"Dienet dem Herrn mit Freuden“

Predigt über Psalm 100 zum 175. Jahresfest des Evangelischen Diakonissenhauses Nonnenweier in der Dorfkirche am 13. Oktober 2019

Liebe Festgemeinde, liebe Schwestern,

am Sonntag nach Erntedank feiern wir Ihr großes Jubiläum: 175 Jahre Evangelisches Diakonissenhaus Nonnenweier. Ein Fest des Dankes für all das, was Sie und die Schwestern vor Ihnen an Fürsorge und Menschlichkeit gelebt haben, was Sie im Namen des dreieinigen Gottes in Ihrem Dienst für Kinder, für kranke und alte Menschen getan haben, aber auch was Sie weitergegeben haben an die, die sie ausgebildet haben.

Viele Menschen können davon Geschichten erzählen: Wie sie bei Ihnen Hilfe fanden, Gastfreundschaft erlebten, den Glauben spürten und die Liebe kennen lernten. Ihre „Werte-Gemeinschaft“, so würde man heute vielleicht sagen, hat Nonnenweier und die Region Ortenau zutiefst geprägt; sie hat aber auch weit darüber hinaus ausgestrahlt in unsere ganze badische Landeskirche, den Südwesten Deutschlands, aber auch in die Schweiz und ins Elsass.

Nur wenige diakonische Einrichtungen und Gemeinschaften können auf eine so lange und weit reichende Geschichte zurückschauen. Wir halten mit Ihnen heute inne, schauen dankbar mit Ihnen zurück und vertrauensvoll nach vorne unter dem Vers, der den Ausgang und den Eingang ihrer Schwesternschaft seit so vielen Jahren bestimmt: „Dienet dem Herrn mit Freuden!“

I

Der Vers stammt aus dem Psalm 100. Psalmen sind Gebete oder Lieder. In manchen klagt ein einzelner vor Gott sein Leid, in anderen stimmt die Gemeinde ein Loblied auf Gott an. Der 100. Psalm wirbt um die Menschen vor dem Tempel, also wenn Sie so wollen draußen im Ort, da wo die Menschen eben sind – und das ist schon das erste Kennzeichen Ihrer Schwesternschaft. Sie sind im Auftrag Christi in die Welt hinaus gegangen, zu den Menschen, dorthin, wo sie gebraucht wurden, wo Not oder Einsamkeit, Krankheit oder Armut herrschen. Da haben sie von Christus erzählt und seine Liebe gelebt, damit die Menschen Mut und Hoffnung bekommen.

Jauchzet dem Herrn, alle Welt.
Dienet dem Herrn mit Freuden,
kommt vor sein Angesicht mit Frohlocken!
Erkennet, dass der Herr Gott ist!
Er hat uns gemacht und nicht wir selbst
zu seinem Volk und zu Schafen seiner Weide.
Gehet zu seinen Toren ein mit Danken,
zu seinen Vorhöfen mit Loben;
danket ihm, lobet seinen Namen!
Denn der Herr ist freundlich,
und seine Gnade währet ewig
und seine Wahrheit für und für.

II

Jauchzet dem Herrn, alle Welt. Dienet dem Herrn mit Freuden, kommt vor sein Angesicht mit Frohlocken! Ausgangspunkt für den Dienst der Schwesternschaft in Nonnenweier war die Sorge für die Kinder, für ihren Leib, ihren Geist und ihre Seele. Darum ging es Regine Jolberg 1844; sie wollte den Geist des Reiches Gottes in dieser Welt ausbreiten und bei den Kindern anfangen. Wer frei und aufrecht vor Gott und seinen Mitmenschen stehen will, braucht Gesundheit, Bildung, aber auch Gottvertrauen.

Ich habe ein bisschen gelesen in der wunderbaren Festschrift. Aber wie das Leben damals hier in der Region, wie es den Kindern, den Familien ging, das kann ich mir schwer vorstellen. „Schwer“ im doppelten Sinn: dass ich kaum nachfühlen kann, wie es damals war; aber auch dass es wohl schwer war. Etwa 20-25 % der Kinder starben, bevor sie fünf Jahre alt waren. Was für ein Schrecken für die Familien.

