Die Kraft des Anfangs

Predigt über Lukas 4, 14-21 im Ökumenischer Gottesdienst zur Einheit der Christen im Klinikum Mittelbaden Baden-Baden Balg am 06.06.2019

14 Und Jesus kam in der Kraft des Geistes wieder nach Galiläa und die Kunde von ihm erscholl durch alle umliegenden Orte. 15 Und er lehrte in ihren Synagogen und wurde von jedermann gepriesen.
16 Und er kam nach Nazareth, wo er aufgewachsen war, und ging nach seiner Gewohnheit am Sabbat in die Synagoge und stand auf und wollte lesen. 17 Da wurde ihm das Buch des Propheten Jesaja gereicht. Und als er das Buch auftat, fand er die Stelle, wo geschrieben steht:
18 »Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, zu verkündigen das Evangelium den Armen; er hat mich gesandt, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen, und den Zerschlagenen, dass sie frei und ledig sein sollen, 19 zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn.«
20 Und als er das Buch zutat, gab er’s dem Diener und setzte sich. Und aller Augen in der Synagoge sahen auf ihn. 21 Und er fing an, zu ihnen zu reden: Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren.

Liebe Gemeinde,
was ist gerecht? Wir jagen der Gerechtigkeit nach und leiden an all den Ungerechtigkeiten und Nöten, die uns umfangen. Doch dann öffnet sich der Himmel – und die Gerechtigkeit Gottes kommt uns entgegen. Wir leben auf und werden heil!

I

Was ist gerecht? Im Krankenhaus stellt sich diese Frage in besonderer Weise: Ein junger Mann, 31, frisch verheiratet – und dann eine schwere Krebsdiagnose, nur wenige Monate zu leben: Ist das gerecht? Oder diese Verzweiflung einer Ehefrau, die ihren Mann besucht hat: „Er hat mich ganz vergessen. Er beschimpft mich sogar. Ich war doch immer für ihn da?“ Was ist Gerechtigkeit, wenn ein Mensch dement wird, sich langsam aber sicher aus unseren Vorstellungen von richtig und falsch, von Geben und Nehmen, von Miteinander und Verlässlichkeit verabschiedet?

Jede der Einrichtungen im Verbund des Klinikums Mittelbaden kann von solchen Lebensgeschichten und den mit ihnen verbundenen Fragen nach der Gerechtigkeit erzählen: die Akutkliniken und das Demenzzentrum, die Pflegedienste, die Palliativangebote und das Hospiz. Ich sehe die Zettel, die in der Klagemauer in der neuen Klinikkapelle stecken, und stelle mir vor, wie Menschen mit ihnen ihre Not vor Gott bringen, wie sie klagen: „Mein Gott, wann wendest du dich wieder zu mir und tröstest du mich? Wann schaffst du mir Recht?“

Es ist gut, dass diese Kyrierufe, diese Bitten um Beistand und Hilfe hier einen Ort finden. Dass Menschen ihre Hoffnung auf Gerechtigkeit bei Gott abgeben können. Und es ist großartig, wie Sie, die Sie hier arbeiten, versuchen den Menschen, die Ihre Hilfe brauchen, medizinisch, sozial, psychologisch, geistlich gerecht zu werden: Sie, das ärztliche Personal, die Pflegenden, die Klinikseelsorgerinnen und –seelsorger, die Ehrenamtlichen im Betreuungsdienst, auch die technisch und kaufmännisch Verantwortlichen und wen ich jetzt – Entschuldigung! – noch alles vergessen habe, der oder die nötig ist in so einer Klinik.

Und es ist doch zugleich verständlich, wie auch Sie manchmal fragen: Ist das gerecht? Ihnen allen gilt heute unser Dank, weil Sie uns vorleben, was das heißt, der Gerechtigkeit nachzujagen, im Vertrauen darauf, dass Gott uns und unsere Herzen und unsere Welt mit seinem Geist der Gerechtigkeit und der Liebe erfüllen will und wird. Sie sind da, Sie bleiben da, und freuen sich, wenn Sie helfen können. Aber Sie laufen auch nicht weg, wenn die Ungerechtigkeit zu groß und die Not schrecklich wird. Sie sind gemeinsam da: berufsgruppenübergreifend, interdisziplinär und ökumenisch; die ökumenische Vereinbarung, die Sie heute unterzeichnen, ist ein wunderbares Zeichen dafür. Nur gemeinsam, nur im Miteinander und Zusammenspiel der Gaben lässt sich der Gerechtigkeit Gottes nachjagen, nur so findet der ganze Mensch Heilung und Heil.

