Ein wunderbares Bild malt der Psalm 104, liebe Gemeinde! Himmel und Erde, Wolken, Berge und Fluten, Schiffe, Löwen und Menschen, Gemächer schön ausgelegt mit Teppichen, Gott schafft einen Raum zum Leben. Dankbar treten wir ein.
1 Lobe den HERRN, meine Seele! HERR, mein Gott, du bist sehr herrlich; du bist schön und prächtig geschmückt. 2 Licht ist dein Kleid, das du anhast. Du breitest den Himmel aus wie einen Teppich; 3 du baust deine Gemächer über den Wassern. Du fährst auf den Wolken wie auf einem Wagen und kommst daher auf den Fittichen des Windes, 4 der du machst Winde zu deinen Boten und Feuerflammen zu deinen Dienern; 5 der du das Erdreich gegründet hast auf festen Boden, dass es bleibt immer und ewiglich. 6 Mit Fluten decktest du es wie mit einem Kleide, und die Wasser standen über den Bergen. 7 Aber vor deinem Schelten flohen sie, vor deinem Donner fuhren sie dahin. 8 Die Berge stiegen hoch empor, und die Täler senkten sich herunter zum Ort, den du ihnen gegründet hast. 9 Du hast eine Grenze gesetzt, darüber kommen die Fluten nicht und sie dürfen nicht wieder das Erdreich bedecken.
I
Am Sonntag haben viele Gemeinden Erntedank gefeiert, andere danken erst am kommenden Sonntag für alle guten Gaben, die wir auch dieses Jahr empfangen haben.
Dankbarkeit ist die Überschrift über dieses Fest und diese Woche. Das passt gut, denn Dank ist ein Grundzug jeder Visitation. Bei allem Hinschauen und Hinhören, bei allem Überlegen und Rückfragen, danken wir und staunen, wie Gottes Liebe diese Erde wunderbar geschaffen hat und erhält. Dass es Menschen gibt, die für uns sorgen, dass wir essen und trinken, schlafen und uns bewegen, lernen und arbeiten können, dass wir hier miteinander feiern können. Dass Gottes Geist uns frei und mutig macht, Verantwortung füreinander zu übernehmen. Dass Gott Sie hier im Bezirk Breisgau-Hochschwarzwald Kirche so lebendig gestalten. Dafür danken wir Gott, aber auch Ihnen, liebe Mitarbeitende, liebe Christinnen und Christen: für alles, was Sie in der Liebe Gottes tun, um das Gottvertrauen der Menschen zu stärken und die Liebe Gottes auszubreiten: in ihren Gemeinden, in diakonischen Einrichtungen und Schulen, in Kliniken und an ihren Arbeitsstellen, bei sich zu Hause.
II
Der Psalm 104 redet von der Schöpfung, nicht von der Natur. Das ist ein Unterschied: Alles Geschaffene ist in Beziehung: zu Gott, zu den Menschen. Wie ein Jäger sitzt Gott im Hochsitz, unter dem Zeltdach des Himmels und über der Erde und schaut – und handelt, schafft einen Zwischenraum für das Leben. Auch die Erde steht auf Pfeilern – irgendwo dazwischen, zwischen Himmel und bedrohlicher Flut; ein spannendes und erschreckendes Bild in diesen Zeiten des Klimawandels und einer gefährdeten Erde.
Im „Dazwischen“ findet das Leben statt: Bebauen und bewahren, aber auch Fressen und Gefressen werden. Nicht nur die Junglöwen brüllen nach Raub, auch bei den Menschen fressen die großen Fische die kleinen. Realistisch kommt die Schöpfung in den Blick – mit allen Konflikten und Gegensätzen. Und doch: Den Urfluten werden Grenzen gezogen: nie kehren sie wieder, um die Erde zu bedecken, das ist die Verheißung.
Das erste, wofür wir danken, sind die Grenzen, die Gott zu unserem Wohl zieht. Deshalb gehörten zum Erntedankfest früher stets die Umgänge um die Flur, die Prozessionen um die Felder. Das gehört dazu und das nicht! Wer gut leben will, muss Grenzen beachten. Wie viel CO 2 dürfen wir produzieren, damit unsere Kinder und Enkelkinder gut auf dieser Erde leben können? Was kostet uns eigentlich eine Tonne CO 2, wenn wir die Schäden realistisch berechnen, die schon heute entstehen und sie nicht unseren Enkeln in die Schuhe schieben? Woher nehmen wir den Mut, einfacher zu leben, damit andere neben uns und nach uns in Gottes Schöpfung leben können?
