Christsein heute!

Predigt über Lukas 6,36-42 im Gottesdienst zum Abschluss der Bezirksvisitation in der Stadtkirche in Emmendingen (14.07.2019)

Liebe Gemeinde,

was heißt heute: Christsein?

Mit dieser Frage sind wir die letzten Tage in Ihrem Kirchenbezirk unterwegs gewesen. Was heißt Christsein in einem modernen Industrieunternehmen, auf dem Weg in die Industrie 4.0? Was heißt Christsein in der Psychiatrie, in der neurologischen Rehabilitation? Was wollen wir den Menschen weitergeben: in der Schule, in der Erwachsenenbildung, in Kindertagesstätten? Oder am Freitagabend in der Pauluskirche: Was können wir tun für Klimagerechtigkeit?

Was heißt heute Christsein, hier in unserer Gesellschaft? Diese Frage bewegt uns in der Kirche, aber auch im Gespräch mit anderen Menschen, die Verantwortung in unserem Gemeinwesen übernehmen, mit Zeitgenossen, die Erwartungen an uns haben, die um den Glauben, um Orientierung und Werte ringen.

Wir stellen diese Frage aber nicht nur unter uns und im Austausch mit anderen Menschen; wir stellen sie vor Gott und im Gespräch mit der Bibel. Da ändert sich die Blickrichtung: von uns weg auf das hin, was Gott für uns tut. Ich lese den Predigttext für den heutigen Sonntag aus Lukas 6, die Verse 36-42:

36 Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. 37 Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben. 38 Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch wieder messen.

39 Er sagte ihnen aber auch ein Gleichnis: Kann auch ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen? 40 Der Jünger steht nicht über dem Meister; wenn er vollkommen ist, so ist er wie sein Meister. 41 Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und den Balken in deinem Auge nimmst du nicht wahr? 42 Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt still, Bruder, ich will den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge und sieh‘ dann zu, dass du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst!

I

Jesus gibt eine klare Antwort auf unsere Frage: Christsein beginnt mit Gottes Barmherzigkeit. Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Wir leben aus dieser Erfahrung, dass Gott es gut mit uns meint. Dass Gott uns gibt, noch bevor wir etwas tun. So wie kleine Kinder in den Arm genommen, getragen, geknuddelt, geherzt werden. Wir wissen nicht, wie sie einmal sein werden. Was wir zurückbekommen werden als Eltern oder Freundinnen. Sie sind uns anvertraut und wir geben ihnen von unserer Liebe, ohne nach dem zu fragen, was wir dafür erhalten.

Diese Erfahrung bleibt grundlegend für unser Leben, auch wenn wir älter werden. Leben gelingt, wenn Menschen sich getragen wissen und einander beschenken. Wenn sie nicht danach zu fragen, was sie dafür bekommen. Davon erzählen die Geschichten vom Glück der Liebe: „Wir haben nie gerechnet. Wir haben uns immer vertraut und gegeben.“ Davon erzählen auch die Geschichten vom guten Ende des Lebens und von Bewahrung in großer Not: „Glück ist, mich getragen und geborgen zu wissen, auch wenn meine Kräfte nachlassen, ich im-mer vergesslicher werde und nur noch schwer für mich sorgen kann.“

In diesem Vertrauen und dieser Geborgenheit leben wir mit Gott; sie sollen auch unser Miteinander, unsere Existenz als Kirche bestimmen. Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

Sorgende Gemeinde werden, das haben sich die Gemeinden hier Bezirk deshalb vorgenommen: Das heißt, da zu sein, wenn Not am Mann oder an der Frau ist, wenn die Mutter in der Familie krank wird und keine Verwandt-schaft im Ort hat, die einspringt; da sein, die Kinder mit versorgen, zupacken, mithelfen. Den Suchtkranken nicht allein lassen, der rausfällt aus Familie und Beruf. Mitgehen mit dem Sterbenden, der dementiell Erkrank-ten, den Trauernden. Aus der Barmherzigkeit Gottes heraus für andere da sein als sorgende Gemeinde: so soll Kirche sein.

II

Es ist ein wunderbares Bild, dass unser Predigttext dafür hat, wieso wir das können: Vergebt, so wird euch vergeben. Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben. Der Schoß, die Geburtsstätte des Lebens ist von Gott gefüllt, voll bis zum Rand; es ist genug da, genug für alle! Daraus können wir leben – daraus können wir austeilen und abgeben.

Sie haben eine Ausstellung hier in der Kirche über Karl Barth, einen der wichtigen Theologen und Pfarrer des letzten Jahrhunderts. Es war diese Fülle, aus der er gelebt und die er verkündigt hat. Seine theologische Existenz beginnt mit dem unbedingten Vertrauen in die Barmherzigkeit und Menschenfreundlichkeit Gottes. Mit diesem großen „Ja“, das Gott zu uns sagt – und das uns fähig macht, zueinander und zu anderen „Ja“ zu sagen, auch zu denen, die wir wirklich nicht nett finden.