Wer in solch einen Schrecken hineinruft: „Dienet dem Herrn mit Freuden“, der traut Gott viel zu. Wer Menschen, junge Frauen mit diesem Satz einlädt, sich zur Kinderpflegerin, zur Erzieherin ausbilden zu lassen, der hat ein großes Vertrauen und eine lebendige Hoffnung, dass Gottes Reich kommt; dass Gottes Liebe die Welt verändern will und kann. Und dass wir damals wie heute gerufen sind, diese Bewegung Gottes in unserer Welt mitzugestalten.

II

Die Schwesternschaft hat diesen Ruf in die Nachfolge Christi gehört und aufgenommen. Sie haben mitgebaut am Reich Gottes. Ihre Kraft, da zu sein für andere und zu helfen, kam und kommt aus dem Glauben.

Die Schwestern mussten nicht zuerst auf die eigenen Interessen achten. Sie wussten: Wir sind geborgen bei Gott! „Erkennet, dass der Herr Gott ist!“, riefensie sich zu. Er hat uns gemacht und nicht wir selbst zu seinem Volk und zu Schafen seiner Weide. Wir wollen heute manchmal nicht mehr so gerne Schafe sein, aber in dem Bild steckt dieses große Vertrauen, dass dieser Hirte für jede einzelne Person da ist. Aus solch einem Vertrauen kann ich mich etwas trauen. Solches Gottvertrauen macht frei und mutig rauszugehen, auch in schwierige Situationen, einzustehen für die Kinder, die so nah am Gottes Reich sind, wie Jesus uns erzählt, und zugleich die schwächsten Glieder und besonders gefährdet. Oder dass es manchmal eine Herausforderung ist, ans Krankenbett zu gehen, manchmal sogar gefährlich.

In der Ausbildung von Erzieherinnen oder Altenpfleger/innen wird heute gut darauf geachtet, dass die Mitarbeitenden für sich sorgen und der Dienst sie nicht überlastet oder ausbrennt. Das ist wichtig. Aber wir merken auch, dass dies nicht einfach der einzelnen Person zugemutet werden kann, sondern dass das im Miteinander geschehen muss, dass es eine gemeinsame Verantwortung ist für die Träger und die Dienstgemeinschaft, für das ganze System.

Die Schwesternschaft hat diese wechselseitige Aufmerksamkeit und Fürsorge gelebt und damit unserer Kirche und unserer Gesellschaft ein großes Geschenk gemacht. Sie haben die Geborgenheit bei Gott, die ja zuerst eine ganz individuelle und persönliche Erfahrung ist, gemeinsam gestaltet. Sie waren verlässlich füreinander da und haben einander wechselseitig im Glauben an das kommende Reich Gottes gedient. Der Satz „Dienet dem Herrn mit Freuden!“ galt immer in beiden Richtungen: Wenn Sie rausgingen in Ihren Dienst, aber eben auch wenn Sie wieder zurückkamen ins Mutterhaus und sich gegenseitig stärkten durch das geistliche Leben in der Gemeinschaft, durch die Andachten und das Abendmahl. Diese geistlichen Gaben haben sie erfreut, geröstet und zusammengehalten. Sie haben ihnen auch in den letzten Jahren die Kraft gegeben, sich den anstehenden Veränderungen gelassen im Gottvertrauen zu stellen. Auch das hat ausgestrahlt und hat Menschen, die mit ihnen arbeiteten, die bei ihnen Hilfe fanden oder ausgebildet wurden, in ihrem Glauben ermutigt.

III

„Dienet dem Herrn mit Freuden!“ Der Vers kennzeichnete das Leben im Mutterhaus und er begleitete jeden Aufbruch in die Welt: Dahin, wo sie gebraucht wurden, dorthin, wo die Menschen auf sie warteten. So haben sie die doppelte Bewegung vorgelebt, die christliches Leben auszeichnet: sich sammeln und gegenseitig geistlich stärken, miteinander klagen, loben und Fürbitte halten – und dann wieder aufbrechen, rausgehen, die Welt im Geist Christi gestalten.

