Und er ging in ein Haus. Und da kam das Volk abermals zusammen, so dass sie nicht einmal essen konnten. Und als es die Seinen hörten, machten sie sich auf und wollten ihn ergreifen; denn sie sprachen: „Er ist von Sinnen.“ …
Und es kamen seine Mutter und seine Brüder und standen draußen, schickten zu ihm und ließen ihn rufen. Und das Volk saß um ihn. Und sie sprachen zu ihm: „Siehe, deine Mutter und deine Brüder und deine Schwestern draußen fragen nach dir.“ Und er antwortete ihnen und sprach: „Wer ist meine Mutter und meine Brüder?“ Und er sah ringsum auf die, die um ihn im Kreise saßen, und sprach: „Siehe das ist meine Mutter und das sind meine Brüder! Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.“
Liebe Gemeinde,
das Haus ist voll! Wie an Weihnachten! Und plötzlich stehen die, die eigentlich immer da sind und doch zum engsten Kreis gehören, draußen und finden keinen Platz.
Aber das Haus ist voll! Ist das nicht wunderbar?! Denn Jesus erreicht die Menschen und hat ihnen etwas zu sagen: Eine neue Zeit beginnt. Die Furcht hat ein Ende. Menschen werden frei. Blinde sehen. Lahme gehen. Arme schöpfen Hoffnung.
Und Jesus redet nicht nur davon: All das geschieht! Deshalb kommen sie von überall her, um ihn zu sehen, zu hören, zu berühren.
I
So stelle ich mir die Situation in diesem Haus vor: Jesus steht da – und alle sitzen um ihn herum. Sie wollen ihn hören, vielleicht etwas fragen; sie wollen seine Geisteskraft spüren.
Dabei sieht jede und jeder in ihm das, was er oder sie gerade braucht und sucht:
- den treuen Wegbegleiter, der alles wieder so macht, wie es früher einmal war;
- den mitreißenden jungen Mann, der endlich Schwung in das müde Leben bringt;
- den politischen Kopf, der sich gegen Ungerechtigkeit wehrt und Frieden bringt;
- den Wunderheiler, der gesund macht, stärkt, tröstet und ermutigt.
Im Haus spüren sie seine Vollmacht.
Aber Vollmacht heißt nicht: Alle Wünsche zu erfüllen. Vollmacht gründet nicht darin, anderen alles recht zu machen und niemandem weh zu tun. Vollmacht gründet auch nicht in der eigenen Macht.
Wie Johannes von sich weg auf Jesus zeigt, so verweist Jesus selbst auf Gott: „Die Zeit ist erfüllt und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“
Vollmacht lebt aus der Erfahrung, selbst getragen zu sein. Die Menschen spüren, hier vertraut einer auf Gott. Weiß sich geborgen. Traut selbst der Kraft Gottes zu, die Welt zu verändern, sie neu zu machen. Wo wir geschlossene Türen sehen, entdeckt er den Spalt in die Freiheit und lockt uns hinter sich her in ein offenes und weites Land. Wo wir einander in Gut und Böse sortieren, sieht er in jedem und jeder von uns ein Kind Gottes – und lädt uns ein, miteinander zu essen, zu beten und zu feiern. Wo wir im Anderen den Feind sehen, zeigt er uns die Schwester und den Bruder und öffnet uns Wege der Versöhnung und des Friedens.
II
Viele sind im Haus versammelt. Sie sind verschieden: stärker oder schwächer, älter oder jünger, gesünder oder eingeschränkt, ängstlich, traurig oder voller Schwung. Sie fühlen sich alle angezogen von Jesus, selbst wenn sie skeptisch sind oder sich über ihn ärgern.
Sie spüren: Die Türen sind offen. Der lässt mich rein, auch wenn ich wenig zu bieten habe. Der lässt sich bewegen, mit mir zu reden, auch wenn ich eigentlich nicht dazu gehöre. Der interessiert sich für mich. Der hat keine Angst sich anzustecken. Der traut sich sogar zu denen zu gehen, die auf Kosten anderer reich oder durch Unrecht mächtig geworden sind. Wer soll sie sonst zur Umkehr zu rufen?
Das Haus ist voll. Die Menschen im Haus sind verschieden. Aber sie sind alle fasziniert. Sie spüren die Kraft und die Vollmacht, die von Jesus ausgeht. Sie erleben, dass sich mit diesem Menschen etwas verändert, dass eine neue Zeit beginnt.
III
Aber wie weit kann einer das treiben? So anders reden und leben!? Sich nicht gefangen nehmen lassen vom Kampf um die besten Plätze? Statt sich von „denen da“ abzugrenzen, auf sie zuzugehen und mit ihnen zu essen und zu teilen? Nicht zuerst an sich denken, sondern an Gottes Reich?
Es ist verständlich, dass seine Familie denkt: Er ist von Sinnen; der spinnt! Wir wollen ihn lieber zurückholen, bevor ihn sein Schwung und seine Begeisterung, sein grenzenloses Gottvertrauen ins Elend stürzt. Das geht uns heute auch noch so, wenn eine ihren Weg zu radikal geht, wenn einer zu fanatisch wird: Glaubst du das wirklich? Schau dich doch um, wie es die Anderen machen. Denk doch auch an dich - und an uns!
