Liebe Gemeinde,
wir feiern heute am Reformationstag ein Fest des Glaubens! Wir feiern, dass der Glaube uns in unserem Alltag begleitet, dass er uns im Leben trägt und im Sterben tröstet. Wir feiern, dass unser Glaube uns frei macht und mutig, Verantwortung zu übernehmen – hier vor Ort und gegenüber unseren Nächsten, aber auch in die weiten Horizonte, in die uns Gottes Schöpfung stellt, die uns mit Menschen verbindet, die uns fern und fremd sind, und auch mit denen, die uns vorangegangen sind und die nach uns kommen werden.
Der eine Gott, der Leben schafft
Predigt von Landesbischof Cornelius-Bundschuh am Reformationstag in der Stiftskirche Wertheim
Evangelischer Glaube macht mutig und frei, uns immer wieder neu auf Christus auszurichten, so wie uns das Kreuz in dieser Kirche ausrichtet. So wie Menschen in dieser Kirche seit fast 500 Jahren fragen: Was bedeutet uns heute die Freiheit eines Christenmenschen? Was heißt heute evangelisch glauben – in einer Zeit, in der Menschen unterschiedlichen Religionen angehören und an-dere sich fragen, ob sie Glauben und Kirche eigentlich brauchen?
Ich lese den Predigttext für den heutigen Reformationstag aus dem 5. Buch Mose im 6. Kapitel:
4 Höre, Israel: der HERR ist unser Gott, der HERR allein. 5 Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.
6 Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen 7 und sollst sie dei-nen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder aufstehst. 8 Und du sollst sie binden zum Zeichen auf dei-ne Hand, und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein, 9 und du sollst sie schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an die Tore.
I
„Höre, Israel!“ Diese Aufforderung begleitet jüdische Menschen bis heute durch ihr Leben: mor-gens und abends, zu Hause, an der Klagemauer oder in der Synagoge, im Alltag und am Feiertag; diese Verse sind ein zentrales Bekenntnis des jüdischen Glaubens.
Diejenigen, die sie als Predigttext für den Reformationstag ausgesucht haben, laden uns ein, an der Tür zu lauschen, was Gott dem Volk Israel Wichtiges zu sagen hat. Aber wir müssen keinen roten Kopf bekommen, weil wir beim Lauschen ertappt werden. Jesus, der diese Worte wahr-scheinlich als Kind gelernt und selbst oft gelesen und gesprochen hat, öffnet uns die Tür und lädt uns ein zuzuhören. Diese Worte gelten auch uns, weil der Gott Abrahams, Issaks und Jakobs, der eine Gott, der Israel aus der Knechtschaft in Ägypten befreit hat, durch Jesus Christus auch unser Gott geworden ist.
Das ist heute, wo jüdische Gemeinden und Menschen, die eine Kippa tragen, sich in Deutschland bedroht fühlen, eine wichtige Grundlage unseres Glaubens: wir gehören zusammen, wir glauben an einen Gott!
II
Dieser Gott hat einen Namen. Martin Luther hat die vier Buchstaben übersetzt, die hier im Hebräischen stehen, mit „Herr“ übersetzt. Im Judentum werden sie nicht ausgesprochen.
Warum? Weil Gott nicht auf den Begriff zu bringen ist. Weil Gott nicht unseren Bildern unterworfen werden soll: nicht männlich, nicht weiblich, und doch wie Mutter und Vater; wie eine Burg, wie Sonne und Schild – und doch mehr und anders als das alles. Mein Trost und mein Heil, aber doch nicht nur die Bestätigung meiner Ansichten und Überzeugungen, sondern immer auch eine Herausforderung.
Gott lässt sich nicht für unsere Interessen instrumentalisieren. Das mussten die Israeliten am Berg Horeb lernen, als sie Gott in einem goldenen Kalb anbeten wollten oder als sie später behaupteten, ihr Gott sei der König über die Götter der anderen Völker (Psalm 95).
Auch für die Reformation war diese Erkenntnis wichtig: Der Glaube sollte nicht den Einfluss und das Vermögen der Mächtigen stärken, sondern die Menschen frei machen, aufrichten und ihnen zusagen: Fürchte dich nicht; du gehörst zu Christus! Wahrscheinlich ließ Graf Georg von Wertheim deshalb schon 1518 ein Mandat gegen kostspielige Leichenbegängnisse und Jahrtagsstiftungen an die Tür der Wertheimer Stiftskirche schlagen.
Wir deutschen evangelischen Kirchen haben erst in den Schrecken von zwei Weltkriegen und angesichts des menschenverachtenden Nationalsozialismus gelernt: Wer „Gott mit uns“ auf Kop-pelschlösser schreibt, hat Christus schon verloren. Er oder sie hängt sein oder ihr Herz an einen Abgott: den Gott des Nationalismus, der den eigenen Wert erst durch die Abwertung der anderen gewinnt; den Gott der Sicherheit, der auf Waffen vertraut, statt den Frieden zu wagen; den Gott des „immer mehr“, der nie genug hat und uns auf Erwartungen und Ideale festlegt, die Unzufrie-denheit und Neid in unseren Herzen säen, weil andere immer mehr haben, besser sind, mehr gelten, der uns stetig über die Grenzen des Wachstums in Gottes Schöpfung hinaustreibt.
Der Reformationstag widerspricht den Abgöttern und allen Versuchen, Gott und den Glauben für eigene Interessen in Dienst zu nehmen, sei es auch erzieherisch, wie früher manchmal in der Fa-milie: „Wenn du nicht das tust, was ich dir sage, wird Gott dich strafen.“ Nein, Gott will Menschen, die sich nicht fürchten, sondern aus der Kraft der Liebe Christi leben, die frei und aufrecht, besonnen und selbstbewusst ihren Glauben leben. In diesem Sinne macht uns die Reformation kritisch, vor allem selbstkritisch, aber diese kritische Perspektive wird auch zu einem Leitfaden im Dialog mit anderen Religionen und mit der Politik.
