Liebe Festgemeinde,
ich gratuliere Ihnen herzlich zu diesem Jubiläum: 200 Jahre Evangelische Christuskirche Mörtelstein! Die alte Kapelle mit den wunderschönen Fresken zum Leben Jesu aus dem Mittelalter war schon lange zu klein; dann vor zweihundert Jahren bot auch die vor 500 Jahren angebaute Kirche nicht mehr genügend Platz für die gewachsene Gemeinde. So entschlossen sich Ihre Vorfahren diese schöne Kirche zu bauen, die seitdem Ihre geistliche Heimat ist.
Ein heller, sorgfältig und mit Liebe gepflegter und geschmückter Raum, um zusammen zu kommen zum Singen und Beten und Feiern; um getröstet zu werden und zu trösten; um neuen Mut und Kraft für die Wege des Alltags zu schöpfen; um sich als Gemeinde und Dorfgemeinschaft zu versammeln; um Gott zu begegnen! Um im Bild des Schiffes bleiben: ein Heimathafen, in den Sie mit Ihrer Freude, mit Ihren Fragen und Sorgen, auch mit Ihrem Schrecken, mit all der Lebendigkeit, die Ihr und Sie uns eben schon so eindrücklich vorgestellt haben, einlaufen können, um sich stärken zu lassen und Kraft zu bekommen für die nächste (Aus-) Fahrt.
Als Jubiläumsgruß habe ich Ihnen eine Geschichte mitgebracht. Eine Geschichte über einen kleinen Ort, wahrscheinlich damals noch kleiner als Mörtelstein; aber gerade dort öffnet sich der Himmel und Gott zeigt sich und verbindet sich mit uns.
Ich lese aus dem 1. Buch Mose im 28. Kapitel:
10 Aber Jakob zog aus von Beerscheba und machte sich auf den Weg nach Haran 11 und kam an eine Stätte, da blieb er über Nacht, denn die Sonne war untergegangen. Und er nahm einen Stein von der Stätte und legte ihn zu seinen Häupten und legte sich an der Stätte schlafen.
12 Und ihm träumte, und siehe, eine Leiter stand auf Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel, und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder. 13 Und der Herr stand oben darauf und sprach: Ich bin der Herr, der Gott deines Vaters Abraham, und Isaaks Gott; das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben. 14 Und dein Geschlecht soll werden wie der Staub auf Erden, und du sollst ausgebreitet werden gegen Westen und Osten, Norden und Süden, und durch dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden. 15 Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe.
16 Als nun Jakob von seinem Schlaf aufwachte, sprach er: Fürwahr, der Herr ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht! 17 Und er fürchtete sich und sprach: Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels. 18 Und Jakob stand früh am Morgen auf und nahm den Stein, den er zu seinen Häupten gelegt hatte, und richtete ihn auf zu einem Steinmal und goss Öl oben darauf 19 und nannte die Stätte Bethel.
I
Jakob träumt. Der Himmel ist offen. Die Engel Gottes steigen auf einer Leiter auf und nieder. „Fürwahr, Gott ist an dieser Stelle!“ Ein besonderer, ein heiliger Ort. Jakob kennzeichnet ihn mit einem Stein.
Darum bauen, pflegen und unterhalten wir Kirchen. Weil sich hier Gottes Gegenwart verdichtet; nicht so, dass wir da festhalten, dass Gott nicht auch in unseren Häusern und Büros und Schulen und Fabriken, in unseren Wäldern und auf unseren Wegen wäre. Aber doch so, dass wir hier in ganz besonderer Weise spüren: „Gott ist gegenwärtig!“ Gott ist für uns da. „Hier ist nichts anderes als Gottes Haus; hier ist die Pforte des Himmels!“
Diese Mauern, die Bänke, die Fenster, die Bilder, der Altar, in all dem stecken persönliche Erfahrungen und Erlebnisse. Wer von Ihnen ist hier getauft, konfirmiert oder getraut worden? Haben Sie einen Lieblingsplatz? Erinnern Sie sich noch, wofür Sie in dieser Kirche gedankt haben? (Dass der Ehemann damals gut aus dem Krieg zurückgekommen ist?) Dass sie verschont geblieben sind bei einem Unfall? Dass ihr Sohn, die Enkelin gesund geboren wurde? Oder fallen ihnen eher die Trauer und die Klagen ein, die sie hier vor Gott gebracht haben? Die Menschen, für die Sie gebetet haben? Oder Ihre Zweifel: Warum mutest du uns das zu, Gott?
