Predigt beim Eröffungsgottesdienst der Landesgartenschau in Neuenburg, 24.04.2022

Liebe Gemeinde,
 
das Blütenmeer und die Schönheiten des Frühlings sind bezaubernd - hier auf der Landesgartenschau allemal. 
 
In den nächsten Wochen und Monaten werden das viele Menschen aus der Region und weiter darüber hinaus genießen. Die allermeisten haben eine Kamera dabei. Oder wenigstens das Smartphone. 
 
Da üben sich ambitionierte Hobbyphotographen mit der Makrofunktion. 
Jugendliche erstellen Reels für Instagram und stolze Eltern posten Fotos vom Familienausflug bei facebook.
 
Man könnte den Eindruck haben: was nicht photographiert ist, wurde nicht erlebt. Nur was zu sehen ist, war auch zu erleben. 
 
Und doch: es macht einen Unterschied, ob ich ein Photo selbst gemacht habe oder ob ich mir einen Bildband oder Ausstellungskatalog ansehe. 
 
Sehen allein reicht eben nicht immer. 
 
Einer, dem sehen allein nicht gereicht hat, war Thomas. Der Jünger, der stets nachfragte, wenn ihm etwas schleierhaft war. Gerade haben wir von der Begegnung seines Lebens in der Lesung gehört. Thomas wollte nicht blind glauben, sondern begreifen. 
 
Er konnte sich nach den Ereignissen auf Golgatha nicht einfach einschließen und die Türen und Augen vor dem verschließen, was auf sie alle wartete. 
 
Er war nicht dabei, als die übrigen Jünger sich verängstigt und verunsichert zurückgezogen hatten, alle Türen verrammelt. 
 
Draußen die feindliche Welt, die gerade Jesus ans Kreuz geschlagen hatte, hier drinnen die kuschelige Gemeinschaft der Gläubigen. Keine unbequemen Fragen, lieber die hie und da aufkeimenden Zweifel unter dem Deckmäntelchen der Einigkeit vergraben. 
 
Alles war unsicher geworden – da wollten sie wenigstens in ihrer Gemeinschaft Halt finden. Wenigstens drinnen, wenigstens in der Kirche soll es doch anders zugehen. 
 
Für die Jünger damals war es die Erinnerung an Jesus und ihre Trauer, die sie noch fester zusammengebracht hat. Wo alles unklar wird, soll wenigstens hier alles klar sein.
 
Wo sich alles rasend schnell verändert, soll wenigstens hier alles so bleiben wie es schon immer war. 
 
Sie sitzen erstarrt und gefangen in ihren Sorgen und mit ihrer Sehnsucht nach Halt. Da tritt der Auferstandene in ihre Mitte. Er schert sich nicht um verschlossene Türen, er lässt sich nicht abschrecken von ihrer Furcht. „Friede sei mit euch!“ So grüßt er sie – mit dem alten Friedenswunsch. 
 
Und er zeigt ihnen seine Hände und seine Seite, damit sie sehen, wer er ist. Die erstarrten Jünger sind froh darüber, den Herrn zu sehen. Nicken sein Erscheinen ab. Keine Fragen, keine Regung. Schon gar nicht irgendeine Form von Überraschung. Dabei ist das alles doch einigermaßen unglaublich.
 
Der Auferstandene aber setzt sie in Bewegung. Er versucht es jedenfalls. Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Ihr sollt euch nicht damit zufriedengeben, in eurem eigenen Saft zu schmoren und immer nur im engsten Kreis der Gemeinde eure Gemeinschaft zu pflegen. Ihr habt einen Auftrag – richtet euch nicht einfach ein, sondern richtet die Botschaft von der freien Gnade aus an alles Volk. Wendet euch denen zu, die unter der Last ihrer Schuld leiden. Sprecht ihnen die Vergebung der Schuld zu. 
 
 
Geht hinaus! Seht, wo das Leben aufblüht. 
 
Wo Menschen zusammengebracht werden durch die gemeinsame Leidenschaft für das Leben und den Frieden. Über Grenzen hinweg. Wie hier am Rhein im Blütenmeer. Und über die Grenzen der Konfessionen – in die Weite der Ökumene.
 
Aber die Jünger bleiben sitzen, träge und verängstigt. Und als Thomas zurückkommt, sagen sie nichts von ihrem Auftrag. 
 
Sie sagen nur: Wir haben den Herrn gesehen. Aber das genügt Thomas bei weitem nicht. Es ist als würden sie ihm ein Bild unter die Nase halten, einen Schnappschuss – aber er will mehr als sehen. 
 
Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und meinen Finger in die Nägelmale lege und meine Hand in seine Seite lege, kann ich’s nicht glauben. 
 
Thomas will erleben, will spüren, will begreifen. 
 
