„Höret, so werdet ihr leben!“

Predigt über Jesaja 55, 1-5 zum 70 jährigen Bestehen der Gnadengemeinde in Mannheim-Gartenstadt am 30.06.2019

Liebe Festgemeinde,

ich gratuliere Ihnen sehr herzlich zu Ihrem Jubiläum! 70 Jahre Gnadenkirche, 70 Jahre evangelische Kirchengemeinde hier in der Gartenstadt: das steht für einen beweglichen Glauben und für christliches Engagement, für eine Gemeinde mit einem weiten, ökumenischen Horizont, gut vernetzt in den Stadtteil und voller Hoffnung.

70 Jahre Gnadengemeinde - das ist eine lebendige Antwort auf die Frage: Was trägt uns durch das Leben?

Auf diese Frage gibt es keine einfache, abschließende Antwort. Sie stellt sich immer wieder neu: Jedem einzelnen von uns, aber auch gemeinsam, im Gespräch mit denen, die uns nah sind, aber auch mit denen, die anderer Meinung sind und andere Einstellungen haben. Sie führt uns ins Gespräch mit Gott.

Was trägt uns durch das Leben? Unser heutiger Predigttext gibt eine klare Antwort: „Höret, so werdet ihr le-ben!“ verspricht er. Er lädt uns zum Vertrauen in Gott ein, aber auch in ein neues verantwortungsvolles Miteinander.

1 Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! Und die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und esst! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch! 2 Warum zählt ihr Geld dar für das, was kein Brot ist, und sauren Verdienst für das, was nicht satt macht? Hört doch auf mich, so werdet ihr Gutes essen und euch am Köstlichen laben. 3 Neigt eure Ohren her und kommt her zu mir! Höret, so werdet ihr leben! Ich will mit euch einen ewigen Bund schließen, euch die beständigen Gnaden Davids zu geben. 4 Siehe, ich habe ihn den Völkern zum Zeugen bestellt, zum Fürsten für sie und zum Gebieter. 5 Sie-he, du wirst Heiden rufen, die du nicht kennst, und Heiden, die dich nicht kennen, werden zu dir laufen um des Herrn willen, deines Gottes, und des Heiligen Israels, der dich herrlich gemacht hat.

I

Wer hätte vor 70 Jahren gedacht, dass wir heute ein solches Gemeindefest feiern können.

Mannheim war zerstört. Viele hatten Hunger, jedenfalls wenig zu essen. Noch war kein Aufschwung in Sicht. Es gab nur wenige Arbeitsplätze. Und viel Trauer: um Männer, die als Soldaten gefallen waren; um Familienangehörige, Zivilisten, die Opfer von Bomben wurden; um Menschen, die auf Grund ihrer Religion oder Überzeu-gung, ihrer Herkunft oder ihrer sexuellen Orientierung verfolgt und ermordet wurden.

Wie wird das werden? Wohin soll sich unsere Stadt, unser Land entwickeln? Viele packten an, wollten die Not überwinden und neu aufbauen: Häuser, Schulen, Wirtschaft; aber auch das Innere unseres Gemeinwesens. Was wird uns durch das Leben tragen und gibt uns Hoffnung?

Sie feiern Ihr Jubiläum gemeinsam mit dem Grundgesetz. Auch darin geht es um die Überwindung der inneren Not. Seit siebzig Jahren hält ein Satz unser Land im Innersten zusammen; alle Debatten, wohin es gehen soll, müssen sich auf ihn beziehen: „Die Würde des Menschen ist unantastbar!“ Ein Grund-Satz, der damals einer Vergangenheit widersprach, die die Menschenrechte mit Füßen getreten hatte. Ein Artikel, der tiefe Wurzeln im jüdischen und christlichen Glauben hat, aber auch in anderen Traditionen. Nach dem Schrecken des Holocaust öffnet er den Weg in eine neue Zukunft: Die Würde des Menschen ist uns gemeinsam geschenkt, den Frommen und denen, die nicht glauben können, dass Gott uns durchs Leben trägt; den Leistungsstarken und denen, die nicht für sich selbst sorgen können; denen, die wie wir sind, und denen, die uns fremd sind und die wir nicht leiden können.