III
Der evangelische Glauben hat eine große kritische Kraft. Noch wichtiger aber ist sein Vertrauen in die Liebe Gottes. Das ist die eigentliche reformatorische Entdeckung: Entscheidend ist nicht, was wir tun, sondern was Gott für uns tut. Wir können Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit aller unserer Kraft, weil Gott uns zuerst liebt, weil wir umgeben sind und geborgen in der Liebe Christi. Sie überwindet Feindschaft und ermöglicht Umkehr. Sie rettet die Schwachen und sorgt für die, die nicht für sich selbst sorgen können. Sie verbindet uns trotz aller Unterschiede in einer wechselseitigen Gemeinschaft. Sie öffnet uns Wege in verfahrenen Situationen und entdeckt in Konflikten, in denen wir keinen Ausweg sehen, kreative Lösungen.
Der evangelische Glaube lebt daraus, dass Gottes Liebe uns zuvorkommt. Dass wir nur einstimmen müssen und uns einfinden in die liebevolle Bewegung Gottes in dieser Welt. Manchmal fällt uns das leicht und wir schwimmen einfach mit auf dem breiten Fluss des Glücks, weil uns die Lie-be zum Beispiel in unserer Partnerschaft, in der Familie oder in der Gemeinde trägt. Aber manch-mal liegen wir auch wie ein schwerer Brocken im Weg: „Mit den Nachbarn reden wir seit dreißig Jahren nicht, Herr Pfarrer. Da werde ich doch nicht jetzt rübergehen, nur weil sie krank ist!“
Jesus hat die Liebe Gottes in unsere Welt gebracht und uns ermutigt, uns ihr anzuvertrauen und in ihr zu leben: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Dies ist das höchste und erste Gebot. Das andere aber ist dem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (Mt. 22, 37-39)
IV
Über Glauben muss man reden. Glauben kann man lernen. Glauben muss man üben. Diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder auf-stehst. Und du sollst sie binden zum Zeichen auf deine Hand, und sie sollen dir ein Merkzeichen zwi-schen deinen Augen sein, und du sollst sie schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an die Tore.
Vielleicht hat Joseph Jesus dieses „Höre, Israel!“ schon gleich nach der Geburt dankbar ins Ohr geflüstert. Vielleicht hat Maria es gesprochen, nachdem Jesus zum ersten Mal in der Krippe einge-schlafen ist.
Hören und erzählen, so wächst der Glaube. Das wichtigste wird auswendig gelernt! By heart, sa-gen die Engländer. Genau das ist hier gemeint – dass die wichtigsten Texte sich in uns festsetzen, unser Herz, unseren Kern bestimmen. Als Jesus sein Elternhaus in Nazareth verlässt, nimmt er all das mit; leichtes Gepäck, weil er es auswendig kann. Und doch Kraft für weite Wege und ein Trost, der im Leben und Sterben trägt.
Glauben können wir lernen. Glauben können wir üben. Über Glauben müssen wir reden. Dann merken wir, was uns trägt. Auch, was sich hohl anhört. Und was stimmt und zu mir passt: Wie kann ich beten? Wie spreche ich von meinem Glauben, wenn mein Freund mich fragt? Oder mein Enkel? Was sage ich am Krankenbett, wenn ich gefragt werde: Wie geht es nach dem Tod weiter?
Der Glaube ist etwas sehr Persönliches, aber keine Privatsache. Wenn ich in Begegnungen Erfah-rungen mit ihm sammle, entwickelt er sich weiter und vertieft sich. Deshalb ist es schade, dass wir heute selten miteinander über den Glauben reden. Ich habe Gespräche darüber mit Taufel-tern, mit jungen Erwachsenen, mit Freunden im Ohr: „Ja, ich war eigentlich gerne im Konfirmandenunterricht, aber danach war das kein Thema mehr. Wer redet schon über den Glauben; das machen doch nur Fanatiker, das ist doch peinlich.“ Dabei will sich der Glaube gerade im Alltag bewähren; will mutig und frei machen – und uns in unseren Verantwortungen tragen und stärken. Sonst geht es ihm wie dem Salz auf der Straße, das fad wird und zertreten und nutzlos.
Diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen und sollst sie deinen Kindern ein-schärfen und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder aufstehst. Wenn ich über meinen Glauben rede, lege ich mich fest: „So stelle ich mir Gott vor.“ „So, hoffe ich, geht es meinem verstorbenen Vater jetzt bei Gott.“ Traue ich mich das zu sagen? Und mit einem Freund, meiner Frau darüber zu reden, so dass wir spüren, wie wir den Glauben ins Leben ziehen. Da gehört er hin!!
Die Konfirmanden und Konfirmandinnen stöhnen manchmal, wenn sie Lieder oder Bibelverse lernen sollen. Ich finde es gut, etwas auswendig, by heart, im Herzen zu haben. Eine Liedstrophe, ein Gebet, die dann im richtigen Moment hoffentlich ihre Kraft entfalten, wenn wir, wenn Ihr sie braucht. Ich habe schon erlebt, wie eine Konfirmandin am Krankenbett der Großmutter den Psalm 23 gesprochen hat; wie ein Enkel aus dem Posaunenchor dem Großvater zum Geburtstag „Lobe den Herrn“ vorgespielt hat – und wie schön und kräftig das war und unseren Glauben gestärkt hat.
V
„Höre, Israel: der HERR ist unser Gott, der HERR allein. 5 Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft. – und deinen Nächsten wie dich selbst.“
