Mutig in der Nachfolge Jesu

Predigt über Josua 2, 1-21 beim Gottesdienst zum Abschluss des Tags der badischen Pfarrerinnen und Pfarrer in der Stadtkirche Sinsheim am 14. Oktober

In dieser Woche geht es um die Kraft des Glaubens. Sie überwindet unsere Einteilung der Welt in gut und böse. Sie ermutigt, Verantwortung zu übernehmen. Sie stellt uns in einen weiten ökumenischen Horizont.

I

Es muss 1979 gewesen sein. Ein Seminar in den Semesterferien mit einem Vertreter der Amsterdamer Schule an der Theologischen Fakultät in Göttingen: „Biblische Theologie am Beispiel von Matthäus 1, 1-17: Der Stammbaum Jesu.“ Wir haben uns angeschaut und gestöhnt: „Was soll das denn? Sollen wir da hingehen? Das ist doch ein völlig abständiger Text. Darüber muss man nie predigen!“ „Andererseits ist es dann vielleicht mal nicht überfüllt.“

Damals ist mir Rahab zum ersten Mal begegnet. Gemeinsam mit Tamar und Rut. Frauen im Stammbaum Jesu. Auch die Frau des Uria taucht auf. Warum nicht mit ihrem Namen Batseba? Vielleicht damit der Name des Mordopfers nicht vergessen wird und immer ein Stachel bleibt in der Geschichte der Nachkommen Davids, in unserer Geschichte. Von den 42 Generationen von David bis Jesus werden die meisten nur durch die Väter bezeichnet, aber an entscheidenden Stellen wird die patrilineare Genealogie unterbrochen. Und ganz am Ende heißt es: „Jakob zeugte Josef, den Mann Marias.“ Hören Sie, wie sich das umdreht: von der Frau Urias zu dem Mann Marias?!

Ich habe in der Woche unglaublich viel gelernt! Vor allem die Liebe zu den biblischen Texten und den Wunsch, in sie hinein zu kriechen. Wie spannend sie sind, wenn ich mich überraschen und mein Leben herausfordern lasse; wenn ich nicht immer schon weiß, was drinsteht und was wichtig und richtig ist. Auch dass die biblischen Texte sich gegenseitig auslegen und wie das Neue Testament in der hebräischen Bibel wurzelt. Kann ich den Stammbaum Jesu verstehen und vor allem seine Kraft erspüren, ohne seine Wurzeln in der jüdischen Tradition? Ich gestehe: Manche akademische Debatte über die Bedeutung der hebräischen Bibel für das Christentum bliebt mir fremd.

Gestern hat es Rahab zum ersten Mal in die Perikopenreihe geschafft, als neuer Predigttext am 17. Sonntag nach Trinitatis, an dem es um den Glauben geht, der die Welt überwindet. Was lehrt mich Rahab über die Kraft des Glaubens. Hören wir, was das Josuabuch über Rahab erzählt: 

1 Josua aber, der Sohn Nuns, sandte von Schittim zwei Männer heimlich als Kundschafter aus und sagte ihnen: Geht hin, seht das Land an, auch Jericho. Die gingen hin und kamen in das Haus einer Hure, die hieß Rahab, und kehrten dort ein.

2 Da wurde dem König von Jericho angesagt: Siehe, es sind in dieser Nacht Männer von den Israeliten hereingekommen, um das Land zu erkunden. 3 Da sandte der König von Jericho zu Rahab und ließ ihr sagen: Gib die Männer heraus, die zu dir in dein Haus gekommen sind; denn sie sind gekommen, um das ganze Land zu erkunden. 4 Aber die Frau nahm die beiden Männer und verbarg sie. Und sie sprach: Ja, es sind Männer zu mir hereingekommen, aber ich wusste nicht, woher sie waren. 5 Und als man das Stadttor schließen wollte, da es finster wurde, gingen die Männer hinaus, und ich weiß nicht, wo sie hingegangen sind. Jagt ihnen eilends nach, dann werdet ihr sie ergreifen.

6 Sie aber hatte sie auf das Dach steigen lassen und unter den Flachsstängeln versteckt, die sie auf dem Dach ausgebreitet hatte. 7 Die Verfolger aber jagten ihnen nach auf dem Wege zum Jordan bis an die Furten, und man schloss das Tor zu, als sie draußen waren. 8 Und ehe die Männer sich schlafen legten, stieg Rahab zu ihnen hinauf auf das Dach 9 und sprach zu ihnen: Ich weiß, dass der HERR euch das Land gegeben hat; denn ein Schrecken vor euch ist über uns gefallen, und alle Bewohner des Landes sind vor euch feige geworden.10 Denn wir haben gehört, wie der HERR das Wasser im Schilfmeer ausgetrocknet hat vor euch her, als ihr aus Ägypten zogt, und was ihr den beiden Königen der Amoriter, Sihon und Og, jenseits des Jordans getan habt, wie ihr an ihnen den Bann vollstreckt habt. 11 Und seitdem wir das gehört haben, ist unser Herz verzagt und es wagt keiner mehr, vor euch zu atmen; denn der HERR, euer Gott, ist Gott oben im Himmel und unten auf Erden. 12 So schwört mir nun bei dem HERRN, weil ich an euch Barmherzigkeit getan habe, dass auch ihr an meines Vaters Hause Barmherzigkeit tut, und gebt mir ein sicheres Zeichen, 13 dass ihr leben lasst meinen Vater, meine Mutter, meine Brüder und meine Schwestern und alles, was sie haben, und uns vom Tode errettet.