Der Psalm antwortet vom Danken her: Danke, guter Gott, du hast uns reich beschenkt, wir brauchen nicht immer mehr! Es gibt ein Genug! Wir können zuversichtlich und glücklich in unseren Grenzen leben!
III
Teil II: 10-23: 10 Du lässest Wasser in den Tälern quellen, dass sie zwischen den Bergen dahinfließen, 11 dass alle Tiere des Feldes trinken und das Wild seinen Durst lösche. 12 Darüber sitzen die Vögel des Himmels und singen unter den Zweigen. 13 Du feuchtest die Berge von oben her, du machst das Land voll Früchte, die du schaffest. 14 Du lässest Gras wachsen für das Vieh und Saat zu Nutz den Menschen, dass du Brot aus der Erde hervorbringst, 15 dass der Wein erfreue des Menschen Herz und sein Antlitz schön werde vom Öl und das Brot des Menschen Herz stärke. 16 Die Bäume des HERRN stehen voll Saft, die Zedern des Libanon, die er gepflanzt hat. 17 Dort nisten die Vögel, und die Reiher wohnen in den Wipfeln. 18 Die hohen Berge geben dem Steinbock Zuflucht und die Felsklüfte dem Klippdachs. 19 Du hast den Mond gemacht, das Jahr danach zu teilen; die Sonne weiß ihren Niedergang. 20 Du machst Finsternis, dass es Nacht wird; da regen sich alle wilden Tiere, 21 die jungen Löwen, die da brüllen nach Raub und ihre Speise suchen von Gott. 22 Wenn aber die Sonne aufgeht, heben sie sich davon und legen sich in ihre Höhlen. 23 So geht dann der Mensch aus an seine Arbeit und an sein Werk bis an den Abend.
Für alles ist bei Gott gesorgt. Auch für die Kleinigkeiten. Gott vergisst niemanden und nichts, auch den Storch nicht, und auch nicht den Klippdachs oder den Kammmolch. Unsere Welt ist vielfältig – und manchmal ist es gerade das Unbeachtete, das auf einmal fehlt. Danke, Gott, für das Kleine, für das Unerwartete, das Individuelle, das einen Menschen ausmacht.
IV
Mit dem dritten Dank wird es ganz handfest. Es geht ums Essen! Wasser und Gras braucht es zum Leben, Brot und Wein, auch Arbeit ist nötig und leider gibt es auch Raub. So konkret und praktisch ist die Ehrfurcht vor dem Leben gemeint, die Albert Schweitzer uns gelehrt hat. Was braucht der Mensch, das Tier, der Baum zum Leben?
Das ist keine idyllische Perspektive; da gibt es Konkurrenz und Kampf, wenig Paradies und viel Arbeit. So ist das in der ganzen Schöpfung.
Aber uns Menschen traut und mutet Gott mehr zu. Geht an die Arbeit, ruft Gott uns zu; gestaltet diese Erde – und schaut nicht nur, was euch nützt. Habt das Ganze im Blick, auch die Anderen, die ganze Schöpfung. Unser Auftrag zu bebauen und zu bewahren schickt uns ins Freie und in die Verantwortung. Wir sollen auch an die anderen denken und ihr Leben fördern. Unsere Nächsten sind uns anvertraut, ja selbst unsere Feinde zugemutet, aber eben auch anvertraut. Bebauen und bewahren, das heißt auch den Kleinen Recht verschaffen, denen, die noch nicht oder nicht mehr für sich sorgen können, der Schöpfung, die nicht für sich sprechen kann. Gott schenkt Leben in Fülle, genug, um zu teilen. Wenn wir aus dieser Fülle leben, werden Herzen froh und Gesichter strahlen, unsere und fremde, andere.
V
Teil III: 24-30: 24 HERR, wie sind deine Werke so groß und viel! Du hast sie alle weise geordnet, und die Erde ist voll deiner Güter. 25 Da ist das Meer, das so groß und weit ist, da wimmelt's ohne Zahl, große und kleine Tiere. 26 Dort ziehen Schiffe dahin; da sind große Fische, die du gemacht hast, damit zu spielen. 27 Es warten alle auf dich, dass du ihnen Speise gebest zur rechten Zeit. 28 Wenn du ihnen gibst, so sammeln sie; wenn du deine Hand auftust, so werden sie mit Gutem gesättigt. 29 Verbirgst du dein Angesicht, so erschrecken sie; nimmst du weg ihren Odem, so vergehen sie und werden wieder Staub. 30Du sendest aus deinen Odem, so werden sie geschaffen, und du machst neu die Gestalt der Erde.
