Zukunft - ein Buch mit sieben Siegeln

Predigt von Landesbischof Dr. U. Fischer zu Offb 5,1-5; Gottesdienst zum 1. Advent, Mannheim, 27.11.2011

Liebe Gemeinde,
von einem „Buch mit sieben Siegeln“ spricht der Volksmund, wenn etwas unverständlich oder unzugänglich ist. „Das ist mir ein Buch mit sieben Siegeln“, sagen wir sprichwörtlich, wenn uns ein Sachverhalt, eine Verhaltensweise schleierhaft oder rätselhaft erscheint. Ein „Buch mit sieben Siegeln“ ist uns oft die ganze Welt, denn die Lesbarkeit der Welt ist verloren gegangen in der Unübersichtlichkeit komplexer Fragestellungen. Auch unser eigenes Leben erscheint uns bisweilen wie ein „Buch mit sieben Siegeln“, denn Sinn des Lebens will sich oft nicht erschließen. Bisweilen sind uns auch andere Menschen verschlossen, und manchmal sind wir selbst uns auch ein „Buch mit sieben Siegeln“. Und dann erst die Zukunft: Niemand weiß, was kommen wird; niemand kann die Zukunft erschließen. Wer wollte bestreiten, dass die Zukunft „ein Buch mit sieben Siegeln“ wäre?

Und nun werden Sie zum 1.Advent zudem noch mit einem Bibelwort konfrontiertet, das Ihnen beim ersten Hören wie ein „Buch mit sieben Siegeln“ vorkommen muss. Denn das Wort der Bibel, das uns für diesen Tag gegeben ist, ist sozusagen die Mutter des Sprichworts vom „Buch mit sieben Siegeln“:
„Ich sah in der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß, ein Buch, beidseitig beschrieben und verschlossen mit sieben Siegeln. Und ich sah einen gewaltigen Engel, der rief mit großer Stimme: Wer ist würdig, das Buch zu öffnen und seine Siegel zu lösen? Und niemand im Himmel, auf der Erde und unter der Erde konnte das Buch öffnen und hineinsehen. Und ich weinte sehr, weil niemand sich als würdig erwies, das Buch zu öffnen und hineinzusehen. Und einer von den Ältesten sprach zu mir: Weine nicht! Siehe, es hat gesiegt der Löwe aus dem Stamm Juda, die Wurzel Davids, das Buch zu öffnen und seine sieben Siegel zu zerbrechen. Er ist das Lamm, das geschlachtet und das würdig ist zu nehmen Kraft und Reichtum, Weisheit und Stärke, Ehre und Preis und Lob.“

Dieses Wort der Bibel zum 1. Advent ist fürwahr ein „Buch mit sieben Siegeln“. Ich will versuchen, die Siegel dieses Buches zu lösen. Dabei beginne ich am Ende unseres Bibeltextes: „Es hat gesiegt der Löwe aus dem Stamm Juda, die Wurzel Davids, das Lamm, das geschlachtet ist.“ Drei merkwürdige, rätselhafte Titel werden hier genannt; genannt für den, den wir als Jesus Christus kennen.

Die Hoffnungsbotschaft des Advents

Als „Löwe aus Juda“ wird Jesus Christus bezeichnet in Anspielung auf Worte des Stammvaters Jakob. Als dieser sterbend seine Söhne segnete, sagte er zu seinem Sohn Juda: „Juda ist ein junger Löwe. Es wird das Zepter von Juda nicht weichen noch der Stab des Herrschers von seinen Füßen, bis dass der Held komme und ihm alle Völker anhangen.“ In Anknüpfung an diesen Segen Jakobs wurde im späteren Judentum der Messias als Held aus Juda, als „Löwe aus Juda“ erwartet. Und viel später hat Kaiser Haile Selassie aus Äthiopien den Titel „Löwe von Juda“ geführt. „Löwe aus Juda“ - ein Titel, mit dem königliche Macht und Stärke bezeichnet werden sollen.
Dann der zweite Titel „Wurzelspross Davids“. Mit diesem Titel wird angespielt auf die uns vertraute Weissagung aus dem Jesajabuch, wo es vom Reis aus der Wurzel Jesse heißt: „Auf ihm wird ruhen des Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des Herrn.“ Der aus der Wurzel Davids Kommende ist der Messias, der Recht und Gerechtigkeit auf Erden aufrichtet.
Und schließlich der dritte Titel, den der Seher Johannes Jesus Christus verleiht: Lamm Gottes. Wir erinnern uns an die Worte des Täufers Johannes, der von Jesus sagte: „Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt.“

