Predigt zu Mk 2,1-12 von Landesbischof Dr. U. Fischer
Liebe Gemeinde, lieber Herr Förschler, lieber Herr Huber,
eine neue Leitung der größten diakonischen Einrichtung in unserer Landeskirche führen wir heute in ihren Dienst ein. Dabei hören wir auf Worte aus dem 2. Kapitel des Markus-Evangeliums:
„Nach einigen Tagen ging Jesus wieder nach Kapernaum; und es wurde bekannt, dass er im Hause war. Und es versammelten sich viele, so dass sie nicht Raum hatten, auch nicht draußen vor der Tür; und er sagte ihnen das Wort. Und es kamen einige zu ihm, die brachten einen Gelähmten, von vier Männern getragen. Und da sie ihn nicht zu ihm bringen konnten wegen der Menge, deckten sie das Dach auf, wo er war, machten ein Loch und ließen das Bett herunter, auf dem der Gelähmte lag. Als nun Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben. Es saßen da aber einige Schriftgelehrte und dachten in ihren Herzen: Wie redet der so? Er lästert Gott! Wer kann Sünden vergeben als Gott allein? Und Jesus erkannte sogleich in seinem Geist, dass sie so bei sich selbst dachten, und sprach zu ihnen: Was denkt ihr solches in euren Herzen? Was ist leichter, zu dem Gelähmten zu sagen: Dir sind deine Sünden vergeben, oder zu sagen: Steh auf, nimm dein Bett und geh umher? Damit ihr aber wisst, dass der Menschensohn Vollmacht hat, Sünden zu vergeben auf Erden - sprach er zu dem Gelähmten: Ich sage dir, steh auf, nimm dein Bett und geh heim! Und er stand auf, nahm sein Bett und ging alsbald hinaus vor aller Augen, so dass sie sich alle entsetzten und Gott priesen und sprachen: Wir haben so etwas noch nie gesehen.“
Aus dem Abseits mitten ins Leben
Liebe Gemeinde, das ist schon eine besondere Heilungsgeschichte! Vier Männer sorgen dafür, dass ein Mensch aus dem Abseits mitten ins Leben gebracht wird. In ein Haus mit vielen Menschen. Vier Männer sorgen für eine große Öffentlichkeit. Sie überwinden die Abseitsfalle des Lebens und bringen ihren gelähmten Freund zu Jesus. Zielstrebig und hartnäckig, ja geradezu dreist und frech gehen sie vor: Hausfriedensbruch begeht, wer durchs Dach in ein Haus einsteigt. Unbeirrbar „schaufeln“ sie sich den Weg zu Jesus frei, indem sie das Flachdach des Hauses aufgraben und den Gelähmten auf einer Liege herunterlassen - Jesus genau vor die Füße. Die Beharrlichkeit dieser vier Männer ist für Jesus Zeichen eines unerschütterlichen Glaubens. Vom Glauben seiner Freunde wird der Gelähmte getragen. Er ist getragen vom stellvertretenden Glauben jener, die sich bewegen können, während er bewegungslos auf seiner Liege liegt. Ja, genau darauf kommt es an in einer Einrichtung wie der hiesigen: Menschen aus Abseitsfallen des Lebens heraus zu tragen – hinein in die Mitte des Lebens. Dazu brauchen Sie, die Sie in der Johannes-Diakonie Verantwortung tragen den Einsatz von Freunden, die Menschen hierher nach Mosbach begleiten, mitten hinein ins Leben dieser Einrichtung. Und Sie brauchen Freunde, die das hier in Mosbach Gelebte bekannt machen an vielen Orten des Lebens anderswo. Und Sie brauchen, gerade dann wenn die Verzweiflung Betroffener besonders groß ist, den stellvertretenden Glauben anderer, die auch einmal dreist und frech werden, um ein bestimmtes Leid sichtbar zu machen - mitten im Leben.
