Der Erste macht das Licht an!

Predigt über Röm 2, 1-10 im Buß- und Bettagsgottesdienst in Schriesheim am 20. November 2019

1 Darum, o Mensch, kannst du dich nicht entschuldigen, wer du auch bist, der du richtest. Denn worin du den andern richtest, verdammst du dich selbst, weil du ebendasselbe tust, was du richtest. 2 Wir wissen aber, dass Gottes Urteil zu Recht ergeht über die, die solches tun. 3 Denkst du aber, o Mensch, der du die richtest, die solches tun, und tust auch dasselbe, dass du dem Urteil Gottes entrinnen wirst? 4 Oder verachtest du den Reichtum seiner Güte, Geduld und Langmut?

Weißt du nicht, dass dich Gottes Güte zur Buße leitet?

5 Du aber mit deinem verstockten und unbußfertigen Herzen häufst dir selbst Zorn an für den Tag des Zorns und der Offenbarung des gerechten Gerichtes Gottes, 6 der einem jeden geben wird nach seinen Werken: 7 ewiges Leben denen, die in aller Geduld mit guten Werken trachten nach Herrlichkeit, Ehre und unvergänglichem Leben; 8 Zorn und Grimm aber denen, die streitsüchtig sind und der Wahrheit nicht gehorchen, gehorchen aber der Ungerechtigkeit; 9 Trübsal und Angst über alle Seelen der Menschen, die Böses tun, zuerst der Juden und ebenso der Griechen; 10 Herrlichkeit aber und Ehre und Frieden allen denen, die Gutes tun, zuerst den Juden und ebenso den Griechen.

Öffne unsere Ohren und Herzen für Dein Wort, Gott. Amen.

Der Erste macht das Licht an, liebe Gemeinde! Das ist eine ungewöhnliche Überschrift über den Buß- und Bettag. Aber sie führt uns in das Leben. Der Erste macht das Licht an! Da tut einer etwas gegen die Dunkelheit. Da zündet eine ein Licht an und macht es hell. Da beginnt eine Gemeinde und setzt ein Zeichen – und auf einmal sehen alle klarer. Sie erkennen Schuld; sie schöpfen Hoffnung; sie übernehmen Verantwortung füreinander. Da wird es am Buß- und Bettag hell.

I

Vorhin in der Lesung haben wir von so einem Menschen gehört, der das Licht anmacht. Der Weingärtner stellt sich vor seinen Baum, der ihm anvertraut ist und bewahrt ihn davor abgeholzt zu werden. Obwohl der Baum keine Frucht trägt und deshalb eigentlich nichts anderes verdient hat als die Axt, holt der Weingärtner den Spaten, lockert den Boden, düngt ihn und müht sich um den Baum. Er überzeugt sogar den Besitzer des Weinbergs, dass er noch ein bisschen warten soll: Jetzt gibt es noch nichts zu verdienen, aber in einem Jahr. Da wird der Baum blühen und Früchte tragen.

Dieser Weingärtner ist so ein Erster, der das Licht anmacht. Er stellt sich schützend vor das, was ihm anvertraut ist. So wie eine Mutter, die immer etwas Positives an ihrem Kind entdeckt, selbst wenn alle anderen sagen: das ist nicht mehr auszuhalten mit dem! So wie der gute Freund, der geduldig ist und dem Anderen Zeit lässt sich zu ändern, ohne sicher zu sein, dass das auch geschieht. So wie Lehrerin, die merkt, dass es bei einem Streit auf dem Schulhof nicht nur darum geht, ein Urteil zu sprechen, wer Schuld hat und bestraft werden muss, sondern wie die Schülerinnen und Schüler sich neu begegnen können; dass sie erst einmal Güte spüren müssen, bevor sie ihre eigene Schuld und Beteiligung entdecken können.

So einen Mann, so eine Frau brauchen wir: einen Gärtner, der uns wachsen lässt und nicht als erstes nach dem Ertrag fragt. Eine, die düngt und neue Kraft gibt, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Eine die nicht zuerst verurteilt, sondern gütig, geduldig und langmütig mit uns ist. Solche Menschen, das wären so erste, die das Licht anmachen.

