Predigt im Kantatengottesdienst anlässlich der ÖRK-Vollversammlung in der Stadtkirche in Karlsruhe, 04.09.2022

Liebe Gemeinde, dear brothers and sisters in Christ,
 
in diesen Tagen vibriert unsere Stadt von berührenden Begegnungen, von Spannung in der Luft und vom spürbaren Wehen des Heiligen Geistes. 
Am Freitag war einer dieser besonderen Momente in der Schwarzwaldhalle. „Wenn ich könnte, würde ich vor Ihnen auf die Knie gehen. Aber dann würden Sie mich hinter dem Pult nicht mehr sehen.“ 
 
Das sagte flehentlich eine muslimische Frau. Nicht irgendeine, sondern Azza Karram. Die Professorin ist Generalsekretärin von „Religions for Peace“. Für sie ist klar: Christi Liebe und die Kraft der Auferstehung gilt nicht nur für Christinnen und Christen, sondern der ganzen Menschheit und der ganzen Schöpfung – und auch ihr als Muslima. Diese Bewegung der Versöhnung gilt allen Menschen, alle sollen mitgerissen werden – raus aus den todbringenden Spiralen von Gewalt. Azza Karram fleht die versammelten Verantwortlichen aus den christlichen Kirchen der Welt an, dem Krieg die Macht zu nehmen. Sie ruft dazu auf, dass wir als Gläubige aus allen Religionen dafür einstehen, aufstehen und der Welt zeigen: 
Krieg ist keine Option, auch wenn es manchmal so scheint als wäre Krieg die einfache Option. Sie hat das hörbar mit Tränen in den Augen gesagt. 
 
Als danach die Vertreter der verschiedenen orthodoxen Kirchen in der Ukraine sprachen, war nicht zu überhören, wie drängend die Sehnsucht nach Frieden, nach Nächten ohne Bombardements, nach einem Ende des Krieges ist. „Wir müssen immer wieder aufbauen aus Trümmern, wir bauen neue Zufluchtsorte – wir sind sehr erschöpft.“ Auch von der schmerzhaften Zerrissenheit in der Kirche hat die ukrainische Journalistin Ivanna Illina gesprochen. 
 
Es soll ein Ende haben mit den Tyrannen und mit den Spöttern. 
 
Endlich! Nicht irgendwann, sondern in einer „kleinen Weile“. 
 
Diese Sehnsucht hatte schon der Prophet Jesaja. Wir haben seine Worte in der Lesung gehört. 
 
Diese Sehnsucht verbindet uns mit Jesaja. Es ist die Sehnsucht nach dem Ende der Tyrannen und Kriegstreiber. Nach dem Ende der Spötter und derer, die andere beschämen – durch Gewalt mit Worten und in Taten, durch verschlossene Ohren und achtlos gewählte Worte. 
 
Jesaja setzt auf Gottes Wirken in dieser Welt. Darauf dass der Geist Gottes verhärtete Herzen erweicht und Gebeugte aufrichtet. Und darauf, dass die müden Seelen der Armen und der Elenden wieder fröhlich werden.
 
Und Jesaja hat darauf gebaut, dass Hoffnung wie die Zedern im Libanon blüht. Dass das Land fruchtbar wird, dass so viele Bäume wachsen, dass es ein Wald wird. Zu den Wunden der Welt gehören Dürre und Klimawandel. Sie bedrohen uns und noch mehr die Menschen auf Pazifikinseln, die durch die steigenden Meere vom Untergang im wahrsten Sinn des Wortes bedroht sind.
 
Ich setze darauf, dass der Geist Christi auch über die Tage der Vollversammlung die Welt bewegt und die Weltenkinder zur Versöhnung ermutigt. 
 
In diesen Tagen geschieht das, oft jenseits der medialen Aufmerksamkeit. Da sitzen ukrainische Kirchenvertreter und Vertreter der russisch-orthodoxen Kirche nicht nur in einem Raum an den Delegiertentischen, sondern stimmen gemeinsam ein in die Gebete und Lieder und, ja, am Abend trinken jedenfalls manche ein Bier zusammen. 
 
Die trotzige Sopranarie aus der Kantate von Johann Sebastian Bach richtet meine Sinne auf den Grund für die Hoffnung, dass es mit der Welt so wenig gar aus ist wie mit der Kraft der Versöhnung über alle Risse hinweg in der weltweiten Christenheit.
 
Mein gläubiges Herze,
Frohlocke, sing, scherze,
Dein Jesus ist da!
 Weg Jammer, weg Klagen, 
Ich will euch nur sagen:
 Mein Jesus ist nah.
 
Jesus Christus ist das unverrückbare Zeichen von Gottes Liebe für die Welt. So sehr hat er die Welt geliebt. Diese Welt mit ihren verrückten und machthungrigen Menschenkindern, diese Welt mit ihren wunderbaren Überraschungen und himmlischen Ausblicken, diese Welt mit all ihren gescheiterten Versuchen, ein besserer Ort zu werden. Genau diese Welt, genau uns Menschenkinder wie wir nun eben so sind hat Gott so sehr geliebt, dass er seinen Sohn gesandt hat. 
 
Diese Bewegung Gottes hat noch kein Ende. Jesus ist durch alles gegangen, was das Leben ausmacht. Er hat Hungernden zu essen gegeben, den Beschämten neue Würde gegeben und die Geschundenen geheilt. Er kam nicht als der triumphale Besserwisser, den das hier alles nicht berührt. 
 
Im Gegenteil: er hat das Leid an sich herankommen lassen und es am Kreuz selbst auf sich genommen. 
Und er hat gefragt, immer wieder. 
„Was willst du, das ich für dich tue?“ – fragt er den Blinden am Wegesrand in Jericho. 
„Wer glaubt ihr, dass ich bin?“ fragt er die Seinen. 
Er hat im Gesicht von jedem Menschen das Leuchten Gottes gesehen. Im Gesicht der Samaritanerin am Brunnen, im Gesicht von Zachäus dem Zöllner, im Gesicht derer, die ihn am Teich Bethesda flehentlich um Hilfe und Heilung gebeten haben. 
 
Christi Liebe ist Liebe mit offenen Herzen und offenen Ohren. Wo sich diese Liebe ausbreitet, ist der Same für Verstehen und Zuhören und Versöhnung gelegt. 
 
Solches Zuhören ist herausfordernd – nicht nur während der Vollversammlung. Die Ohren und die Herzen offen zu halten und sich dem Leid nicht zu verschließen heißt, auch die Seiten zu hören, die es schwer miteinander haben. In Israel und Palästina. In Kiew und Moskau. 
 
Christus hat seine Liebe darin gezeigt, dass er unmissverständlich auf der Seite der Friedensstifter und Bedrückten stand – und darin, dass er sich selbst von den Rissen zwischen den gesellschaftlichen Gruppen nicht hat beeindrucken lassen. Ein Mensch ist ein Mensch.
Seine Wunden haben das Zeug dazu, die Wunden der Welt und meine persönlichen Wunden zu heilen. 
 
Jesus Christus – so erklingt es gleich im Bass-Rezitativ – hat mich nicht vergessen. Mich nicht – und niemanden. 
Die Bewegung seiner Liebe hinunter zu den Gedemütigten, nach vorne mit den Mutigen, an die Seite derer, die von Bomben, von Hass und von Armut bedroht sind hat kein Ende. 
Sie bewegt, versöhnt und eint die Welt. Das ist und das bleibt meine Hoffnung. 
 
Es ist die Hoffnung auf den Frieden Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft. Er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. 
Amen.