Aufbruch im Gottvertrauen

Aufbruch im Gottvertrauen - Predigt zur Ordination über Markus 3, 20-21. 31-35 in der Stadtkirche in Karlsruhe am 15. September 2019

„Und er ging in ein Haus. Und da kam das Volk abermals zusammen, so dass sie nicht einmal essen konnten. Und als es die Seinen hörten, machten sie sich auf und wollten ihn ergreifen; denn sie sprachen: er ist von Sinnen.

Und es kamen seine Mutter und seine Brüder und standen draußen, schickten zu ihm und ließen ihn rufen. Und das Volk saß um ihn. Und sie sprachen zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder und deine Schwestern draußen fragen nach dir. Und er antwortete ihnen und sprach: Wer ist meine Mutter und meine Brüder? Und er sah ringsum auf die, die um ihn im Kreise saßen, und sprach: Siehe das ist meine Mutter und das sind meine Brüder! Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.“

Liebe Festgemeinde, liebe Familien derjenigen, die wir heute ordinieren, vor allem: liebe Ordinandinnen und Ordinanden!

Wir freuen uns auf Sie! Unsere Kirche und die Gemeinden warten auf Sie! Wir wünschen Ihnen, dass das Haus, die Kirche bei Ihnen oft so voll sein wird, wie das hier in der Geschichte über Jesus, seine Mutter und seine Geschwister erzählt wird. Nicht mal essen konnte man in dem Haus noch. Dicht an dicht standen oder saßen die Menschen. Was und wie muss eine Pfarrerin, ein Pfarrer predigen, damit so viele kommen und gespannt sind?

I

Wenn ich das Markusevangelium bis zu der Stelle lesen, die heute Predigttext ist, dann sind vier Dinge wichtig:

  1. Mit Überzeugungskraft oder wie die Bibel sagt: mit Vollmacht zu reden.
  2. In der Freiheit eines Christenmenschen keine Angst zu haben vor den Menschen und auch nicht vor ihren Nöten.
  3. Andere Menschen frei zu sprechen und ihnen Mut zu machen, ihre Freiheit verantwortlich zu leben und schließlich
  4. ein offenes und zugleich verbindliches Miteinander der Menschen zu suchen und zu gestalten.

Wenn Menschen so predigen und handeln, das spricht sich herum. Das lockt andere an und macht sie neugierig: „Könnte da was dran sein?“ Und bei denen, die von Krankheit, Armut oder Sorgen geplagt sind (Mk. 3, 10), wächst die Hoffnung, wenn sie davon hören.

II

Es ist klar, Sie werden zum pastoralen Dienst ordiniert; sie werden nicht in einen zweiten Jesus verwandelt. Und es ist gut, wenn wir als Pfarrerinnen und Pfarrer fest im Kopf haben, dass es in der Bibel manchmal sinngemäß über unseren pastoralen Dienst heißt: „Aber sie vermochten es nicht.“

Aber ich lese den Text heute vor allem als Ermutigung, sich zu zeigen. Mit der Ordination wird Ihnen etwas zugetraut. Ihnen als Person, mit Ihrer Ausbildung, mit Ihrer Geschichte und Herkunft, mit Ihren speziellen Interessen, auch mit Ihren Grenzen. Ihnen wird zugetraut: aufrecht da zu stehen und einzutreten für den Glauben. Nicht so vollmundig, laut oder besserwisserisch, dass die anderen denken, der hört ja gar nicht zu, die interessiert sich nicht für uns und unsere Welt, sondern ist mit ihrem Jesus ganz zufrieden; sondern so, dass in allem, was Sie sagen und tun, Ihr Gottvertrauen durchscheint und trotzdem Platz ist für die Fragen und Zweifel der anderen und für Ihre eigenen.

III

So stelle ich mir die Situation in diesem Haus vor: Jesus steht da – und alle um ihn herum wollen ihn hören, vielleicht auch etwas fragen; sie wollen seine Geisteskraft spüren. Dabei sieht jede und jeder in ihm das, was er oder sie gerade braucht und sucht:

  • den treuen Wegbegleiter, der alles wieder so macht, wie es früher mal war;
  • den mitreißenden jungen Mann, der endlich wieder Schwung ins müde Leben bringt;
  • den politischen Kopf, der sich gegen Ungerechtigkeit wehrt und Frieden stiftet;
  • den Wundermann, der gesund macht, stärkt, tröstet und ermutigt.

