Predigt beim Politischen Abendgebet während der ÖRK-Vollversammlung in der Neuapostolischen Kirche Karlsruhe, 07.09.2022
Wege zum Frieden in Kriegszeiten
Liebe Brüder und Schwestern,
„Selig sind die Frieden stiften, denn sie werden Kinder Gottes heißen.“ – also: liebe Kinder Gottes!
Das Gemurmel der kaffeetrinkenden Menschen aus aller Welt auf dem Festplatz ist für mich ein Zeichen der Hoffnung auf Frieden. Frieden beginnt mit dem Zuhören. Dass wir unsere Herzen und Ohren offen halten für die bedrückenden Geschichten von denen, die unmittelbar von Krieg und Gewalt betroffen sind.
Danke Euch, dass Ihr Eure Stimmen für uns hörbar gemacht habt.
Zuhören, ohne Wenn und Aber, sich berühren lassen von dem, was zu sehen und zu hören ist und sich und andere in Bewegung setzen – das ist die Bewegung Christi. Der Erlöser hat uns besucht – davon singt Zacharias in seinem Lobgesang. Im ersten Kapitel des Lukas-Evangeliums ist er zu hören:
„Gelobt sei der Herr, der Gott Israels! Denn er hat besucht und erlöst sein Volk und hat uns aufgerichtet ein Horn des Heils im Hause seines Dieners David – wie er vorzeiten geredet hat durch den Mund seiner heiligen Propheten –, dass er uns errettete von unsern Feinden und aus der Hand aller, die uns hassen, und Barmherzigkeit erzeigte unsern Vätern und gedächte an seinen heiligen Bund, an den Eid, den er geschworen hat unserm Vater Abraham, uns zu geben, dass wir, erlöst aus der Hand der Feinde, ihm dienten ohne Furcht unser Leben lang in Heiligkeit und Gerechtigkeit vor seinen Augen.“
Frieden, die Erlösung der Bedrückten aus den Händen derer, die sie bedrücken braucht den langen Atem. Und den klaren Blick. Beim thematischen Plenum am Dienstag war die Frage im Raum, wie eine gerechte Zukunft ohne Gewalt an Frauen und Menschen mit Behinderungen aussieht. Mich hat das Schluss-Votum einer jungen African-American Frau besonders bewegt:
„Versöhnung braucht Zeit und langen Atem, so dass Wunden heilen können bei denen, die zum Opfer geworden sind. Und Versöhnung braucht Umkehr und Reue bei denen, die gewalttätig geworden sind.“
Der Weg zum Frieden braucht klare Schritte und die Bereitschaft, sich berühren und, ja, auch in Frage stellen zu lassen. Stärkung für die, die für friedliche Konfliktlösungen eintreten und einen Blick für deren Situation. Wenn der Friede konkret gefährdet ist oder wenn gar Krieg herrscht, ist das umso wichtiger. Frieden ist kein verlässlicher Zustand, sondern eine Hoffnung, um die wir immer und immer wieder ringen und beten müssen. Hier und heute und weit darüber hinaus.
Wie viele flehentliche Stimmen an den Grenzen Europas werden überhört? Auch heute.
In den Häfen und auf dem Mittelmeer.
Wie viele flehentliche Stimmen von Menschen auf der Suche nach Exil und Zuflucht an den Grenzen der freien Welt wurden in den düsteren Jahren des nationalsozialistischen Regimes überhört. Schiffe mit jüdischen Flüchtlingen, die an der amerikanischen Küste zurück nach Europa geschickt wurden – oder für die die Grenze in die Schweiz unüberwindbar wurde.
Hören wir die Schreie der Verzweifelten in der Ukraine und in Afghanistan? In Palästina und in Syrien.
Zuhören und sich berühren lassen ist der erste Schritt zum Frieden.
In den letzten Wochen war nicht nur in der deutschen Öffentlichkeit umstritten, dass eine Delegation der russisch-orthodoxen Kirche zur Vollversammlung kommt. Sie waren hier und sind es noch und es hat sich für mich deutlich gezeigt, dass das richtig war. Ja, vielleicht ist die Kirche und die Versammlung der verschiedenen Kirchen bei der Assembly der einzige Rahmen, in dem Risse überwunden werden können und erste Schritte auf dem Weg zum Frieden gegangen werden.
Gerade dann, wenn es keine öffentliche Konfrontation auf offener Bühne gibt. Die Gemeinschaft an dem einen Tisch der Ökumene ist getragen und gegründet von dem, der als Erlöser diese Welt besucht hat. Seither ist sie eine andere. Mit ihren Rissen und Wunden und allem und allen, die nach Befreiung, Erlösung oder wenigstens Frieden lechzen.
Frieden beginnt, wo sich etwas davon spüren lässt, was größer ist als wir selbst.
Gestern im Trubel der Schwarzwaldhalle kam einer der orthodoxen Patriarchen auf mich zu. Eine von den vielen Begegnungen, die sich dort ergeben. Mit einer kurzen Begegnung und Vorstellung, meist abgeschlossen durch ein Selfie und dem Austausch von Visitenkarten. Aber gestern war es anders. Am Ende unseres kurzen Gesprächs hat der Patriarch mir seine Hand aufgelegt und mich gesegnet. Eher überfallartig und überraschend und doch hat es mich berührt. Ein Gebet nur für mich. Ein Segensmoment unerwartet und berührend. Das Licht aus der Höhe, von dem Zacharias gesungen hat. Dann hat der Patriarch mich gebeten, für ihn zu beten und ihn zu segnen. Das waren kostbare Momente, in denen wir beide uns für den Segen des Himmels und den Frieden weit höher als unsere Vernunft geöffnet haben und ihn erlebt haben.
Sich füreinander öffnen, die verletzlichen Seiten teilen – das sind erste Schritte auf dem Weg des Friedens. Dazu gehört auch der Verzicht, es immer schon besser zu wissen – selbst in Friedensdingen. Zuhören, sich berühren lassen und sich auf den Weg machen. Das ist der Weg Jesu. Auch er hat sich auf den Weg in unsere Welt gemacht, hat die Wunden dieser Welt an sich herankommen lassen und auf sich genommen. Er hat klare Worte gesprochen und die selig gepriesen, die Frieden stiften.
So setzt er uns in Bewegung und richtet uns neu aus. Schritte auf dem Weg des Friedens sind Schritte aufeinander zu. An einen Tisch, um einen Altar, mit einer Stimme singend und betend – trotz aller Risse und Differenzen. So wird Versöhnung möglich. Diese Versöhnung ist nicht unser Verhandlungsergebnis, sondern die mitreißende Bewegung der Liebe Christi in dieser Welt.
Sie braucht unsere Gebete. Die flehentlichen und die klagenden, die hoffenden und die dankbaren für die Momente, in denen ein Lichtschein vom Glanz aus der Höhe auf unser Leben fällt.
Und immer wieder diese drei Worte: Dona nobis pacem!
Gib Frieden, Herr, gib Frieden. Amen.
