Und Jesus ging ringsum in alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium von dem Reich und heilte alle Krankheiten und alle Gebrechen. Und als er das Volk sah, jammerte es ihn; denn sie waren verschmachtet und zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben. Da sprach er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist groß, aber wenige sind der Arbeiter. Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende.
Und er rief seine zwölf Jünger zu sich und gab ihnen Macht über die unreinen Geister, dass sie die austrieben und heilten alle Krankheiten und alle Gebrechen. Die Namen aber der zwölf Apostel sind diese: zuerst Simon, genannt Petrus, und Andreas, sein Bruder; Jakobus, der Sohn des Zebedäus, und Johannes, sein Bruder; Philippus und Bartholomäus; Thomas und Matthäus, der Zöllner; Jakobus, der Sohn des Alphäus, und Thaddäus; Simon Kananäus und Judas Iskariot, der ihn verriet.
Diese Zwölf sandte Jesus aus, gebot ihnen und sprach: „Geht nicht den Weg zu den Heiden und zieht in keine Stadt der Samariter, sondern geht hin zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel.“ Geht aber und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekom-men. Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt böse Geister aus.
Umsonst habt ihr’s empfangen; umsonst gebt es auch. Ihr sollt weder Gold noch Silber noch Kupfer in euren Gürteln haben, auch keine Reisetasche, auch nicht zwei Hemden, keine Schuhe, auch keinen Stecken. Denn ein Arbeiter ist seine Speise wert.
Was nehmen Sie mit, liebe FÖFler, wenn Sie in ein paar Tagen aufbrechen? Was wollen Sie, liebe Teamer, Eltern und Verwandte, Geschwister, Freundinnen und Freunde ihren jungen Leuten mitgeben?
Für mich heißt die Überschrift über die Aussendungsgeschichte, die wir gerade gehört haben: Loslassen und die Fülle entdecken!
I
Die Ernte ist groß! Es ist so viel da, wenn wir uns in diesen Tagen umschauen: Sträucher mit Johannesbeeren und Stachelbeeren, Salatköpfe und Kohlrabi, Lupinen und Margeriten, Bäume im vollen Laub. Die Marktstände sind prall gefüllt! Was für eine Ernte!
Und auch bei Euch selbst: Ihr bringt so viel mit: von zu Hause, aus der Familie, aus der Schule, aus den ersten Semestern. Ihr seid reich beschenkt, das spürt man Euch ab: Ihr habt viel Selbst-vertrauen und könnt offen und neugierig, ohne große Angst, auch auf die Unsicherheiten zugehen, die da auf euch zukommen. Und wie ihr miteinander umgeht, das ist auch so ein Schatz: Ihr müsst nicht immer noch ein Haar in der Suppe finden; nicht immer besser als die andere sein; ihr seht Fremdheit und Unterschiede als Herausforderung, aber auch als Bereicherung. So macht Ihr Euch auf: voller Gaben und Kraft. Die Ernte ist groß!
Die Ernte ist groß! Das ist aber auch eine Verheißung. Denn Jesus schickt seine Freundinnen und Freunde in Gebiete, die sie noch nicht kennen. Da wird es anders sein. Sie müssen manches loslassen, zurücklassen, so wie ihr das auch tut: Freundschaften, die Familie, Ansehen, das man schon erreicht hat, lieb Gewordenes. Jesus sagt Euch: Ihr werdet es erleben: die Ernte ist groß! Ihr werdet da viel finden, das Euch bereichert, das Ihr teilen könnt, um miteinander gut zu leben, um spannende Erfahrungen zu machen und zu erleben: Ihr könnt Gottes neue Welt ausbreiten, Ihr habt die Möglichkeiten, die Kraft, die Macht dazu. Ihr könnt die Fülle ernten, die Gott schenkt, und damit die Welt verändern!
II
Was sollen die Arbeiter tun? Die Ernte austeilen, weitergeben, was Gott schenkt. Das ist Essen und Trinken, wie es die Geschichten von der Speisung der 5000 erzählen. Wo wir erleben, dass am Ende mehr als genug da ist, auch wenn zwei Fische und fünf Brote als viel zu wenig erschie-nen.
Das ist aber vor allem Barmherzigkeit, Frieden und Gerechtigkeit, die Gott gibt. Jesus zieht durch das Land und teilt aus dieser Fülle aus, die Gott uns schenkt. Es jammert ihn, wenn er das Elend sieht. Er hilft den Menschen auf: Heilt, teilt, tröstet, sättigt, macht Mut, bildet. Es ist genug für alle da, die Ernte ist groß! Also ruft er: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und zerschlagen seid, ich will euch erquicken.“
Ja, das widerspricht unserer normalen Logik in Wirtschaft und Politik. Da heißt es immer: Die Ernte ist knapp; es ist immer Zuwenig da! Deshalb muss jeder und jede zuerst an sich denken: Mein Land zuerst, mein Unternehmen, mein Wirtschaftswachstum, meine Finanzen.
Gott wirtschaftet anders: Die Ernte ist groß! Lasst los und ihr werdet erleben, wie reich und schön und gut das Leben ist! Das ist der Grundton des christlichen Lebens. Mit dieser Zusage im Ohr senden wir Euch aus. Mit dieser Botschaft im Herzen brecht Ihr auf: nach Rumänien und Paraquay, nach Mexiko und Israel und Palästina, nach Italien, Argentinien und Costa Rica. Ihr werdet entdecken, was es dort alles zu ernten gibt. Was Gott Menschen anvertraut, Euch und anderen, hier und da. Manches werdet ihr nicht auf den ersten Blick als Gabe erkennen, manches wird Euch auch noch auf den zweiten Blick irritieren, aber vielleicht wird es Euch später einmal wichtig werden.
