Predigt von Landesbischof Dr. U. Fischer
Liebe Gemeinde,
“Ich will den Kreuzstab gerne tragen.“ Wie könnten wir treffender das Gedenken an Dietrich Bonhoeffer beginnen als mit diesen Worten der Kantate von Johann Sebastian Bach? War doch das Leben Dietrich Bonhoeffers bis zu seinem frühen Tod geprägt von seinem Bemühen, das Kreuz Christi zu tragen. Sicher war Bonhoeffer die Todessehnsucht fremd, die aus dem Schlusschoral der Kantate spricht, aber wie ein cantus firmus durchzog sein Leben die Bereitschaft, für die Kreuzesnachfolge Christi auch den Tod zu erleiden. Diese aus dem Glauben heraus gewonnene Bereitschaft zum Leiden vor allem ist es, die ihn zum evangelischen „Heiligen“ macht.
Mit „Heiligen“ haben wir Evangelischen so unsere Schwierigkeiten. Einerseits belächeln wir die Verehrung der „Heiligen“ als eine katholische Absonderheit, andererseits leiden wir darunter, dass wir in unserer evangelischen Tradition kein verehrendes Andenken an Glaubenszeugen kennen. Die Lesung aus dem Hebräerbrief hat uns vorhin daran erinnert, wie wichtig es für uns ist, dass wir nicht alleine laufen in dem Kampf, der uns bestimmt ist, sondern dass wir gestärkt werden von einer Wolke der Zeugen. Zu ihr gehören viele Gestalten der Bibel, gehören Menschen aus unserem persönlichen Umfeld, vielleicht unsere Eltern und Großeltern, eine Lehrerin oder ein Pfarrer… und zu ihnen gehören in besonderer Weise die Märtyrer des Glaubens wie Dietrich Bonhoeffer.
Ernst machen mit der Bergpredigt
Gestern vor 100 Jahren wurde Dietrich Bonhoeffer in Breslau geboren. Zusammen mit seinen 6 Geschwistern wächst er in Berlin auf. Nach dem Abitur nimmt er das Studium der Theologie auf, das er 1927 mit der Promotion zum Doktor der Theologie abschließt. Nach einem Auslandsvikariat in Barcelona, dem 2. theologischen Examen und der Habilitation zum Privatdozenten in Berlin reist Bonhoeffer im Jahr 1930 zu einem einjährigen Studienurlaub in die USA. Hier kommt es zu seiner ersten prägenden Begegnung mit dem aus der Bergpredigt Jesu gespeisten Pazifismus. An seinen Bruder schreibt er 1934: „Ich glaube zu wissen, dass ich eigentlich erst innerlich klar und aufrichtig sein würde, wenn ich mit der Bergpredigt wirklich anfinge, Ernst zu machen. Hier sitzt die einzige Kraftquelle, die den ganzen Zauber und Spuk einmal in die Luft sprengen kann.“ (gemeint: das Nazireich).
Ernst machen mit der Bergpredigt. Das ist die Wurzel für Bonhoeffers Friedensengagement, das er in verschiedenen ökumenischen Organisationen mit dem Ziel entwickelt, das drohende Ausbrechen eines Weltkrieges zu verhindern. Dieses Friedensengagement war damals nicht ungefährlich, und Bonhoeffer ahnt, dass sein Einsatz für den Frieden unter Umständen einmal große Opfer von ihm verlangen wird. 1932 sagt er in einer Predigt: „Wir müssen uns nicht wundern, wenn auch für unsere Kirche wieder Zeiten kommen werden, wo Märtyrerblut gefordert werden wird.“ Mit der Machtergreifung Adolf Hitlers im Januar 1933 beginnt sich diese Ahnung zu erfüllen. Von Anfang an gehört Bonhoeffer zu den führenden Köpfen der sich gegen Hitler organisierenden Bekennenden Kirche. Anlass zur offenen Opposition gegen die NS-Herrschaft wird die Verkündigung des Nichtariergesetzes im April 1933. Bonhoeffer tritt in aller Deutlichkeit für die Juden ein. Nicht nur dies. Als jüdische Pfarrer ihres Amtes enthoben werden, empfiehlt Bonhoeffer seinen Kollegen, in einen Beerdigungsstreik zu treten, ja sogar den Austritt aus der nun von Christus abgefallenen Kirche legt er seinen Amtsbrüdern nahe. Doch Bonhoeffers Empfehlungen und Appelle werden kaum gehört.
