Liebe Gemeinde,
in diesen Wochen des Novembers werden wir an unsere Sterblichkeit erinnert. Die Blätter an den Bäumen welken und fallen ab. Die Tage werden kürzer, die Nächte länger. Nebel legt sich wie ein dunkles Gewand auf unser Gemüt. Alles riecht nach Verwesung, schmeckt nach Vergänglichkeit. Viele Menschen besuchen in diesen Wochen die Gräber ihrer Verstorbenen. Diese trüben Wochen im November, in diesem „Monat mit Trauerrand“, sind so etwas wie ein memento mori, eine Erinnerung daran, dass wir alle einmal sterben müssen. Und so ist es auch sehr passend, dass die ARD, also das erste Programm des öffentlich-rechtlichen Fernsehens in diesen Tagen eine Themenwoche „Tod“ veranstaltet, für die unter anderem auch die Ex-Bischöfin Margot Käßmann die Schirmherrschaft übernommen hat. Wer also in diesen Tagen in besonders intensiver Weise an die eigene Sterblichkeit erinnert werden möchte, sollte vielleicht öfter als sonst das Programm des Ersten Deutschen Fernsehens anschauen. Die Kirchen haben diese Themenwoche im Fernsehen begrüßt, da sie ein Gegengewicht bietet in einer Zeit, in der Sterben und Tod so leicht verdrängt und die Illusion immerwährenden unbekümmerten Lebens kräftig genährt wird.
„Mensch, bedenke, dass du sterben musst. Und nutze die Zeit deines begrenzten Lebens.“ Oder mit den Worten Christi aus der Offenbarung des Johannes: „Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben.“
Auch in den Gottesdiensten der letzten beiden Sonntage des Kirchenjahres nehmen wir die Endlichkeit allen Lebens in den Blick. Wir beten mit dem 126. Psalm Worte, die sonst meist nur auf dem Friedhof gesprochen werden: „Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.“ Wir vernehmen Worte der Heiligen Schrift, die uns an unser Sterben erinnern „Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben.“ Und heute hören wir in diesem Gottesdienst Jazzimprovisationen zu einem Totentanz, dessen Motive Hugo Distler im Jahr 1934 in Musik umgesetzt hat. Dieser Lübecker Totentanz ist ein memento mori eigener Art, eine besonders intensive Erinnerung an die menschliche Sterblichkeit. Im Jahr 1463 wurde dieser Totentanz in der Lübecker Marienkirche gemalt - ganz unter dem Eindruck der schwarzen Pest, durch die viele Menschen ihr Leben verloren. In dieser Situation, in der Sterben täglich von den Menschen auf grausame Weise erfahren wurde, verkündete der Totentanz in 24 Darstellungen mahnend: „Wer immer du bist, ob geistlichen oder weltlichen Standes, du musst sterben.“ Papst und Kaiser, Kardinal und König, Bischof und Herzog, Abt und Ritter, Mönch und Edelmann, Domherr und Bürgermeister, Arzt und Wucherer, Kaplan und Kaufmann, Küster und Amtmann, Klausner und Bauer, Jüngling und Jungfrau, Greis und Kind - sie alle tanzen mit dem Tod. Und die Bedrohung durch den Tod wird in der Form niederdeutscher Reime ausgesprochen - für uns heute nicht ganz leicht verständlich. Einige dieser Reime sind auf dem Liedblatt wiedergegeben. Sie alle verkündigen mit der Musik von Hugo Distler und mit den Jazzimprovisationen von Christoph Georgii: „Mensch, bedenke, dass du sterben musst. Und nutze die Zeit deines begrenzten Lebens.“ Oder mit den Worten Christi aus der Offenbarung des Johannes: „Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben.“
Die in materieller Hinsicht arme Gemeinde ermuntert er, aus ihrem geistlichen Reichtum Kraft zum Ertragen der Verfolgungen zu schöpfen. In der Nachfolge Christi, der der Erste und der Letzte ist, der tot war und lebendig geworden ist, in der Nachfolge Christi sollen die Glieder dieser Gemeinde Treue bis zum Tod bewahren und so das ewige Leben, die Krone, den Siegeskranz des Lebens erben.
