Jesus geht zu den Kranken und nimmt uns mit

Predigt über Johannes 5, 1-16 in der Evangelischen Stadtkirche in Karlsruhe am 27.10.2019

1 Danach war ein Fest der Juden, und Jesus zog hinauf nach Jerusalem. 2 Es ist aber in Jerusalem beim Schaftor ein Teich, der heißt auf Hebräisch Betesda. Dort sind fünf Hallen; 3 in denen lagen viele Kranke, Blinde, Lahme, Ausgezehrte.

5 Es war aber dort ein Mensch, der war seit achtunddreißig Jahren krank. 6 Als Jesus ihn liegen sah und vernahm, dass er schon so lange krank war, spricht er zu ihm: Willst du gesund werden? 7 Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt; wenn ich aber hinkomme, so steigt ein anderer vor mir hinein. 8 Jesus spricht zu ihm: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin! 9 Und sogleich wurde der Mensch gesund und nahm sein Bett und ging hin.

Jesus geht zu den Kranken und nimmt uns mit, liebe Gemeinde. Es muss so etwas wie ein Pflegeheim oder ein Hospiz gewesen sein. Zwei Teiche, direkt nebeneinander – und rund herum und auf dem Steg zwischen den beiden Teichen fünf Säulenhallen. Sie boten Schutz vor Sonne und Regen.

Hier lagen die, die schon so lange krank waren, dass sie kaum noch Hoffnung hatten, wieder gesund zu werden; die, die nicht mehr für sich sorgen konnten; die, die niedergeschlagen, in sich zerrissen oder ausgezehrt waren. Wahrscheinlich brachten Verwandte, Nachbarn oder Freundinnen ihnen Tag für Tag Essen und sorgten für das Nötigste.

Es wurde erzählt, dass das Wasser Heilkraft haben soll. Daran hing ihre Hoffnung: Wer zuerst hineinsteigt, wenn sich die Wasseroberfläche kräuselt, wird gesund! Aber wer von denen, die hier gelähmt, chronisch krank oder todkrank lagen, wer war davon in der Lage, dann schnell aufzustehen und in das Wasser zu steigen?

I

„Ihr seid krank gewesen – und ich habe euch besucht!“ Jesus geht dahin, wo kranke Menschen sind; wo Menschen nicht weiterwissen; wo sie ihre Hoffnung verlieren. Dorthin geht Jesus und nimmt uns mit: in die Onkologie, auf die Intensiv- oder die Palliativstationen, in die Demenzabteilungen im Pflegeheim, ins Hospiz. Welche Hoffnung hat Christus für diese Menschen? Wie denken wir über sie? Welche Hoffnung haben wir für sie?

Jesus geht hin – und sieht den einen. Das ist für mich die erste Entdeckung! Jesus redet nicht über die da; Jesus sieht den einen und spricht ihn an. So wie Gottes es zugesagt hat: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du gehörst zu mir!“ Jesus sieht die Welt mit den Augen Gottes. Er sieht die Not, die Lähmung, das Leiden und leidet mit; aber er redet dann nicht nur über das, was man tun müsste, sondern geht auf den einzelnen Menschen zu und spricht ihn an.

Jesus sieht die Not und den einzelnen Menschen! Bei ihm finden individuelle Barmherzigkeit und die großen Fragen der sozialen Gerechtigkeit zusammen, so wie sie uns heute auch beschäftigen: Wir rechnen in Fallpauschalen, wir organisieren Medizin und Pflege nach ökonomischen Prinzipien. Wie werden wir darin den pflegebedürftigen Menschen als Personen mit individuellen Bedürfnissen gerecht? Wie können wir dafür sorgen, dass Demenzkranke die persönliche Zuwendung erfahren, die ihnen hilft, ruhig zu werden, Vertrauen zu schöpfen, die sie Geborgenheit erfahren lässt? Mich beeindruckt, wie gut das in vielen ambulanten oder stationären Hospizen im Zusammenspiel von Ehrenamtlichen und beruflich Tätigen gelingt. Da erleben Menschen Gastfreundschaft und eine echte Heimat auf Zeit. Angehörige können das tun, was sie tun können und werden nicht überlastet. Könnte das System vorbildhaft sein auch für unsere Pflegeeinrichtungen?

II

38 Jahre ist der Mann hier, den Jesus anspricht. Er liegt gelähmt auf seinem Bett, „schon so lange krank!“ „Willst du gesund werden?“ Was für eine Frage nach 38 Jahren! „Ich musste mich doch arrangieren; ich habe doch keine Chance: Wenn das Wasser sich bewegt, so steigt ein anderer vor mir hinein. Herr, ich habe doch keinen Menschen, der mich in den Teich bringt.“ Der Mut ist weg. „Wenn sogar noch die letzten um ihre Heilung wetteifern müssen, habe ich doch keine Chance.“

„Doch“, sagt Jesus, „jetzt frage ich dich: Willst du gesund werden?“ Denn im Reich Gottes gilt nicht: höher, schneller, weiter, mehr, hier gilt: „Die Letzten werden die Ersten sein!“ Jesus sieht diesen Mann und spricht ihn an: Du bist gefragt! Denn die Liebe Gottes ist so kraftvoll, dass sie unsere Logik von stark und schwach umkehrt: „Steh auf, nimm dein Bett und geh hin!“ 9 Und sogleich wurde der Mensch gesund und nahm sein Bett und ging hin. Was für ein Zeichen! Mitten aus einem Leben, das die anderen und auch er selbst schon abgeschrieben haben, steht hier einer wieder auf. Gegen alle Erwartungen: Er wird wieder gesund.