Sie spüren seine Vollmacht. Aber Vollmacht heißt nicht, alle Erwartungen zu erfüllen. Vollmacht gründet nicht darin, es allen recht zu machen und niemandem weh zu tun. Vollmacht baut auch nicht auf Ihrer Kompetenz und Macht auf, sondern darauf, dass die Menschen Ihnen abspüren: Sie glauben, dass Sie selbst von Gott getragen sind; sie vertrauen darauf, dass Gottes Geist bei Ihnen ist, sie auch in schweren Zeiten nicht verlässt. Sie trauen der Kraft Gottes viel zu; sie kann die Welt verändern und neu machen. Wo wir geschlossene Türen sehen, entdeckt Jesus einen Spalt in die Freiheit und lockt uns hinter sich her in ein offenes und weites Land. Wo wir einander in Gut und Böse sortieren, sieht er in jedem und jeder von uns ein Kind Gottes – und lädt uns ein, miteinander zu essen, zu beten und zu feiern. Wo wir im Anderen den Feind sehen, zeigt Jesus uns die Schwester und den Bruder und öffnet uns Wege der Versöhnung und des Friedens.

Ihre Vollmacht gründet nicht in ihrer eigenen Kompetenz oder Macht, sondern in Ihrer Beziehung zu Christus. Er schenkt Ihnen die Freiheit, die Ansprüche der anderen zu sortieren und in der Vielfalt der Aufgaben Ja und Nein, weil nicht alles geht. Er traut Ihnen zu, Ihren eigenen Gaubensweg zu gehen. An ihm können Sie sich vergewissern: Ich bin auf seinen Namen getauft! Ich bin in seinem Geist ordiniert!

IV

Vollmacht, in Christus ruhen, sich tragen lassen, das ist das eine. Das andere sind die Offenheit und die Furchtlosigkeit. „Fürchte dich nicht, ich habe dich befreit.“ Im Haus sind viele versammelt. Sie sind verschieden: selbstbewusst und stark die einen, die anderen niedergeschlagen oder mit Einschränkungen; gebildeter, bodenständig, ängstlicher oder immer vorne dran.

Sie fühlen sich angezogen von Jesus, selbst wenn sie sich über ihn ärgern. Sie spüren: Die Türen sind offen. Der lässt mich rein, auch wenn ich wenig zu bieten habe. Der lässt sich bewegen, mit mir zu reden, auch wenn ich eigentlich nicht dazu gehöre. Der hat keine Angst, dass meine Not ihn überwältigt; der muss mich nicht wegschicken, weil er keine Angst hat sich anzustecken. Der traut sich die Mächtigen und die Reichen zur Umkehr zu rufen; wer soll es denn sonst tun?

V

Wenn einer so anders redet, handelt und lebt: Ist da nicht klar, dass seine Familie denkt, der spinnt? Wir wollen ihn lieber zurückholen, bevor ihn sein Schwung und seine Begeisterung, sein grenzenloses Gottvertrauen ins Elend stürzt.

Vielleicht haben ja manche in Ihren Familien auch ein bisschen skeptisch geschaut: Was, Theologie willst Du studieren? Pfarrerin, Pfarrer werden? Glaubst Du das denn? Willst Du wirklich so leben, so anders? Wo so viele gerade in Deinem Alter austreten?

VI

Sie werden heute ordiniert, mit dem Dienst der öffentlichen Wortverkündigung und der regelmäßigen, heilsamen Feier der Sakramente beauftragt. Sie unterscheiden sich dadurch nicht grundsätzlich von allen anderen, die getauft sind. Das hat die reformatorische Bewegung immer wieder betont. Alle Getauften sind Priester und geben in ihrem Lebensbereich, in ihrem Beruf, ihrer Familie Rechenschaft von der Hoffnung, die in ihnen ist.