II

Was ist gerecht? Bei seinem ersten öffentlichen Auftritt in der Synagoge in Nazareth, seiner Heimatstadt, wird Jesus von der Kraft des Heiligen Geistes erfasst. Nicht durch ein großes Event oder einen besonderen Zauber kommt die Geistkraft über ihn. Nein, sie steckt in diesem Buch oder besser: in diesen Thora-Rollen. Sie steckt in den Buchstaben und Geschichten, in den Worten der Propheten, in den Psalmen und Gleichnissen: „Lies‘ und du wirst in dieser Kraft leben. Lies laut! Versuche zu verstehen. Mit anderen gemeinsam. Und du erfährst, leibhaftig, mit Kopf und Herz und Hand: So ist Gottes Gerechtigkeit!“
"Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, zu verkündigen das Evangelium den Armen; er hat mich gesandt, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen, und den Zerschlagenen, dass sie frei und ledig sein sollen, zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn."

So kommt Gott in unsere Welt. Die Armen werden froh: sie haben genug zu essen und zu trinken. Ein Dach über dem Kopf. Gemeinschaft. Und vor allem geistliche Nahrung: Ihnen wird das Evangelium zugesagt. Die wunderbaren Geschichten, die erzählen, wie dem Kleinen Gerechtigkeit widerfährt, wie Menschen teilen und einander helfen, wie sie sich gegenseitig froh machen. Gott hat einen Hang nach unten. Zu denen, die verfolgt sind und unterdrückt. Darauf vertrauen die Menschen in Indonesien, die unseren Gottesdienst vorbereitet haben. Dass Gott auf der Seite der Armen und der Opfer ist; dass Gottes Geist sie aufrichtet und stärkt, die Gewalttäter zu Umkehr führt, die Gesellschaft versöhnt.

So kommt Gott in unsere Welt. Menschen werden befreit aus ihren Gefangenschaften, aus ihren Fixierungen auf Anerkennung und Macht oder Schönheitsideale und Geld oder was uns noch alles gefangen nehmen kann; da hat jede Person ihren eigenen Angriffspunkt. Die Gerechtigkeit Gottes rechnet nicht: wie du mir, so ich dir. Sie fragt nicht nach dem, was eine verdient. Sie gibt, sie schenkt, sie verschwendet sich, sie lebt aus der Fülle. Sie schaut nach unten und zieht herauf. Die Blinden können wieder sehen; Blindheit war eine Volkskrankheit. Die Zerschlagenen werden frei und ledig. Da ist es: das Gnadenjahr des Herrn. Gottes Gerechtigkeit zieht ein: in unsere Herzen und in unsere Welt. Macht Menschen gesund. Hilft ihnen, getrost zu sterben. So kommt Gott in unsere Welt!

III

„Gerechtigkeit, Gerechtigkeit – ihr sollst du nachjagen!“ (Dtn 16,20a) Seit dieser Predigt Jesu, seit seinem ersten Auftreten, ist die Kraft der Gerechtigkeit Gottes in unserer Mitte: Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren. Nachjagen heißt seitdem, schauen und hören und spüren und fragen, wie die Kraft dieses Geistes schon unter uns wirksam ist. Jetzt hier und heute, in dieser Klinik, in diesen Gesundheitseinrichtungen. Aber eben auch in den Gebeten um Frieden und Gerechtigkeit in Indonesien. In unserem Tun breitet sich die Gerechtigkeit Gottes unter uns aus.

Das ist ein Ringen; das ist auch ein Zweifeln; das ist manchmal auch eine große Unsicherheit: Was würde Jesus jetzt sagen, was tun? Was entspricht der Gerechtigkeit Gottes? Gerade am Ende des Lebens und in vielen medizinethischen Fragen ringen wir und wissen es nicht genau. Aber wir sind gewiss, wohin der Geist der Gerechtigkeit uns trägt: »Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, zu verkündigen das Evangelium den Armen; er hat mich gesandt, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen, und den Zerschlagenen, dass sie frei und ledig sein sollen, zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn.«

Möge dieser Geist der Gerechtigkeit Gottes uns in diesen Pfingsttagen ergreifen, unsere Augen und Ohren öffnen, dass wir die Not und die Ungerechtigkeit wahrnehmen, unsere Herzen und unseren Verstand mit Kraft erfüllen, dass wir Wege finden, der Gerechtigkeit bei uns und weltweit nachzujagen, unsere Gemeinden und Kirchen aufrütteln, unsere Hände und Füße in Bewegung versetzen, dass wir aufeinander zugehen, uns versöhnen und einander trösten und stärken.