Die Barmer Theologische Erklärung - ein von der Theologie Johannes Calvins geprägtes Wort

Bezirksgottesdienst zum Calvinjahr am 1. Juni 2009 in Sinsheim - Predigt von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer

Liebe Bezirksgemeinde,
mit dem heutigen Gottesdienst wird eine eindrucksvolle Veranstaltungsreihe beendet, mit der der Kirchenbezirk Kraichgau des 500. Geburtstages des großen Reformators Johannes Calvin gedenkt. „Europäisch weit – 500 Jahre nach Calvin“, so ist diese Veranstaltungsreihe überschrieben. Und wenn ich heute zum Abschluss dieser Veranstaltungsreihe predige, dann will ich ganz im Sinne der Veranstalter mit Ihnen heute morgen das Erbe Johannes Calvins für unsere Gegenwart bedenken. Dies tue ich, indem ich uns ein Ereignis in Erinnerung rufe, das im 20. Jahrhundert wie kein anderes Calvins Theologie für die Evangelische Kirche in Deutschland fruchtbar gemacht hat.

Am gestrigen Pfingstsonntag auf den Tag genau vor 75 Jahren kamen etwa 300 Menschen zur ersten Synode der Bekennenden Kirche in Wuppertal-Barmen zusammen. Seit der Reformation war es zum ersten Mal, dass die Evangelischen in Deutschland auf dem Boden ihres gemeinsamen Erbes von „Schrift und Bekenntnis“ zu einer Synode zusammentraten und ein bekennendes Wort sagten, von dem sie überzeugt waren, dass Gott es ihnen in den Mund gelegt hatte.

Wie konnte dies geschehen? Die Partei der „Deutschen Christen“ hatte mit ihrer nationalsozialistischen Ideologie die Grundlagen der evangelischen Kirche in fundamentaler Weise in Frage gestellt. Sie wollte Adolf Hitler als quasi messianische Gestalt bezeugen, sein Wirken als Quelle göttlicher Offenbarung deuten. Das Führerprinzip sollte in der Kirche Einzug halten, Jesus Christus als alleiniger Herr der Kirche relativiert werden. Die Gestalt der evangelischen Kirche als Reichskirche sollte ganz dem nationalsozialistischen Staat angepasst werden. Der nationalsozialistische Staat sollte als umfassende Ordnung des Lebens anerkannt und ein artgemäßes, arisches Christentum etabliert werden.

In dieser Situation höchster Not und Anfechtung drohte die Zerstörung evangelischen Bekenntnisses und damit der evangelischen Kirchen in Deutschland. Dem galt es im Glauben einmütig zu widerstehen. Deshalb wurde zu einer Bekenntnissynode nach Wuppertal-Barmen geladen. Im Hören auf das Wort Christi in einer bedrängenden Situation ein mutiges Bekenntnis wagen und darin Gott allein die Ehre geben - darum ging es in Barmen. In sechs Thesen, die weitgehend aus der Feder des calvinistischen Theologen Karl Barth stammten, wurde jeweils im Anschluss an ein Bibelwort ein Bekenntnisgrundsatz formuliert, ehe dann im Nachsatz die Irrlehren der Nazis verworfen wurden. Den Text der Barmer Theologischen Erklärung, die auch für unsere Landeskirche von grundlegender Bedeutung ist, können Sie übrigens zu Haus im Gesangbuch unter der Nummer 888 nachlesen. Es war ein Wunder, ein richtiges Pfingstwunder, dass sich Menschen verschiedener konfessioneller Prägung - Lutheraner und Reformierte, also Calvinisten - einander verstanden und einen Akt gemeinsamen Bekennens wagten. Fast ohne es zu merken, wurde eine ganze Kirchenversammlung von einem prophetischen Geist erfasst. Sie hörten einander jeweils „in ihrer eigenen Sprache reden.“ Und in ihrem eigenen Hören, Beten und Bekennen erkannten sie alle neu die Stimme Jesu Christi, der sie zu folgen hatten, wenn sie Gott allein die Ehre geben wollten.

"Die Barmer Theologische Erklärung ist nicht nur ein Zeugnis der Vergangenheit. Sie ist vielmehr ein ganz stark von der Theologie Johannes Calvins geprägtes Wort, das uns bis heute eine bleibende Verpflichtung aufzeigt."

Es wäre verkehrt und ganz und gar nicht im Sinne dieser Veranstaltungsreihe zum Calvinjahr, wenn wir die Theologische Erklärung von Barmen als ein Beispiel der Kirchengeschichte aus der Distanz heraus mit Ehrfurcht betrachteten – wie ein wertvolles Museumsstück. Die Barmer Theologische Erklärung ist nicht nur ein Zeugnis der Vergangenheit. Sie ist vielmehr ein ganz stark von der Theologie Johannes Calvins geprägtes Wort, das uns bis heute eine bleibende Verpflichtung aufzeigt. Sie hat nicht nur die damalige Lage der Deutschen Evangelischen Kirche geklärt, sondern auch für den weiteren Weg unserer Kirche wie vieler anderer Kirchen in der Welt wegweisende Bedeutung entfaltet.

