Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn, Jesus Christus. Amen.
Liebe Festgemeinde – hier in der Stadtkirche und zu Hause,
in fünf Minuten Stille ist der Weg unserer Landeskirche in die Zukunft entschieden worden.
Hinter den Synodalen lagen lange Wochen von Verhandlungen. Über alle Gräben hinweg hatten sie nach Wegen der Verständigung gesucht.
So war das vor gut 200 Jahren.
Als sie sich dann hier in der Stadtkirche zur Synode getroffen haben, wurde das Eröffnungsgebet gesprochen. Danach trat eine „feierliche Stille“ ein.
Nach etwa fünf Minuten hat der Präsident den Konsens festgestellt. Die unierte badische Landeskirche aus Reformierten und Lutheranern war geboren.
Beten und Schweigen. So wurde die Entscheidung getroffen. Mit Beten und in feierlicher Stille.
Das finde ich heute noch inspirierend und aufregend.
Alles war gesagt und gehört, alles war gründlich abgewogen und ausgehandelt – und im Gebet Gott ans Herz gelegt – dann waren alle still.
Sie haben gespürt: hier passiert etwas, das größer ist als wir selbst.
Das Ringen um gute Wege in die Zukunft – allemal der Kirche – ist eingebettet in einen größeren Horizont. Größer als wir selbst. Und manchmal ereignen sich solche Sternstunden des Geistes.
Der große Horizont macht es möglich, das was sich nicht auflösen lässt irgendwann aus der Hand zu geben. Nicht zu schnell. Und schon gar nicht untätig. Aber in einer Haltung, die von Gott alles erwartet.
In diesen Tagen erleben wir aber auch die andere Stille. Ohrenbetäubendes Schweigen.
Bedrückende Stille über den Toten auf den Straßen von Butscha und anderswo.
Beängstigende Stille in den Kellern bei den Menschen in Odessa und Mariupol, die Schutz vor den Bombardierungen suchen.
Beklemmende Stille, die von den stillen Tränen der vergewaltigten Frauen in den Kriegsgebieten dieser Welt ausgeht.
Ja, die Situation ist unerträglich. Die Sehnsucht nach Frieden und das Entsetzen über die entfesselte Gewalt bringen wir kaum zusammen.
Wir halten an der Hoffnung auf Frieden ohne Waffengewalt fest. Aber ich bin auch überzeugt: zur Gewaltlosigkeit aufrufen kann nur, wer von der Gewalt selbst betroffen ist. Aus der sicheren Position heraus die Opfer von Waffengewalt zum passiven Widerstand aufzurufen ist zynisch.
So viel Unauflösliches!
Das Unrecht schreit zum Himmel.
Wir schreien Gott die Klage ins Ohr.
Was wir hier nicht lösen können – ist bei Gott aufgehoben.
O, dass Du den Himmel zerrissest!
Am Ende seines Weges auf Erden richtet Jesus die Seinen aus – und seinen Blick auf, in den Himmel und zu Gott.
Das Unausweichliche steht am Horizont.
Nach seinem umjubelten Einzug nach Jerusalem hält er Reden, die es in sich haben. Im Johannesevangelium ist zu lesen, was er den Seinen ins Stammbuch schreibt.
An eurer Liebe zueinander und zum Nächsten sollt Ihr erkennbar sein!
Und am weiten Herz dafür, dass es im Haus Gottes viele Wohnungen gibt.
Nehmt euch ein Beispiel an mir und scheut euch nicht davor, einander zu dienen – schon gar nicht, wenn ihr zu denen mit Macht gehört.
Und wenn euch die Welt hasst und die öffentliche Meinung lächerlich macht, werdet nicht irre daran!
Mein Friede ist ein anderer als der, den die Welt euch gibt.
Dann ändert Jesus die Blickrichtung.
Er schaut zum Himmel – nach oben – und betet:
(Joh 17,1-21 in Auszügen – Juri Tetzlaff am Ambo)
»Vater, die Stunde ist jetzt da!