Geschrieben wurden diese Worte Ende des 1. Jahrhunderts vom Seher Johannes an die christliche Gemeinde von Smyrna, dem heutigen türkischen Izmir. Smyrna war eine bedeutende Handelsstadt. Besonders berühmt war der um 30 n.Chr. erbaute Kaisertempel, an dem regelmäßig Opfer für den göttlich verehrten römischen Kaiser dargebracht wurden. Die Christengemeinde von Smyrna weigerte sich beharrlich, an diesen Kaiseropfern teilzunehmen. Dies führte immer wieder zu heftigen Konflikten mit der römischen Obrigkeit und mit der jüdischen Gemeinde, aus der die Christen kurze Zeit zuvor ausgeschlossen worden waren. In dieser Konflikt- und Leidenssituation wendet sich der Seher Johannes an die christliche Gemeinde von Smyrna. Er weiß, dass diese armselige Christengemeinde alle Konflikte im Glaubensgehorsam erduldet und dabei einen großen Reichtum an Glaubensstärke bewiesen hat. Die in materieller Hinsicht arme Gemeinde ermuntert er, aus ihrem geistlichen Reichtum Kraft zum Ertragen der Verfolgungen zu schöpfen. In der Nachfolge Christi, der der Erste und der Letzte ist, der tot war und lebendig geworden ist, in der Nachfolge Christi sollen die Glieder dieser Gemeinde Treue bis zum Tod bewahren und so das ewige Leben, die Krone, den Siegeskranz des Lebens erben.
Was bedeuten diese Worte heute für uns „Sei getreu bis an den Tod, wo will ich dir die Krone des Lebens geben?“
Wenn ich uns diese Situation bei der Abfassung des Sendschreibens an die Gemeinde von Smyrna vor Augen führe, wird uns der große Abstand zwischen Smyrna und Karlsruhe, zwischen der Situation jener Gemeinde Ende des 1. Jahrhunderts und der Lage unserer Kirche im 21. Jahrhundert deutlich. Im Wissen um diesen großen Abstand frage ich: Was bedeuten diese Worte heute für uns „Sei getreu bis an den Tod, wo will ich dir die Krone des Lebens geben?“ Was bedeutet dieses Wort angesichts des heutigen Volkstrauertages mit unserer Erinnerung an die Opfer der Kriege?
Es kommt deshalb im Leben nicht darauf an, einem politischen Führer oder einem politischen System die Treue zu halten. Solche Treue kann missbrauchte Treue sein, bei der wir uns selbst und Gott letztlich verleugnen müssen.
Wie oft haben wir diese Worte „Sei getreu bis an den Tod“ schon gelesen auf Denkmälern für Gefallene der Weltkriege! Und manche von uns denken bei diesen Worten an ihren Ehemann oder Vater, den sie im Krieg verloren haben. Im Gedenken der Gefallenen der Kriege werden sie sich fragen, was für eine Treue dies war, für die Soldaten in den Tod gegangen sind. War es nicht eine missbrauchte Treue? Waren es nicht Wahnwitz der Herrschenden und Gutgläubigkeit der Gehorchenden, die zum Tod so vieler auf den Schlachtfeldern der Kriege führten?
Und wir fragen uns: Wie können wir Gott treu bleiben in unserem Leben? Der Gott, der der Anfang und Ende allen Seins ist, ist am Anfang und am Ende unseres Lebens bei uns. Der Gott, der der Erste und der Letzte ist, hält uns am Anfang und am Ende die Treue. Er will, dass wir auf seine Treue antworten, indem wir ihm allein treu bleiben vom Anfang bis zum Ende. Es kommt deshalb im Leben nicht darauf an, einem politischen Führer oder einem politischen System die Treue zu halten. Solche Treue kann missbrauchte Treue sein, bei der wir uns selbst und Gott letztlich verleugnen müssen. Hugo Distler ist genau daran zerbrochen. Über lange Zeit meinte er während des Dritten Reiches, dem Führer Treue halten zu müssen, ehe er als Leiter des Berliner Domchors immer mehr in seiner Arbeit behindert wurde und am 1. November 1942 nach dem Besuch des Gottesdienstes im Berliner Dom seinem Leben ein Ende setzte. Er wollte diesem Führer nicht als Soldat dienen. So endete sein Leben in einem tragischen Tanz mit dem Tod.
Hier spricht also der, der als der Gekreuzigte Standhaftigkeit bis zum Tode bewiesen und als der Auferstandene neues Lebens geschenkt hat. Aus seiner Gabe des Lebens erwächst uns die Aufgabe, für das Leben einzutreten. Aus seiner Standhaftigkeit erwächst uns die Kraft, standhaft Leben zu bewahren.
