Der Friede Gottes und die Hoffnung der Menschen

Predigt über Hiob 14 im Festgottesdienst zum Kirchenjubiläum der Friedenskirche (70 Jahre Bartning Kirche) am 17. November 2019

1 Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, 2 geht auf wie eine Blume und welkt, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht.

3 Doch du tust deine Augen über einen solchen auf, dass du mich vor dir ins Gericht ziehst. 4 Kann wohl ein Reiner kommen von Unreinen? Auch nicht einer! 5 Sind seine Tage bestimmt, steht die Zahl seiner Monde bei dir und hast du ein Ziel gesetzt, das er nicht überschreiten kann: 6 so blicke doch weg von ihm, damit er Ruhe hat, bis sein Tag kommt, auf den er sich wie ein Tagelöhner freut.

13 Ach, dass du mich im Totenreich verwahren und verbergen wolltest, bis dein Zorn sich legt, und mir eine Frist setzen und dann wieder an mich denken wolltest! 15 Du würdest rufen und ich dir antworten; es würde dich verlangen nach dem Werk deiner Hände. 16 Dann würdest du meine Schritte zählen und nicht achtgeben auf meine Sünde. 17 Du würdest meine Übertretung in ein Bündlein versiegeln und meine Schuld übertünchen.

 

Liebe Festgemeinde,

ich gratuliere Ihnen sehr herzlich zu Ihrem Jubiläum! 70 Jahre Friedenskirche hier im Stadtteil Weiherfeld-Dammerstock! Wie vor siebzig Jahren feiern wir am vorletzten Sonntag des Kirchenjahres, am Volkstrauertag, und setzen damit heute wie damals ein Zeichen für den Frieden: ein Zeichen des Gottvertrauens, ein Zeichen der Hoffnung und ein Zeichen der Verantwortung.

I

„Friedenskirche“: „Als man sich fragte, welchen Namen man einer neuen Gemeinde geben sollte, brauchte man nicht nachzudenken“, schreibt Hans-Joachim Stein, der erste Pfarrer Ihrer Gemeinde und spätere Oberkirchenrat. „Sie konnte nur Friedensgemeinde und die zu bauende Kirche Friedenskirche heißen!“

Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und welkt, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht. Die Menschen, die durch die Trümmer der Stadt liefen, hatten wenig zu essen. Da war viel Trauer: um Väter, um Söhne und Enkel, die im Krieg gefallen waren; um Angehörige, die Opfer von Bomben, Hunger oder Krankheit geworden waren. Viele Menschen suchten mit ihren leiblichen und seelischen Wunden einen neuen Anfang. Und dann das Erschrecken über den Irrweg des Nationalsozialismus mit seiner Gottlosigkeit und seiner Menschenverachtung. Wie war das möglich, dass so viele mitgemacht und sich nicht gewehrt hatten, als Menschen auf Grund ihrer Religion oder Überzeugung, ihrer Herkunft oder ihrer sexuellen Orientierung verfolgt und ermordet wurden? Wer ist schuld daran? Ich etwa auch? Doch du tust deine Augen über einen solchen auf, dass du mich vor dir ins Gericht ziehst.

II

Der Hunger und die Not waren drängend, aber mindestens so bedrängend, waren diese Fragen nach Schuld, nach Sinn und Orientierung: Wie soll es weitergehen? Was trägt uns durch das Leben?

Seit 1930 hatte eine kleine Baracke mit einem großen Raum der Gemeinde als Gottesdienstraum, Kindergarten und Gemeindesaal gedient. Jetzt nach dem Krieg haben die Verantwortlichen gespürt: Wir brauchen mehr. Wir brauchen einen Ort, um innezuhalten, um Gottes Frieden nach zu spüren, um die Kraft des Heiligen Geistes in unserer Mitte zu erleben, die Friedensbewegung Christi, die diese friedlose Welt verändern und erneuern will.