Lass die Herrlichkeit deines Sohnes sichtbar werden,
damit der Sohn deine Herrlichkeit sichtbar machen kann.
Du hast ihm Macht über alle Menschen gegeben.
So kann er allen, die ihm anvertraut sind,
das ewige Leben schenken.
Ich habe dich bei den Menschen bekannt gemacht,
die du mir in dieser Welt anvertraut hast.
Sie gehörten dir, und du hast sie mir anvertraut.
Sie haben sich nach deinem Wort gerichtet.
Jetzt wissen sie:
Alles, was du mir aufgetragen hast,
kommt wirklich von dir.
Ich bitte dich nicht, sie aus dieser Welt wegzunehmen.
Aber ich bitte dich, sie vor dem Bösen zu bewahren.
Sie sollen alle untrennbar eins sein, so wie du, Vater, mit mir verbunden bist und ich mit dir.
Dann kann auch diese Welt glauben,
dass du mich gesandt hast.
Jesus betet. Er hält dem Vater sein ganzes Werk und sein Leben hin. Da gehen Tore zum Himmel auf.
Mit jeder Faser seines Lebens, mit jedem Wort auf den Lippen, mit heilenden Gesten und tröstenden Umarmungen hat er getan, was er konnte.
So viel, dass die Menschheit weiß: dieser ist der Sohn Gottes.
Aber es kommt noch etwas. Tore zum Himmel gehen auf. Für den Gottessohn und für die Menschen.
Am Ende aller Reden und Debatten steht nicht die wohlgeschliffene Stellungnahme. Es entsteht etwas Neues, ein neuer Raum.
Gespannte Erwartung darauf, dass Gott es gut machen wird. Dass seine Herrlichkeit, dass der himmlische Glanz sich über alles und in alles legt.
Ich meine:
Mit dieser Haltung können wir als Kirche gut in die Zukunft gehen.
Als Kirche, die den Mut hat, sich auch verletzlich zu zeigen.
Als Kirche, die nicht nur gibt, sondern auch empfängt.
Die sich nicht selbst abschließt, sondern offen bleibt – für das, was auf sie zukommt.
Kirche, die weiß, dass auch alles Reden, Planen, Konzipieren und Strukturieren Stückwerk bleibt.
Es kommt darauf an, dass wir Räume offen halten für Stille, für das Gebet, für Räume, in denen mehr geschieht als wir in den Händen halten.
Dass wir damit rechnen und darum wissen, dass wir eingebettet sind in den weiten Horizont Gottes, größer als wir selbst, höher als all unsere Vernunft.
Dann gehen Tore auf zu Gott.
Wir planen und beten, organisieren und halten dem Heiligen Geist die Tür auf. So werden wir eine Kirche, die um ihre Kraft weiß.
Um die Kraft, die in offenen und verwundbaren Herzen liegt.
Diese Kraft macht eine neue Tiefe möglich. Mit Seelen, die alles von Gott erwarten – und noch ein paar Überraschungen mehr.
Dann kann es geschehen, dass sich nicht nur Tore öffnen, sondern ganze Schleusen. Dann entstehen heilsame Räume für geteilte Klage und Trauer – und Tränen können fließen.
Da setzt sich ein Pfleger nach dem Ende der Schicht noch eine Stunde ans Bett im Pflegeheim und hält die Hand einer Sterbenden.
Da öffnet eine Familie die Türen ihrer Wohnung und nimmt Frauen und Kinder aus der Ukraine auf.
Wir halten die Räume und die Herzen offen für Erwartungen.
Die Erwartungen an unsere Kirche sind hoch – an Sie und an mich.
Nach Worten der Reue und Selbstkritik angesichts von sexualisierter Gewalt – und nach Taten, die den Worten folgen müssen.
Nach Worten der Orientierung in Zeiten der Pandemie.
Nach Worten der Klarheit in Zeiten des Krieges – aber auch nach Worten der Besonnenheit.
