Predigt zu Matthäus 10, 34-39 im Gottesdienst zur Eröffnung der 3. Tagung der 12. Landessynode im Kurhaus in Bad Herrenalb am 25. Oktober 2021

„Wer sein Leben findet, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden.“

Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. 35Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter. 36Und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein.
 
37Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert. 38Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und folgt mir nach, der ist meiner nicht wert. 39Wer sein Leben findet, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden.
 
Liebe Synodalgemeinde!
 
„Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen: Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus.“ Mit einem großen Auftrag schickt Jesus seine Freundinnen und Freunde auf den Weg: „Geht hin in alle Welt!“ Da ist ein Drängen, das sich nicht zufriedengibt, mit dem, wie es ist. Da ist eine Hoffnung, die sich nicht abfindet mit Unfrieden und Ungerechtigkeit, mit Klimaerwärmung und aussterbenden Arten, mit Einsamkeit, Krankheit und Tod.
 
Christi Liebe drängt uns; sie will uns in Bewegung setzen, damit wir gemeinsam den Glauben an die Liebe Gottes in die Welt tragen. Sie weiß aber auch: Beim Aufbrechen bricht etwas auf. Wer aufbricht, muss Abschied nehmen und sich von lieb Gewordenem trennen. Alte Gewohnheiten werden herausgefordert, bisherige Bindungen verlieren an Einfluss, vermeintliche Gewissheiten werden in Frage gestellt – Freiheit ist Freiheit zu Neuem, aber auch Freiheit von Altem.
 

I

Jesus hält wichtige Reden im Matthäusevangelium. Die erste ist die Bergpredigt. Sie galt allen, die herbeigeströmt sind: denen, die von hier mit ihm aufbrechen wollen, aber auch denen, die einfach bei diesem Event dabei sein wollten, um den mal zu sehen, von dem gerade alle sprechen, um zu hören, was dieser Jesus zu sagen hat.
 
Die Aussendungsrede, aus der unser Predigttext stammt, richtet sich an die, die dieser Jesus mit seinen Reden vom Himmelreich und seinen heilenden, befreienden und aufrichtenden Taten ergriffen hat und nicht mehr loslässt. Sie wollen Jesus nachfolgen und vertrauen darauf, dass er an ihrer Seite bleibt: „Ich bin euch alle Tage!“ Sie haben Namen und eine Geschichte, wie wir. Martin Luther hat sie die genannt, die mit Ernst Christinnen und Christen sein wollen.
Wir stehen als Synode in ihrer Tradition. Wir gehören zu denen, die seit den ersten Gemeinden in besonderer Weise Verantwortung für den Weg des Glaubens übernehmen. Was Jesus in dieser Aussendungsrede sagt, gilt uns.
 

II

Jesus redet mit seinen Freundinnen und Freunden. Er sieht ihren Mut zum Aufbruch; aber er sieht auch das große Entweder-Oder, in das sie geraten werden, wenn sie ihm folgen: Gott mehr lieben als das Geld; Feindesliebe leben statt auf Ausgrenzung und Gewalt zu setzen; in den Schwachen und Fremden Christus erkennen; Kraft und Ruhe finden im Glauben.
Jesus sieht die Konflikte, in die hineingerät, wer ihm folgt. Sie werden seinen Freundinnen und Freunden ganz nahekommen, bis hinein in die Familien. So wie seine Familie gerufen hat: „Er ist von Sinnen!“ Und die Familien derjenigen, die ihren Beruf aufgaben, um ihm zu folgen, haben ihnen bestimmt lauthals zugestimmt.
 
