Und wenn die Welt voll Teufel wär´ - Gerüstet für Versuchungen

Kantatengottesdienst mit der 1000. Predigt von Landesbischof Ulrich Fischer, Heidelberg am 01.03.2009; Predigt zu J.S. Bach, Ein feste Burg ist unser

Liebe Gemeinde,
auch bei einer 1000. Predigt ist es sinnvoll, wenn der Prediger bei der Wahl des Predigttextes nicht einfach seinen eigenen Neigungen folgt, sondern sich vom Festtagskalender der Kirche leiten lässt. Und so haben wir für diesen Kantatengottesdienst eine Kantate von J.S. Bach ausgewählt, die das Wochenlied für den heutigen ersten Sonntag in der Passionszeit aufnimmt „Ein feste Burg ist unser Gott“. Früher war dieses wohl bekannteste Lied der lutherischen Reformation am 31. Oktober, dem Reformationsfest zugeordnet. Nun aber hat es seinen liturgischen Platz am Sonntag Invokavit gefunden. Damit hat es einen Bezug zur Erzählung von der Versuchung Jesu durch den Teufel erhalten, die wir vorhin als Schriftlesung hörten. So hat dieses Lied seinen angemessenen Ort im Kirchenjahr gefunden, nachdem es über viele Jahrhunderte hinweg in schlimmster Weise missbraucht worden war:
als im Stehen gesungene „Protestantenhymne“,
als antikatholisches Kampflied,
als Lied der Soldaten, mit dem sie siegesgewiss in den 1. Weltkrieg zogen,
und als Lied, das die Nazis für sich in Anspruch nahmen, als sie in der 2. Strophe die Aussage „es streit’ für uns der rechte Mann“ auf den Führer Adolf Hitler deuteten, in der 3. Strophe „die Welt voll Teufel“ auf die Gegner Deutschlands im Osten und Westen bezogen und in der 4. Strophe das Reich, das uns doch bleiben muss, in frecher Weise mit dem Dritten Reich identifizierten.
Die Geschichte des Liedes „Ein feste Burg“ ist zugleich eine Geschichte seines Missbrauchs. Sicherlich hat die kämpferische Sprache des von Martin Luther in den Jahren 1526-1528 verfassten Textes diesem Missbrauch Tür und Tor geöffnet.

Eine harte Nuss

Indem J.S. Bachs Kantate „Ein feste Burg“ und das ihm zugrunde liegende Lied heute im Mittelpunkt des Gottesdienstes und meiner Predigt steht, bekommen wir also eine harte Nuss zu knacken. Nicht etwa, weil Bachs Musik uns viele Rätsel aufgäbe. Nein: der Text dieses Liedes, den J.S. Bach in seine Kantate übernahm, bereitet uns mit seiner militärisch anmutenden Sprache große Schwierigkeiten. Also machen wir uns an die Arbeit des musikalisch-homiletischen Nüsseknackens.

Ein Psalmlied

Martin Luther hat sein Lied „Ein feste Burg“ ausdrücklich als „Psalmlied“ bezeichnet und in Beziehung zum 46. Psalm gesetzt. In diesem Psalm wird Gott als Zuversicht und Stärke besungen,
als Hilfe in großen Nöten,
als schützende Burg inmitten von Gefahren,
als Herr Zebaoth, also als „Herr der Heerscharen“,
als einer, der auf Erden Zerstören anrichtet und Kriege steuert.
Kurz: Dieser Psalm besingt die schützende und bergende Macht Gottes, des Schöpfers, angesichts aller möglichen Natur- und Geschichtskatastrophen.