„Ich werde kein Recht haben, an der Wiederherstellung des christlichen Lebens nach dem Kriege in Deutschland mitzuwirken, wenn ich die Prüfung dieser Zeit nicht mit meinem Volke teile.“
Nach einem 1 1/2 jährigen Aufenthalt in London kehrt er 1935 nach Deutschland zurück. Im Predigerseminar Finkenwalde bei Stettin versucht er nun, zusammen mit den jungen Vikaren Kreuzesnachfolge Christi radikal zu lehren und zu leben. Er lehrt seine Vikare den engen Zusammenhang zwischen gottesdienstlichem und weltlichem Handeln: „Nur wer für die Juden schreit, darf gregorianisch singen.“ Er fordert das Recht der Kriegsdienstverweigerung und verweigert 1938 den Gehorsamseid der Pfarrer für Hitler. Für den NS-Staat wird er allmählich zur Gefahr: 1936 wird ihm die Lehrbefugnis entzogen, 1937 schließt die Gestapo das Predigerseminar Finkenwalde, 1938 folgt ein Aufenthaltsverbot für Berlin. Am 2. Juni 1939 emigriert Bonhoeffer in die USA, aber nur einen Monat dauert das freiwillige Exil. Er erkennt: „Es war ein Fehler von mir, nach Amerika zu kommen. Ich muss diese schwierige Periode unserer nationalen Geschichte mit den Christen in Deutschland durchleben. Ich werde kein Recht haben, an der Wiederherstellung des christlichen Lebens nach dem Kriege in Deutschland mitzuwirken, wenn ich die Prüfung dieser Zeit nicht mit meinem Volke teile.“
„Weil die Kirche stumm bleibt, wo sie hätte schreien müssen, ist für Bonhoeffer der Schritt in den politischen Widerstand außerhalb der Kirche unvermeidlich.“
So kehrt Bonhoeffer nach Deutschland zurück. Nachdem er seine Brüder in der Bekennenden Kirche vergeblich zur politischen Opposition gegen Hitler gedrängt hat, geht er den Weg in die politische Konspiration ohne seine Kirche. Er erkennt die mangelnde Opferbereitschaft seiner Kirche, die NS-Obrigkeit anzuklagen. Weil die Kirche stumm bleibt, wo sie hätte schreien müssen, ist für Bonhoeffer der Schritt in den politischen Widerstand außerhalb der Kirche unvermeidlich. Der Bekenner wird zum Verschwörer. In dieser Zeit des Eintauchens in den politischen Widerstand beschäftigt sich Bonhoeffer unablässig mit der Frage, ob das Sichheraushalten aus politischen Konflikten nicht eine größere Schuld sei als das Sicheinlassen auf politisches Handeln, das im Konfliktfall nicht frei sein kann von Schuld. Nachfolge Jesu, so stellt er fest, kann auch heißen: aus Nächstenliebe schuldig werden. Ähnlich wie zur selben Zeit Hans und Sophie Scholl sowie die anderen Mitglieder der „Weißen Rose“ in München erkennt er, dass es Situationen geben kann, in denen ein Christ aus Liebe zum Nächsten schuldig werden muss. Er weiß um die Ambivalenz menschlichen Gewissens, um die Möglichkeit des Irrtums. Er erkennt, dass sein Eintreten in den politischen Widerstand nur gewagt werden kann als ein Tun, für das er sich ganz allein im Blick auf Christus entscheiden muss und das er Gott allein anvertrauen kann. Sein Handeln sieht er als ein gewagtes Handeln, das ihm keinen Pfad zur Schuldlosigkeit bahnt. Die Bereitschaft zur verantwortlichen Tat kann nur gewonnen werden in der völligen Auslieferung an den Gott, der uns Sünder gerecht spricht.
Aktiver Widerstand als Gehorsam im Hier und Jetzt
In dieser Bereitschaft zu Schuldübernahme tritt Bonhoeffer in den aktiven militärischen Widerstand gegen Hitler ein. Zusammen mit seinem Schwager Hans von Dohnanyi arbeitet er in der militärischen Abwehr unter Admiral Canaris. Auf Reisen nach Schweden, Norwegen und in die Schweiz übermittelt er Informationen über Widerstandsaktivitäten ins Ausland und nutzt seine hervorragenden ökumenischen Beziehungen für den Aufbau des Widerstandes. Lange kann die Widerstandstätigkeit Bonhoeffers verheimlicht werden, aber am 5.4.1943 wird Bonhoeffer verhaftet und ins Militärgefängnis Tegel eingeliefert. Nach 1 1/2 Jahren Haftzeit holt ihn die Gestapo am 8.10.1944 dort ab. Am 9. April 1945 findet er im KZ Flossenbürg zusammen mit Admiral Canaris den Tod durch Erhängen.
„Bonhoeffer war bereit, in der Nachfolge Christi teilzunehmen am Leiden Gottes in dieser Welt. In seinem Glaubensgehorsam liegt eine heftige Anfrage an unser Kirchesein heute.“
In den zwei Jahren seiner Haft hat Dietrich Bonhoeffer zahlreiche Briefe geschrieben. Sie sind ergreifende und erschütternde, beklemmende und verwirrende Dokumente dafür, wie sich dieser Mensch bis zuletzt der Herausforderung seiner Zeit stellte, wie er niemals flüchtete in eine Jenseitshoffnung, die zum Handeln unfähig macht, sondern den Gehorsam gegen Christus im Hier und Jetzt als absolute Norm seines Denkens und Handelns bewahrte. Bonhoeffer war bereit, in der Nachfolge Christi teilzunehmen am Leiden Gottes in dieser Welt. In seinem Glaubensgehorsam liegt eine heftige Anfrage an unser Kirchesein heute: Kämpft nicht heute oft die Kirche mehr um ihre Selbsterhaltung, so als wäre sie ein Selbstzweck, statt zur Trägerin des versöhnenden und erlösenden Wortes für die Menschen und für die Welt zu werden? Wo sind wir als Kirche und als einzelne Christenmenschen bereit, auch Schweres zu erleiden, um glaubwürdig in der Nachfolge Christi zu leben, oder ist uns die bequeme Bürgerlichkeit wichtiger als das unbequeme Tun in der Nachfolge? Das ist die Anfrage des unbequemen Glaubenszeugen Dietrich Bonhoeffer an uns.