III
Jesus sendet seine Jünger gemeinsam aus. Es ist schön, dass die meisten von Euch zusammen in eine Region kommen. Das Miteinander stärkt und hilft mit dem umzugehen, was vielleicht schwer wird. Aber zugleich hat Jesus jeden einzelnen im Blick: Jeder hat einen Namen. Mit jedem Namen verbindet sich eine Geschichte und wichtige Beziehungen: Eltern, Brüder und Schwestern, Berufe, auch Erfahrungen mit Scheitern und Grenzen: Petrus wird als Erster genannt; am Ende sagt er voll Angst: „Ich kenne diesen Jesus nicht!“ Judas ist dabei; er wird Jesus verraten – und doch wird auch er in die Arbeit gesendet. Matthäus, der Zöllner, hat mit der Besatzungsmacht kollaboriert und sich auf Kosten seiner Mitmenschen bereichert.
In die Ernte werden keine Übermenschen ohne Fehler und Schwächen gesandt. Nicht nur die Glatten, Schönen, Schlauen, Selbstoptimierten, die auch moralisch immer „tiptop“ sind. Gott traut jedem Menschen zu, in der Ernte mitzuarbeiten. Das einzubringen, was er oder sie eben einbringen kann. Die Arbeiter sind laut und stark und mutig, aber manchmal auch kleinlaut und feige und müde. Sie wollen etwas erreichen, aber manchmal verzweifeln sie auch an einer Situa-tion und vermochten es nicht, was sie tun wollten. Wir wissen dass sie sich manchmal uneins waren und um die besten Plätze und Anerkennung gestritten haben.
Aber sie verlieren ihren Auftrag nicht aus den Augen: zu ernten und auszuteilen, was Gott unse-rer Welt schenkt. Damit Menschen neuen Mut bekommen; damit auch diejenigen, die nicht für sich selbst sorgen können, ein menschenwürdiges Leben führen können und ihre Hoffnung be-wahren; damit ein friedliches Zusammenleben auch in Konflikten gelingt.
So bauen die Ausgesendeten, Ihr und auch wir, die hier in unseren Alltag gesandt sind, so bauen wir bauen zusammen eine Kirche, in der wir einander brauchen: Starke und Schwache, Fromme und Zweifelnde, Vorsichtige und Schnelle, Flotte; eine inklusive Gemeinschaft!
IV
Was bewirkt die Arbeit in der Ernte?
Sie überwindet Grenzen! Die Aussätzigen, die außen vor sind, gehören wieder dazu. Der Tod ver-liert seine Macht. Die bösen Geister haben keinen Einfluss mehr.
Deshalb geht Ihr als Erntehelferinnen und Erntehelfer gerade zu denen, die am Rande stehen, mit denen damals, aber oft auch heute, „normale“ Menschen wenig Kontakt haben. Das ist eine Hilfe und Chance für die Menschen, für die Ihr da seid. Es ist aber auch eine große Chance für Euch, Grenzen neu auszuloten: Grenzen der Bildung, der Kleidung, der Einstellung, des Herkom-mens. In unerwarteten Begegnungen werdet Ihr Euch selbst neu entdecken, aber auch andere neu sehen. Viele Grenzen werden nicht verschwinden, aber vielleicht, hoffentlich werden sie durchlässiger und menschenfreundlicher und öffnen sich Richtung Himmelreich, wie Jesus es uns verheißen hat.
Das Sortieren in richtig oder falsch, gut oder böse, „du gehörst zu uns“ und „du nicht“, verliert seine Eindeutigkeit. Das macht das Leben nicht unbedingt einfacher, aber es ist gerade heute be-sonders wichtig, wo wir erleben, dass solches Sortieren bewusst eingesetzt wird, um Menschen gegen einander aufzuhetzen, um die eigene Macht zu stärken.
V
Am Ende steht das große „Umsonst“! „Umsonst habt Ihr‘s empfangen, umsonst gebt es auch!“ Wo Leben gedeiht, empfangen wir umsonst: Von unseren Eltern, von unseren Freundinnen und Freunden, in der Liebe. Am Anfang des Lebens und dann hoffentlich auch am Ende wird nicht gerechnet! Auf dieses „Umsonst“ sind wir angewiesen, wenn wir nicht für uns selbst sorgen können, aber im Grunde jeden Tag. Unser „umsonst“ gründet in dem großen „Umsonst“, mit dem Gott für uns sorgt. Das wir in den Momenten erleben, in denen wir glücklich sind, weil wir ein-fach geliebt, geschätzt, getragen sind.
Da ist die Logik des Tauschens überwunden. Da ist der Druck verschwunden, der sich aufbaut, wo gegeben wird, um zu empfangen. „Ihr habt Gottes Güte umsonst empfangen; nun gebt ihr es auch umsonst und achtet nicht auf Gold, Silber und Kupfer, auf Schuhe und Hemden in der Reise-tasche, sondern gebt, weil Gott genug gibt.“
Also brecht auf und lasst los! Der Verzicht, den Jesus seinen Freundinnen und Freunden zumu-tet, führt in die Freiheit und stärkt den Lebensmut. Ihr werdet neue Erfahrungen machen, die Euch durchs Leben tragen werden.
Die Ernte ist nicht knapp, sie wächst, wenn sie großzügig ausgeteilt wird. In Gottes gerechter neuer Welt ist genug da, für Euch und für die anderen.
