1 Darum, o Mensch, kannst du dich nicht entschuldigen, wer du auch bist, der du richtest. Denn worin du den andern richtest, verdammst du dich selbst, weil du ebendasselbe tust, was du richtest. 2 Wir wissen aber, dass Gottes Urteil zu Recht ergeht über die, die solches tun. 3 Denkst du aber, o Mensch, der du die richtest, die solches tun, und tust auch dasselbe, dass du dem Urteil Gottes entrinnen wirst? 4 Oder verachtest du den Reichtum seiner Güte, Geduld und Langmut? Weißt du nicht, dass dich Gottes Güte zur Buße leitet?
5 Du aber mit deinem verstockten und unbußfertigen Herzen häufst dir selbst Zorn an für den Tag des Zorns und der Offenbarung des gerechten Gerichtes Gottes, 6 der einem jeden geben wird nach seinen Werken: 7 ewiges Leben denen, die in aller Geduld mit guten Werken trachten nach Herrlichkeit, Ehre und unvergänglichem Leben; 8 Zorn und Grimm aber denen, die streitsüchtig sind und der Wahrheit nicht gehorchen, gehorchen aber der Ungerechtigkeit; 9 Trübsal und Angst über alle Seelen der Menschen, die Böses tun, zuerst der Juden und ebenso der Griechen; 10 Herrlichkeit aber und Ehre und Frieden allen denen, die Gutes tun, zuerst den Juden und ebenso den Griechen.
Öffne unsere Ohren und Herzen für Dein Wort, Gott. Amen.
Dear sisters and brothers in Christ,
am Buß- und Bettag feiern wir, dass wir umkehren können. Es ist Gottes Güte, die uns zur Umkehr treibt. Sie ist kräftiger ist als unsere Rechthaberei, unsere Bosheiten und unsere Eitelkeiten, auch stärker als unsere Trägheit. Gottes Güte macht uns frei umzukehren und Jesus Christus mutig und mit Ausdauer zu folgen: auf dem Weg in ein Leben in Fülle, in eine Gemeinschaft des Geistes, die die umgreift, die uns nah, und die, die uns fern, fremd, ja feindlich sind; zu der die gehören, die uns vorausgegangen sind, und die, die nach uns kommen; die uns in Ehrfurcht vor dem Leben mit Gottes Schöpfung verbindet, die mit uns seufzt und hofft, die Gott uns anvertraut.
I
Buß- und Bettag, das klingt im Deutschen nach erhobenem Zeigefinger und Moral: „Das ist gut und das ist böse. Mach das und lass dies. Und wenn du nicht machst, was wir dir sagen, dann wirst du schon sehen.“ Da wird gedroht. Da wird gerüttelt und geschüttelt: „So sollst du sein.“ Da geht es um Entscheidungen: entweder so oder so! Und ums Sortieren: die Guten zu uns – die Bösen raus.
Die Reformation erinnert uns daran, dass der Buß- und Bettag eigentlich eine andere Überschrift hat. Sie heißt: „Weißt du nicht, dass Gottes Güte dich zur Buße treibt?“ (Römer 2,4) Nicht Gottes Zorn, nicht moralische Gesetze und Vorschriften über das Verhalten geben dem heutigen Tag seinen besonderen Charakter, sondern Gottes Güte. Sie ermöglicht uns, umzukehren. Sie ermöglicht es uns, in allen unseren Unterschieden und mit all dem, was wir einander schuldig bleiben, zusammen zu bleiben. Das ist die Botschaft des Buß- und Bettages: Es ist nicht unsere Disziplin oder unser Wohlverhalten, es ist Gottes Güte, die uns und dieser Erde eine neue Lebensperspektive eröffnet.