So war diese Theologische Erklärung von grundlegender Bedeutung für das Zusammenwachsen von lutherischen, reformierten und unierten Landeskirchen in der einen Evangelischen Kirche in Deutschland. Bei der Gründung der EKD nach dem 2. Weltkrieg war es noch nicht möglich, miteinander Abendmahl zu feiern. Heute besteht zwischen allen Gliedkirchen der EKD eine uneingeschränkte Abendmahlsgemeinschaft. Auf der Basis der Barmer Theologischen Erklärung konnte es in den 50er Jahren gelingen, innerprotestantische Verwerfungen in der Abendmahlsfrage zu überwinden und damit auch den Weg zur Gemeinschaft evangelischer Kirchen in Europa zu ebnen. „Europäisch weit“ sind wir Evangelischen heute im Glauben verbunden – nicht zuletzt dank der Theologischen Erklärung von Barmen.

Und dann vergessen wir nicht, welch große Bedeutung diese Erklärung für den Konziliaren Prozess für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung erlangte. Wenn ich nur an den Bekenntnis gebundenen Protest der Friedensbewegung der 80er Jahre gegen Herstellung, Besitz und Anwendung atomarer Massenvernichtungswaffen denke. Dieser Protest war ganz wesentlich von dem in Barmen formulierten Gedanken gespeist, dass Jesus Christus Anspruch auf unser ganzes Leben erhebt - auch auf unser friedenspolitisches Handeln. Und schließlich hat die Freiheitsbotschaft von Barmen ganz gewiss auch den protestantischen Anteil an der friedlichen Revolution des Jahres 1989 geprägt, wie sie überhaupt für die evangelische Kirche in der DDR in Zeiten der Bedrängnis durch den sozialistischen Staat ermutigend und stärkend war.

Wie aktuell die Aussagen von Barmen bis heute sind, spüren wir, wenn wir wahrnehmen, wie die Welt der Wirtschaft im Begriff ist, immer stärker in totaler Weise unser Leben zu bestimmen. Gegen die völlige Durchökonomisierung der Welt und gegen die Vorstellung von der Eigengesetzlichkeit wirtschaftlichen Handelns nötigt Barmen zu der Frage, welchen ethischen Bindungen auch wirtschaftliches Handeln unterworfen sein muss, wenn es denn dem Wohl der Menschen dienen soll. Einer Eigengesetzlichkeit des wirtschaftlichen Lebens muss von Barmen her ebenso widersprochen werden wie der Eigengesetzlichkeit jeden Bereichs gesellschaftlichen Lebens. Auch Wissenschaft und Forschung dürfen nicht eigenen Gesetzen folgen, sondern bedürfen einer ethischen Orientierung. Für eine solche ethische Orientierung kann für die Kirche wie für jeden Christenmenschen nur Gott allein den Maßstab abgeben, und zwar so, wie er sich in Jesus Christus offenbart hat.

Diese Aktualität kann die Theologische Erklärung von Barmen auch 75 Jahre nach ihrer Abfassung noch entfalten, weil sie sich ganz darauf konzentriert, den Grund der Kirche in den Blick zu nehmen. Fünf der sechs Bibelworte dieser Erklärung verweisen auf Jesus Christus, und in den nachfolgenden Thesen wird immer wieder Jesus Christus als Grund der Kirche in den Blick genommen. Von Jesus Christus als dem alleinigen Grund der Kirche her haben die Menschen in Barmen ihr Bekenntnis gewagt. Gott allein die Ehre zu geben, sich allein zu orientieren an Jesus Christus, dem einen Wort Gottes, „das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben“, darum ging es ihnen. Es ging um die Proklamation Jesu Christi, als des einen Herrn der Kirche, der „Zuspruch der Vergebung aller unserer Sünden“ und zugleich „Gottes kräftiger Anspruch auf unser ganzes Leben“ ist und durch den uns frohe Befreiung aus den gottlosen Bindungen dieser Welt widerfährt.

Diese Ausrichtung an Jesus Christus allein als dem Grund der Kirche hat Maßstäbe gesetzt für die Gestaltung der Kirche – auch heute und in Zukunft. Die Gestalt der Kirche leitet sich allein von ihrem Grund her ab. Barmen hat uns unübertroffen klar ins Stammbuch geschrieben: Die Gestaltung der Kirche muss ihrem innersten Wesen entsprechen. Grund und Gestalt der Kirche dürfen nicht voneinander getrennt werden. Von der Kirche kann nur richtig geredet werden, wenn zunächst von Jesus Christus geredet wird. Der Kirche darf es nie in erster Linie um ihre Selbsterhaltung gehen, sondern immer vorrangig und zuerst um die Bezeugung ihres Grundes, um das Zeugnis von Jesus Christus und damit um die Ehre Gottes.

Aus dem Rückbezug auf Jesus Christus, ihren Grund, haben die vor 75 Jahren in Barmen Versammelten der von der Hitlerdiktatur bedrohten Kirche Freiheit von allen gottlosen Bindungen verschafft. Mit diesem Bekenntnis verzichtete die Bekennende Kirche auf gesellschaftliche Anerkennung im Hitlerstaat, aber sie wurde damit zugleich zu einer Kirche der Freiheit. Indem die Kirche immer wieder von sich selbst weg- und auf Gott hinweist, wird sie eine Weg weisende Kirche. Keine abweisende. Eine von sich weg auf Christus hinweisende und darin gerade freie Kirche. Eine Kirche der Freiheit, die befreit ist auch von der Bindung an sich selbst. Als eine solche Kirche der Freiheit bewahren wir am besten das Erbe von Barmen, das Erbe Johannes Calvins. Amen