Predigt beim Chorfest Karlsruhe (Ez 18), 03.07.2022

Predigt zu Ez 18,1-4.21-24.30-32

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,
 
Ob Mendelssohn, Händel oder Bach – mit der Musik, die uns alle an diesem Chorfest erfreut hat, sind sie unsterblich geworden. Ihre Worte und Töne sind zu unseren Worten und Tönen geworden. In den letzten beiden Tagen lebendiger denn je.

Dabei ist das mit der Unsterblichkeit ja so eine Sache. Vor ein paar Jahren hat das der Film Wer früher stirbt, ist länger tot mit einer gehörigen Portion Augenzwinkern aufgenommen. 
Er erzählt die Geschichte von Sebastian. 
Sebastian ist 11 Jahre alt und lebt in einem kleinen Dorf in Oberbayern. Er und sein großer Bruder Franz leben allein beim Vater, dem Wirt der Dorfkneipe. Ihre Mutter lebt nicht mehr.

Gleich am Anfang – die Schlüsselszene: ein Huhn wird überfahren. Vom LKW, der das Bier ins Wirtshaus geliefert hatte. 
 
Sebastian war mit seinem Fahrrad aus der Einfahrt geschossen, nur im letzten Moment konnte der LKW-Fahrer ausweichen. Sebastian blieb unversehrt, aber das Huhn ist tot. 

Der kleine Junge mit den wachen blauen Augen verkrümelt sich in sein Lieblingsversteck in den Keller, wo ihn sein Bruder Franz nach kurzer Zeit findet. 
Franz hält das tote Huhn in der Hand und schwenkt es bedrohlich vor den Augen seines kleinen Bruders hin und her. „Da schau, was du angerichtet hast.“ – fährt er ihn an. „Hättest du doch aufgepasst.“ 

Bei jedem Satz zuckt Sebastian zusammen. „Du bringst uns den Tod. Immer schon bringst du uns den Tod. – Du bist schuld, dass die Mama nicht mehr lebt. Du allein.“ 
Sebastian wird immer kleiner. Er versteht nicht recht. Sein Bruder zieht die Todesanzeige aus der Tasche. „Da schau doch auf das Datum. Na?“ – „Das ist mein Geburtstag!“ „Ja, genau: weil du geboren bist, ist die Mama gestorben.“ 

Sebastian reißt entsetzt die Augen auf. „Ja, guck nur. Bei deiner Geburt ist die Mama gestorben. Du bist schuld. Du hast ihr den Tod gebracht.“ Franz hört überhaupt nicht mehr auf, die ganze Zeit über hält er das tote Huhn in der Hand. „Und weißt du, was mit Leuten wie dir passiert. Mit Leuten, die das Leben von anderen auf dem Gewissen haben?“ 
Verängstigt schüttelt Sebastian den Kopf. „Die kommen in das Fegefeuer.“ Der große Bruder genießt es sichtlich, dem kleineren Sebastian Angst einzujagen. 

Als der Bruder ihn endlich wieder allein gelassen hat, fällt Sebastian ein regelrechtes Sündenregister ein. Wo er gelogen hat, wo er etwas zum Naschen stibitzt hat… immer mehr kommt ihm in den Sinn. 

Sebastian, das pfiffige bayrische, katholische Kerlchen, kombiniert in seiner Kinderseele: je früher ich sterbe, umso länger muss ich ins Fegefeuer. 

Um dem zu entgehen, gibt es für ihn zwei Möglichkeiten: erstens setzt er alles daran, sich von seiner Schuld reinzuwaschen – und das geht am besten, so denkt er sich, wenn er eine neue Frau für den Vater findet.

Zweitens muss er versuchen, unsterblich zu werden. Am besten gar nicht sterben – das scheint ihm auch eine Lösung zu sein.

Er hat davon gehört, dass Elvis durch seine Musik unsterblich wurde. Also lernt er Gitarre spielen. 

Gewitzt nimmt der Film seine Zuschauer mit zu den verschiedenen Versuchen von Sebastian, sündenrein und unsterblich zu werden. Hinter den vielen skurrilen und witzigen Szene steht die Frage, ob wir Schuld übernehmen und abtragen können. 

Sebastian versucht kreativ und pfiffig, seine eigene Lösung des Problems zu erreichen. Aber es wird je länger je mehr deutlich: Schuldgefühle können einen Menschen ganz gefangen nehmen und im tiefsten Inneren – und manchmal auch ganz äußerlich – unbeweglich und unfrei machen. 
Wie können wir verantwortlich mit der Schuld umgehen, die Generationen vor uns begangen haben? 
Und wie wird ein Neuanfang nach Schuld möglich?

Die Frage zieht sich schon durch die Bibel. Der Prophet Ezechiel hat mit dem Problem gerungen, welche Bedeutung lange zurückliegendes Versagen und Schuld haben. Wir haben es in der Lesung gehört.

Er war gemeinsam mit anderen Angehörigen der judäischen Oberschicht nach Babylonien umgesiedelt worden. 
50 Jahre nach der Zerstörung Jerusalems fragten sich nun die Kinder der Umgesiedelten: Müssen wir immer noch dafür büßen, was über eine Generation vor uns passiert ist? 