II
Das Evangelium für den heutigen Sonntag erzählt die Geschichte von einem Feigenbaum im Weinberg. Der bringt keine Frucht, auch nicht nach drei Jahren. Da sagt der Besitzer zu seinem Weingärtner: „Schluss jetzt, ich habe schon so lange investiert und immer noch keinen Ertrag. So hau ihn ab!“ Aber der Weingärtner stellt sich schützend vor das, was ihm anvertraut ist. „Gib ihm noch ein Jahr. Ich grabe und dünge. Vielleicht bringt der Baum dann doch noch gute Früchte. Wenn nicht, so hau ihn ab!“ Der Weingärtner bewahrt den Feigenbaum davor, abgeholzt zu werden. Er holt nicht die Axt, sondern den Spaten, er lockert den Boden und düngt ihn und müht sich um den Baum. Er überzeugt den Besitzer des Weinbergs, dass er noch ein Jahr warten soll. Ein Jahr, eine begrenzte Zeit, aber auch eine geschenkte Zeit: vielleicht, hoffentlich in einem Jahr, da wird der Baum blühen und Früchte tragen.
So zeigt sich Gott uns in Jesus Christus, so gütig wie der Weingärtner, so menschenfreundlich. Nicht zum Abhacken ist Christus gekommen, sondern um zu verbinden und zu versöhnen, um neues Leben zu ermöglichen.
III
Gottes Güte treibt uns zur Umkehr. Diese Güte geht nicht großzügig über Unrecht und Ungerechtigkeit hinweg. Ihr ist unser Tun und Lassen nicht gleichgültig: Gott unterscheidet klar die guten Werke von dem Bösen, das wir tun. Christus wird als Weltenrichter zurückkehren und dann zu uns sagen: „Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Geschwistern, das habt ihr mir getan“; was nicht, das seid ihr mir schuldig geblieben.
Wir sind freie und verantwortliche Christenmenschen; zu unserer Würde gehört es, dass wir Rechenschaft geben. Ja, es gibt falsche Wege. Und Gott, will dass wir von ihnen umkehren; Gottes Güte treibt uns zur Umkehr.
Die Bibel nennt die Macht der falschen Wege Sünde. Sie hat viele Gesichter.
- Sie zeigt sich, wenn ich mich über Gebote zu Lasten anderer hinwegsetze. Weil ich fixiert bin auf meinen Erfolg, gefangen von dem Wunsch nach Anerkennung. Da höre ich auf die Einflüsterungen: „Das gilt doch nicht für dich! Jeder ist seines Glückes Schmied! Setz dich durch; du musst auch mal die Ellenbogen ausfahren!“ Da gehe ich über die Grenzen, obwohl ich weiß, dass es nicht richtig ist. Wir erleben das im Kleinen, aber auch im Großen: Deshalb kämpfen wir gerade bei Brot für die Welt und in den Kirchen für ein Lieferkettengesetz; damit Menschenrechte endlich auch für Textilarbeiterinnen in Bangladesh gelten, damit das mit dem Geld für seltene Erden wie Coltan für unsere Handys nicht länger Gewaltregime finanziert werden.
- Der Hochmut ist eine Sünde. Wo mache ich mich zur Richterin, zum Richter über die anderen? Wo zeige ich auf die Fehler der anderen und merke gar nicht, dass vier Finger auf mich zurückweisen? Das gibt es in unseren Gemeinden, wenn wir über die Anderen reden, die uns fromm nicht genug sind; aber auch im alltäglichen Rassismus, der auf Menschen herabsieht, weil sie eine andere Hautfarbe oder Herkunft haben.
- Aber auch der Kleinmut ist ein falscher Weg. Da unterschätze ich meine Gaben und meine Kraft, mache mich klein und bin mutlos, obwohl Christus darauf wartet, dass ich mich zeige. Traue ich mich etwas zu sagen, wenn schlecht über andere geredet wird, wenn rechtspopulistische Parolen vertreten werden – über die Fremden, die kriminell sind und uns bedrohen.
- Und schließlich die Trägheit. Auch sie ist ein Gesicht der Sünde: Ich senke den Kopf, schaue weg und gehe an denen vorbei, die Hilfe brauchen. „Das nützt ja eh nichts. Was soll ich da machen! Die gehen mich doch gar nicht an! Wir können doch in Deutschland nicht jedem helfen.“ Aber Christus hat uns in der Geschichte vom barmherzigen Samariter erzählt, wie einer den Kopf hebt und hinschaut und den sieht, der unter die Räuber gefallen ist: da liegt mein Nächster, den Gott mir zumutet und anvertraut.
IV
Gottes Güte treibt zur Umkehr. Sie ringt mit der Sünde. Sie will, dass wir umkehren. Deshalb geht es am Buß- und Bettag auch um unsere Werke, um das, was wir tun oder zu tun unterlassen.
