Predigt im Familienzentrum Abenteuerland (Joh. 8, 3 – 11) in Lauchringen, 10.07.2022

Liebe Gemeinde, liebe Abenteuerland-Freundinnen und -Freunde,
liebe Kinder,
 
Viereinhalb tausend Menschen haben hörbar den Atem angehalten. Ich war eine davon. Ein Moment bei den Passionsfestspielen in Oberammergau. 
 
Das ist ein Theaterstück, das auf einer Bühne wie auf der hier aufgeführt wird. Eine riesengroße Bühne – mit 600 Schauspielern auf der Bühne und sogar mit echten Kamelen und Pferden.
 
Auf der Bühne: eine aufgebrachte Volksmenge.  Jesus auf der einen Seite, die Hohenpriester und aufgebrachte Gläubige auf der anderen Seite. Dann wurde eine Frau in die Mitte gezerrt. 
Sie hätte die Ehe gebrochen, sagen sie. Das war in der damaligen Gesellschaft ein todeswürdiges Verbrechen. 
 
Dutzende Augenpaare schauen Jesus erwartungsvoll an. „Was sagst du dazu, Jesus?“, fragen sie hämisch. Soll die Frau hingerichtet werden?  Gesteinigt? So, wie es das Gesetz sagt?
 
Der Jesus auf der Bühne in Oberammergau ist angespannt. 
Er weiß, das ist eine Falle für ihn. Er ist ihnen ein Dorn im Auge. Ihn wollen sie zu einem Fehler verleiten. 
 
Und was macht Jesus? Er kritzelt im Staub auf dem Boden herum. Beiläufig. So wie man eine Schreibtischunterlage beim Telefonieren bekritzelt. 
 
Das ist ein ganz schön komischer Moment. 
 
Aber eigentlich auch wieder nicht so komisch. Vielleicht kennt Ihr das auch – Ihr Kinder oder auch Ihr Erwachsenen. 
 
Manchmal liegt ja so eine komische Stimmung in der Luft. 
Wenn man nicht so genau weiß, ob man was angestellt hat. Und dann kommen die anderen über den Schulhof und zeigen mit dem Finger auf dich.
 
Oder Mama und Papa gucken irgendwie so streng. Dann hält man es gar nicht aus, denen in die Augen zu gucken. 
 
Habt ihr das auch schon mal so gemacht? Dass man dann einfach was in den Sand schreibt? Oder einfach wegguckt – und hofft, dass die Bande auf dem Schulhof wieder abdreht. 
 
In der Geschichte stellen die anderen Jesus auf die Probe. Irgendwie hat er das Gefühl, dass das nicht gut ausgehen könnte. 
Aber er weiß auch: rumdiskutieren hilft da jetzt nichts. 
 
So steht er da und kritzelt in den Sand.
Er hört die hämischen Fragen. Na, was sagst du Jesus? 
Ja oder nein? Hop oder top? Hat sie nun was falsch gemacht oder nicht? Soll er bestraft werden – oder nicht? Waffenlieferungen in die Ukraine – ja oder nein?
 
Gemeindehaus verkaufen – ja oder nein?
Corona-Impfung – ja oder nein?
Bei vielen Fragen, die uns gerade bewegen gibt es kein eindeutiges Ja oder Nein – aber der Ton in unserer Gesellschaft und in den sozialen Medien sowieso – ist rau geworden. Wer sich zu weit aus dem Fenster lehnt, bekommt einen Shitstorm.
 
Und wenn dann auch noch die Fallensteller kommen – auf dem Schulhof, in der Gemeinderatssitzung oder in den Debatten in der Kirche – dann möchte ich am liebsten erstmal in den Sand kritzeln. 
Und mich den lauten und polarisierenden Stimmen entziehen. 
 
Dabei haben wir Christenmenschen die Kraft zum zweiten Blick. Nochmal hinsehen – genauer und tiefer. Wenn wir das wagen, dann sehen wir: die Dinge sind nicht schwarz oder weiß – ja oder nein.
 
Ob wir uns für oder gegen Waffenlieferungen in die Ukraine aussprechen – wir werden schuldig. So oder so. 
 
Wenn wir in schwierigen Konflikten zu schnell auf den Tisch hauen, ist das Gespräch abgebrochen. 
 
Die Welt ist nicht schwarz oder weiß. 
Schon eher wie der rieselnde Sand, in den Jesus etwas schreibt. Ich wüsste zu gern, was er reingeschrieben hat. Aber das erfahren wir nicht. Und beim nächsten Windstoß ist es eh nicht mehr zu lesen.
 
Gehen wir nochmal ins Passionstheater in Oberammergau. Dort kam irgendwann der Moment, in dem die Spannung zum Zerbersten war. 
 
