfüllt werdet mit der ganzen Gottesfülle.

20 Dem aber, der überschwänglich mehr mit der Kraft tun kann, die in uns wirkt, mehr als wir bitten oder verstehen, 21 dem sei Ehre in der Gemeinde und in Christus Jesus zu aller Zeit, von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

„Lob Gott getrost mit Singen!“ Wir feiern heute die Kraft, die in dem gesungenen Gotteslob steckt! Wer singt, betet doppelt, hat der Kirchenvater Augustin aus Nordafrika gesagt - und Martin Luther nimmt das auf, um die Kirche mit seiner Theologie und seinen Liedern zu erneuern.

100 Jahre singt die Melanchthon-Kantorei inzwischen zum Lobe Gottes. Ich gratuliere sehr herzlich und danke Ihnen sehr. 100 Jahre Singen, um den inwendigen Menschen und den Glauben in den Herzen zu stärken; 100 Jahre Singen, damit wir festen Grund finden in der Liebe Christi und auf diesem Grund ein neues Miteinander möglich wird. Wahrscheinlich war die existentielle und soziale Krise nach dem 1. Weltkrieg ein Auslöser zur Gründung des Chores. Seitdem singen und konzertieren Sie zum Lob der Liebe Christi und breiten sie aus in der Melanchthon-Gemeinde, in der evangelischen Gemeinde in der Neckarstadt, im Stadtteil, in Mannheim und darüber hinaus. Damit alle Menschen, alle Kinder Gottes im Himmel und auf Erden sich in dieser Liebe einwurzeln und aus ihr die Welt gestalten.

I

Das gemeinsame Singen hat eine besondere Kraft. Singen ergreift den ganzen Menschen, mit Geist, Leib und Seele. Der Rhythmus bewegt den Körper; die Texte prägen sich tief in unsere Sprache ein; der Klang, die Töne berühren die Seele. Singen ist etwas für das Herz, die in der Bibel als die Mitte des Menschen gilt.

Wer singt, erlebt etwas von der Gottesfülle, um die Paulus für seine Gemeinde betet. Der Raum zum Leben wei-tet sich. Wir spüren etwas von der Breite und der Länge, dem weiten zeitlich und räumlichen Horizont, in dem wir leben und den Sie auf Ihren Reisen ausgelotet haben, von der Höhe des Glücks und der Tiefe der Not, die Gottes Wirklichkeit umgreift.

Wir können sie nicht greifen oder festhalten, auch wenn wir die Melodie auf dem Nachhauseweg weiter sum-men. Im Gesang haben wir Anteil bekommen an dieser Gottesfülle, sie klingt nach und trägt uns im Alltag, aber sie ist und bleibt mehr, als wir wissen und verstehen.

Sie entfaltet ihre Kraft in ganz unterschiedlichen Situationen: Einmal, so wie heute, breitet sie die Fröhlichkeit aus: „Frohlock, du christlich Schar!“ Wer in ihre Festschrift schaut, merkt, wieviel Frohsinn ihr Chorleben begleitet, wieviel weihnachtliches „Jauchzet, frohlocket“ da das ganze Jahr mitschwingt. Aber Singen begleitet und tröstet und stärkt auch in schweren Stunden: „Kann und mag auch verlassen ein Mutter je ihr Kind – Gott schwört bei seinem Leben, er dich nicht lassen will.“

Beim Singen senkt sich Gottes Geist in uns ein und trägt uns, auch wenn vieles schon in weite Ferne gerückt ist. Ich erlebe das im Altersheim, wie sich Gesichter aufklären und hell werden, wenn brüchige Stimmen einstimmen: „Großer Gott, wir loben dich!“ Oder wenn Menschen so wie Paulus, als er diesen Brief schrieb, im Gefäng-nis sitzen: Es gibt viele Berichte aus dem Nationalsozialismus, aus Südafrika in Zeiten der Rassentrennung, von Kirchen, die heute verfolgt werden, wie das ist, wenn einer im Gefängnis anfängt zu singen, andere einstimmen und neue Hoffnung und Kraft wachsen.

II

Musik und Singen verbindet. So wie die Gottesfülle alle zusammen führen will.