„Seid realistisch!“, ruft er deshalb seinen Freundinnen und Freunden und uns zu. Wer sich auf den Weg der Gerechtigkeit begibt, wirkt oft wie ein Schwert, das scharf trennt und in zwei Stücke teilt. Deshalb: „Stellt euch ein auf Spaltungen, Abbrüche und Abschiede, in die ihr geraten werdet, wenn ihr mir folgt!“
 

III

Die Kirche hat diesen herausfordernden Jesus des „Entweder-Oder“ (D. Bonhoeffer) oft vergessen. Waren alle wie selbstverständlich christlich, war die Kirche mächtig und einflussreich, spielte solche Radikalität des Glaubens keine Rolle, wurde auch bewusst in den Hintergrund gedrängt. Waren unsere Glaubensgeschwister aber in einer ähnlichen Situation wie die ersten Christinnen und Christen, bekam diese Rede Jesu einen neuen Klang: In der ehemaligen DDR haben Fragen des Glaubens manche Familie entzweit. Christinnen und Christen in China oder im Iran hören heute den Satz „und des Menschen Hausgenossen werden seine Feinde sein“ als Beschreibung ihres Lebens in Untergrundkirchen.
 
Der dänische Pfarrer Kaj Munk, der von deutschen Soldaten erschossen wurde, weil er jüdische Menschen in Dänemark gerettet hat, hat die Schärfe, mit der Jesus in Konflikte führt und zur Entscheidung ruft, mit beißender Ironie deutlich gemacht: „Das ist mir eine nette Religion. Wenn nur der kleine Meier in den Himmel kommen kann, was in aller Welt geht ihn die Welt sonst an?“ Aber „die Wahrheit“, so predigt er weiter, „die Wahrheit ist nicht ruhig und würdevoll und erhaben; sie beißt und reibt und schlägt drein. Die Wahrheit ist nichts für vorsichtige Menschen; diese brauchen nicht die Wahrheit, sondern ein Sofa.“
 
Heute, in einer Zeit, in der der Glaube nicht mehr Zwang, Konvention oder Selbstverständlichkeit ist, in der wir Abschied nehmen von Bildern eines homogenen christlichen Abendlandes beginnen wir uns vom Sofa zu erheben und entdecken neu, was das heißt: „Ich bin nicht gekommen Frieden zu bringen, sondern das Schwert.“

 

IV

Zwei Aspekte möchte ich hervorheben:
Jesus lockt uns, drängt uns auf den Weg der Gerechtigkeit. Da gibt es keine Gleichgültigkeit gegenüber dem kleinen, verhassten Zachäus da oben im Baum; da gibt es kein Wegschauen, wenn einer überfallen am Straßenrand liegt oder im Mittelmeer zu ertrinken droht. 39Wer sein Leben findet, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden.
 
Kein Leben soll bei Gott verloren gehen – aber gerade deshalb muss ich bereit sein, meine Interessen zurückzustellen, von mir abzusehen, mich und mein Leben ganz einzusetzen. Dann stehe ich nicht gleichgültig daneben, egal, was passiert, Hauptsache alles bleibt, wie es ist. Dann gestalte ich mit und übernehme in der Kraft des Geistes Christi Verantwortung für mich und für andere. Ich stehe mit allen Männern und Frauen, die sich aussenden lassen, dafür ein, dass die Risse, die Menschen ihr Leben schwer machen und Gemeinschaften auseinanderreißen nicht übertüncht und zugekleistert werden, sondern dass genau hingeschaut wird; dass die Gewissen geschärft werden, damit sich etwas ändert. So wie zurzeit durch die zivile Seenotrettung im Mittelmeer: Das politische Europa duckt sich weg und nimmt seine (im internationalen Recht klar verankerte) Verantwortung für die Seenotrettung nicht wahr. So wie bei den Impfungen im globalen Süden, die einfach nicht vorankommen, weil Gesundheit wie ein handelbares Gut behandelt wird – und nicht wie ein Menschenrecht. (So wie beim Antisemitismus, Klima …)
 
Kein Leben soll verloren gehen – das ist der Kern der Bergpredigt, aber eben auch eine anstößige Botschaft, die wie ein Schwert spaltet. Dieses Schwert ist nicht das Schwert des Krieges, sondern das Richtschwert, das Christus am Ende des Weges der Gerechtigkeit in seinen Händen hält. Wir kennen es aus vielen Darstellungen in alten Kirchen. Dieses Schwert drückt aus, dass es hier nicht um Belangloses geht, sondern um die Schärfung unserer Gewissen und um Tod oder (ewiges) Leben.
 

