Liebe Gemeinde,
manchmal knurrt der Magen vor Hunger – und manchmal knurrt die Seele vor Anspannung und Sorgen. Jesus stillt den Hunger und macht die Seele leicht und froh. In der gesegneten Mahlzeit, zu der er uns einlädt, gehört beides zusammen.
Um Nahrung für Leib und Seele geht es am heutigen Sonntag. Und um Jesus, der zum Volk und zu uns sagt: „Ich bin das Brot des Lebens.“
Da sprach das Volk zu ihm: Was tust du für ein Zeichen, damit wir sehen und dir glauben? Was für ein Werk tust du? Unsere Väter haben in der Wüste das Manna gegessen, wie geschrieben steht: ‚Er gab ihnen Brot vom Himmel zu essen.‘
Da sprach Jesus zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Nicht Mose hat euch das Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel. Denn Gottes Brot ist das, das vom Himmel kommt und der Welt das Leben gibt.
Da sprachen sie zu ihm: Herr, gib uns allezeit solches Brot!
Jesus aber sprach zu ihnen: Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nie mehr dürsten.
I
Es war in der ersten Gemeinde, in der ich Pfarrer war. Wir waren ein Wochenende mit dem Besuchsdienstkreis unterwegs. Wir wollten gemeinsam überlegen: Was ist uns wichtig mit unseren Besuchen? Wohin schickt uns Jesus? Was erhoffen sich die Menschen in unserem Dorf von uns als Kirche?
Viele der Engagierten erzählten von Besuchen bei älteren Menschen. In der alten Dorfstraße standen damals vielleicht drei der 20, 25 Häusern leer, in fünf oder sechs wohnte nur noch eine einzelne Person. Der Besuchsdienst war immer willkommen. Manche der älteren Damen hatten nur wenig Geld; vielleicht hätten sie Anspruch auf Unterstützung vom Sozialamt gehabt, aber das wollten sie nicht. Es gab auch Familien im Ort, die es schwer hatten: oft waren es die Alleinerziehenden, manchmal hatten sie nur einen Aushilfsjob; und es gab Familien, die aus dem ehemaligen Jugoslawien geflohen waren, weil damals Krieg in Bosnien und Kroatien herrschte.
Wir haben an diesem Wochenende die Geschichte von der Speisung der 5000 miteinander gelesen, die wir vorhin in der Lesung gehört haben: So viele sind gekommen, um Jesus zu sehen und zu hören. Was kann geschehen, damit sie nun auch genug zu essen haben? Da teilt Jesus die fünf Brote und zwei Fische, die ein Kind dabeihat – und alle werden satt, ja es bleiben noch zwölf Körbe mit Brot übrig. Wie hat Jesus das gemacht? Wie ist so ein Teilen möglich?
Wir leben aus der Fülle, die Gott uns schenkt! Damit beginnt der Glaube! Deshalb brauchen wir uns nicht zu fürchten, dass es nicht reicht. Wir können teilen und erleben: die Liebe vermehrt sich und wächst, wenn wir sie teilen.
Am Ende des Wochenendes haben wir damals beschlossen: Einmal im Monat laden wir ein zu einem gemeinsamen Essen für alle, die nicht genug haben, egal ob sie gerade hungrig aus der Schule kommen oder alt sind, ob sie alleinerziehend sind oder keine Arbeit haben, oder als Flüchtlinge zu uns kommen.
„Gesegnete Mahlzeit“ haben wir das genannt. So etwas wie eine kleine Vesperkirche, wie es sie heute in vielen Städten im Januar, Februar gibt, für die diese kalten und dunklen Monate besonders schwer sind. Sie können sich dort tagsüber aufwärmen, sie können etwas essen, miteinander reden; manchmal ist auch eine Ärztin da oder ein Friseur. Gesegnete Mahlzeit!
II
Beim ersten Mal kamen noch nicht so viele – und die, die kamen, schauten etwas skeptisch. Wer will schon gerne auf andere angewiesen, hilfsbedürftig sein? Aber schnell sprach sich herum, dass das nett war – und niemand von oben herab behandelt wurde. Man konnte einfach so kommen, musste keinen Grund sagen, nicht erst um Eintritt bitten. Wer Lust hatte, war da; viele freuten sich endlich mal wieder gemeinsam essen zu können. Denn beim Brot des Lebens, das Gott uns gibt, ging und geht es ja um den ganzen Menschen, um seinen Leib und seine Seele.
Das ist schon in der Mannageschichte so, an die sich das Volk erinnert und deshalb Jesus fragt: Was für ein Werk tust du? Unsere Väter und Mütter haben in der Wüste das Manna gegessen, wie geschrieben steht: ‚Er gab ihnen Brot vom Himmel zu essen.‘ Sie waren auf der Flucht und Gott hatte für sie gesorgt. Jeden Tag bekamen sie genug; jede Person, jede Familie so viel sie brauchte. Allerdings: wenn man zu viel sammelte, gammelte das zu viel Gesammelte – immer wenn ich diese Geschichte im zweiten Buch Mose lese, rieche auch diesen leicht gammligen Geruch.