Es ist ein Segen, dass wir nicht allein sind im Leib Christi. Dass es da in diesem einen Leib nicht nur Köpfe und Hände gibt, sondern auch Beine und Ohren und kleine Zehen und eine Wirbelsäule und alles, was sonst so nötig ist. Wir sind Glieder an dem einen Leib Christi! Diese Vielfalt ist eine besondere Kraft: in der Gemeinde, im ökumenischen Miteinander, zwischen den Kirchen. Wir gehören zusammen, wir brauchen einander; wenn ein Glied leidet, leiden alle mit. Wir brauchen uns, um uns zu unterstützen, manchmal auch, um uns herauszufordern.

Kaum war der Krieg vorbei kamen die anderen Kirchen nach Deutschland und versuchten in diesem Geist Christi zu helfen beim Neuanfang. Bei einem Aufbruch, der nicht vergisst, was war und wo wir in die Irre gegangen sind, und das vor Gott bringt. Der Mut macht, zur Umkehr und zu einer Erneuerung aus der Vergebung und der Zusage Christi heraus: Fürchte euch nicht, ich bin bei euch. Ich gehe mit euch auf den neuen Wegen. Der uns daran erinnert, dass wir das, was uns durchs Leben trägt, nicht kaufen können: Die Liebe der Eltern – gibt es nur umsonst! Dass Freundinnen und Freunde treu mitgehen, auch wenn ich verzweifelt bin oder etwas falsch mache – das ist ein Geschenk! Dass ich mich am Ende auf andere verlassen kann, auch wenn ich selbst ihre Namen nicht mehr weiß und dass ich das doch gerade schon mal erzählt habe – das ist Gnade! Dass meine Frau und ich uns auch nach dreißig Jahren noch lieben und aneinander freuen – all das können wir nicht machen oder kaufen! 

Der Weltrat der Kirchen hat dazu beigetragen diese Botschaft in unser Land zu tragen, mitten hinein in die Not und die Verunsicherung. Mit Worten, aber eben auch ganz praktisch: in den USA fand sich Geld für ein Kirchbauprogramm. Mit Otto Bartning fand sich ein Architekt, der spürte, dass es in dieser Situation wichtig war, schnell, einfach und günstig zu bauen, und doch zugleich gut und haltbar; so dass Menschen sich wohlfühlen und zu Hause und doch auch spüren: hier geht es um das ganz Andere, um das Wesentliche. So entstanden 40 Not-Kirchen in Deutschland: Orte, um zu fragen, was trägt uns durchs Leben; um das Gottvertrauen zu stärken. Räume, in denen Schuld bekannt werden konnte: Wie konnten wir das anderen Menschen und Völkern antun? – und in denen Vergebung zugesagt und neue Hoffnung gewonnen werden konnten; in denen wir auf Gottes Wort hören, das uns in die Verantwortung für unsere Nächsten ruft, aber auch für die, die uns fremd sind, ja sogar für unsere Feinde.

2021 wird der Weltrat der Kirchen seine elfte Weltversammlung in Deutschland abhalten, die dritte in Europa und die erste überhaupt in Deutschland; eine Gelegenheit, um Dank zu sagen für diese ganz praktische Ökumene, die insgesamt vier solche Kirchen nach Baden brachte, außer Ihrer Friedenskirche noch die Gnadenkirche in Mannheim, die Auferstehungskirche in Pforzheim (die erste!) und in Heidelberg.

III

Was trägt uns durch das Leben? Unsere Kirchen sind Orte, an denen wir nach Antworten auf diese Frage suchen und hoffentlich entdecken, wovon Hiob träumt: Du würdest rufen und ich dir antworten; es würde dich verlangen nach dem Werk deiner Hände. Ein wunderbares Bild: Gott ruft uns; Gott will ein Gott mit uns sein; nicht allein, irgendwo da oben, nicht uninteressiert und fern, ein Puppenspieler, dem seine Marionetten egal sind. Nein, Gott verlangt nach uns, ruft uns, sucht uns, braucht uns, will bei uns sein, so wie wir das an Weihnachten feiern.

Wieviel Trost steckt für die Menschen vor siebzig Jahren in diesen Sätzen: Dann würdest du meine Schritte zählen und nicht achtgeben auf meine Sünde. Du würdest meine Übertretung in ein Bündlein versiegeln und meine Schuld übertünchen.