Es ist Gottes Güte, die uns zur Umkehr treibt. Güte ist deshalb auch das erste und entscheidende Kennzeichen der Umkehr. Wer Christus nachfolgt, orientiert sich an seiner Güte, an seiner Langmut, an seiner Geduld. So gütig, wie die Vertreter des Weltrates der Kirchen, die direkt nach dem zweiten Weltkrieg zu uns nach Deutschland kamen, um eine Brücke zu bauen, um Hoffnung zu stiften, um Umkehr zu ermöglichen. So gütig, wie die Nagelkreuzgemeinschaft aus Coventry, die sich direkt nach dem Ende des Krieges für Versöhnung einsetzte trotz der Schrecken der Bombennacht. Wieviel Güte brauchen Menschen, braucht ein Land, um seine Schuld bekennen zu können? Die evangelische Kirche in Deutschland konnte 1947 in Stuttgart ihre Schuld bekennen, weil andere ihr gütig und mit dem Willen zur Versöhnung entgegengekommen sind.
Ein Zweites: Der Weg der Umkehr versöhnt und führt Menschen zusammen. In den letzten Jahren haben in vielen Ländern, nicht nur in Deutschland politische Konzepte an Gewicht gewonnen, die auf Abgrenzung und Abschottung setzen. Sie sortieren und polarisieren. Sie nutzen eine Sprache, die spaltet und auseinandertreibt: Wir gehören dazu - und ihr nicht! Streitsüchtig nennt das unser Predigttext.
Gottes Güte wehrt sich gegen solch ein Spalten. Sie ermutigt uns, das Wohl der Gemeinschaft über den eigenen Nutzen zu stellen. Statt Misstrauen zu säen, gilt es, das Vertrauen der Menschen untereinander, auch zu den Feinden zu stärken, das Vertrauen auch in Institutionen und in das Recht, die einen verlässlichen und gewaltfreien Ausgleich ermöglichen. Statt auszugrenzen, wollen wir als Kirchen dazu beitragen, dass die Menschenrechte und die Würde aller Menschen geachtet werden und dass wir gemeinsam friedliche Lösungen für Konflikte finden. Statt zu spalten, wollen wir in unseren Gemeinden Begegnungen ermöglichen, gerade auch mit Fremden.
Damit bin ich beim dritten Kennzeichen der Umkehr: Das ist der Respekt und die Achtung für die Mitgeschöpfe und ganz besonders für die, die in Not sind. Viele Einzelne und Gemeinden haben sich in den letzten zweieinhalb Jahren von Gottes Güte bewegen treiben lassen: sie haben die Türen ihres Gemeindehauses geöffnet und bieten Raum für ein Café International, für Sprachkurse und Kinderspiele; sie öffnen ihre Ohren und Herzen für die schrecklichen Geschichten von Gewalt, Vertreibung und Flucht. Sie waren und sind da für die, die Hilfe brauchen, die Gottes Güte uns anvertraut.
Manche sind auch mutig auf die zugegangen, die aus Angst ihre Türen verschließen und die Sorge haben, dass es nicht für alle reicht. Umkehr heißt, auch sie mit im Blick zu haben und einzuladen, ihnen zuzuhören und mit ihnen zu reden, ihnen einen Platz anzubieten, an dem Tisch, den Jesus uns deckt. Auch er ist immer wieder gerade dahin gegangen ist, wo er nicht erwartet wurde.
V
Gottes Güte leitet uns zur Umkehr und in ein neues, wirklich ökumenisches Miteinander. Da schwindet die Angst vor dem Fremden, da wächst der Respekt für die Anderen. Eine Tür geht auf in eine Welt der Gastfreundschaft – der Tisch ist gedeckt. Christus lädt uns ein, miteinander Brot und Wein zu teilen. Da haben viele Platz und lassen sich stärken: Einsame und Lebenslustige, Männer und Frauen, Junge und Alte, Menschen aus der Nachbarschaft und von weither. Ihnen allen schmeckt das Brot des Lebens, sie freuen sich gemeinsam am Kelch des Heils. Schmeckst du, wie freundlich Christus ist? Spürst du, dass Gottes Güte dich zur Umkehr treibt?