Mich hat beeindruckt, wie Propst Högsbro bei der Einweihung Ihrer Kirche, diese gemeinsame Not und die Per-spektive ihrer Überwindung herausgestellt hat: „dass wir nicht als Brüder (und Schwestern) miteinander leben können, dass wir einander das Leben so schwer machen und verderben“, an dieser inneren Not müssen wir arbeiten. Aus ihr will uns das Gottvertrauen herausführen.

II

„Wohlan! Kommt zum Wasser! Kommt, esst und trinkt!“ Und macht euch klar: Was einen durch das Leben trägt, kann man nicht kaufen. Die Liebe der Eltern – gibt es nur umsonst! Dass Freundinnen und Freunde treu mitgehen, auch wenn ich verzweifelt bin oder etwas falsch mache – das ist ein Geschenk! Dass ich mich am Ende auf andere verlassen kann, auch wenn ich selbst ihre Namen nicht mehr weiß und dass ich das doch gerade schon

mal erzählt habe – das ist Gnade! Dass meine Frau und ich uns auch nach dreißig Jahren noch lieben und aneinander freuen – das können wir nicht machen oder kaufen!

Hört doch auf mich, so werdet ihr Gutes essen und euch am Köstlichen laben. 3 Neigt eure Ohren her und kommt her zu mir! Höret, so werdet ihr leben! Das ist die Zusage Gottes – und unsere Hoffnung! „Hört, und ihr werdet leben!“

Deshalb wollten sie damals so dringend eine Kirche. Deshalb war es großartig, dass der Ökumenische Rat mit Unterstützung aus den USA Geld herbeischaffte für 40 Kirchen in Deutschland. Und dass es einen Architekten Otto Bartning gab, der einen Weg fand, schnell und doch schön zu bauen, günstig und doch haltbar; der einen Ort zum Hören schuf und zum Austauschen, eine neue geistliche Heimat und einen Raum immer wieder zu fra-gen: Was trägt uns durchs Leben?

2021 wird die Vollversammlung des Ökumenischen Rates zum ersten Mal in Deutschland tagen, in Baden, in Karlsruhe. Das ist eine Gelegenheit, dass wir einmal laut und deutlich „danke“ sagen, dass diese Gnadenkirche und all die anderen „Notkirchen“, in Baden noch in Pforzheim, in Heidelberg und Karlsruhe, einen Raum für ein neues geistliches Leben eröffnet haben.

III

Es macht den Charme dieser Kirche(n) aus, dass man ihnen abspürt, dass sie sich in die Not der Zeit gestellt wissen. Sie lädt dazu ein, sie weiter zu gestalten, mit ihr im Heute anzukommen, sie heute mit Leben und Zukunft zu füllen. Sie ist ein „Haus, an dem noch immer alle mitbauen.“ (Dieter Peulen, Vorsitzender des Ältesten-kreises)

Sie zeigt: Der ewige Bund, den Gott mit uns schließt, gibt uns heute Kraft für ein neues Leben. Er macht heute Brautpaaren Mut, sich aneinander in guten und in schweren Tagen anzuvertrauen. Christus ruft heute Men-schen in der Taufe zu: „Fürchte dich nicht! Du bist mehr als das, was die anderen in dir sehen. Gott hat dich bei deinem Namen gerufen; du gehörst zu Christus.“ Der Weg in die Zukunft ist offen. Sterben und Tod haben nicht das letzte Wort! Mit Christus gehen wir auf einen neuen Himmel und eine neue Erde zu, in denen Leid und Schmerz und Tod überwunden sind.

„Hört auf meine Worte und ihr werdet leben!“ Vielleicht sind diese Worte Gottes heute schwerer zu verstehen als damals, vor siebzig Jahren. Wer den Krieg und die Schreckensherrschaft überlebt hatte, spürte vielleicht deutlicher als wir heute, dass wir aus der Gnade Gottes leben; dass wir regelmäßig innehalten müssen, um uns in dem Gewirr der Stimmen zu orientieren, um Vertrauen zu schöpfen und Dankbarkeit einzuüben; um zu ent-decken, dass das „immer mehr, immer schneller, immer besser“ uns heute in einer Weise gefangen nimmt, die uns überfordert und müde macht.