Aus dieser Fülle heraus hat er sich mit seiner ersten Gemeinde in Safenwil zu einer sorgenden Gemeinde entwi-ckelt. Was war damals am Anfang des letzten Jahrhunderts die Not? Die Menschen hatten keine Arbeit; Arbeit wurde schlecht bezahlt. Da kam die Gemeinde zusammen und half einander und setzt sich gemeinsam für bes-sere Arbeitsbedingungen ein.

Da gab es natürlich auch Streit und Auseinandersetzungen. Dann geht es schnell, dass die einen sich beleidigt zurückziehen, die anderen nicht mehr miteinander reden, die dritten nur noch schlecht übereinander sprechen und die vierten anfangen zu hassen und selbst gewalttätig zu werden. Barth hat mit seiner Gemeinde einen anderen Weg gesucht. Das große „Ja“ relativiert alle Fragen, die uns so entscheidend vorkommen. Der feste Grund macht es leichter, offen und freundlich und zugewandt zu bleiben. Und im Anderen immer wieder den oder die zu sehen, die Gott auch liebt. Barth hat deshalb nie den Humor verloren, der uns lehrt, die eigenen und die Schwächen der Anderen als Ausdruck unserer Grenzen zu sehen; und nicht über die anderen zu lachen, sondern mit ihnen.

III

Vor 100 Jahren hat Barth einen berühmten Vortrag gehalten mit dem Titel: „Der Christ in der Gesellschaft!“ Er fragte, was bedeutet es ein Jahr nach Ende des 1. Weltkrieges, Christ oder Christin zu sein. Da waren auf einmal all die Balken und Splitter Thema, die uns aus unserem Bibeltext so vertraut sind. Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und den Balken in deinem Auge nimmst du nicht wahr? Wie konnte das geschehen, dass Kirchen sich so eindeutig auf die eine Seite stellten und vielleicht auch auf dieser Kanzel er-barmungslos für den Krieg predigten und dass die Franzosen besiegt werden müssten? Wo kam diese „religiös-sozialen Hurrastimmung“ her, die „mit Gott für Kaiser und Vaterland!“ predigte und die Barmherzigkeit Gottes vergaß.

Nun hätte Barth sagen können, damals haben sich die Kirchen halt falsch entschieden. Heute müssen sie sich anders entscheiden. Wir könnten sagen: Das kann uns nicht passieren; wir sind doch auf dem richtigen Weg, moralisch einwandfrei. Wir treten ein für Frieden und Umweltschutz, für Respekt und Menschenwürde.

Aber Barth hat wie Jesus mit Splitter und Balken einer solchen Wendung widersprochen. Wir sind Menschen, nicht Gott! Uns holen unsere dunklen Seiten ein. Wir suchen den eigenen Vorteil. Wir wollen besser dastehen als die anderen. Wir leben auf Kosten anderer. Wir lassen uns gefangen nehmen von unseren Interessen, statt nach Gottes Willen zu fragen.

Das war Karl Barth nach dem Irrweg der Kirchen im 1. Weltkrieg sehr wichtig: Es besteht ein grundsätzlicher, himmelhoher Unterschied zwischen Gott und Mensch. Ich bin Mensch, nicht Gott. Kein Weg führt von hier auf die andere Seite. Wer meint, er oder sie hätte die Wahrheit gepachtet und sei immer auf dem richtigen und gu-ten Weg, hat sie schon verfehlt: Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und den Balken in deinem Auge nimmst du nicht wahr?

Wir haben es uns am Freitagabend in der Frage der Klimagerechtigkeit klar gemacht: Ja, wir haben eine persön-liche Verantwortung, wieviel Energie wir verbrauchen, wie oft wir fliegen, wie schnell wir fahren; aber der jun-ge Mann auf dem Podium von „Plant for the Planet“ hat uns erklärt: Niemand kann sich in diesem System eine saubere Weste bewahren und mit einem langen Finger auf die anderen zeigen. Wir sind ein Teil des Ganzen, gefangen in unserer Produktion, in unserem Konsum, in unserem Lebensstil; wir sind froh über all das, was uns unser gutes Leben ermöglicht. Da hilft es nicht, den anderen Schuld zu geben: die beiden Blinden fallen nur gemeinsam in die Grube! Wir gehören von Gott auch in unserer Not und unserer Schuld auf eine Seite.

IV

Natürlich heißt das nicht: es ist egal, wie ein Mensch sich verhält, wie wir unser Miteinander gestalten. Kirche darf sich nicht aus der Welt zurückziehen, sie hat eine Verantwortung für diese Erde: Seid barmherzig, wie euer Vater im Himmel es ist!