Und, ja, es kommt darauf an, dass wir uns nicht wegducken.
Dass wir der geistlichen Kraft und guter Theologie etwas zutrauen. Dass wir lernfähige Kirche bleiben. Neugierig. Experimentierfreudig. Empfindsam.
Dass wir zu hören sind – und dass wir zuhören.
Dass wir Klartext reden – und so reden, dass unsere Worte ankommen.
Dass wir als Kirche sichtbar, hörbar und spürbar sind.
Vor allem kommt es darauf an, dass wir selbst Erwartungen haben – an Gott und an die Zukunft, die er uns verheißen hat.
Und dass wir uns zugestehen, dass wir gerade als Kirche darauf angewiesen sind, dass Gott aus dem, was wir denken, reden und tun, Zukunft schafft.
Wir sind nicht erhaben über der Welt und den Wunden, die sie hat. Die Kirche ist der Leib Christi mit ihren ganz unterschiedlichen Gliedern. Mit denen, die spüren, wie viel sie bewirken können, und mit denen, die sich schwach fühlen.
Mir ist wichtig, dass wir es wagen, verletzliche Kirche zu sein.
Das heißt für mich:
Wir bleiben offen und berührbar für das, was auf uns zukommt: von Menschen und von Gott.
Wir wissen um die Kraft, die in der Schwachheit steckt. Und wir wagen die dünne Haut, die Liebe und Vertrauen, Lernen und Verstehen möglich macht.
Aber wir wissen auch um das Risiko, das in der Verletzlichkeit steckt.
Deswegen hören wir behutsam und mit offenen Herzen auf die, die besonders tiefe Wunden haben.
Es kommt darauf an, dass wir unsere Sinne und unseren Blick schärfen für Grenzverletzungen, dass wir geschehenes Unrecht klar und transparent aufarbeiten und dass wir ernst machen damit, auf der Seite der Opfer zu stehen. Wie Christus.
Dass wir hinsehen, wo andere wegschauen.
Dass wir hingehen, wo andere die Straßenseite wechseln. Dass wir Tore offenhalten, wo andere Türen zuschlagen.
Und in diesem Geist in die Zukunft gehen, die vor uns als Kirche liegt. Getrost. Hoffnungsstur und glaubensheiter.
Für mich wird Kirche immer ein Ort der Glaubensheiterkeit sein.
Weil Menschen aufgerichtet und getröstet werden – und weil man im Gottesdienst auch mit schrägen Tönen Gott die Ehre geben kann.
Weil wir unerschrocken und frech das klare Wort wagen, im Internet und auf der Straße – selbst als Street Art aus Sprühkreide.
Weil wir kreativ und leichtfüßig Kirche denken, innovativ und mit einem klaren Blick für das, was sich bewährt hat – und wenn es nur die Sitzungsbutterbrezeln sind.
Weil wir an Sterbebetten und Gräbern aus der Hoffnung gegen den Tod leben – und ihn osterlachend in seine Schranken weisen.
Dann entdecken wir, dass Tore aufgehen.
Und hinter der knarzenden alten Kirchentür des Dorfkirchleins öffnet sich ein Raum für das Heilige, für feierliche Stille.
Dafür, dass Menschen aufatmen können und aufgerichtet werden. Weil Kirchentore offen sind. Selbst wenn dort gerade nichts Anderes stattfindet.
Stille, in der jede Menge passiert. Gespannte und unerschütterliche Erwartung im pochenden Herzen, dass die Zukunft nicht nur in unserer Hand liegt.
Mich macht das mutig und demütig zugleich.
Ich wünsche mir, dass wir fröhlich die Hoffnung ausstrahlen, von der wir reden. Und dass wir offen bleiben für die Überraschungen des Heiligen Geistes wie in jenen fünf Minuten feierlicher Stille vor gut 200 Jahren.
Rechnen wir damit, dass Tore aufgehen.
Gott selbst stellt unsere Füße auf weiten Raum.
Dann wird aus Stille Frieden. Der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft. Er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