Aber klar war auch, es geht um mehr als einen vollen Bauch. Denn am Tag vor dem Sabbat, an dem jüdische Menschen nicht arbeiten sollen und sich nicht um Brot und Geld kümmern sollen, so wie wir am Sonntag, an diesem Tag vor dem Sabbat konnte man die doppelte Menge sammeln – und das mehr Gesammelte wurde nicht schlecht, gammelte nicht. Weil der Menschen nicht nur vom Brot lebt, sondern eben auch von dem Wort Gottes, der Ruhe und vor allem dem Vertrauen, das Gott ihm schenkt.
Das Brot des Lebens nährt Leib und Seele! Das haben wir bei der gesegneten Mahlzeit schnell gemerkt. Mindestens so wichtig wie ein Essen, das schmeckte, war das Zusammensitzen, ein bisschen reden, eine, die sich für mich interessierte, einer, der sich mal dazu setzt. Beim zweiten, dritten Mal fragten manche der Älteren schon nach Spielen oder brachten sie selbst mit. Und manchmal wollten sie auch nach dem Kaffee gar nicht gehen und die Engagierten mussten schauen, wie sie ein Ende fanden.
Ich habe damals gut verstanden, was Jesus mit dem Brot des Lebens meint. Alle werden satt, niemand muss sich schämen, weil er oder sie zu wenig Geld hat oder einsam ist. Wir sind füreinander da, wir werden einander zur Freude, wir ermutigen einander.
Es gab viele schöne Szenen, wenn etwa Schulkinder kamen und sich von einem älteren Herrn bei den Schulaufgaben helfen ließen. Oder statt Schulaufgaben zu machen, sich spannende Geschichten anhörten, wie es „damals“ war. Viele haben auch immer mal die Seite gewechselt und gesagt: ich komme sehr gerne und esse mit, aber ich kann auch mal helfen, mal Tisch decken, spülen, mal einen Kuchen mitbringen – oder meine Blockflöte. Und wir singen etwas.
Das Brot des Lebens sättigt den Leib, es stärkt die Seele und es verbindet uns, manchmal ganz unerwartet auch mit Menschen, die wir sonst eher schief anschauen, die im Dorf schon einen bestimmten Ruf haben. Und trotzdem gehören wir vor Gott und durch Jesus Christus zusammen; trotzdem speist Gott uns gemeinsam mit dem Brot des Lebens und wünscht uns eine gesegnete Mahlzeit.
III
Es kamen viele Ältere zur gesegneten Mahlzeit. Immer wieder mussten wir auch Abschied nehmen; dann fehlte jemand im Kreis der gesegneten Mahlzeit. Manchmal beschäftigte uns auch der Abschied von Menschen, die noch jung waren: Angehörige, Bekannte, Freundinnen und Freunde.
Das Brot des Lebens trägt uns auch über den Tod hinaus: Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nie mehr dürsten. Das ist die Zusage von Jesus, der uns zuruft: Ich lebe und ihr sollt auch leben. Sie ist der Kern unseres Glaubens, dass Gott den Tod überwunden hat.
Das ist schwer zu glauben, wenn wir alt sind oder krank. Aber vielleicht noch schwerer, wenn wir so richtig in Saft und Kraft stehen; wenn wir doch alles schaffen und steuern und machen können. Aber das Brot des Lebens ist nicht nur eine Kraft, die uns Leib und Seele nährt, uns durchs Leben trägt und uns mit anderen verbindet. Das Brot des Lebens ist auch Wegzehrung über den Tod, himmlische Speise für den Weg in Gottes Reich.
Wir lesen in den Zeitungen zurzeit wieder viel, dass die Zahl der Kirchenmitglieder sinkt und wie bedrohlich, das für die Kirchen ist. Ja, das ist eine Herausforderung, weil wir ja unsere schönen Kirchen erhalten wollen, weil wir weiterhin gut ausgebildete Pfarrerinnen und Jugendarbeiter und Kirchenmusikerinnen … brauchen, um Menschen in ihrem Glauben zu stärken; weil wir Menschen im Unterricht bilden und in Not diakonisch begleiten wollen. Die größere Sorge ist mir aber, dass die Menschen nicht nur den Kontakt zur Kirche, sondern auch zum Brot des Lebens verlieren, zu dem, was sie im Leben und im Sterben trägt.
Das ist die eigentliche Herausforderung für uns als Gemeinden: Dieses Brot des Lebens immer wieder neu auszuteilen, großzügig und mit weitem Herzen, so wie in der gesegneten Mahlzeit. Damit Menschen Gottvertrauen und Lebensmut bekommen und füreinander Verantwortung übernehmen. Dass die Menschen in ihrem alltäglichen Leben erfahren, wie gut es ist, vom Brot des Lebens zu essen, dass Christus uns reicht: Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nie mehr dürsten.