Wieviel Trost steckt für uns heute in diesem Bild? Dass Gott nicht auf das sieht, was mich von den anderen trennt und was ich anderen schuldig bleibe, wo ich mich überhebe, wo ich mich zufrieden und träge zurücklehne, ohne nach meiner Verantwortung zu fragen. Gott kennt mich, Gott trägt mich – ich bekomme neuen Mut, Lebensmut, den ich, den wir heute brauchen wie die Menschen damals.

IV

Schnell ist es dann gegangen. Die Menschen haben gespürt, dass sich etwas bewegt, dass ihnen neue Kraft zuwächst und eine neue Verantwortung. Viele haben die Ärmel hochgekrempelt und zum Spaten gegriffen, Steine herangekarrt vom zerstörten alten Rathaus in Karlsruhe. Dann stand das Holzgerüst, das Dach kam drauf und nach fünfzehn Monaten konnte die Kirche eingeweiht werden, wenn auch noch 13 Jahre lang ohne Turm und Glocken.

Es gibt Kirchen, große Kathedralen, die sind so langsam gewachsen wie der Berliner Flughafen. Ihnen spürt man ab, dass es schon beim Bauen immer um die Ewigkeit ging. Ihre Kirche stand in der Not der Zeit und macht bis heute Mut, den Glauben heute ins Leben zu ziehen. Sie lädt dazu ein, sie immer wieder neu mit Leben zu füllen, in ihr nach heute hilfreichen und kräftigen Formen zu suchen, wie sich Christi Liebe heute unter uns Gestalt gewinnen kann. Sie steht für einen beweglichen Glauben und für christliches Engagement mitten im Stadtteil; für Offenheit und Einladung auch an die, die es gerade schwer mit dem Glauben oder noch nie seine Kraft gespürt haben, für eine Gemeinde, die Kraft empfängt aus ihrer ökumenischen Existenz, dem Blick nach draußen und der Begegnung mit anderen.

V

Manchmal heißt es: Not lehrt beten! Hatte es diese Friedenskirche, diese Notkirche von Bartning damals leichter zum Glauben einzuladen als heute? Vielleicht war die Frage, was mich durchs Leben trägt, damals, nach Krieg und Schreckensherrschaft drängender als heute, vielleicht stellte sie sich offensichtlicher.

Aber dass wir einen solchen Ort haben, in dem wir antworten, auf das, was wir nicht selbst machen können; in dem wir uns und andere, Gott anvertrauen; in dem wir regelmäßig innehalten und hören auf das, was wir uns nicht selbst sagen, dafür brauchen wir Kirchen, andere Orte, die uns über uns hinausführen: um uns in dem Gewirr der Stimmen zu orientieren; um Vertrauen zu schöpfen und Dankbarkeit einzuüben; um zu entdecken, dass das „immer mehr, immer schneller, immer besser“ uns heute in einer Weise gefangen nimmt, die überfordert und müde macht; um das Seufzen der Kreatur zu hören, das oft von dem Lärm der Straßen und unserem Lebensstil übertönt wird; um zu entdecken, dass Christus unser Friede ist, der uns die Kraft gibt, Konflikte gewaltfrei zu lösen und miteinander in Frieden zu leben.

Ich gratuliere Ihnen noch einmal zu Ihrer Friedenskirche! Sie steht mitten im Leben! Sie ist eine Kraftquelle für den Stadtteil und ein Auftrag für uns als Christinnen und Christen. Wir lassen uns in ihr stärken und aufrichten. Sie macht uns Mut, das Gesicht unseres Stadtteils, unseres Landes, dieser Erde menschlicher und lebensfreundlicher zu gestalten, so dass auch die anderen Geschöpfe, die mit uns leben, und die Generationen nach uns, gut auf ihr leben können.

Ich wünsche Ihnen, dass diese Friedenskirche Sie noch viele Jahre im Glauben stärkt und in der Verantwortung ermutigt; dass Sie in Ihr Gottes Segen erfahren, der Sie auf Ihrem Weg durch die Zeiten begleitet und durchs Leben trägt.