Jesus richtet sich auf, einen faustgroßen Wackerstein in der Hand. 
Mit glühenden Augen sieht er in die Menge und hält ihnen den Stein hin. „Ist einer von euch ohne Sünde? – Der soll den ersten Stein auf die Frau werfen.“ 
 
Diese Worte kenne ich sonst eher als lapidares Sprichwort: „Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“ 
 
Aber an dem Abend im Mai im Oberammergauer Passionstheater war die Dramatik mit Händen zu greifen. „Was, wenn einer beherzt nach vorne tritt und den Stein nimmt?“ ist es mir durch den Kopf geschossen. „Die Frau hätte keine Chance.“ 
 
Totenstille – auf der Bühne und bei den 4000 Zuschauern. Dann, nach spannungsreichen Sekunden schleicht sich einer nach dem anderen aus der Menge davon. 
 
Am Ende waren Jesus und die Frau allein auf der Bühne. Er noch immer mit dem Stein in der Hand. Die Frau hat vorsichtig den Blick gehoben. Alle waren weg. „Hat dich niemand verurteilt?“, hat Jesus die Frau gefragt. Kopfschütteln. 
 
 „Dann verurteile ich dich auch nicht. Sündige von jetzt an nicht mehr.“ Dann hat er den Stein aus den Händen gelegt.
 
Jesus nimmt der Frau nicht die Verantwortung für ihr Leben ab – aber er verurteilt sie auch nicht. 
 
Er gibt dieser Frau die Chance auf einen neuen Anfang. Jesus redet ihre Schuld nicht weg und ihre Fehler nicht schön. Aber er sieht sie mit den Augen der Liebe.
Er nimmt sie so an und offen auf wie sie ist. 
 
So kann sie aufatmen. 
Wie die Menschen im Familienzentrum und in den Beratungsstellen der Diakonie hier im Kirchenbezirk. 
 
Da muss sich niemand schämen, weil die Ehe gescheitert und die Erziehung der Kinder einen an den Rand bringt. Da finden Kinder und Jugendliche offene Ohren und einen Raum, um fröhlich zu sein. 
Und alte Menschen erleben Gemeinschaft in der WG und beim Kaffee im öffentlichen Wohnzimmer. 
 
Und hier im Abenteuerland gibt es nicht nur viel Sand zum Spielen, sondern herrliche Ecken, in denen man was entdecken kann, klettern und mit der Natur etwas gestalten. 
Da geht es nicht um richtig oder falsch – ja oder nein. 
Jeder darf hier so sein wie er und sie ist. Und das ist wunderbar.
 
Was die anderen sagen und wer über wen moralische Urteile fällt – das spielt hier keine Rolle. 
 
Der Grat ist schmal zwischen überheblichen moralischen Urteilen und dem ehrlichen Blick auf das eigene Verhalten. Jesus hat nicht eingestimmt in die selbstgerechten Massen. Damit hat er der Frau einen neuen Anfang ermöglicht.
 
Wenn alle meinen, sie hätten Recht und mit dem Finger auf die zeigen, die einen Fehler gemacht haben, braucht es einen, der die Selbstgerechtigkeit bremst. Jesus ist so einer. 
 
Jesus hat mit der aufgebrachten Menge nicht diskutiert. Schon gar nicht hat er um Verständnis für die Frau geworben. Er hat einfach irgendetwas in den Staub auf den Boden geschrieben. Was es auch war, Jesus hat es geschafft, dass die aufgebrachte Menge ins Nachdenken kam. 
 
Irgendwie gelingt es Jesus, dass die um ihn Herumstehenden einsehen: zu moralischer Überheblichkeit besteht kein Grund. Die eigene Empörung reicht nicht aus, um jemanden anderen zu richten.
 
Ich bin froh, dass Schuld und Unrecht bei uns vor Gerichten ausgehandelt werden. Die allgemeine Empörung einer aufgeheizten Menge ist dafür nicht geeignet. 
 
Dass das Urteil über Recht und Unrecht nicht den Empörungswellen und Boulevardschlagzeilen überlassen wird, ist richtig. Wenn diese Wellen mal wieder hochschlagen, dann wünsch mir einen, der beherzt wie der Jesus auf der Passionsspielbühne den Spieß umdreht und fragt: 
 
Seid Ihr wirklich moralisch so einwandfrei wie ihr vorgebt? 
 
Für ein gnädiges Miteinander braucht es Menschen, die der Verführung zur moralischen Überheblichkeit nicht nachgeben. Der Blick auf mein eigenes Verhalten ist gefragt. 
 
Und wenn es mir so geht, dass ich vor Scham am liebsten im Boden versinken würde und mit Kritzeln im Sand von mir ablenke, dann braucht es einen, der mir die Hand auf die Schultern legt und sagt: ich verurteile dich nicht. 
 
Auf der Bühne in Oberammergau und in der Geschichte aus der Bibel hat Jesus alles riskiert hat für diese Frau. Sie hat einen unerwartet neuen Anfang geschenkt bekommen. 
 
Solche neuen Anfänge entstehen, wo wir den zweiten Blick wagen – und wo der Friede Gottes einzieht. 
Dieser Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. 
Amen.