Wie wird Friede?

Predigt über Psalm 85 im Gottesdienst zum Volkstrauertag in der Thomaskirche Daxlanden am 17.11.2019

Könnte ich doch hören, was Gott redet: Frieden sagt Gott seinem Volk zu und denen, die Gott lieben, damit sie nicht mutlos werden. Denn Gottes Hilfe ist denen nahe, die Gott fürchten: dass Gottes Glanz in unserm Land wohne; dass Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen; dass Verlässlichkeit auf der Erde wachse und Gerechtigkeit vom Himmel schaue; dass Gott uns Gutes gebe und unser Land seine Frucht bringe; dass Gerechtigkeit vor dem Antlitz Gottes hergehe und seinen Schritten folge.

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

wie wird Friede? Das ist eine Frage, die uns beschäftigt, hier in Deutschland, in Europa, in Syrien, aber auch bei Ihnen in Korea. Wie wird Frieden?

I

In meiner ersten Gemeinde traf sich das Dorf am Volkstrauertag nach dem Gottesdienst an einem Gedenkstein. Kriegerdenkmal hieß das früher; auf dem Stein waren die Namen der Gefallenen der beiden Weltkriege, manchmal auch noch die des deutsch-französischen Krieges von 1870/71 eingemeißelt.

In den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts hatte die politische Gemeinde einen neuen Stein aus Basalt, einem sehr alten Vulkangestein, auf dem Friedhof aufgestellt. In zwei Zeilen setzte er einen neuen Akzent und rückte die Schrecken des Krieges und gerade auch die zivilen Opfer ins Bewusstsein: „Gedenkt der Opfer – Tut Werke des Friedens“.

Seitdem ist die Welt nicht friedlicher geworden: die Liste der Konflikte, für die wir in unseren Gottesdiensten um Frieden beten, ist gewachsen. Militärische Gewalt gilt wieder als legitimes Mittel der Politik. Aber auch das gesellschaftliche Klima wird rauer, Reden und Handeln werden gewaltförmiger. Wir erschrecken über den neuen Antisemitismus, über Übergriffe gegen Menschen anderen Glaubens, anderer Hautfarbe, anderer Herkunft. Die Logik der Macht und die Gewalt, auf die sie sich stützt, drängen sich gegen alle unsere Werte nach vorne.

II

Wie wird Friede? Krieg wird mit Waffen geführt; aber die Gewalt beginnt in den Köpfen und Herzen von Menschen, auch in unseren Köpfen und Herzen – so wie Friede wird, wenn Menschen sich mit Verstand, Herz und Hand neu ausrichten: auf Versöhnung und ein Leben im Geist der Liebe.

„Könnte ich doch hören, was Gott der Herr redet!“, ruft, bittet, betet der Psalm 85. Könnte ich doch hören, wie Christus zu uns tritt und uns zusagt: „Friede sei mit euch!“? Dann würde ich frei, auf andere zuzugehen, auch auf die, mit denen ich schon lange nichts mehr zu tun habe, mit denen ich zerstritten bin. Dann würde ich neuen Mut gewinnen, neue Wege der Versöhnung und des Friedens zu gehen: hier konkret vor Ort, in meiner Nachbarschaft und in meinem Beruf, in Deutschland, in Europa, in Korea, in dieser friedlosen Welt.

Könnte ich doch hören …?! Wie kann es gelingen, dass Gottes Friedensverheißung nicht nur unsere Ohren erreicht, sondern unser Herz füllt? Dass die Zweifel weichen, die Unsicherheit abnimmt, all das, was sich in diesem Konjunktiv ausdrückt: Könnte ich doch hören!? Damit unser Gottvertrauen wächst und wir mutig und frei werden, im Glauben Schritte des Friedens zu wagen!

