Engel können ganz schön hartnäckig sein.
Ich war so stolz auf mein diplomatisches Geschick.
Dann das!
15 Engel – direkt aus der Dekoabteilung von Butlers –
sie saßen wacker auf dem Altar, neben dem Altar, unter dem Altar.
Und ich war jung und brauchte das Geld und neu in der Gemeinde und staunte Bauklötze.
15 Engel!
Ich seh’ sie noch heute vor mir.
Kitschige pausbäckige Gipsputten.
Ich hatte alles versucht.
Behutsam nachgefragt, warum die da sitzen.
Dezent darauf hingewiesen, dass auf einen Altar Bibel, Blumen und Kerzen gehören – und sonst nix.
Erfolglos.
Dann kam Advent und Weihnachten.
Die Engel blieben und wurden noch mehr.
Am 2. Weihnachtstag ist mir der Coup gelungen!
Dachte ich.
Ich habe den Kirchendiener bei seiner Kirchendienerehre gepackt.
„Wir gehen auf die Passionszeit zu. Da ist es karger.“
Das hat ihn überzeugt.
Ende Januar waren die Engel weg.
Januar, Februar, März. Der Altar war engelfrei.
Geschafft!
Weit gefehlt.
An Ostern saßen sie alle wieder da.
15 Engel.
Pausbäckige Gipsputten auf dem Altar, neben dem Altar, unter dem Altar.
Da hab ich kapituliert.
Gegen Engel kannst Du nix machen.
Kein Wunder, dass sie den göttlichen Befehl brauchen.
Dass mein Fuß nicht an einen Stein stößt.
Dass die Füße nicht gleiten. Nicht ausrutschen.
Auf dem Parkett der diplomatischen Formulierungen.
Auf dem Glatteis der Fallensteller.
Auf der Rutschbahn im Gefühlschaos.
Schon gar nicht auf den glitschigen Spuren der
Berechner, Opportunisten und Süßholzraspler.
Nicht ausrutschen, nicht anstoßen.
Die Wege des Herrn sind manchmal ganz schön rutschig.
Und unergründlich sowieso.
Wär’ mal wieder Zeit für einen göttlichen Befehl an die himmlischen Heerscharen!
Da reichen 15 Engel gar nicht aus.
Ich hätte einige Anliegen zum auf den Herrn Werfen.
Weltfrieden klar. In Odessa und im Jemen, in Kiew und in Kabul.
Und ein bisschen Frieden bei uns.
Ein klitzekleines bisschen Frieden in meinem aufgekratzten Herzen.
Einen Engel, der einschreitet,
wenn Kinder geschlagen,
Frauen gedemütigt
und Männer gemobbt werden.
Gerechtigkeit für die Geschundenen.
Humor für die Verbissenen.
Liebe für die Ich-bin-doch-nix-wert-Sagerinnen.
Geduld – aber sofort.
Und die Kraft zur Hoffnungssturheit – sowieso.
Das habt ihr euch schon gedacht.
Engel können ganz schön hartnäckig sein.
In bin froh, dass ich keiner bin.
Heiligenschein hatte ich schon – steht mir nicht.
Gehört nicht mal zum bischöflichen Dresscode.
Für Frauen gibt’s den eh nicht.
Naja, fast nicht.
Für Engel schon gar nicht.
Aber dass sie keine pausbäckigen Gipsputten sind - soviel steht fest.
Einmal war ich in Los Angeles. Der Stadt der Engel.
Da war es noch heißer als heute.
So heiß, dass wir uns fast nicht aus dem Auto gewagt haben.
Außer am Walk of Fame.
Diesem Trottoir voller Sterne.
Glanz und Gloria unter schlurfenden Turnschuhen und klackenden Highheels.
Gipsputten gabs da keine – aber Plastik-Oskars für Möchtegern-Stars.
Regaleweise.
Und Traumfabriken.
Hollywood.
Paramount Pictures.
In der Stadt der Engel werden Träume gemacht.
Wenigstens für 90 Minuten.
Liebesgeschichten, die immer gut ausgehen.
Eine Welt, in der von Anfang an glasklar ist, wer good cop und wer bad cop ist.
Und am Ende gewinnt das Gute. Immer. Irgendwie.
Das Leben ist kein Kinofilm.
Die Kirche schon gar nicht.
Aber ein bisschen Traumfabrik – das wär’ doch was.
Auch für die Kirche.
Mit Hoffnung – soweit der Himmel reicht.
Mit langen Tischen, an denen gegessen, getrunken und gefeiert wird – und alle sind dabei.
Ein IKEA-Bällebad in der Kirche im Neubaugebiet.
Richtig guten Kaffee in Gasthäusern für die Seele.
Und Lachen, dass die Wände beben.
Offene Türen in allen Kirchen. Immer.
Und ein scharfer Blick für die Wunden, aus denen diese Welt blutet.
Mit Lust an Visionen und verrückten Ideen.
Mit Entdeckerfreude und Neugier.
Und göttlichen Überraschungen.
Und natürlich mit Musik, Musik, Musik.
In allen Klangfarben, aber unüberhörbar.
Mit Ruhe und Stille und offenen Türen.
Aber ohne Langeweile.
Hartnäckig heiter.
Und dann hebe ich meine Augen auf –
Sehe weiter als nur auf die nächsten drei Schritte und meine Fußspitze.
Sehe über die Berge auf meinem Schreibtisch hinaus - zu den Bergen, die erhaben sind.
Sehe den Himmel nicht mehr nur in den Pfützen meiner Tränen,
sondern über mir.
Aufrecht und aufgerichtet.
Und dann kommt Hilfe.
Glitzer, Glanz und Gloria für diese ermattete Welt.
Engel mögen hartnäckig sein.
Gott ist noch viel hartnäckiger.
Von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Was bin ich froh.
