Liebe Gemeinde, wohl keine Zeit des Kirchenjahres ist so sehr geprägt durch alt vertraute Lieder wie die Adventszeit. Zu den ganz alten Adventsgesängen der Kirche gehört das „Benedictus“, der Lobgesang des Zacharias. Wir stimmen uns heute Morgen ein auf den Advent, indem wir hinein hören in dieses altkirchliche Weihnachtslied. Hören wir, wie der Evangelist Lukas den alten Zacharias, den Vater Johannes des Täufers, nach dessen Geburt singen lässt:
„Gelobt sei der Herr, der Gott Israels!
Denn er hat besucht und erlöst sein Volk
und hat uns aufgerichtet eine Macht des Heils
im Hause seines Dieners David -
wie er vorzeiten geredet hat
durch den Mund seiner heiligen Propheten -,
dass er uns errette von unsern Feinden
und aus der Hand aller, die uns hassen,
und Barmherzigkeit erzeigte unsern Vätern
und gedächte an seinen heiligen Bund
und an den Eid, den er geschworen hat unserem Vater Abraham
uns zu geben,
dass wir, erlöst aus der Hand unserer Feinde,
ihm dienten ohne Furcht unser Leben lang
in Heiligkeit und Gerechtigkeit vor seinen Augen.
Und du, Kindlein, wirst ein Prophet des Höchsten heißen.
Denn du wirst dem Herrn vorangehen, dass du seinen Weg bereitest
und Erkenntnis gebest seinem Volk in der Vergebung ihrer Sünden,
durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes,
durch die uns besuchen wird das aufgehende Licht aus der Höhe,
damit es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes,
und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.“
Der Psalmsänger Zacharias greift auf alte Verheißungen zurück, um seine Gegenwart zu verstehen.
Welch ein Lied! So kann doch nur einer singen, der blind ist für die Realitäten der Welt. Da herrscht schlimmste Unterdrückung im jüdischen Land. Die Römer verfahren mit ihren Untertanen nicht gerade zimperlich. Da ist nichts zu erkennen von Freiheit und Gerechtigkeit. Und dann singt da einer einen Lobpreis von der schon geschehenen Erlösung seines Volkes. Er singt davon, dass der Retter schon erschienen sei. Da besingt einer die schon erfolgte politische Befreiung Israels. Weit geht in seinem Psalm der Blick zurück in die Geschichte Israels: zum Hause Davids, zu den Propheten, zu Abraham, zum Bundesschluss Gottes mit seinem Volk, zur Errettung Israels vor den Feinden. Der Psalmsänger Zacharias greift auf alte Verheißungen zurück, um seine Gegenwart zu verstehen.
Mit der Sicht des gläubigen Herzens sieht Zacharias im kleinen Anfang schon das große Ziel.
Zugleich greift er in seinem Glauben so weit voraus, dass die Zukunft als schon geschehen dargestellt wird. Der vor Augen liegenden trüben Wirklichkeit stellt er die Wirklichkeit der Verheißung entgegen. So wird sein Lied zum Protestlied gegen den Unfrieden seiner Zeit. Es wird zum Glaubenslied. Denn der Glaube ist der Vogel, welcher singt, wenn die Nacht noch dunkel ist. So kann nur jemand singen, der mehr mit seinem gläubigen Herzen als mit seinen Augen sieht. Das ist das Glaubenslied eines Menschen, der mit dem Herzen sieht und singt. Obwohl Zacharias also noch in Erwartung des Heils lebt, also in adventlicher Erwartung, lässt Lukas ihn schon aus vollem Herzen singen, so als wäre schon alles klar. Mit der Sicht des gläubigen Herzens sieht Zacharias im kleinen Anfang schon das große Ziel.
Denn auch heute ist nicht alles heil in dieser Welt. Dennoch unterscheidet uns eines von Zacharias. Anders als er können wir nämlich wirklich singen: „Gott hat besucht und erlöst sein Volk!“ Anders als Zacharias schauen wir zurück auf Gottes Ankunft in dieser Welt.