Wer hört, lernt zu warten! Sich mitnehmen zu lassen, vom Klang, vom Rhythmus, von den Aussagen eines An-deren. Wir erleben das in der Musik, die uns trägt und stärkt, die uns einstimmen lässt; wir erleben es auch, wenn ein anderer Mensch, wenn Gott das Wort zu uns sagt, das uns Mut macht und befreit: „Aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund!“ Wir sind eingeladen zum großen Gastmahl: Der Tisch Gottes ist reich für uns gedeckt! Wir leben aus der Fülle, die Gott uns schenkt.

IV

Hört und ihr werdet leben! Auch wenn die Prognosen über die Mitglieder- und Finanzentwicklung nach unten zeigen. Wenn wir im Hören bleiben, ist mir nicht bange um unsere Kirche. Denn im Hören richten wir uns auf. Wir werden mutig zum Aufbruch und frei uns den Fragen und Herausforderungen unserer Zeit zu stellen.

Viele Menschen spüren einen großen Durst nach Anerkennung, nach einem Grundvertrauen, mit dem sie durch die Zeit gehen können. Sie sind eingeladen. Ihnen ruft Gott durch uns zu: „Kommt, esst und trinkt – und erlebt, dass nicht Geld satt macht und den Durst stillt, sondern dass Gott für uns da ist und wir füreinander, auch für die, die uns fremd sind.“

Wir hören das Seufzen der Kreatur, von dem Paulus schreibt, deutlicher als damals vor siebzig Jahren. Nur we-nige wie Albert Schweitzer haben im Wiederaufbau daran gedacht, was mein Verhalten, was der wirtschaftliche Aufschwung für unsere Mitwelt, für Tiere und Pflanzen, für das Klima, für diese Erde bedeutet. Dabei wäre der Speiseplan meiner Oma, auf dem nur einmal die Woche Fleisch stand und einmal eine Wurst in der Suppe, vielleicht heute zukunftsweisend.

Sehr schnell kommen wir aus dem Hören ins Tun, in die Bewegung. So wie sie hier in der Kirche. Immer wieder waren und sind neue Ideen nötig, wie heute die gute Nachricht, die Zusage Gottes unter die Leute kommen soll.

Von Anfang brauchte es Eigenleistungen beim Baue: die Trümmersteine suchen und herbringen, die eigene Vergangenheit bearbeiten, aufarbeiten. Versöhnung suchen zwischen Judentum und Christentum, wie es uns ihre beiden Fenster zeigen. Die Ökumene ausbauen, damit wir als Christinnen und Christen unsere Verantwor-tung gemeinsam besser und kräftiger wahrnehmen können. Einen Mittagstisch schaffen, der Menschen satt macht und froh und sie zusammenführt.

Wir sind im Geist Christi auf einem langen Weg in eine hoffnungsvolle Zukunft. Viele kleine und größere Leute hier in der Gnadenkirche, aber auch an vielen anderen Orten. Wir hören hin und lassen uns stärken und auf-richten. Wir bekommen Mut, etwas zu tun, um das Gesicht unseres Stadtteils, unseres Landes, dieser Erde menschlicher und enkeltauglicher zu gestalten.

Auf unserer Bewegung, die aus dem Hören auf Gottes Wort kommt, liegt eine große Verheißung: Siehe, du wirst fremde Menschen rufen, die du nicht kennst, und andere Menschen, die dich nicht kennen, werden zu dir laufen um deines Gottes willen, und um des Heiligen Israels willen, der dich herrlich gemacht hat.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie in dieser Kirche noch viele gute Worte Gottes hören, die Sie aufrichten und Ihnen Mut machen, danach zu fragen, was Gottes Verheißungen heute für Ihre Gemeinde und Ihren Stadtteil bedeuten und wie sie Gestalt gewinnen können. Gottes Segen möge Sie begleiten auf Ihrem Weg durch die Zeiten und Sie durchs Leben tragen.