Fruchtbares Leiden
Aber aus den Briefen seiner langen Haftzeit spricht auch der andere Bonhoeffer zu uns - der tröstende Glaubenszeuge. Der Mensch, der sich fügt ins Unabänderliche, ohne zu verzweifeln. Das Leiden der Haftzeit versteht Bonhoeffer als ein fruchtbares Leiden. Ja, in einem Brief zum Weihnachtsfest 1943 geht er noch weiter: „Ihr müsst nicht denken, dass ich mich durch diese einsame Weihnacht werde niederschlagen lassen. Es wird in der Reihe der verschiedenartigen Weihnachten, die ich in Spanien, in Amerika, in England gefeiert habe, für immer seinen besonderen Platz einnehmen, und ich will in späteren Jahren nicht beschämt, sondern mit einem gewissen Stolz an diese Tage zurückdenken... Dass Christus im Stall geboren wurde, weil er sonst keinen Raum in der Herberge fand - das begreift ein Gefangener besser als ein anderer und das ist für ihn wirklich frohe Botschaft.“
„Ein Mensch in der Nachfolge Christi - leidend und doch geborgen.“
So findet Bonhoeffer in seiner Gefangenschaft Trost. Er findet Trost und spendet Trost - unzähligen Mitgefangenen, seinen Eltern und Geschwistern. Ein Mensch in der Nachfolge Christi - leidend und doch geborgen. Seine Entschlossenheit zur Kreuzesnachfolge bis in den Tod und seine Glaubensgewissheit, auch in Stunden dunkelster Einsamkeit vom gekreuzigten Gott nicht verlassen zu sein – sie sind es, die bis heute wirken. Sie machen bis heute vielen Christenmenschen Mut zum politischen Engagement – wie etwa all jenen, die im Jahr 1989 mutig für eine friedliche Revolution in der DDR eintraten, wie den Kirchenleuten, die in Südafrika unter Einsatz ihres Lebens für die Abschaffung der Apartheid kämpften, aber auch für Politiker in unserem Land wie Johannes Rau, den wir noch wenige Monate vor seinem Tod im Berliner Dietrich Bonhoeffer-Haus für sein christlich begründetes politisches Engagement mit dem Karl-Barth-Preis geehrt haben.
Fragment eines Lebens
Bonhoeffers Leben war kurz. Es blieb unvollständig, fragmentarisch. Aber von dem Fragment dieses Lebens geht bis heute eine unglaubliche Kraft aus. Von seinem eigenen Leben gilt, was Bonhoeffer selbst einmal über das menschliche Leben allgemein geschrieben hat: „Es kommt wohl nur darauf an, ob man dem Fragment unseres Lebens noch ansieht, wie das Ganze eigentlich angelegt und gedacht war und aus welchem Material es besteht. Es gibt schließlich Fragmente, die nur noch auf den Kehrichthaufen gehören, und solche, die bedeutsam sind auf Jahrhunderte hinaus, weil ihre Vollendung nur eine göttliche Sache sein kann… – ich denke z.B. an die Kunst der Fuge. Wenn unser Leben auch nur ein entferntester Abglanz eines solchen Fragmentes ist, in dem wenigstens eine kurze Zeitlang die sich immer stärker häufenden, verschiedenen Themata zusammenstimmen, und in dem der große Kontrapunkt vom Anfang bis zum Ende durchgehalten wird, so dass schließlich nach dem Abbruch höchstens noch der Choral „Vor deinen Thron tret ich hiermit“ intoniert werden kann, dann wollen wir uns auch über unser fragmentarisches Leben nicht beklagen, sondern sogar daran froh werden.“
„Dies ist das Ende, für mich aber der Anfang.“ So spricht einer, der weiß, dass Gott allein das Fragment unseres Lebens vollenden kann, wenn wir vor seinen Thron treten.“
Bonhoeffers Leben war ein Fragment, das noch über Jahrhunderte bedeutsam sein wird. Es brach ab am 9. April 1945 im Konzentrationslager Flossenbürg. Es brach ab wie Bachs Kunst der Fuge, die Fragment blieb und die mündete in den Choral „Vor deinen Thron tret ich hiermit.“ Unmittelbar vor seinem Tod sagte Bonhoeffer: „Dies ist das Ende, für mich aber der Anfang.“ So spricht einer, der weiß, dass Gott allein das Fragment unseres Lebens vollenden kann, wenn wir vor seinen Thron treten.
Amen.