Wenn wir heute als christliche Gemeinde das „Benedictus“ des Zacharias anstimmen, wenn wir unsere adventlichen Lieder singen, dann stimmen wir ein in Worte eines kühnen Glaubens, der wie ein Vogel singt, wenn die Nacht noch dunkel ist. Dann sagen wir in unserem Gesang mehr aus, als wirklich schon ist. Dann singen wir von Erfülltem, obwohl so vieles in unserer Gegenwart dagegen spricht. Denn auch heute ist nicht alles heil in dieser Welt. Dennoch unterscheidet uns eines von Zacharias. Anders als er können wir nämlich wirklich singen: „Gott hat besucht und erlöst sein Volk!“ Anders als Zacharias schauen wir zurück auf Gottes Ankunft in dieser Welt. Gott kam in Jesus zu Besuch in dieser Welt. Er schlug sein Zelt unter uns auf, wie der Evangelist Johannes schreibt. Und Menschen konnten bei diesem Besuch Gottes wirklich Spuren seiner Erlösung entdecken: Heilung von Krankheit, Befreiung von Schuld, frohe Botschaft für die Armen. In Jesus Christus hat Gott sein Volk besucht und erlöst.
Hinein in die Dunkelheit kommt Gott - wie ein Lichtstreifen, der wächst und wächst, bis er zur vollen Sonne wird, die das Dunkel vertreibt.
Dann singt Zacharias die zweite Strophe seines Liedes. In seinem Singen weist er nun seinem Sohn Johannes einen Platz in der Geschichte seines Volkes zu: „Und du, Kindlein, wirst ein Prophet des Höchsten heißen. Denn du wirst dem Herrn vorangehen, dass du seinen Weg bereitest.“ Nach dem Lobpreis der schon geschehenen Erlösung durch Gott nun ein Geburtstagslied, durch das der Neugeborene überschwänglich begrüßt wird. Und wieder zielt alles ab auf das, was schon in der ersten Strophe angeklungen war - auf Gottes Besuch in dieser Welt und auf seine Barmherzigkeit. „Durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes wird uns besuchen das aufgehende Licht aus der Höhe.“ Gott erbarmt sich dieser Welt. Er fühlt mit ihr, leidet mit ihr. Deshalb kommt er aus der Höhe in diese Welt. Wie ein Sonnenaufgang so geht die Sonne seines Friedens auf über dieser Welt. Hinein in die Dunkelheit kommt Gott - wie ein Lichtstreifen, der wächst und wächst, bis er zur vollen Sonne wird, die das Dunkel vertreibt. So kündigt sich Gottes Besuch an in dieser Welt. Gott bereitet seinen Besuch in dieser Welt gut vor durch Johannes den Täufer, den Propheten des Höchsten. So kommt es zu einem wohl vorbereiteten, erhellenden Besuch. Menschen, die in Jesus dem barmherzigen Gott begegneten, spürten etwas vom Licht Gottes in ihrer Finsternis. Spürten etwas von dem Mitleiden Gottes mit den Menschen. In der Begegnung mit Jesus entdeckten sie Erfüllung des von Gott Verheißenen.
Jedes Projekt von BROT FÜR DIE WELT ist ein Versuch, auf Gottes Besuch in dieser Welt zu antworten.
Doch auch damit war menschliches Warten noch nicht an sein letztes Ziel gekommen. Nein: Gottes Besuch in dieser Welt soll Folgen zeitigen, bis einst alle erlöst sind, die heute noch sitzen in Finsternis und im Schatten des Todes. Genau hier hat die Arbeit von BROT FÜR DIE WELT ihre adventliche Verortung. Durch diese Arbeit soll Gottes Kommen in diese Welt Menschen erfahrbar gemacht werden für all jene, die heute noch sitzen in Finsternis und im Schatten des Todes. Sie sollen Gottes Barmherzigkeit erfahren, die uns besucht hat. Jedes Projekt von BROT FÜR DIE WELT ist ein Versuch, auf Gottes Besuch in dieser Welt zu antworten. Vergessen wir nicht: Millionen Menschen in aller Welt wird bis heute vorenthalten, was sie zum Leben brauchen. Ihr Recht auf Nahrung und auf Zugang zu frischem sauberem Wasser wird mit Füßen getreten. Ihnen wird medizinische Hilfe, Bildung, ein Zuhause und friedliches Zusammenleben vorenthalten. Aber Gott ist in diese Welt gekommen, um sein Recht durchzusetzen für jene, die sitzen in Finsternis und im Schatten des Todes.
Diesen Jugendlichen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, erscheint das aufgehende Licht aus der Höhe.