IV
Bisher haben alle auf Jesus geschaut. Er ist der Star in der Mitte, der die Szene dominiert. Was für ein unvergessliches Event! Jetzt, mit der Mutter und den Geschwistern kommen die anderen und die Realität ins Spiel.
Stellen Sie sich vor: Ein spannendes Theaterstück. Alle schauen gebannt nach vorne zur Bühne auf den großen Auftritt. Da kommt plötzlich einer in den Raum und sagt: „Siehe, deine Mutter und deine Geschwister draußen fragen nach dir!“
Es wird still. Was wird jetzt geschehen? Was wird Jesus tun? „Wer ist meine Familie?“ fragt er – und schaut sich um. Er schaut die an, die um ihn im Kreis sitzen und zeigt auf sie: „Siehe das ist meine Mutter und das sind meine Brüder! Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.“
Manche Predigten lesen diese Worte von Jesus so, als seien sie gegen seine Herkunftsfamilie gerichtet, als würde er seine Mutter und seine Geschwister dadurch abwerten. Ich höre eher eine Öffnung und eine Weitung: Die, die sich draußen vor der Tür um ihn sorgen, gehören zu ihm. Sie spielen in seinem Leben und später in der ersten Gemeinde eine große Rolle. Aber es sind viel mehr, die zu ihm gehören: Alle, die Gottes Willen tun! Wir sind gefragt!
V
Auf einmal schauen nicht mehr alle nach vorne auf den großen Prediger und Wundertäter, auf den sie alle Wünsche und Hoffnungen projizieren können. Auf einmal bin ich im Blick und meine Nachbarin und mein Nachbar. Auf einmal sind wir kein Publikum mehr, das zuschaut und sich an dem Jesus freut, den sie oder er gerade braucht.
Auf einmal sind wir gefragt! Wir als Teil der Gemeinschaft, die miteinander Gottes Willen tun und deshalb zu Christus gehören, wie in einer Familie, wie Mutter und Geschwister. In dieser Gemeinschaft verlieren die sozialen, kulturellen, politischen, religiösen, selbst unsere biologisch-familiären Eindeutigkeiten und Grenzziehungen an Gewicht und Bedeutung. Sie gehören zu uns dazu: unsere Hautfarbe, unsere Bildung, unsere geschlechtliche Identität, unser sozialer Status. Wir können nicht aus unserer Haut. Aber all das ist nicht mehr entscheidend für unser Leben; entscheidend ist unsere Verbindung mit Christus: „Da ist nicht Jude noch Grieche, nicht Sklave noch Freier, nicht Mann noch Frau – ihr seid alle eins in Christus.“ (Gal. 3, 28)
VI
Das Haus ist voll! In ihm entsteht eine neue Gemeinschaft, die zu Jesus gehört und mit ihm aufbricht, um Gottes Willen zu tun. Was heißt das: Gottes Willen tun? Später beantwortet Jesus diese Frage mit dem Doppelgebot der Liebe: Du sollst Gott lieben und deinen Nächsten wie dich selbst!
Dabei ist jede Person wichtig; jeder Mensch hat etwas beizutragen, damit der Wille Gottes in unserer Welt eine deutlich sichtbare Gestalt gewinnt. Wenn einer nicht mitmacht, wenn eine ihre Gaben nicht nutzt, dann fehlt dem Ganzen etwas. Wir brauchen einander; auch die, die uns fremd sind.
Gottes Willen tun, das sind manchmal kleine Schritte: Die eine klingelt regelmäßig bei der Nachbarin, nach der sonst niemand schaut. Der andere geht zu denen, über die die meisten nur hinter vorgehaltener Hand reden. Manchmal muss man einfach zupacken wie der barmherzige Samariter, ohne lange zu überlegen, weil da einer ist, der Hilfe braucht. So wie in diesen Zeiten in der Seenotrettung: Wir können nicht wegschauen. Wir müssen jetzt etwas tun: helfen! Bis die politisch Verantwortlichen in den europäischen Staaten dann hoffentlich endlich eine gute, vernünftige Lösung gefunden haben. Bei vielen Fragen sind Geduld und langer Atem und Nachdenklichkeit gefragt. Da wo große politische Entscheidungen und Veränderungen anstehen: beim Thema Klimagerechtigkeit etwa. Am kommenden Freitag werden weltweit Menschen dafür auf die Straße gehen, ihre Arbeit unterbrechen, beten, singen und diskutieren; hoffentlich ihren Lebensstil und ihre Gewohnheiten verändern und Gesetze beschließen, die den CO2 Ausstoß vermindern, die Klimaerwärmung spürbar verlangsamen. Damit diese Erde und die Generationen nach uns eine lebenswerte Zukunft haben und die Ehrfurcht vor dem Leben wächst.
VII
Wir gehören zu Jesus Christus. Und versuchen mit ihm und miteinander gemeinsam den Willen Gottes zu tun: Menschen Mut machen, ihre Gaben im Miteinander zu nutzen. Hinschauen und zupacken, wo Hilfe nötig ist. Einstehen für die, die nicht für sich selbst sorgen können. Hoffnung stiften, da wo Menschen nichts mehr erwarten. Menschen freisprechen, die in Ansprüchen, Schuld und Sorgen gefangen sind. So breitet sich die neue Zeit aus, die mit Jesus in dem vollen Haus begonnen hat. So werden wir Geschwister Christi, die Gottes Willen tun.