Die Eltern haben saure Trauben gegessen, aber jetzt sind die Zähne der Kinder ruiniert. 
Was die Elterngeneration getan und unterlassen hat, hat Bedeutung für die Kinder.
Kinder, die hoffnungslos und verwahrlost aufwachsen, weil ihre Eltern vor lauter eigenen Problemen keine Kraft haben, sich um sie zu kümmern, werden sich später Opfer suchen, um ihre Aggressionen loszuwerden. Und manchmal müssen sie dafür ja nicht besonders alt werden.

Wenn wir in die Vergangenheit schauen, dann ist deutlich: 

wir tragen auch heute Verantwortung dafür, mit der Schuld, die von unserem Volk ausging, angemessen umzugehen. Dazu gehört, dass wir wach sind gegen alle antisemitischen Tendenzen. Dass wir hinhören, wenn antisemitische Sprüche auf den Schulhöfen und im Netz zu hören und zu lesen sind – und Stellung beziehen. 
Dass wir daran erinnern, wie schleichend sich der Ungeist von Antisemitismus und Rassismus sich ausbreiten kann.
Und wenn wir in die Zukunft schauen, dann zeichnet es sich ab, dass unsere Kinder und Enkel einmal fragen werden: warum habt ihr nicht früher angefangen, schonend mit den Ressourcen dieser Erde umzugehen? 
Die Verantwortung für Klimagerechtigkeit geht über die Grenzen von Generationen hinweg.

Es gibt eine Spur von Verantwortung, die sich über Generationen hinweg zieht. Das ist das eine.

Aber: die Last der Schuld aus der Vergangenheit und der Verantwortung für eine lebenswerte Zukunft dürfen uns nicht erdrücken. 

Ezechiel lenkt den Blick auf die Verantwortung in der Gegenwart. 
Jeder und jede einzelne, die Söhne wie die Väter, die Töchter wie die Mütter gehören Gott. Jede und jeder muss und darf das eigene Leben leben. Hier und heute. Mit freiem Rücken. 
Aber auch ohne die schulterzuckende Entschuldigung, dass die Verhältnisse eben so sind und man gar nicht anders handeln konnte.

Es geht darum, hier und heute neu nach dem zu fragen, was dem Leben dient. Denn genauso wie die Schuld der Vergangenheit uns nicht lähmen und die Zähne stumpf machen soll, genauso wenig können wir uns auf den Lorbeeren vergangener Gut-Taten ausruhen. Auch das würde uns abstumpfen und die Augen für das, was uns hier und heute bewegt verschließen. 

Ezechiel lenkt unseren Blick auf Recht und Gerechtigkeit. Und darauf, neue verheißungsvolle Wege einzuschlagen. 
Und daran zu erinnern, wie Neuanfänge möglich wurden. 
Wir können Geschichten von Versöhnung erzählen – mit unseren französischen Nachbarn mitten in Europa. Die war möglich, weil alte Schuld nicht auf ewig zwischen unseren beiden Ländern stand. 

Das macht mir auch Hoffnung für Versöhnungsprozesse, wo heute noch Unversöhnlichkeit regiert. 
Im Nahen Osten – zwischen Israelis und Palästinensern. 
In Russland und der Ukraine. In Nord- und Südkorea.

Versöhnung und Neuanfänge haben ihren Raum auf der Weltbühne und im ganz persönlichen Leben. 

Ezechiel spricht von einem neuen Herz und einem neuen Geist. Macht euch ein neues Herz und einen neuen Geist.

An anderer Stelle spricht er davon, dass Gott selbst das neue Herz gibt und den neuen Geist in das Innere der Menschen legt. Ein Herz als Fleisch statt der Herzen aus Stein. 

Ein neues Herz – das ist ein wacher Geist, ein scharfer, kritischer und wacher Verstand. 
Ein neuer Geist – das ist die Kraft, die uns dazu bewegt, unser Herz, unseren Verstand auch zum Besten zu nutzen. 

Der Gerechtigkeit nachzujagen, ohne selbstgerecht zu werden. 
Den Frieden zu suchen und an ihm festzuhalten – allen Kriegstreibern zum Trotz.
Liebe zu üben, ohne den anderen egoistisch zu vereinnahmen. 

Mit einem neuen Herzen und einem neuen Geist können wir dann auch von unseren hilflosen Versuchen, unsterblich zu werden, Abschied nehmen. 

Der kleine Sebastian aus dem Kinofilm findet am Ende des Films seinen Frieden. Die Angstbilder des Fegefeuers hören auf. Er ist bereichert durch die rockige Musik, in die er sich auf der Suche nach Unsterblichkeit hineinbegibt, aber er muss nicht mehr unsterblich werden. 

Gott will das Leben und freut sich an der Lebendigkeit. 
Der süffisante Titel des Kinofilms wird mir so – ganz gegen seine Absicht – zur Mahnung: 
Wer früher stirbt, ist länger tot. 
Das heißt auch: Bleibe lebendig, solange du lebst. 
Und bleibe bewegt – von der Musik in deinem Herzen und auf deinen Lippen – und von Christi Liebe. Sie eint, versöhnt und bewegt die Welt.

Und sie schafft einen neuen Anfang – und den Frieden Gottes.
Der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft – der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. 
 
Amen.