II

Können Sie sich vorstellen so eine Weingärtnerin, so ein Weingärtner zu sein? Ich bin für mich skeptisch. Mir scheint es viel verlangt, als erster das Licht anzumachen. Ich warte lieber erst einmal, was die anderen machen. Ich überlege erst einmal, was ich davon habe, wenn ich etwas tue. Ich beurteile lieber das, was die anderen tun, bevor ich ein Licht anmache.

Paulus schildert das in seinem Brief an die Gemeinde in Rom genauso: Ja, mich selbst zu entschuldigen, nach den anderen zu schauen und sie zu richten, das fällt mir leicht. Einzusteigen in den Kreislauf der Beschuldigungen: da braucht man nicht auf die schlechten Nachrichten zu schauen, das geht direkt bei mir und vor Ort. In der Familie oder in der Schule.

Eltern schimpfen auf schlechte Schulen und schlechten Unterricht und Lehrer auf Eltern, die sich zuwenig um ihre Kinder kümmern. Ein Kreislauf von Vorwürfen. Manchmal ruft jemand: Halt, lasst uns gemeinsam einen Weg suchen. Dann ist eine Weile Ruhe, aber dann geht es doch bald wieder los mit den Vorwürfen, der Selbstbezichtigung und der Bezichtigung anderer.

Wenn es nicht so ernst wäre, könnte man sagen: Es ist wie ein Spiel! Es ist wie ein grimmiges Spiel, ein anstrengendes Spiel, denn es geht um mich und meinen Wert, den Respekt, den andere mir zollen und die Achtung, die ich vor mir selbst und anderen habe. Es ist ein Spiel, dem wir nicht entkommen können – es sei denn: der erste macht das Licht an!

Wer hilft uns, innezuhalten, Buße zu tun, auszusteigen aus diesem Spiel?

II

"Weißt du denn nicht, dass Gottes Güte dich zur Buße treibt?" Manchmal denken wir, wenn Gott auf den Plan trete, dann würde es noch grimmiger zugehen. Dann würden noch schärfere Regeln und Gesetze gelten. Wenn du Gott Sünden anrechnen willst, wer wird bestehen? Wenn Gott auftaucht, fühlen sich viele noch mehr unter Druck, sich zu rechtfertigen, sich gut darzustellen – und oft dann auch die anderen schlecht?

Aber der Buß- und Bettag fängt nicht damit an, dass einer oder eine von uns das Licht anmacht, sondern Gott. Gott ist der gute Weingärtner. Gott ist gütig wie eine Mutter, Gott ist geduldig wie ein echter Freund, Gott ist langmütig wie die freundliche Lehrerin. Gott macht das Licht an, das erste Licht; es wird hell für mich, in mir und unter uns.

III

Wird dieses erste Licht unsere "Verstocktheit" (V. 5) überwinden: Unsere Abgrenzen und Herabschauen auf andere? Unsere Sorge, ob es für uns reicht? Unsere Trägheit: Ach, was kann ich schon machen? Wäre es nicht doch besser, wirklich streng zu sein, die Menschen zu schütteln und zu rütteln?

Mir scheint, je mehr man das tut, desto mehr verstecken sich Menschen sich hinter der Schutzschicht von immer neuen Rechtfertigungen. Diese Schicht ist sehr dick und sie fixiert uns auf das, was wir sehen wollen und darauf das Andere nicht zu sehen: unsere eigenen Fehler, unsere Härte, unseren Hochmut, auch unsere Faulheit, unser Absehen von Gott.

Gott macht durch Christus das erste Licht an. Es ist ein realistisches Licht, kein gleißender Scheinwerfer wie in manch einer der Talkshows im Fernsehen, wo Menschen auch mal mit ihren Gefühlen und ihren Ängsten und Sorgen bloß gestellt werden. Es ist ein warmes und mildes Licht, wie die Kerzen am Adventskranz. In diesem Licht schaue ich dahin, wo ich normalerweise nicht hinschaue: Wo mache ich mir etwas vor? Wo spiele ich anderen etwas vor, was ich gar nicht bin? Wo schwinge ich mich zum Richter, zur Richterin auf, wo ich doch eigentlich selbst zuallererst auf einen gnädigen Blick angewiesen bin?

Gott ist der Erste, er macht das Licht an, ein warmes, ein mildes, ein Kerzenlicht; ich kann meine Schuld sehen, ich kann mich sehen, wie ich bin. Aber ich verbrenne nicht darunter, ich muss nicht vor Scham im Boden versinken. Es ist die Güte Gottes, die mich zur Umkehr treibt, die wir im Weingärtner erkennen und in Jesus Christus.