In dieser Spannung zwischen der Gefangenschaft in unseren kulturellen und sozialen Bindungen und dem: „Es ist doch alles egal!“, macht Barth eine grundlegende Entdeckung: Die Frage nach dem Christsein heute, nach der Christin, dem Christen in der Gesellschaft lässt sich nur beantworten, wenn wir nicht nach dem fragen, was wir tun können, sondern nach Christus fragen und nach dem fragen, was er schon für uns tut. Er kommt in uns und unsere Welt und macht diese Welt und uns neu!

Die Frage nach dem Christ, der Christin in der Gesellschaft beantwortet der Christus in der Gesellschaft!

Weil Christus in unsere Welt gekommen ist, weil er der Christus in der Gesellschaft ist, ist „die Gesellschaft trotz aller ihrer Irrwege nicht gottverlassen.“ Weil er unter uns und in uns ist, tut sich eine neue Welt auf: Etwas „Neues … mitten unter all dem Alten, … Wahrheit im Irrtum und in der Lüge, … Gerechtigkeit in dem Meer von Ungerechtigkeit, also Geist in all den groben materiellen Tendenzen, also gestaltende Lebenskraft in all den schwachen flackernden Geistesbewegungen.“

V

Wenn wir die Frage nach dem, wie wir heute Christinnen und Christen sein können, von Jesus Christus her denken, öffnen sich neue Blickwinkel und Wege: Sie führen uns in die Verantwortung, aber sie bewahren uns auch davor unsere eigenen Vorstellungen von Gut und Böse, von richtig und falsch mit Gottes Willen zu ver-wechseln. Der Blick auf Christus überwindet unser normales Sortieren: die gehören dazu und die nicht!

Dagegen gilt: Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Dagegen betont Barth: „Die Gemeinde Christi ist ein Haus, das nach allen Seiten offen ist; denn Christus ist (selbst vor die Tür gegangen und eben) auch für die andern, für die, die draußen sind, gestorben.“

So bahnt Christus uns einen Weg in die Freiheit und in die Verantwortung. Heraus aus der Angst und den Ab-grenzungen. Er macht Mut, mit ihm aufzubrechen und nach dem zu schauen, was dran ist. Nüchtern und sachlich hinzuschauen und mit denen, die etwas davon verstehen, zu überlegen, was wir tun können für mehr Klimagerechtigkeit – und dann mutig, neue Wege zu erproben: Von persönlichen Schritten wie dem Klimafasten übers Bäume pflanzen bis hin zur entschiedenen politischen Stellungnahme für eine sozial gerechte CO2 Steuer, auch wenn es jetzt schon wieder heißt: zu teuer! Da geht es nicht um das Gute gegen das Böse, da geht es da-rum, einen Raum der Hoffnung zu eröffnen und darin nach realistischen Möglichkeiten Ausschau zu halten. Und das eine zu tun, was wir tun können und was doch gerade nicht wir tun, sondern Christus für uns: „Denn was kann der Christ in der Gesellschaft anderes tun, als dem Tun Gottes aufmerksam zu folgen?“

VI

Aber dabei gilt: „Wir sind keine unbeteiligten Zuschauer. Wir sind von Gott bewegt.“ Das ruft Barth 1919 seinen Zuhörerinnen und Zuhörern zu. Das gilt auch heute! Christus nimmt uns hinein in Gottes Barmherzig-keit. Deshalb können wir selbst barmherzig sein und frei und mutig handeln. Ohne Angst, denn Gott gibt ein gerütteltes, übervolles Maß, so dass es für alle reicht. Deshalb ist „die Hoffnung … gegenüber der Not das entscheidende, das überlegene Moment.“

Alles, was wir tun, steht unter der Verheißung Gottes, dass es zum Sauerteig werden kann. Der Christus in der Gesellschaft verwandelt unsere Gemeinde in eine sorgende Gemeinde, in der wir einander nachgehen und für-einander einstehen. Er wird zum Sauerteig, der uns und unsere Welt durchdringt und neu macht, so dass alle Menschen in Frieden und Gerechtigkeit und in Ehrfurcht vor aller Kreatur leben können.

Wir haben einen barmherzigen Gott, einen, der uns „aller Finsternis zum Trotz“ nicht loslässt. Der uns bewegt, der unsere Hoffnung nährt, der uns Mut macht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

 

Die Zitate sind entnommen Karl Barth, „Der Christ in der Gesellschaft“, in: Jürgen Moltmann (Hrsg.), Anfänge der dialektischen Theologie, Teil 1: Karl Barth, Heinrich Barth, Emil Brunner, Theologische Bücherei 17, Mün-chen, 1985, 3-37.