Dieser also ist es, der in der Vision des Sehers Johannes allein das Buch mit den sieben Siegeln öffnen kann: Jesus Christus. Er ist der Verheißene. Er ist der Messias. Er ist der „Löwe aus Juda“, der Mächtige und Starke. Er ist der „Wurzelspross Davids“, der Gerechte und Weise. Er ist das „Lamm Gottes“, das sich selbst dahin gegeben hat für die Menschen. Er ist in diese Welt gekommen, um ihr Heil und Leben zu bringen. Durch sein heilendes Wirken hat er Einblick gegeben in das Heil, das Gott einmal für alle Welt schaffen wird. In ihm ist die Zukunft auf Erden gekommen. Er hat gesiegt mit seinem Tod am Kreuz und mit seiner Auferstehung von den Toten. Er hat alles Leid überwunden. Das ist die Hoffnungsbotschaft des Advents, wenn wir uns an ihn als den Gekommenen erinnern.

"Niemand hat die Zukunft in der Hand, kein Herrscher der Welt. Das war zu Zeiten des Sehers Johannes und das ist bis heute eine politische Kampfansage gegen all jene, die sich gern als allmächtige Herrscher aufspielen wollen."

So feiern wir Advent, indem wir uns an den erinnern, der gekommen ist zu unserm Heil. Deshalb hören wir immer wieder am 1. Advent den Bericht von seinem Einzug in Jerusalem, von Gottes Gekommensein in die Welt. Und zugleich wissen wir: Das ist noch nicht alles, was Gott für diese Welt vorhat. Gewiss hat Gottes Zukunft mit dem Kommen Jesu begonnen, aber das ist noch nicht die ganze Zukunft, die er dieser Welt verheißen hat. Genau das will der Seher Johannes verkünden, wenn er von dem rätselhaften Buch mit den sieben Siegeln schreibt, das erst am Ende der Zeiten geöffnet wird. Solange das Buch Gottes mit den sieben Siegeln noch nicht geöffnet ist, ist die Zukunft rätselhaft und unberechenbar. Gelten die einschlägigen, ängstigenden und aussichtslosen Drehbücher der Gegenwart, die allesamt die quälenden Rätsel der Welt nicht lösen können. Noch ist Gottes Buch mit den sieben Siegeln nicht geöffnet. Und niemand im Himmel auf der Erde und unter der Erde kann es öffnen kann. Niemand hat die Zukunft in der Hand, kein Herrscher der Welt. Das war zu Zeiten des Sehers Johannes und das ist bis heute eine politische Kampfansage gegen all jene, die sich gern als allmächtige Herrscher aufspielen wollen. Weil Gott allein die Zukunft gehört, bleibt allen Menschen die Zukunft verschlossen, erscheint sie wie ein „Buch mit sieben Siegeln“. Erst wenn dieses Buch einstmals durch Christus geöffnet wird, erst dann wird sich die Zukunft Gottes wirklich erschließen. Das Buch mit den sieben Siegeln, jene rätselhafte Buchrolle, die einer beidseitig beschrifteten Urkunde ähnelt, dieses Buch enthält den endzeitlichen Plan Gottes für seine Welt. Erst wenn die Siegel dieses Buches gelöst werden, werden die Ereignisse der letzten Zeit „entbunden“, kann Gottes heilvolle Zukunft für alle Welt beginnen.

Bange Fragen

Bis dahin aber müssen wir unser Leben, unsere Welt, die Zukunft wie ein „Buch mit sieben Siegeln“ betrachten. Und so beschleichen uns bange Fragen im Blick auf die Zukunft: Wenige Tage vor dem Weltklimagipfel von Durban fragen wir uns ängstlich, wie es weitergehen wird mit dem Klima auf unserem Erdball? Angesichts immer neue Katastrophenmeldungen von den Börsen ist uns rätselhaft, welche Zukunft noch der Euro hat und welche unser Geld? Nach der Katastrophe von Fukushima und dem Ausstieg aus der Nutzung der Kernenergie sorgen wir uns um eine sichere Energieversorgung. Voller Schrecken fragen wir uns, was wir dem widerlichen Rechtsterrorismus in unserem Lande entgegensetzen können. Und wie wird es weitergehen in den Krisenherden unserer Erde, vor allem im Nahen Osten; werden besonders Christen die Leidtragenden sein und schweren Verfolgungen ausgesetzt werden? Und an diesem Tag der Eröffnung der Aktion „Brot für die Welt“ fragen wir uns, wie wir wirkungsvoll der Ausbreitung des Hungers auf dieser Erde begegnen können. Was ist Gottes Plan für diese Welt?