Dabei sollte das christliche Bild vom Menschen aufleuchten: Wir schauen die anderen als die an, die wie wir zu Gott gehören und die Gott uns anvertraut. „Er hat uns gemacht und nicht wir selbst zu seinem Volk und zu Schafen seiner Weide!“ Das Kind, der Kranke, die alte Dame, die diakonisch begleitet oder versorgt werden; sie sind unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten so etwas wie Kunden. Aber sie sind doch zugleich viel mehr: Sie sind wie wir Geschöpfe Gottes, Brüder und Schwestern von Jesus Christus. Das haben Sie gelebt: Deshalb haben Sie sich Zeit genommen für die Menschen, Ihnen zugehört, geschaut, ob eine unbequem lag oder ein Kind allein traurig war. Und sie haben versucht, denjenigen, die Sie ausgebildet haben, diesen aufmerksamen Blick Gottes zu lehren: Was braucht der andere gerade? Vielleicht ist es nur eine Kleinigkeit: ein bisschen Zeit; eine Frage; dass ich ihm oder ihr etwas zutraue.

Das heißt nicht, dass alles eitel Sonnenschein war und ist. Unter Geschwistern sagt man sich auch mal die Meinung. Nicht immer gelingt alles, auch nicht im Dienen, auch nicht in der Gemeinschaft; das kennen wir ja schon aus der Bibel, wie sich die Nachfolgerinnen und Nachfolger streiten, wer wie nahe bei Jesus sitzen darf. Wir bleiben einander manches schuldig, tun Dinge, die wir nicht hätten tun sollen. Aber gerade dann ist der geistliche Blick wichtig: weil er uns Umkehr ermöglicht, weil er uns die Kraft gibt, Schuld einzugestehen, und dann gemeinsam neue Wege zu suchen.

IV

Dienet dem Herrn mit Freuden! „Mit Freuden“ – in diesen beiden Worten steckt die große Zusage für unseren Glauben. In ihr kommt eine innere, geistliche Kraft zum Ausdruck, die durch alle Anstrengungen, durch Herausforderungen und auch Widerstände trägt, ohne zu verbittern oder das Herz zu verschließen. Sie hat die Schwesternschaft auch durch die vielen Abschiede getragen, die sie in den letzten Jahren und Jahrzehnten erlebt hat; sie lässt uns aus der Geborgenheit in Gott getrost nach vorne schauen.

In den 175 Jahren hat sich vieles an den Formen und Wegen verändert, in denen Gottes Geist unter uns wirksam ist und uns leitet. Vieles, was Sie einmal auf den Weg gebracht haben, wird nun in neuer Weise weitergeführt: in der gemeinnützigen Gesellschaft Nonnenweier Pflege und Ausbildung, in den evangelischen Kindertagesstätten, die sich gegenwärtig intensiv um ein evangelisches Profil bemühen, das das Gottvertrauen stärkt, die Kinder zum aufrechten Gang ermutigt und früh schon Verantwortung einübt. Regine Jolbergs Hoffnung auf das Reich Gottes, vor allem aber die Kraft und die Liebe des Geistes Christi, die Ihre Schwesternschaft geprägt haben und die Sie uns geschenkt und weitergegeben haben, lassen uns nicht los. Sie haben hat der Region einen diakonischen Stempel aufgedrückt, der uns, unsere Gemeinden und unsere Orte hoffentlich noch lange und immer wieder neu bewegen wird.

Wir vertrauen auf den Geist Christi, der uns im Leben und im Sterben trägt, im Abschied und in der Trauer - am Ende wird er uns in die Freude führen wird. Dienet dem Herrn mit Freuden. Denn der Herr ist freundlich, und seine Gnade währet ewig und seine Wahrheit für und für.