Mindestens so wichtig wie die Mauern sind die lebendigen Steine, Ihre Gemeinschaft. Wir haben es ja eben gehört und staunen über die vielen Karten: So viel Kirchenmusik: Wer singt, betet doppelt, stärkt sich selbst und zugleich diejenigen, die mit ihm oder ihr singen; oder gerade in ihrer Trauer nicht singen können, aber erleben, wie sie der Gesang der anderen mit-trägt. Viele Gesichter hat eine lebendige Gemeinde; manchmal bewährt sich unser Glaube auch in ganz Alltäglichem: Wer zupacken kann, schleppt Bänke und Tische fürs Gemeindefest oder mäht der 88jährigen Nachbarin den Rasen oder kauft für sie ein.
Seit 200 Jahren bringt diese Kirche zum Ausdruck, was uns trägt und worauf wir uns ausrichten. Bei Hochzeiten oder Taufen danken wir für den Segen Gottes, der unser Herz überfließen lässt vor Freude und uns etwas schenkt, was wir nie gedacht hätten, dass wir es erleben würden. Aber auch wenn wir das Gefühl haben: Wir sind nur noch von Sorgen getrieben, ohne Kraft, wie leer, wir verlieren unseren Kern; hier können wir innehalten und spüren: „Gott ist gegenwärtig!“ All das ist uns mit unseren Kirchen geschenkt, damit wir im Glauben wachsen und uns gegenseitig stärken.
Egal, in welches Haus wir nachher zurückgehen, egal, wo unser Lebensschiff uns hinbringt, wo wir arbeiten oder zur Schule gehen: Gott ist da; Gott ist für uns da! Diese Erfahrung verdichtet sich in diesem Gotteshaus: Wir beten und singen gemeinsam, Alt und Jung, Frau und Mann, Zugereiste und Alteingesessene. Wir teilen miteinander Brot und Wein, also das, was Menschen unbedingt zum Leben brauchen, und auch das, was ihr Herz erfreut. Wir hören gemeinsam auf Gottes Wort. Wir richten uns aus auf Christus und auf den neuen Himmel und die neue Erde, die er uns verheißen hat: „Siehe, ich mache alles neu!“ Und: „Ich lebe und ihr sollt auch leben!“ Nachher kann das Schiff wieder in See stechen, mit neuer Kraft voraus, mutig und frei.
II
Jakob ist kein Heiliger, kein Sonntagskind. Er hat seinen Vater betrogen: seine Blindheit ausgenutzt, sein altes Gehör getäuscht, seinen Geruchssinn überlistet, indem er sich eingerieben hat. Er hat selbst sein Gefühl getäuscht, in dem er sich Felle angezogen hat, seinen Geschmack betrogen, in dem er die Mutter ein Wildbret vorbereiten ließ. So gelingt es ihm, den Segen der Erstgeburt zu erschleichen und seinen Bruder Esau zu übervorteilen. Aber es ist auch klar: das war Unrecht! Deshalb muss er jetzt um sein Leben fürchten und fliehen, hinaus in die Wüste, in die Einsamkeit, ausgestoßen, verfolgt, schuldig. Was wird Gott zu all dem sagen?
Nach unseren Vorstellungen müsste Gott ihn bestrafen. Oder ihn vielleicht zurückschicken, damit er sich mit Esau aussöhnt. Stattdessen träumt Jakob und erlebt, dass Gott ihm eine großartige Zusage macht: „Ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst.“ Gott verspricht Jakob Nachkommen und Land und Glück. Vor allem aber: „Ich will dich nicht verlassen!“
Für Jakob war das unerwartet. Aber es führt uns mitten hinein in unseren Glauben, in das, was Gott ausmacht. Gott will das Leben, will Versöhnung. Gott vergibt! Dafür steht das Kreuz. Dafür ist Jesus seinen Weg bis in den Tod gegangen; damit wir nicht in unserer Bosheit gefangen bleiben, dass wir miteinander Wege finden, auch wenn wir uns nicht leiden können; dass wir aus der Vergebung leben können. In diesem Kreuz, in Christus erleben wir, dass Gott anders ist, als alles, was wir über ihn denken und sagen.