38 Jahre ist der Mann gelähmt. Bei der Jahreszahl klingelte etwas bei den Menschen, die diese Geschichte damals hörten. 38 Jahre war Israel durch die Wüste gezogen, bevor sie in das gelobte Land kamen und endlich Ruhe und Sicherheit fanden. Wer hätte das nach all den Jahren noch gedacht!? So wie der Gelähmte eigentlich keine Hoffnung mehr hatte, dass sich noch einmal etwas ändert an seinem Leiden, so war auch das Volk Israel unsicher, ob sie doch noch ankommen würden im Land der Verheißung. Aber dann, auf einmal liegt es da vor ihnen: Was für eine Freude, was für ein Fest auf den Straßen! Bis heute ist das eines der fröhlichsten Feste, wenn jüdische Menschen das Ende der Wüstenwanderung feiern. 

38 Jahre. Meist brauchen wir gar nicht so lange, sondern gewöhnen uns viel schneller an die Not der anderen. Wenn die Nachbarin schwer erkrankt und der Nachbar bei ihr zu Hause bleibt; wie leicht verliere ich sie aus den Augen!? Vielleicht bringen wir am Anfang noch mal eine Suppe, machen einen Besuch, verabreden, dass wir ja mal zwei Stunden rüberkommen können, damit er mal wieder raus kann. Aber dann vergehen Wochen, vielleicht Monate – und viele Kranke, vor allem aber auch viele pflegende Angehörige erzählen, wie einsam sie im Laufe der Zeit werden.

Jesus nimmt uns mit in die Häuser der Kranken und auf die Stationen: „Wir wollten mal wieder schauen, wie es geht!“ Ich staune, wie froh viele werden, wenn sie ihre Angst überwinden vor der Begegnung mit einer schweren Krankheit und dem Sterben – Was soll ich denn sagen? Was kann ich da tun? Wenn sie sich trauen und sich auf den Weg machen, um einem schwer und chronisch Kranken oder einer Sterbenden zu begegnen, sie gar eine Wegstrecke zu begleiten. „Danke, dass Sie mich ermutigt haben, hinzugehen; das waren zwei so wichtige Stunden für mich!“ Wer sich aufmacht, erlebt etwas von dem, was Jesus meint, wenn er sagt: „Meine Kraft ist in der Schwäche und in den Schwachen mächtig.“

Gottes Geist ist kräftig mitten in Krankheit und Not, er führt uns in die neue Wirklichkeit, in der der Tod seine Macht verloren hat. Auf einmal scheint eine Tiefe und eine Würde auf, die mich ermutigt und mir selbst Hoffnung gibt. Mit anderen abschiedlich leben, lässt auch mich vieles neu und intensiv erfahren: Arm in Arm durch das Herbstlaub spazieren gehen. Bilder von früher anschauen. Spuren in frisch gefallenen Schnee machen. Sich von den Enkeln und Kindern verabschieden. Unser Leben ist begrenzt, aber es ist geborgen in Gott.

III

„Steh auf, nimm dein Bett und geh hin.“ Die Kraft des Geistes macht den Gelähmten gesund. Aber sie hält ihn nicht in diesem Wunder fest; sie ermutigt ihn, das Bett und die Erfahrungen aus der Zeit der Lähmung mitzunehmen und dann aufzubrechen: „Geh hin!“

In diesen beiden Worten stecken Zutrauen und Zumutung. „Auch nach 38 Jahren kannst Du wieder Kräfte entwickeln, um den dein Leben selbstbewusst und verantwortlich zu gestalten.“ Das ist nicht einfach, denn die Krankheit nimmt gefangen, sie schreibt sich in uns ein und hält uns in den Bildern fest, die wir von Kranken haben: was sie alles nicht können, wie schwach sie sind, dass wir alles klären und lösen müssen.

Mit Jesus öffnet sich ein neuer Weg; ein Aufbruch wird möglich, ein Hören und den Kräften des Anderen nachspüren, eine neue Verantwortung.

Manche erleben das, wenn sie mitten im Leben durch Herzinfarkt oder Schlaganfall gestoppt werden – wie wird es jetzt weiter gehen. Für manche ereignet sich so ein Neuanfang nach einer Organtransplantation: ein Mensch bekommt eine neue Niere, muss nicht mehr jeden zweiten Tag an die Dialyse, auf einmal ist so viel möglich. „Geh hin!“ sagt Jesus, „trau dich! Ergreif die Gelegenheit, auch wenn es nach 38 Jahren so unwahrscheinlich erscheint, was jetzt alles wieder möglich ist.“

Noch einmal wird deutlich, wie ernst Jesus die Würde des früher Kranken nimmt. „Jetzt bist du gefragt! Nimm deine Matte und brich auf! Ergreife die Möglichkeiten, die dir neu geschenkt und anvertraut sind.“ Christus hat die Macht des Todes überwunden – ein neues Leben liegt vor dem Geheilten.

Ich kann mir die Rückfragen gut vorstellen: „Wie soll das gehen nach 38 Jahren? Wie werden die anderen mich aufnehmen? Ich war doch immer ihr Kranker, der der nichts selber konnte, um den man sich kümmern musste. Wird es da Freiheit und einen verantwortlichen Platz für mich geben? Oder werden sie sagen: „Was willst du denn jetzt plötzlich? Du störst unsere Kreise!““ Da sind die Konflikte schon vorgezeichnet, von denen die nächsten Verse erzählen. Jesus mutet dem Geheilten etwas zu, aber er traut ihm auch viel zu.

Jesus geht zu den Sterbenden, den chronisch Kranken, den Blinden, den Lahmen und Ausgezehrten. Er nimmt uns mit und öffnet beiden, uns und den Kranken damit eine Tür in ein neues Leben in Gottes Wirklichkeit! Lasst uns hingehen und die Kranken besuchen; lasst uns hingehen und unsere Freiheit und Kraft in Christus nutzen.