Hieran knüpft Martin Luther an, indem er das kriegerische Arsenal der Psalmworte aufnimmt: Von Wehr und Waffen spricht er,
von Feinden und vom Fürsten dieser Welt,
von großer Macht und grausamer Rüstung,
vom Verschlingen und Fällen
und vom endgültigen Sieg, den Gott in Jesus Christus erringt.
Martin Luther kann dabei sogar so unbarmherzig hart formulieren, dass es uns in der 4. Strophe seines Liedes bei den Worten „Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib, lass fahren dahin, sie haben’s kein Gewinn“ die Sprache verschlägt. Ich jedenfalls singe diese Strophe seit langem schon nicht mehr. Erträglich wird sie mir erst, wenn ich begreife, dass Luther all diese Verluste von eigenem Leben, von Familie und Besitz deutet in der Perspektive des großen Sieges, der einst mit der Auferstehung Jesu begonnen hat und der im Reich Gottes einmal seine Vollendung finden wird. Unter diese heilsgeschichtliche Perspektive nämlich stellt Luther die Worte des 46. Psalms: Der Herr Zebaoth - das ist Jesus Christus. Er ist der „rechte Mann, den Gott hat selbst erkoren“. Er ist der Sieger im Kampf gegen alle teuflischen Mächte. Er wird nach seiner glorreichen Auferstehung das Feld auf ewig behalten.

"Luther verfasste sein Lied also weniger als Kampf- und Trutzlied, sondern eher als ein Trostlied."

Wenn hierbei triumphierende Töne anklingen, so mag dies mit der persönlichen Lebenssituation zusammenhängen, in der Luther sein Lied schrieb. Im Jahr 1527 wütete in Wittenberg die Pest, und auch Luthers Familie war davon betroffen. Die Angriffe gegen Luther seitens der Papstkirche wurden immer heftiger. Zwei seiner Anhänger fanden in diesem Jahr einen gewaltsamen Tod. Luther und die von ihm angeführte Reformationsbewegung waren in höchster Bedrängnis. Luther verfasste sein Lied also weniger als Kampf- und Trutzlied, sondern eher als ein Trostlied. In einer Zeit schlimmster Bedrängnis, in der er und viele mit ihm nicht mehr ein noch aus wussten, griff er auf Psalm 46 zurück und fand Trost in der Gewissheit des Beistandes Gottes, der einstmals seine Macht in der Erschaffung der Erde erwiesen hatte und dessen Macht seit der Auferstehung Jesu Christi von den Toten bis in Ewigkeit bleiben würde.

Neudeutung als geistlicher Kampf

In seiner Kantate „Ein feste Burg“ hat J.S. Bach Luthers Trostlied neu gedeutet. Er bezieht es auf den geistlichen Kampf, den jeder Christenmensch seit der Taufe kämpfen muss: „Alles, was von Gott geboren, ist zum Siegen auserkoren. Wer bei Christi Blutpanier in der Taufe Treu geschworen, siegt im Geiste für und für.“ Mit diesen Worten der Bassarie ist das eigentliche Thema der Kantate angegeben.
Es geht um den geistlichen Sieg der Christenmenschen über Teufel, Welt und Sünde.
Es geht um den Beistand, den wir dadurch erfahren, dass Jesus in unser Herz kommt, um Welt und Satan auszutreiben.
Es geht um die Kraft, die unsere Seele durch den Tod Jesu empfängt.
Es geht um das gläubige Herz, das Kraft hat, Feinde zu besiegen und schließlich die Krone des Lebens zu erlangen.

"So nimmt J.S. Bach die Kampfmotive aus Psalm 46 und aus dem lutherischen Lied auf, aber er führt sie eben zugleich spiritualisierend weiter."

Den geistlichen Kampf der Christenmenschen gestaltet J.S. Bach in seiner Kantate nicht nur durch die Aufnahme des vollständigen Textes des alten Lutherliedes, sondern auch mit musikalischen Mitteln. In der Instrumentalbegleitung des Duetts von Sopran und Bass hören wir ein wahres Schlachtengetümmel. Der Gesang des Chorals wird von rasanten Melodieläufen kontrastiert, die die Gläubigen förmlich zu „verschlingen drohen“. Im Folgenden wird dann der Sieg über den Teufel mit schnellen Notenwerten unterstrichen, während die Geborgenheit bei Jesus Christus ruhig und getragen besungen wird. So nimmt J.S. Bach die Kampfmotive aus Psalm 46 und aus dem lutherischen Lied auf, aber er führt sie eben zugleich spiritualisierend weiter. Nicht um einen Kampf gegen irgendwelche irdischen Mächte geht es ihm, sondern um den täglichen Kampf aller Getauften gegen die vielen teuflischen Versuchungen des Lebens.

