Grußwort der Landesbischöfin beim Empfang im Rathaus anlässlich des Chorfests Karlsruhe, 01.07.2022

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Mentrup, liebe Freundinnen und Freunde der Chormusik, liebe Gäste,
 
sind Sie mehr das Team „heimlicher Duschsänger“ oder das Team „Chorsänger im Sopran II“? 
 
Ich habe jahrelang mehr so zu den heimlichen Duschsängerinnen gehört. Irgendwann habe ich mich dann doch gewagt, in den Chor zu gehen. Erst der Chor der Evangelischen Studierendengemeinde in Heidelberg, später der Unichor. Dort wurde es richtig herausfordernd, wenn gegen Ende der Probenphase gemischt gesungen wurde. Sopräne, Alti, Tenöre und Bässe standen durcheinander. Wer da seine Spur nicht kennt, hat verloren. Wer die Ohren spitzt und irgendwo in der Ferne jemanden aus der eigenen Stimmgruppe entdeckt, hat eine Chance. Wenn dann aus vielen verschiedenen Stimmen ein Klang wurde, ging mir das Herz auf. Und wenn ich nach einem langen Arbeitstag einen Abend lang „Fürchte dich nicht“ gesungen habe, dann wurde das Leben leichter. 
 
Es ist einfach erhebend und geht tief, gemeinsam mit vielen Menschen zu singen. 
 
Das ist das Geheimnis von Chören und von Gesängen im Fußballstadion. Was man mal gesungen hat, vergisst man nicht. Ohrwürmer sind hartnäckige Kreaturen. 
 
Ich bin davon überzeugt, dass Chöre wesentlich zum guten Miteinander in der Gesellschaft beitragen, Kirchenchöre allemal. Weil man darin förmlich spüren und erleben kann, dass viele verschiedene Stimmen ein wunderbar klingendes großes Ganzes geben. Es wird dann schön, wenn keine Stimme die andere überstimmt, wenn man gemeinsam laut und leise singen kann und wenn niemand in Pausen reinsingt. 
 
Noch schöner, wenn hunderte von Sängerinnen und Sängern die Stadt zum Klingen bringen. Ganz Karlsruhe ein großer Klang. An diesem Wochenende ist das nicht zu überhören – und was sind wir froh, dass das wieder geht. Aber auch dann, wenn nicht gerade Chorfest ist, tragen Kirchenchöre zu einem lebendigen kulturellen Leben bei in der Stadt. Für die, die singen und für die, die die Konzerte freuen. Mit der Musik öffnen sich Räume für den Himmel und erfährt der Alltag eine Unterbrechung. Aufatmen in seiner schönsten Form. 
 
Kirchenchöre sind außerdem von unschätzbarem Wert für die Bildung von Kindern und Jugendlichen. Schon in den KiTas wird durch das Singen wertvoller Same für die Persönlichkeitsentwicklung gelegt.
 
Kinder- und Jugendchöre, aber auch Kirchenchöre und Kantoreien, Singkreise und Ensembles bringen Menschen in einer Stadt zusammen und machen unsere Sozialräume reich.
 
Gerade Kinder- und Jugendchöre sind oft mit der schulischen Landschaft vor Ort gut verbunden, Musikzüge an Schulen und kirchliche Kinder- und Jugendchöre bereichern sich gegenseitig, die kirchlichen Singschulen sind sozial gemischt. 
 
Und in den immer zahlreicher werdenden Seniorenkantoreien ist spürbar, dass miteinander und füreinander zu singen auch eine Form von Sorge füreinander, manchmal sogar Seelsorge ist. Balsam für die Stimmbänder und gegen die Vereinzelung und Einsamkeit. 
 
Als Corona die Kantorate und Chöre fast vollständig zum Verstummen gebracht hat, haben sie notleidende Musikerinnen und Musiker unterstützt – und manchmal durch kleine Gesangsformationen vor Pflegeheim-Balkonen Töne gegen den Lockdown gesetzt. 
 
Und wenn man sich dann noch vor Augen führt, dass Sängerinnen und Sänger aus Chören sich oft auch über das Chorsingen hinaus ehrenamtlich in Kirche und Gesellschaft engagieren ist das Loblied auf das Chorsingen perfekt. 
 
Beim Thomanerchor in Leipzig, dem Chor, den einst Johann Sebastian Bach leitete, kusiert der Spruch: Wir sind nichts Besonderes – wir tun etwas Besonderes. 
 
Dieses Besondere, das Sängerinnen und Sänger, Orchestermusiker*innen, Chorleiterinnen und Kantoren tun können wir in den kommenden zwei Tagen in Karlsruhe erleben. Was für ein Segen.
 
Und vielleicht entpuppt sich ja der eine oder andere Duschsänger als Chorsänger. Es lohnt sich. 
 
Ich freue mich darauf, dass aus vielen Stimmen ein Klang wird – danke an alle, die das möglich machen.