Der Psalm 85 prägt uns die Verheißungen Gottes mit wunderbaren Worten und Bildern ein: Frieden sagt Gott seinem Volk zu und denen, die Gott lieben, damit sie nicht mutlos werden. Gottes Hilfe ist denen nahe, die Gott fürchten: dass Gottes Glanz in unserm Land wohne; dass Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen; dass Verlässlichkeit auf der Erde wachse und Gerechtigkeit vom Himmel schaue; dass Gott uns Gutes gebe und unser Land seine Frucht bringe; dass Gerechtigkeit vor dem Antlitz Gottes hergehe und seinen Schritten folge.

III

Gott öffnet uns die Tür in einen Raum des Friedens, indem „Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen.“ Jedes dieser Stichworte hat einen guten Klang, aber es besteht auch eine Spannung zwischen ihnen. Denn wenn Güte und Treue sich begegnen, dann ist das manchmal auch ein kleiner Zusammenstoß. Wenn Frieden und Gerechtigkeit sich küssen, dann klingt in der Hebräischen Vokabel „küssen“ mit, dass die beiden sich auch streiten und aneinander reiben. Denn wer sich liebt und küsst, dem ist der oder die andere nicht gleichgültig, sondern so wichtig, dass es sich lohnt, auch mal um den gemeinsamen Weg zu streiten.

Wer in der Liebe Christi lebt, ringt um die Anderen, auch um die vermeintlichen Feinde. Geduldig und ausdauernd und verlässlich, wie der Bibeltext sagt, und immer in der Hoffnung, dass Gottes Frieden uns Türen öffnet, wo wir keine mehr sehen, dass in Christi Geist Versöhnung möglich ist, wo wir nicht mehr weiter wissen.

IV

In der Güte geht es warmherzig zu. Sie geht jeder Person nach und sucht Lösungen für jeden Einzelfall. Im Zweifel sagt sie: Habt doch Mitleid! Sie ist immer bereit, Gnade vor Recht ergehen zu lassen.

Die Treue hält dagegen die große Linie. Sie fragt nach dem, was Recht ist: Worauf kann ich mich verlassen - und dann aber eben auch alle anderen? Im Zweifel sagt sie: Warum gilt das für den und nicht für die da?

Wenn das, was gilt, wegen eines Einzelfalls zurückgenommen wird, kann die Güte leicht zur Willkür werden. Dann kommt die Person immer besser durch, die sich gut verkaufen kann und ins Schema passt. Andererseits: Wenn alles nur so funktioniert, wie das Recht es vorschreibt, dann wird es manchmal kalt und man bekommt Angst sich in den Mühlen der Bürokratie zu verlieren.

Wir erleben das zurzeit in Gemeinden, die sich um Flüchtlinge sorgen, wenn eine Abschiebung droht. Es ist wichtig, dass wir einen Rechtsstaat mit guten rechtlichen Regelungen haben, an die sich alle halten. Sonst gehen die Verlässlichkeit und das Vertrauen in das Recht verloren.

Aber wenn wir Namen, Gesichter und Geschichten kennen, wächst die Güte. Personen wachsen uns ans Herz. Warum diese Familie, die hat doch so eine schreckliche Geschichte erlebt – und die Kinder sind doch schon so gut in der Schule angekommen; und sie hat doch Arbeit!? Dann überlegen Gemeinden: Was können wir tun, um zu helfen? Sollen wir die Familie vielleicht ins Kirchenasyl nehmen?

Das Amt der Versöhnung, in das Christus uns ruft, ist ein mutiges Amt. Eines, das ins Dazwischen ruft. In die Verantwortung, die Augen aufzumachen für die anderen; sich nicht darauf zu verlassen, dass alles richtig ist, was geschieht; aber auch nicht alles nach der eigenen Nase zu beurteilen und nach dem, was mir gerade passt. Wir brauchen die Treue, wir sagen heute: das Recht. Wir sind froh, dass wir einen demokratischen Staat haben, in dem es Wege gibt, dieses Recht weiter zu entwickeln, so dass mehr Güte möglich wird.