Versuchte und Gestärkte

Wenn wir heute diese Kantate hören und innerlich den Choral Martin Luthers mitsingen, dann kommen wir ganz nahe heran an jene Erzählung von der Versuchung Jesu, die wir als Evangelium zu diesem Sonntag gehört haben und in der wir selbst vorkommen. Denn diese alte Erzählung erinnert uns an all jene teuflischen Versuchungen, denen wir täglich ausgesetzt sind und gegen die wir als Christenmenschen ankämpfen müssen und können. Wie verführbar Menschen sind, hat uns ja nicht erst die Banken- und Wirtschaftskrise gezeigt. Täglich werden uns attraktive Ziele angeboten, und wir merken, wie diese Ziele Macht über uns gewinnen und wir nicht mehr nachdenken, was beim Erreichen dieser Ziele eigent­lich auf der Strecke bleibt. Täglich erleben wir die Versuchung, Gott für eigene Zwecke in Anspruch zu nehmen; und wir kennen auch in uns die Versuchung, für diese Verzweckung Gottes vor frommen Floskeln und gut gewählten Bibel­sprüchen nicht zurückzuschrecken. Täglich erleben wir teuflische Gesetzmäßigkeiten der Macht in unserer Welt, und wir spüren in uns die Versuchung, all diese Machtspiele mitzuspielen und uns den teuflischen Gesetzmäßig­keiten der Macht zu unterwerfen.

"Nicht indem wir diese Kantate triumphierend anhörten und Luthers Lied stolz mitsängen. Nein: Sondern demütig und in Solidarität mit allen Versuchten dieser Welt hören wir diese Musik. Wir kommen vor in dieser Kantate – mit unserem Kampf in einer Welt, die voll von Teufeln ist. Wir kommen vor als Versuchte."

Wir selbst kommen in jener Erzählung von der Versuchung Jesu durch den Teufel vor, so wie wir auch in J.S. Bachs großartiger Kantate vorkommen. Nicht indem wir diese Kantate triumphierend anhörten und Luthers Lied stolz mitsängen. Nein: Sondern demütig und in Solidarität mit allen Versuchten dieser Welt hören wir diese Musik. In Solidarität mit allen, die in dieser Welt von teuflischen Mächten unterdrückt und erniedrigt werden. Wir kommen vor in dieser Kantate – mit unserem Kampf in einer Welt, die voll von Teufeln ist. Wir kommen vor als Versuchte.

Mit seinem Geist und Gaben

Aber wir kommen – Gott sei Dank! – auch vor als von Gott in diesem Kampf Gestärkte. Gottes Geist war es, der Jesus half, den Versuchungen zu widerstehen. Und Gottes Geist ist es, der uns verheißen ist. „Gottes Geist und Gaben“ sind uns geschenkt. Dieser Geist und seine Gaben können in uns ein Gottvertrauen stärken, das uns hilft, Versuchungen in unserem Leben besser zu bestehen. Versuchungen bringen uns in unserem Leben weiter, wenn wir sie bestehen. Wenn wir die Erfahrung machen, dass wir uns in Gefahr begeben können, ohne in ihnen umzukommen, werden wir durch Versuchungen an Lebenskraft, an innerer Stärke gewinnen. Solch eine Lebenskraft, solch eine innere Stärke aber gewinnen wir nicht aus uns selbst, sondern aus dem grundlegenden Vertrauen, dass Gott uns „mit seinem Geist und Gaben“ begleitet. Durch alle Versuchungen unseres Lebens führt er uns „mit seinem Geist und Gaben“ hin auf sein ewiges Reich, das in Jesus Christus angebrochen ist und das uns ewig bleiben wird. Amen.