Thomas ist der, der schon immer genau hingesehen hat. Tiefer und weiter. Wie damals, beim letzten Abendmahl. Damals hatte Jesus gesagt: In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen. […] Wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, will ich wiederkommen und euch zu mir nehmen, damit ihr seid, wo ich bin. Und wo ich hingehe, den Weg wisst ihr. 
 
Während die übrigen Jünger andächtig schweigen – und sich vielleicht nicht zu fragen wagen, erhebt Thomas die Stimme: Herr, wir wissen nicht, wo du hingehst; wie können wir den Weg wissen? 
 
 
Thomas steht für alle, die sich wagen, Ihre Ratlosigkeit in Worte zu fassen. Die die Fragen danach offen halten, wohin der Weg gehen kann, wenn alles unsicher wird.
 
Wie es Frieden werden kann – in der Ukraine und im Jemen. Wie wir die vom Krieg betroffenen und bedrohten Menschen am besten unterstützen. 
 
Wie wir wieder zusammenkommen können als Gesellschaft – nach den Pandemiemonaten, in denen so viele Risse spürbar geworden sind und eingerissen – und in denen sich der Ton im Miteinander so sehr verschärft hat. 
 
Wie wir in unseren Kirchen das Vertrauen zurückgewinnen von denen, die tief verletzt wurden und die sich fragen, ob das alles noch dem Geist Christi entspricht. 
 
 
Jesus wehrt die Fragen nicht ab. Er macht sich berührbar für Thomas. Er fordert ihn auf, die Finger in die Wunden zu legen. Zu spüren, worum es geht. 
 
 
Thomas legt die Finger in die Wunden Christi. So begreift er die ganze Tragweite des Ostergeschehens. Dass Jesus Christus wirklich und wahrhaftig verwundet, geschlagen und getötet wurde und ebenso wirklich und wahrhaftig ihm nun gegenüber steht. Zum Greifen nahe. 
 
Verwundet, aber nicht zerstört. Die Wunden, die Jesus zugefügt wurden, bleiben auch nach der Auferstehung sichtbar, ja, sie sind sogar das Erkennungszeichen des Auferstandenen. Der verwundete Gott steht Thomas gegenüber.
 
 
Die Fragen von Thomas weichen den staunend lobenden Worten, die ein jubelnder Ausruf sein können oder auch ein Seufzer: „Mein Herr und mein Gott!“ Ich stelle mir vor, dass Thomas nun dem Auferstandenen seine offenen und leeren Hände hinhält. Die Hände, mit denen er zu begreifen versucht hat, was größer war als seine Augen sehen konnten. 
 
Glauben ist mehr als sehen. Am Ende ihrer Begegnung sagt Jesus zu Thomas: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!“ Aber das ist kein Aufruf zum blinden Glauben. Kein Verbot, begreifen zu wollen. 
 
Es ist eine Ermutigung dazu, nicht nur die Augen, sondern auch die Herzen und die Hände zu öffnen. Dass wir ganz und gar offen werden – füreinander und für Gott. Für den Glauben und für die Kraft des Lebens gegen den Tod. Für die Liebe zueinander und zu Gott. 
 
Für den Glauben reicht bloßes Sehen eben nicht aus.
 
Ein Fotoalbum durchzublättern, das weckt Erinnerungen – aber reich werden diese dadurch, dass wir sie mit anderen teilen. Dass wir erzählen, dass wir gemeinsam das Lieblingsessen der Oma kochen. Dass wir Brot und Wein teilen und die Gemeinschaft mit Christus spüren. 
 
Bereichert und lebendig werden wir dadurch, dass wir weder das Leben noch den Glauben einfach auf ein Photo oder in wohlgeschliffene Sätze, auch nicht in ein ehrfürchtig betrachtetes altes Gemälde bannen, sondern dass wir es erleben. Dass wir feiern, singen und beten. 
Dass wir damit ringen, den Glauben zu begreifen. 
 
Dass wir uns nicht abspeisen lassen mit den immer gleichen Formeln. 
 
Dass wir Gott aus der Tiefe unseres Herzens loben, wenn uns das Herz vor Freude übergeht – aber auch, dass wir ihm unser Leben, unsere Fragen, unsere Zweifel, unsere Verzweiflung hinhalten, so wie Thomas die Hände ausgestreckt hat. 
 
Dann kann es geschehen, dass wir erleben, was Thomas erlebt hat: dass uns ganz neu die Augen und Herzen geöffnet werden und dass wir mehr sehen und tiefer spüren als das, was auf den ersten Blick zu erhaschen war. 
 
Dann entstehen diese wunderbaren Momente, in denen unsere geteilten Wunden uns zusammenbringen – und das Leben aufblüht. Ein Blütenmeer der Hoffnung. Hier und heute und weit darüber hinaus. 
 
Dann erleben wir die befreiende Kraft des Friedens Gottes, mit dem der Auferstandene nicht nur die Jünger, sondern auch uns grüßt.
 
Die Kraft des Friedens Gottes, der höher ist als alle Vernunft und größer als alles, was wir sehen. Er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.