Wir suchen gegenwärtig nach Wegen, wie wir den Zusammenhalt unserer Gesellschaft befördern können und zugleich die Freiheit und Individualität, das Geheimnis und die Würde jedes Einzelnen wahren können. Ein Chor, eine Kantorei macht lebendig, wie das gelingen kann und dass beides am Ende zusammen gehört. Nur wenn jede Stimme ihr Eigenes sucht und gleichzeitig genau hört und einstimmt, entsteht der Klang, der uns bezaubert und aufleben lässt.

Wie im politischen Leben ist das nicht leicht. Da gibt es Konflikte, Akzente, unterschiedliche Perspektiven; aber wenn es gelingt, spüren alle, dass sie selber, persönlich, individuell gefragt waren und ihr Bestes zeigen konnten – und gerade dadurch das Ganze ein Gesicht, einen unverwechselbaren Klang bekommen hat. Dazu gehören Proben, Ausdauer und Verlässlichkeit, aber auch Menschen, die Verantwortung übernehmen und das Ganze und die Teile im Blick haben; dazu gehören die Lust am Miteinander und die Bereitschaft und Freude, diese Chorgemeinschaft zu pflegen; vielen Dank allen, die sich engagieren und die über diese lange Zeit geholfen ha-ben, dass diese Kantorei zu einem wunderbaren Klangkörper wachsen konnte.

Dazu gehört bei einem Chor auch eine Leiterin wie Sie, liebe Frau Brasse-Nothdurft, die genau hinschaut, oder besser hinhört, die einzelnen Personen mit ihren Stimmen und die Stücke wahrnimmt, die die Gaben zusammenfügt, die ermutigt oder bremst, die spürt, wenn im Repertoire eine Erneuerung nötig ist, die an den Nachwuchs denkt und an die, die alt geworden sind, die das Ganze in Schwung bringt und hält. Das ist schon nah dran an dem, was Paulus für seine Gemeinde tut: die Gaben entdecken und fördern und sie zusammenführen, damit der eine Leib Christi zum Lob Gottes strahlt und klingt. Auch er hat immer von sich weg gewiesen auf, hin auf den, aus dem alles kommt und zu dessen Lob alle Musik erklingt. Dennoch: Ich danke Ihnen heute auch ganz persönlich, liebe Frau Brasse-Nothdurft, für alles, was Sie in inzwischen fast vier Jahrzehnten für die Kantorei und die Kirchengemeinde, die Neckarstadt und Mannheim getan haben.

III

Wer singt, betet doppelt. Paulus beugt seine Knie und betet für seine Gemeinde; dass sie die Gottesfülle erlebt, dass sie Kraft findet in der Liebe Christi und aus dieser Kraft ihr Leben gestaltet.

Die Fülle der Gottesliebe, in die uns die Musik und das Singen führen, will nicht bei sich selbst bleiben. Sie will weitergegeben werden und ausstrahlen. Sie führt uns in die Fürbitte, sie verführt uns dazu einstimmen, mitzu-singen, den Rhythmus in eigene Bewegung umzusetzen.

Die Reformation hat das aufgenommen. Martin Luthers Lieder waren damals Schlager, Popmusik. Sie stehen also in einer guten evangelischen Tradition, wenn Sie heute hier in der Kantorei so offen mit den unterschiedlichen Musikrichtungen umgehen. Luthers Lieder wurden in der Schmiede gesungen und in der Schule, in der Kirche und auf dem Markt. Und als in Göttingen die Stadträte sich in der Reformationszeit weigerten, die Priester abzusetzen und evangelische Predigten in deutscher Sprache zuzulassen, zogen die Menschen solange laut mit Spaß und mit Inbrunst singend vor die Kirchen, bis die Altgläubigen entnervt aufgaben.

Musik und Singen reißen mit, machen Mut, bringen unterschiedliche Menschen zusammen. Sie machen das vor, nicht nur mit ihren Auftritten in der Justizvollzugsanstalt. Sie gehen auch dorthin, wo andere lieber nicht hinwollen, sie bringen zusammen und immer bringen sie die Liebe Christi mit: schwungvoll, engagiert und auf einem wunderbaren musikalischen Niveau.

Möge Gottes Segen der Melanchthonkantorei auch weiterhin Kraft geben und Freude am gemeinsamen Singen. Dass die Liebe Christi in euren Herzen wohne und sich durch eure Musik ausbreite in diesem Stadtteil, in unserer Welt und in unseren Herzen – Soli Deo Gloria: zur Ehre Gottes.