Deshalb ist es gut, dass die Kirche auch anders ist als unsere normalen Häuser. Wie bei Jakob: sie ist immer auch ein Stein des Anstoßes, erhaben, ein heiliger Ort; auf einmal werden alle still, wenn sie eintreten. Ein Gebäude, das mitten im Ort steht und doch einen anderen Akzent setzt und uns damit herausfordert: Es zieht uns nach oben, so wie ihr hoch aufragender Turm, zu Gott; aber es eröffnet auch in der Horizontalen neue Perspektiven, auf die Menschen, die Gott uns anvertraut und manchmal auch zumutet. In diesem Haus, auf diesem Schiff gelten andere Regeln als sonst: Wenn „alle“ im Ort einen Bogen um bestimmte Menschen machen – hier sind alle geladen und gerufen. Wenn sonst die Macht zählt oder das Geld: hier kommen auch Schwache zu ihrem Recht; hier sorgen wir füreinander, gerade auch für die nicht so gut für sich sorgen können. Hier werden Menschen nicht auf die Bilder festgelegt, die wir uns von ihnen machen, denn Gott schaut sie mit anderen, mit liebevollen Augen an – und dieser Blick ist entscheidend. Es ist nicht leicht, dass Gott mich zu meinem Nachbarn schickt, mit dem ich schon so lange zerstritten bin. Aber Christus will versöhnen und verbinden. Gott sagt Jakob und mir und dir und auch denen, die mir fremd sind: „Fürchte dich nicht, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du gehörst zu mir!“ Gottes gütiger Blick verbindet uns; diese Güte bestimmt das Leben im Schiff, das sich Gemeinde nennt.
III
Auf dem Meer sind viele Schiffe unterwegs. Sie sind dazu da, Menschen und Orte zu verbinden. Sie wissen das seit langem, liebe Gemeinde; zu Ihrer Gemeinde gehören zwei weitere Orte. Früher mussten die Konfirmandinnen und Konfirmanden tatsächlich mit einem „Nachen“ über den Neckar übersetzen nach Binau, um dort am Konfirmationsunterricht teilzunehmen; da war klar, wie ein Schiff uns als Gemeinden verbindet.
Das Schiff, das sich Gemeinde nennt, will verbinden und hat deswegen auch immer andere Häfen vor Augen. Zur Kirche gehört ein bisschen Fernweh, die Liebe zur Ökumene: dass in Nigeria an diesem Sonntag Menschen in unserer Partnerkirche für uns beten; dass unsere Geschwister in Syrien glücklich sind, weil wir ihnen helfen, eine Kirche wiederaufzubauen, damit das Christentum in dieser Region weiterlebt, in der unser Glaube entstanden ist und von der aus er sich über die ganze Welt verbreitet hat.
Auf diesen Verbindungen zwischen den Gemeindeschiffen liegt Gottes Segen. Als Jakob träumt, sagt Gott ihm nicht nur zu: Ich werde mit dir und für dich da sein, sondern auch: „durch dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden.“ Der Horizont, in dem unser Gemeindeschiff unterwegs ist, ist weltweit, der Auftrag umfassend: Menschen zu verbinden, Gottes Friedenszusage in die Welt zu tragen, zum Segen zu werden für diese Erde: hier vor Ort, für die Menschen in Mörtelstein und in der Region, aber auch darüber hinaus. „Ich will dich segnen – und du sollst ein Segen sein!“ Beides gehört zusammen, das eine lebt aus dem anderen.
Ich wünsche Ihnen, dass Sie noch viele Jahre in dieser Kirche erleben: Hier ist gut sein - mit unserer Freude, aber auch auf der Suche nach Trost und Ermutigung. Hier finden wir neue Kraft und neuen Mut. Hier erleben wir lebendige Gemeinschaft mit Gott und miteinander. Möge der Segen Gottes diese Kirche und Ihr lebendiges Gemeindeschiff erfüllen, dass sie zum Segen werden für diesen Ort und unsere Erde.