14 Die Männer sprachen zu ihr: Tun wir nicht Barmherzigkeit und Treue an dir, wenn uns der HERR das Land gibt, so wollen wir selbst des Todes sein, sofern du unsere Sache nicht verrätst.

15 Da ließ Rahab sie an einem Seil durchs Fenster hinab; denn ihr Haus war an der Stadtmauer, und sie wohnte an der Mauer. 16 Und sie sprach zu ihnen: Geht auf das Gebirge, dass eure Verfolger euch nicht begegnen, und verbergt euch dort drei Tage, bis zurückkommen, die euch nachjagen; danach geht eures Weges.

17 Die Männer aber sprachen zu ihr: So wollen wir den Eid einlösen, den du uns hast schwören lassen: 18 Wenn wir ins Land kommen, so sollst du dies rote Seil in das Fenster knüpfen, durch das du uns herabgelassen hast, und zu dir ins Haus versammeln deinen Vater, deine Mutter, deine Brüder und deines Vaters ganzes Haus. 19 So soll es sein: Wer zur Tür deines Hauses herausgeht, dessen Blut komme über sein Haupt, aber wir seien unschuldig; doch das Blut aller, die in deinem Hause bleiben, soll über unser Haupt kommen, wenn Hand an sie gelegt wird.20 Und wenn du etwas von dieser unserer Sache verrätst, so sind wir frei von dem Eid, den du uns hast schwören lassen. 21 Sie sprach: Es sei, wie ihr sagt!, und ließ sie gehen. Und sie gingen weg. Und sie knüpfte das rote Seil ins Fenster.

II

Was hat diese Urururgroßmutter Jesus Wichtiges mitgegeben, dass Matthäus sie in seinen Stammbaum aufnimmt?

Die Geschichte von Rahab zeigt uns: Die Kraft des Glaubens überwindet die Logik der Welt und entdeckt neue Wege ins Leben.

Eigentlich sollten die Kanaanäer ausgelöscht werden. Vollständig. Der Bann soll vollstreckt werden „an allem, was in der Stadt war, mit der Schärfe des Schwerts: Mann und Frau, Jung und Alt, auch die Tiere.“ Wer anders ist, wer nicht dazu gehört, soll nicht leben, damit er die Guten nicht verführen, sie nicht mit Bosheit anstecken kann.

Dem widerspricht die Rahab-Geschichte; sie ist eine Gegengeschichte, die die identitäre Logik unterbricht und durchbricht. Auf dem Weg Israels in das Land der Verheißung ist sie, die Hure, die Fremde, die zu Bannende, die erste, die die Kraft des Glaubens spürt und die Bundestreue des barmherzigen Gottes bekennt: „denn der HERR, euer Gott, ist Gott oben im Himmel und unten auf Erden.“

Gleich zu Beginn der Geschichte wird mit der Erwähnung des Ortes Schittim in Erinnerung gerufen, wie einstmals die „armen“ israelitischen Männer von fremden Frauen verführt wurden; dagegen hilft angeblich nur eine radikale Abgrenzung (vgl. Numeri 25,1 und bei Hosea 9,10). Aber gerade die, die beruflich mit Verführung zu tun hat, vertraut einem anderen Weg, der herausführt aus der binären Freund-Feind Logik.

Nein, erzählt die Rahab-Geschichte, gegen Unrecht und Friedlosigkeit hilft nicht eine scharfe Abgrenzung, sondern das Vertrauen in die Häsäd, die Bundestreue Gottes. Die Lutherbibel übersetzt diese hebräische Wort Häsäd mit Barmherzigkeit; gemeint ist eine wechselseitige, von Gott ausgehende barmherzige Gerechtigkeit oder gerechte Barmherzigkeit. Eine Lebenswirklichkeit, die beides zusammenhält: Barmherzigkeit und Gerechtigkeit.