Wer an Gottes Frieden teilhat, gerät ins Dazwischen: aufmerksam für das Besondere jedes Menschen und doch auch das Ganze im Blick. Gott traut und mutet uns zu, Wege zu bahnen zwischen Güte und Treue. Das ist eine anstrengende Position, aber einfacher ist Gottes Frieden nicht zu haben!

V

Ähnlich ist es mit Frieden und Gerechtigkeit. Um die Spannung deutlich zu machen, erinnere ich an Dietrich Bonhoeffer, der sich gegen den faulen Frieden wehrte, den die Kirchen eingegangen waren, als sie sich nicht gegen den Antisemitismus des Nationalsozialismus und sein Sortieren zwischen wertem und unwertem Leben wehrte und die Menschenrechte verachtete. Bonhoeffers Frage war: Darf ich Gewalt anwenden und gegen das Gebot der Feindesliebe verstoßen, um diesem Rad in die Speichen zu fallen und die Schrecken der Ungerechtigkeit und die mörderische Menschenfeindlichkeit zu stoppen?

Es ist ein weiter zeitlicher Horizont, in den uns Gottes Frieden ruft: Mein ältester Enkel wird im Jahr 2100 etwa so alt sein wie meine Mutter jetzt. Das sind vier Generationen. Wie weit nach hinten und nach vorne reicht unsere Verantwortung? Was wird bis dahin mit den Atomwaffen geschehen sein, die gerade überall modernisiert werden? Werden die Kinder der Menschen, die heute zu uns fliehen, unsere Güte und Treue loben – oder werden sie noch immer trauern und klagen, dass wir verhindert haben, dass ihre Väter oder Mütter oder Geschwister nachkommen? Werden wir den Temperaturanstieg so begrenzen, dass auch noch unsere Urenkel sehen können, was Gletscher und Eisberge sind?

Aber es ist auch ein weiter geographischer Horizont. In Nigeria haben wir eine Partnerkirche. Das Land wird seit vielen Jahren von Gewalt zerrissen. Aber es gibt auch Hoffnungsgeschichten zwischen Güte und Treue, Gerechtigkeit und Frieden: In vielen Schulen organisiert die nigerianische Kirche der Geschwister Begegnungen zwischen christlichen und muslimischen Jugendlichen. Da wird über die Konflikte gesprochen, über die gegenseitigen Vorwürfe, aber auch über das, was sie verbindet, was sie sich für eine gemeinsame Zukunft erhoffen. So wächst Vertrauen, das Gewalt überwindet und Gerechtigkeit schafft.

VI

Friede wächst, wenn Menschen sich mit ihren Unterschieden und Widersprüchen begegnen. Da braucht es den Mut, dazwischen zu treten, wenn Menschen niedergedrückt werden. Da braucht es die Kraft, Unterschiede auszuhalten. Da braucht es die Aufmerksamkeit, um das am Anderen, am Fremden zu sehen, was ich durch die Brille der Feindschaft nicht sehe.

Um Frieden müssen wir ringen, dafür müssen wir uns bewegen und immer wieder danach Ausschau halten, wo Feindschaft wächst. Wir brauchen den Austausch zwischen den Kulturen, wir brauchen Begegnungen, und manchmal auch den Streit. Nur so finden wir Antworte auf die Fragen: Wie wird Friede? Wie unterstützen wir diejenigen, die dazwischentreten, versöhnen und Brücken bauen? 

Gott sagt uns Frieden zu; damit fängt alles an. Darauf vertrauen wir. Gott führt uns heraus aus den Eindeutigkeiten von Freund und Feind, in ein offenes, weites Land, dessen Eckpunkte Güte und Treue, Gerechtigkeit und Frieden sind. Sie stecken ein Feld ab, auf dem wir um Frieden ringen und manchmal auch streiten, weil wir darauf vertrauen, dass am Ende „Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen.“