Gott macht das Licht an, das meine Schuld offenbart, aber Gott lässt mich nicht auf dem, was ich schuldig geblieben bin, sitzen. Ich kann ihm meine Schuld geben. Gott hilft, sie zu tragen; indem ich lerne, umzukehren, zu bekennen, mich zu entschuldigen. Aber am Buß- und Bettag nehmen wir auch das in den Blick, was nicht wieder gut zu machen ist; auch diese Schuld trägt Gott mit uns; auch in dieser Not steht Christus für mich ein und nimmt auf sich, was ich nicht tragen kann.

V

Dass dieses Licht an ist, heißt nun nicht, dass wir tun und lassen können, was wir wollen - es komme ja dann doch alles aufs selbe hinaus. Nein, die Güte Gottes macht nicht faule Leute, sondern treibt zur Umkehr! Unsere Werke sind wichtig, es ist nicht gleich, was wir tun oder zu tun unterlassen. Wir sind verantwortliche Wesen, zu deren Freiheit und Würde es gehört, dass wir selbstbewusst Verantwortung übernehmen und dafür auch zur Rechenschaft gezogen werden können.

Was aber ist dann ein gutes Werk? - Und was ein Mensch, der nicht "das Böse", sondern "der das Gute vollbringt" (V. 9f.)? Manchmal hilft es, sich bei der Suche nach einer Antwort eine Gegenfrage zu stellen: Was würde Jesus dazu sagen? Welchen Weg würde er uns weisen?

Wir rücken in dem einen Licht zusammen, das mit ihm in die Welt gekommen ist. Statt zu richten und zu rufen: Seht nur, da sind die Bösen, die Schuldigen und wir Guten sind hier, rücken wir vor Gott zusammen. Die Güte Gottes gilt auch den Anderen neben uns und um uns herum, auch denen, die uns fremd sind und bleiben, auch denen, die nichts für sich erhoffen. Auch ihnen leuchtet dieses erste Licht. Zugleich sind wir gemeinsam gerufen, Verantwortung zu übernehmen: persönlich jede und jeder an seinem und ihren Ort, in unseren Gemeinden, in unseren Familien und Arbeitsstellen, politisch.

In diesen Zeiten des Klimawandels merken wir, wie wichtig unser Tun ist und wie eng die verschiedenen Ebenen des Handelns miteinander verwoben sind: mein Essen und Trinken, unsere Form der Mobilität, unsere Heizung im Gemeindehaus, die politischen Entscheidungen im Kommunalparlament und im Bundestag, all das hat Auswirkungen auf das Leben unserer Kinder und Kindeskinder: Ist unser Verhalten enkeltauglich? Bedenken wir, welche Folgen das, was wir hier tun, in anderen Ländern hat, die schon heute mit Dürre und Überflutung zu kämpfen haben, wie es uns unsere Partnerkirchen z.B. in Indien erzählen? Machen wir uns klar, dass was wir hier tun und andere an ihrem Ort, die Lebensmöglichkeiten anderer Geschöpfe stärkt oder schwächt? Hören wir das Seufzen der Kreatur, des Kabeljaus, der Unken, der Bienen, der Feldlerche, die in unserer intensiv zum Wohnen, zum Fahren und zum Produzieren genutzten Landschaft keinen Lebensraum mehr findet.

VI

„Ich bin der Erste und der Letzte!“, sagt Christus. Er macht das Licht an, damit wir schon heute in seinem Geist miteinander und in Gottes Schöpfung leben können. Er ruft uns zu: „Fürchtet euch nicht!“ Die Bedrohungen durch den Klimawandel, durch Ungerechtigkeiten und Friedlosigkeit werden nicht das letzte Wort haben. Macht euch in meinem Licht auf! Seid keine faulen Leute, sondern gebt mein Licht in Wort und in Tat weiter, damit nicht "Trübsal und Angst über alle Seelen der Menschen" komme, sondern Christi Geist sie erfülle, der Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. Wir sind von Gottes Güte umfangen. Christus hat das Licht schon angemacht; in ihm können wir leben.

Dazu mache uns Christus tüchtig, damit wir unseren Mitmenschen nah und fern und der ganzen Schöpfung Botinnen und Boten der Güte Gottes sind. "Preis und Ehre und Frieden" allen denen, die dazu bereit sind.