Wer wie Rahab aus dieser gerechten Barmherzigkeit Gottes heraus Barmherzigkeit übt, öffnet Menschen wie den Kundschaftern einen Raum zum Leben. Sie durchbricht den menschenfeindlichen Rigorismus, der Identität durch Abgrenzung gewinnt, weil er sich nur der eigenen binären Logik sicher fühlt: gut gegen böse, wir gegen ihr, richtig gegen falsch. Rahab stellt dieser Logik kein anderes System entgegen, sondern ihre konkrete, lebendige Begegnung und Beziehung mit den zwei Männern. So führt sie uns heraus aus den vermeintlich eindeutigen Alternativen des Schreckens in die neue Wirklichkeit Gottes, die uns in Jesus Christus auch begegnet: Auch die kanaanäische gehört in diese neue Wirklichkeit, auch die Ehebrecherin aus Johannes 8: „Habt ihr die Ehebrecherin als Person gesehen oder nur einen Menschen benutzt, um einer Logik oder einer Moral willen?“

III

Von der Urgroßmutter Rahab lässt sich noch mehr lernen: vor allem Mut und die Bereitschaft persönlich, individuell Verantwortung zu übernehmen.

Es waren Zeiten der Angst: Auf der einen Seite die israelitischen Feinde, die schon viele besiegt hatten; auf der anderen der König von Jericho, der sie bedrängte, die Kundschafter herauszugeben. Eng ist es zwischen den Fronten: das „Herz verzagt und es wagt keiner mehr, zu atmen.“

Doch Gottes Geist bewegt Rahab und richtet sie auf. Frei und selbstbewusst stellt sie sich zwischen die Fronten und geht mutig ihren eigenen Weg. Klug, listig und „cool“ geht sie in dieser Häsäd, dieser neuen Wirklichkeit einer barmherzigen Gerechtigkeit ihren Weg zwischen den Fronten und eröffnet neue, wegweisende Perspektiven in Konflikten.

Ja, Rahab gelingt es dadurch, die eigene Haut und die Haut ihrer Familie zu retten. Aber ich lese die Geschichte wegweisender, als Alternative für Zivilisten, die sich nicht mehr darauf verlassen wollen, dass die Zivilisten in den Kriegen der Mächtigen geschützt werden. Die ihre kleine Fluchten wagen, Schritte gehen, raus aus dem Konflikt ins Freie. Statt die Feinde zu verraten und fürs Vaterland zu kämpfen, vertrauen sie auf Gottes barmherzige Gerechtigkeit, üben zivilen Ungehorsam, ziehen die Konfliktparteien auseinander und retten dadurch Menschenleben. Die einen schickt sie runter zum Fluss, die anderen in die Berge, eine dissoziative Konfliktlösung.

Da traut sich eine etwas. Sie handelt tatkräftig aus dem Glauben. Dafür wird sie im Jakobusbrief (2, 25) wie Abraham gelobt: „Desgleichen die Hure Rahab: Ist sie nicht durch Werke gerecht geworden als sie die Boten aufnahm und sie auf einem andern Weg hinausließ?“ Wegweisendes tut sich hier im Kleinen persönlicher Vrantwortung: eine individuelle Konfliktlösung, die das Leben schützt. Wie gut wäre es, wenn viele sich daran orientieren; wenn das kleine zur politischen Strategie würde.

IV

Die Kraft des Glaubens ist nicht nur unter uns wirksam und spürbar, sondern ergreift Menschen auch außerhalb der Kirche. Rahab lebt in der barmherzigen Gerechtigkeit Gottes, wie viele vor, mit und nach ihr, unterschiedliche Menschen und doch in Gottes Bundestreue verbunden. Deshalb erscheint sie auch in der langen Liste der Glaubenszeuginnen und -zeugen im Hebräerbrief, die berichtet wie der Glaube die Hoffnung stärkt und mit Zweifeln leben hilft. (11, 31): „Durch den Glauben kam die Hure Rahab nicht mit den Ungehorsamen um, weil sie die Kundschafter in Frieden aufgenommen hat.“

Das Tun des Gerechten ist möglich, ohne formale Vorbedingungen, ohne institutionelle Beschränkungen. Da öffnet sich ein weiter Horizont, eine Ökumene der barmherzigen Gerechtigkeit, in der Menschen nicht danach vorsortiert werden, ob sie dazu gehören, sondern in der Kraft des Geistes gemeinsam Wege in das Leben suchen.

Der Glaube ist der Sieg, der die Logik der Welt überwindet. Da kann die „Sexarbeiterin“ zu der Person werden, in der diese neue Wirklichkeit eine überzeugende Gestalt gewinnt. So eindrücklich und prägnant, dass spätere „heilige Texte“ sie nicht vergessen können; so lebensmutig und befreiend, dass wir sie heute predigen sollen und wollen; dass in ihr ansichtig wird, was heute verheißen ist: Rettung in einer sich spaltenden Welt, Zutrauen in die eigenen Möglichkeiten, Verantwortung für Freund und Feind.

V

Am Fenster hängt ein roter Faden. Er verkündigt den Auszug aus der Logik von Freund und Feind, von Sieg und Niederlage. Hier gilt nicht Grieche noch Jüdin, hier gilt nicht Freie noch Sklave, hier gilt nicht männlich noch weiblich; hier verlieren Menschen ihre Angst und atmen auf; hier finden sie im Vertrauen auf die barmherzige Gerechtigkeit Gottes Wege ins Freie.