Befreiung von der Lähmung der Seele
Das ist keine Heilungsgeschichte, wie wir sie sonst zahlreich in den Evangelien finden. Anders als bei allen anderen Heilungsgeschichten geht es bei dieser um das Ineinander von körperlicher und geistlicher Heilung, um das Miteinander des Heilwerdens an Leib und Seele, um Krankheit und Sünde, um Heilung und Vergebung. Und damit spricht diese Geschichte unmittelbar hinein in das Leben der Johannes-Diakonie hier in Mosbach. Hier werden Menschen mit schwerer Behinderung begleitet und getragen von anderen. Ihr körperliches Leiden wird so zwar nicht geheilt, ihnen wird aber ein würdiges Leben mit körperlicher oder geistiger Behinderung ermöglicht. Zugleich wird hier Gottesdienst gefeiert. Wird gesungen und gebetet, wird Gottes Vergebung Menschen heilend zugesprochen. Ja, an diesem Ort soll man etwas erleben von der umfassend heil machenden Gegenwart Gottes in Jesus Christus, von der unsere Heilungsgeschichte erzählt. Jesus heilt in einzigartiger Vollmacht einen Menschen - ganz, an Leib und Seele. Er bleibt nicht stehen beim äußerlich sichtbaren Defekt des Gelähmten. Er sieht tiefer. Er sieht hinein in die Seele dieses Menschen und er erkennt sein Angewiesensein auf die Gnade Gottes. Jesus setzt mit der Heilung des Gelähmten ein Zeichen einer viel tiefer gehenden Heilung: Hier wird ein Mensch nicht nur befreit von einer körperlichen Lähmung. Er wird zugleich befreit von der Fesselung an sich selbst. Er wird befreit von der Lähmung seiner Seele.
Wie ungeheuer modern ist das, was mit dieser außerordentlichen Heilungsgeschichte ausgesagt wird. Die psychosomatische Medizin weiß heutztage sehr viel über das Zusammenspiel zwischen seelischer Belastung und körperlicher Krankheit. Wer jahrelang vom Leben der Gesellschaft abgeschnitten im Abseits leben muss, erkrankt schneller und häufiger. Und wer mit sich selbst nicht im Reinen ist, ist anfälliger auch für körperliche Erkrankungen. Die Heilung eines Menschen auf die Beseitigung körperlicher Störungen oder auf die Hilfe angesichts körperlicher Behinderung zu reduzieren, bedeutet jedenfalls eine gefährliche Verkürzung. Oft weisen Krankheiten uns darauf hin, dass in unserem Leben Dinge in Unordnung geraten sind. Viele Konflikte, die wir nicht bewältigen, finden in körperlichen Beschwerden ihren Ausdruck. Körperliche Heilung ist oft nicht mehr und nicht weniger als Zeichen einer tiefer gehenden Heilung. Jesus hat hinter den Symptomen der körperlichen Erkrankung die grundlegenden Störungen im Leben des Gelähmten entdeckt und bearbeitet. Und diese grundlegenden Störungen nennt er „Sünde“. Deshalb antwortet Jesus auf die gläubige Bitte um körperliche Heilung mit dem heilenden Angebot der Sündenvergebung. Und deshalb gehören in der Johannes-Diakonie auch die Sorge um die körperlichen Leiden und die Feier des Gottesdienstes mit dem Ziel, Seelen zu heilen, untrennbar zusammen.
Mitten im Leben das Heil erfahren
Eine Kirche, die mit ihrer Diakonie versucht, in der Nachfolge Jesu zu leben, nimmt diese Spur auf. Wissend um innere Zusammenhänge von Körper und Seele, von Krankheit und Sünde spricht diese Kirche Menschen Gottes Vergebung zu, wie wir es Sonntag für Sonntag in unseren Gottesdiensten tun – auch hier in Mosbach. Und zugleich kämpft sie dafür, dass Menschen im Abseits, vor allem auch Behinderte, einen Ort mitten im Leben erhalten. Darum gehören der Gottesdienst am Sonntagmorgen und die Taten der Liebe im Alltag der Welt untrennbar zusammen. Deshalb darf es keine Trennung geben von Zeugnis und Dienst, von Wort und Tat. Befreiung von Fesseln an Leib und Seele, das ist unser Auftrag, wenn wir Jesus Christus nachfolgen wollen. Wir sind berufen, Menschen aus den vielen Abseitsfallen ihres Lebens zu befreien, damit sie teilhaben an Gottes Heil. Die zugesagte Vergebung der Sünden, die Heilung der Seele will äußerlichen Ausdruck finden, indem wir einander in der Mitte des Lebens neu begegnen - als Menschen, denen Gottes Heil auf den Kopf zugesagt und in die Seele hinein gelegt wurde. Dies gilt auch dann, wenn wegen einer Behinderung körperliche Heilung nicht möglich ist. Auch dann gehören Krankheit und Behinderung mitten ins Leben. Als Menschen, denen Gottes Vergebung und Heil zugesagt ist, als Menschen, die neue Kraft für ihre Seelen empfangen haben, erhalten wir den Mut, immer wieder Abseitsfallen des Lebens aufzuheben. Nicht draußen vor der Tür sondern mitten im Leben ist der Ort, an dem wir das Heil erfahren und verkündigen, das Jesus Christus gewirkt und verheißen hat. Amen.