"Aber dann steht vor allem am Ende Eines: die große Versöhnung Gottes mit seiner Schöpfjung..."

Eine detaillierte Antwort auf diese bangen Fragen gibt uns die Bibel nicht. Und es wäre völlig verkehrt aus der Offenbarung des Johannes eine Fahrplan in die Zukunft herauszulesen. Aber schauen wir in die nachfolgenden Kapitel der Offenbarung, in denen dann der Inhalt jenes Buches mit den sieben Siegeln entfaltet wird, dann ist da von großen Unglücken für die Welt die Rede, von Verfolgung der Gläubigen und von kosmischen Katastrophen. Und all dies liest sich wie ein Kommentar zu unserer Zeit. Aber dann steht vor allem am Ende Eines: die große Versöhnung Gottes mit seiner Schöpfjung, die Versammlung des vollzähligen Gottesvolkes vor Gottes Thron. Am Ende steht der Lobgesang der Vollendeten in Gottes Heil.

"Das was ist, ist noch nicht alles. Sondern wenn das Buch mit den sieben Siegeln geöffnet wird, wird dieser Welt noch eine neue Zukunft erschlossen."

Das ist die Botschaft des Johannes: Alle Angst und Trauer, alle Sorge um die Zukunft der Welt wird eines Tages überwunden von Gottes Heil. Wird überwunden von dem, der am Kreuz und in der Auferstehung als Löwe von Juda, als Wurzelspross Davids und als Lamm Gottes bereits überwunden hat. Wo uns die Zukunft nur ein „Buch mit sieben Siegeln“, eine Geschichte mit düsterem Ausgang ist, da erschließt Gott dieser Welt sein Heil. Das ist keine naive Hoffnung auf ein happy end der Geschichte. Vielmehr vertrauen wir darauf, dass der Gott, der in Jesus Christus alle Not dieser Welt mit getragen und überwunden hat, dass dieser Gott, der die Not dieser Welt zu seiner eigenen Not gemacht hat, dass er diese Welt auch herausführen wird aus aller Not. Was er im Kommen und Wirken, im Leiden, Sterben und Auferstehen Christi begonnen hat, wird er vollenden. Was Jesus Christus unter uns Menschen gewirkt hat, ist Vorschein auf den Sieg des Lebens am Ende der Zeiten. Das was ist, ist noch nicht alles. Sondern wenn das Buch mit den sieben Siegeln geöffnet wird, wird dieser Welt noch eine neue Zukunft erschlossen.

Erwartungsvoll

So feiern wir Advent - in der Rückbesinnung auf den, der gekommen ist, und in Erwartung des Kommenden. Wir feiern Advent in der Spannung, dass der Löwe aus Juda schon gesiegt hat, dass die Vollendung seines Sieges aber noch nicht erreicht ist. Wir feiern Advent im Lobpreis des Gekommenen und singen ihm zur Ehre: „Macht hoch die Tür“ und „Tochter Zion, freue dich!“ Und wir feiern Advent in Erwartung dessen, der einmal das Buch mit sieben Siegeln öffnen und zu letzter Klarheit helfen wird. Sehnsüchtig warten wir auf ihn und singen: „Wo bleibst du Trost der ganzen Welt?“ So feiern wir Advent - wissend um all das, was uns in dieser Welt ein „Buch mit sieben Siegeln“ bleiben wird. Wir feiern Advent in Solidarität mit der unerlösten Welt. In Solidarität mit den vielen, die täglich bittere Tränen vergießen und die mit uns darauf hoffen, dass Jesus Christus einst das Buch der Welt entziffern wird. Deshalb gehört die Aktion „Brot für die Welt“, deshalb gehört unser Engagement für die Hungernden der Erde so elementar zu unserem Adventsfeiern hinzu. Jesus Christus, der Löwe aus Juda, der Reis aus der Wurzel Davids, das Lamm Gotte hat gesiegt und er wird uns und dieser Welt ewiges Heil eröffnen, wenn er die Rätsel des Lebens einst auflösen und das Buch mit sieben Siegeln öffnen wird. Amen.