An zwei Projekten, die wir in diesem Jahr in unserer Landeskirche besonders fördern, will ich verdeutlichen, wie Gottes Barmherzigkeit jene erreichen kann, die derzeit noch sitzen in Finsternis und im Schatten des Todes: In den Vorstädten von Buenos Aires sind Armut und Not groß. Hier wohnen die, für die in der Millionenmetropole kein Platz ist. Viele Familien sind zerrüttet. Die Kinder wachsen mit den Alkohol- und Drogenproblemen ihrer Eltern und Geschwister auf. Über die Hälfte der Jugendlichen ist arbeitslos. Im Viertel La Esperanza betreibt die Evangeli¬sche Kirche am Rio de la Plata ein Jugendzentrum. Hier finden Kinder und Jugendliche Zuflucht vor der alltäglichen Gewalt. Hier erleben sie manchmal zum ersten Mal eine Gemeinschaft, die ihnen gut tut. Hier kochen und essen sie gemeinsam, basteln und machen ihre Hausaufgaben. Vor allem finden die Kinder aber eines: Halt und Geborgenheit, Menschen, die ihnen zuhören und für sie da sind. Unter Anleitung erlernen sie handwerkliche Fähigkeiten, lernen, sich selbst etwas zu trauen und die Zuversicht zu gewinnen, dass es einen Ausweg gibt aus dem Teufelskreis von Arbeitslosigkeit, Gewalt und Drogen. Diesen Jugendlichen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, erscheint das aufgehende Licht aus der Höhe.
Das zweite Beispiel: Dürreperioden, die manchmal viele Monate dauern, machen den Menschen im Nordosten Kenias immer wieder das Leben schwer. BROT FÜR DIE WELT und die anglikanische Kirche arbeiten hier eng zusammen. Ziel ihres Projektes ist es, die Bevölkerung dauerhaft in die Lage zu versetzen, sich wieder selbst zu versorgen. Dass dies auch im trockenen Ostafrika möglich ist, zeigen bereits mehrere erfolgreiche Pro¬jekte. Dafür wird Saatgut eingesetzt, das auch in trockenen Gegenden gedeiht. Viele Familien haben ein paar Ziegen als Grundstock für eine Herde bekommen, die genügsamer als Schafe und Rin¬der sind. Außerdem werden Dämme in Trockenflussbetten gebaut, um bei Regenfällen das Wasser aufzuhalten und zu speichern. Jeder Damm bietet rund 600 Menschen lebenserhaltendes Nass für mehrere Monate. So können die Bauern nicht nur die Ernährung ihrer eigenen Familie sichern, sondern sogar Überschüsse erwirtschaften, die sie auf dem Markt verkaufen können. Ein Beispiel dafür, wie heute Menschen in Finsternis und Schatten des Todes das aufgehende Licht aus der Höhe erscheint.
Dass wir die Aktion BROT FÜR DIE WELT am 1. Advent eröffnen, ist mehr als nur eine gute adventliche Tradition. Es ist der Versuch, Gottes Advent in dieser Welt Menschen erfahrbar zu machen. Mit Zacharias schauen wir zurück und nach vorn: Gott hat uns besucht. Und er wird uns in seiner großen Barmherzigkeit wieder besuchen.
Zwei Beispiele von vielen, die zeigen, wie Leben zwischen dem ersten Kommen Gottes in die Welt und seinem letzten Kommen am Ende der Zeiten gestaltet werden kann. Dass wir die Aktion BROT FÜR DIE WELT am 1. Advent eröffnen, ist mehr als nur eine gute adventliche Tradition. Es ist der Versuch, Gottes Advent in dieser Welt Menschen erfahrbar zu machen. Mit Zacharias schauen wir zurück und nach vorn: Gott hat uns besucht. Und er wird uns in seiner großen Barmherzigkeit wieder besuchen. Mit Zacharias singen wir: „Gelobt sei der Herr, der Gott Israels. Denn er hat besucht und erlöst sein Volk.“ Und zugleich blicken wir sehnsüchtig nach vorn und singen „Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt.“ So leben wir sozusagen zwischen Tagesanbruch und voller Morgensonne, zwischen dem ersten und dem zweiten Besuch Gottes. Das ist die Standortbestimmung von BROT FÜR DIE WELT, bis einst allen Menschen in Finsternis durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes das aufgehende Licht aus der Höhe erscheint und ihre Füße auf den Weg des Friedens gerichtet werden. Das ist die Standortbestimmung unseres Lebens, bis dass er kommt. Amen.