V

Ein Zweites: Wir tragen die Botschaft von der Liebe Christi mit Wort und Tat, aber auch mit unseren Strukturen und Haltungen in die Welt. Auch hier führt das Schwert Christi zu Spaltungen. Das war eine der zentralen Erkenntnisse der Reformation, gerade in der reformierten Tradition. Es geht nicht nur um unser Reden und Handeln, sondern auch wie wir zu Entscheidungen kommen, dass Freiheit und Verantwortung synodal und im offenen Austausch gelebt werden.
 
Die reformatorische Kernbotschaft des „Solus Christus“, allein Christus, befreit uns in den Bindungen, in denen wir unseren kirchlichen Alltag gestalten, dazu, immer neu zu schauen, ob unsere Botschaft und unsere Strukturen sich an den Stimmungen im Land oder an nationalen, wirtschaftlichen oder kulturellen Interessen orientieren, oder an der Liebe Christi. Materielle Fragen sind wichtig; das wissen wir gerade hier in der Synode. Die gewachsenen Strukturen geben Sicherheit und binden Menschen an unsere Kirche. Aber wenn der Erhalt des Gemeindehauses zur Bekenntnisfrage wird oder die Kooperation mit einer anderen Gemeinde oder einer diakonischen Einrichtung zu einem Streitpunkt, der Gemeinschaften zerreißt, dann drohen wir unseren eigentlichen Auftrag aus den Augen zu verlieren. Dann gelingt es uns nicht mehr, mit Christi Liebe Schritt zu halten. Dann vergessen wir die wichtigste Frage: Wohin drängt uns die Liebe Christi?

 

VI

„Zur Freiheit hat uns Christus befreit“, hat uns die Reformation gelehrt. Der Glaube führt uns ins Freie und traut uns zu, diesen weiten Raum zwischen Tradition und Erneuerung in der Kraft des Geistes Christi zu gestalten. Das geht nicht ohne Konflikte. Das hat Jesus erlitten und uns in seiner Aussendungsrede mitgegeben. Das hat Martin Luther vor 500 Jahren beim Wormser Reichstag erlitten.
 
„Wer sein Leben findet, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden.“ In diesem Geist sind wir gesandt und stehen mit unseren Füßen unter dem Kreuz auf weitem Raum. Wir suchen neue Wege des Miteinanders in unseren Gemeinden und Einrichtungen: Ein Miteinander, in dem wir nicht zuerst an uns denken, sondern daran, wie wir gemeinsam, verlässlich und profiliert die Liebe Christi in unsere Welt tragen können. Ein Miteinander, in dem die Spaltungen und Risse, die Menschen und Gemeinschaften auseinander reißen wahr- und ernstgenommen werden – und trotzdem nach Wegen der Versöhnung gesucht wird. Ein Miteinander, das den einzelnen Menschen Freiheit lässt und sie doch zugleich als Getaufte in einer Gemeinschaft zusammenführt, in der Gottes Regeln gelten: Nicht ob ihr Mann oder Frau oder divers seid, nicht ob ihr reich oder arm seid, nicht wo ihr geboren seid oder welche Sprache ihr sprecht, nicht eure Familienzugehörigkeit ist entscheidend, sondern dass ihr zu Christus gehört.
 
Wir stellen uns den Konflikten dieser Welt. Und richten zugleich unseren Blick auf Christus, der uns entgegenläuft, die Arme weit ausgebreitet wie der Vater des „verlorenen Sohnes“ und uns alle zu einem gemeinsamen Fest einlädt: „Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist wiedergefunden worden. Und sie fingen an fröhlich zu sein.“ Hoffentlich auch der ältere Bruder, der erschöpft und unwirsch vom vielen Arbeiten ohne den jüngeren Bruder war!