„Sei getreu bis an den Tod“ - wo ist solche Treue zu Gott, dem Anfang und Ende des Lebens, heute von uns gefragt?
Wenn Menschen den Anfang und das Ende menschlichen Lebens selbst in die eigene Hand nehmen wollen, wenn die Entscheidung über Tod und Leben zu Beginn einer Schwangerschaft leichtfertig getroffen wird und Spätabtreibungen bis zum 9. Monat in unserem Lande möglich sind oder wenn einer aktiven Sterbehilfe das Wort geredet wird,
dann ist unsere Treue zu Gott, dem Schöpfer, dem Ersten und Letzten gefragt. Hier müssen wir öffentlich widersprechen und die Treue zu ihm bewähren, indem wir eintreten gegen jeden Versuch, sich des menschlichen Lebens an seinem Anfang und an seinem Ende zu bemächtigen.
Im Blick auf den heutigen Volkstrauertag hilft uns das Wort aus der Offenbarung des Johannes das Erinnern an die Kriege und unsere Verpflichtung zum Frieden zu bedenken. Das Sendschreiben nach Smyrna beginnt mit den Worten „das sagt der, der tot war und lebendig geworden ist“. Hier spricht also der, der als der Gekreuzigte Standhaftigkeit bis zum Tode bewiesen und als der Auferstandene neues Lebens geschenkt hat. Aus seiner Gabe des Lebens erwächst uns die Aufgabe, für das Leben einzutreten. Aus seiner Standhaftigkeit erwächst uns die Kraft, standhaft Leben zu bewahren. Wie könnten wir besser das Leben des Auferstandenen weiterschenken als durch standhaftes Eintreten für Versöhnung über Grenzen und Gräben hinweg, zu allererst wohl durch Eintreten für Versöhnung mit jenen Völkern, denen wir im Krieg schweres Leid zugefügt haben. Aber unser Auftrag zur Versöhnung reicht noch weiter. In Treue zum versöhnenden Gott wirken all jene versöhnend, die einen Friedensdienst im Ausland wahrnehmen,
sei es durch friedenserhaltende Einsätze unserer Bundeswehr,
sei es durch die Versöhnungsarbeit in den verschiedenen Friedensfreiwilligendiensten, die nicht nur junge Menschen absolvieren.
Er schenkt uns die Kraft, ihm „im kurzen Nun“ unseres Lebens die Treue zu halten. Er schenkt uns seinen Geist, damit wir nicht erschrecken angesichts der Erinnerung an die Kürze unseres Lebens. Er öffnet uns den Blick für seine Ewigkeit, für die Krone des Lebens.
Und wir können in unserem eigenen Land versöhnend wirken, wenn es um den Abbau von Vorurteilen gegenüber ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern geht, um Versuche der Integration, die ein friedliches Miteinander fremder Kulturen und Religionen ermöglicht. Wir können versöhnend wirken, wenn wir das anderen Menschen angetane Unrecht beim Namen nennen, wie wir es im kommenden Jahr mit dem Gedenken an die massenhafte Tötung von Sinti und Roma durch die nationalsozialistische Diktatur tun werden. Wir können versöhnend wirken, wenn wir dem immer bedrohlicher werdenden Auftreten Rechtsradikaler entgegentreten und uns für lückenlose Aufklärung ihres verbrecherischen Tuns einsetzen. Auch dies ist versöhnendes Handeln in der Treue zu dem Gott, der sich in Jesus Christus mit uns versöhnt hat.
„Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben!“ So spricht der Gott zu uns, der uns bedingungslos die Treue hält, der Erste und der Letzte, der Gekreuzigte und Auferstandene. Er schenkt uns die Kraft, ihm „im kurzen Nun“ unseres Lebens die Treue zu halten. Er schenkt uns seinen Geist, damit wir nicht erschrecken angesichts der Erinnerung an die Kürze unseres Lebens. Er öffnet uns den Blick für seine Ewigkeit, für die Krone des Lebens. Auf dem Grabstein Hugo Distlers stehen die Worte Jesu, die sich wie eine Ermutigung zum Treusein bis an den Tod lesen: „Dies habe ich zu euch gesagt, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt seid ihr in Bedrängnis; aber hat Mut: Ich habe die Welt besiegt.“ Amen.