Aber Sie übernehmen ein besonderes Amt. Sie stehen öffentlich dafür ein, dass der Geist, der dieses volle Haus prägt, der Eifer, die Kraft und die Vollmacht, die die Menschen bei Jesus spüren, nicht verschwinden. Dass von der Furchtlosigkeit dieses Jesus laut und deutlich geredet wird, mit der er zu den Kranken geht und zu den Fremden, mit der er versöhnt und neue Wege des Miteinanders findet. Sie tragen öffentlich und verlässlich dafür ein, dass sich die Menschenfreundlichkeit Gottes in unserer Welt ausbreitet und sie verwandelt.

Sie treten mit denen, die in den Gemeinden mit Ihnen gemeinsam Verantwortung tragen, dafür ein, dass Menschen erleben, was Gottvertrauen möglich macht: Wir wollen als Gemeinden und als Kirche da sein, wenn Menschen an ihre Grenzen kommen, wenn sie nicht (mehr) für sich sorgen können. Wir wollen dahingehen, wo andere wegschauen. Wir wollen der Angst ein Schnippchen schlagen, mit Freiheit und Mut und Humor; dazwischentreten, wo Konflikte unlösbar geworden zu sein scheinen.

VII

„Wer ist meine Familie?“ Manche Predigten lesen die Frage Jesu gegen seine Herkunftsfamilie, wie eine Abwertung. Das höre ich nicht! Ich höre eine Öffnung und eine Weitung. Jesus wendet unseren Blick von sich weg auf die Menschen um uns herum. Er will nicht allein sein, sondern mit uns den Willen Gottes tun. Schaut euch um, dann entdeckt ihr viele Geschwister! Das Volk Gottes ist größer als unsere Freundschaften und unsere Vorstellungen, wie Kultur, Kirchenmusik, Jugendarbeit oder Gemeinde auszusehen haben.

Jesus redet in einem offenen Haus, als Gast im Haus anderer Menschen! Und manchmal stehen wir, die dachten, wir gehören doch mitten hinein, draußen davor und staunen und freuen uns hoffentlich, wie voll es innen ist.

Die Taufe ordnet neu zu, so hat es das wohl älteste Taufbekenntnis im Galaterbrief überliefert. Unsere sozialen, kulturellen, religiösen, politischen, selbst unsere biologisch-familiären Eindeutigkeiten und Grenzziehungen verlieren an Gewicht und Bedeutung. Sie gehören zu uns dazu; wir können nicht aus unserer Haut. Aber sie sind nicht mehr entscheidend für unser Leben; entscheidend ist unsere Verbindung mit Christus: „Da ist nicht Jude noch Grieche, nicht Sklave noch Freier, nicht Mann noch Frau – ihr seid alle eins in Christus.“ (Gal. 3, 28)

VIII

Sie machen sich auf den Weg in einen besonderen Beruf. Sie sind dabei nicht allein. Ihre Familien, Kolleginnen und Kollegen, die Menschen in den Gemeinden begleiten Sie; Ihre Lieblingsmusik, Ihre Hobbys, all das geht hoffentlich auch weiter mit Ihnen. Ohne das wäre die Arbeit nicht zu schaffen.

Aber die Bindung an Christus weist Sie zugleich über all das und über die hinaus, die Ihnen nahe sind, in eine neue Geschwisterlichkeit, in der sie einen Vorgeschmack bekommen von der neuen Wirklichkeit in Christus. Sie werden entdecken: Manchmal sagt eine Ihnen ein Wort, das Sie aufrichtet und Ihnen den richtigen Weg weist, von der Sie das nie erwartet hätten. Manchmal tut ein Mensch Gottes Willen, den Sie bisher eigentlich lieber nicht als Mutter, Bruder oder Schwester betrachtet hatten, mit dem Sie eher nichts zu tun haben wollten.

Im Johannesevangelium steht die Mutter Maria am Ende unterm Kreuz ihres Sohnes. Bei ihr steht keiner der Brüder Jesu, obwohl die später in der ersten jüdisch-christlichen Gemeinde eine wichtige Rolle spielen. Bei ihr steht Johannes, kein Verwandter, sondern der Jünger, den Jesus liebhat. Jesus verbindet beide in einer neuen Gemeinschaft: „Frau, siehe, das ist dein Sohn!“ Und zu dem Jünger: „Siehe, das ist deine Mutter!“

Ich wünsche Ihnen für Ihren Weg Freiheit und Mut, Offenheit und den Beistand vieler Menschen und in und mit und unter allem Gottes Segen. Wir freuen uns auf Sie!