Der vierte Dank gilt Gott selbst. Schon der Psalm erzählt davon; in Jesus wird es für uns sichtbar. Gott will nicht alleine sein; Gott ist an Wind und Wetter, an jedem Steinbock und jedem Sternlein interessiert. Weißt du, wie viel Sternlein stehen? Gott hat sie alle gezählt. Gott denkt an das Gras fürs Vieh, an das Brot für uns, aber auch an den Wein, der des Menschen Herz erfreut. Gott weint mit uns über Schmerzen und frühen Tod – und ärgert sich mit uns über Ungerechtigkeiten. Gott hört unsere Bitten und freut sich, wenn wir beten. Und ist doch keine Wunscherfüllungsmaschine. Gott ringt mit uns und entzieht sich, wenn wir unsere eigenen Interessen mit göttlicher Hilfe durchsetzen wollen. So beweglich und lebensnah, so zugewandt und lebendig ist Gott, so mitleidig, so schwach wie am Kreuz – und doch so heilig und mächtiger als der Tod.
VI
Teil IV: 31-35: 31 Die Herrlichkeit des HERRN bleibe ewiglich, der HERR freue sich seiner Werke! 32 „Er schaut die Erde an, so bebt sie; er rührt die Berge an, so rauchen sie.“ 33 Ich will dem HERRN singen mein Leben lang und meinen Gott loben, solange ich bin. 34 Mein Reden möge ihm wohlgefallen. Ich freue mich des HERRN. 35 Die Sünder sollen ein Ende nehmen auf Erden / und die Gottlosen nicht mehr sein. Lobe den HERRN, meine Seele! Halleluja!
Der Psalm mündet am Ende in das Lob Gottes, weil er auf die Macht Gottes vertraut. „Ich will dem HERRN singen mein Leben lang und meinen Gott loben, solange ich bin.“ Können wir da dankbar einstimmen? Trotz unserer Zweifel, Sorgen und Fragen: Wo bist du, Gott, in den Flüchtlingslagern Afrikas oder im Krieg in Syrien? Wo bist du, wenn Landstriche in den Fluten des Klimawandels versinken? Wo bist du am Sterbebett? Wann sehen wir deine Herrlichkeit?
Der Kirchenbezirk Breisgau-Hochschwarzwald lädt dazu ein, raus zu gehen, ins Freie und wahrzunehmen, wie reich Gottes Schöpfung ist. In ihr finden sich Bilder der Hoffnung, die unsere Vorstellungen und Hoffnungen auf die Macht Gottes erneuern, so wie es Christus am Kreuz getan hat: Meine Kraft ist in den Schwachen, in der Schwäche mächtig.
Wir hatten bisher wenig Zeit dafür raus zu gehen; deshalb habe ich Ihnen ein Bild aus dem hohen Norden mitgebracht, wo es kälter und weniger sonnig ist als bei Ihnen. Es stammt von dem isländischen Dichter und Träger des Literaturnobelpreises Halldor Laxness aus seinem Buch: Seelsorge am Gletscher und erzählt von einem kauzigen Pfarrer. Der vergleicht die Allmacht Gottes mit der winzigen Schneeammer. „So ein Vogel", schildert er, „wiegt nicht mehr als eine Briefmarke. Dennoch wird er nicht weggeweht, wenn er bei schwerem Sturm auf freiem Fels steht. Haben Sie jemals den Kopf einer Schneeammer gesehen? Sie hält diesen zarten Kopf dem Unwetter entgegen, den Schnabel zur Erde, legt die Flügel an die Seite, der Schwanz zeigt nach oben. Der Sturm kann den Vogel nicht packen, sondern er muss sich spalten. Selbst in den schlimmsten Böen schwankt der Vogel nicht. Wo er steht, ist Windstille. Nicht einmal eine Feder an seinem Körper bewegt sich." Auf die Frage, woher der Pfarrer aber nun wisse, „dass der Vogel die Allmacht ist und nicht der Wind?", kommt als Antwort: „Weil ein Wintersturm die stärkste Kraft in Island ist, die Schneeammer aber der schwächlichste von allen Einfällen Gottes.“
Nicht im Wintersturm zeigt sich Gottes Macht, sondern in diesem kleinen Vogel, der seine Stimme erhebt, um Gottes Lob zu singen, damit sich Gott freut und wir uns an beiden. Gott sei Dank!
