Liebe Ordinandinnen und Ordinanden,
liebe Weggefährtinnen und Weggefährten auf dem Weg zur Ordination, liebe Gemeinde,
wie oft haben Sie in den letzten Wochen und Monaten in Gedanken durchgespielt, was die Zukunft wohl bringen wird und wie es sein wird – als Pfarrer und Pfarrerin, in der neuen Gemeinde, im neuen Zuhause?
Wie es sein wird - der erste Gottesdienst am neuen Ort, die erste Ältestenkreissitzung, die neue Schule, das erste Mal auf dem neuen Friedhof.
Und was werden Sie beim Ordinationsjubiläum in 25 Jahren über diesen Tag und diese Zeit jetzt erzählen?
Die gedankliche Vorwegnahme des Zukünftigen gehört für die meisten von uns zum Alltag. Prognosen und Studien – nicht nur aus Freiburg – bestimmen den Takt bei politischen und strategischen Entscheidungen, Computermodelle und Simulationen helfen bei der Risikoabschätzung – nicht nur im Blick auf das Weltklima.
Verstehen aber können wir das Leben meist erst im Rückblick.
Es hat mich sehr beeindruckt, wie viele von Ihnen bei der Ordinationsrüste von verschlungenen Wegen hin zum Schritt ins Pfarramt erzählt haben. Von wertvollen Erfahrungen und weiten Horizonten – hier in Baden und an anderen Orten der Welt. Auch von Kränkungen und Abbrüchen. Immer wieder auch von Menschen, die im entscheidenden Moment das ermutigende Wort gesagt haben, die Türen geöffnet und Anstöße gegeben haben.
Vor allem aber haben Sie davon erzählt – jeder und jede auf ihre Weise – dass es irgendwann einfach klar war, dass das Theologiestudium, das Pfarramt, die badische Landeskirche Ihr Weg sein würde. Dass Gottes Ruf an Sie irgendwann nicht mehr zu überhören war. Wie schön!
Die Grundbewegung und der Horizont des christlichen Glaubens ist der Blick in die verheißene Zukunft und von ihr zurück in die Gegenwart.
Gottes Verheißungen nehmen vorweg, was noch vor uns liegt – und lassen die Gegenwart in einem anderen Licht erscheinen. Diese Bewegung durchzieht die biblischen Texte und Verheißungen – von den Propheten bis zum Apostel Paulus.
Heute hören wir sie mit den Worten des Propheten Jesaja. In düsteren Zeiten voll Krisen und Katastrophen, Vertreibung und Gefangenschaft singt er das Danklied der Erlösten und malt an den Horizont wie es sein wird, wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird – und wenn alles Leid, Geschrei und Schmerz ein Ende hat.
Im 12. Kapitel des Jesaja-Buches klingt das so:
Zu der Zeit wirst du sagen: Ich danke dir, Herr!
Du bist zornig auf mich gewesen.
Doch nun hat sich dein Zorn gelegt und du hast mich getröstet.
Ja, Gott ist meine Rettung.
Ich bin voll Vertrauen und fürchte mich nicht.
Denn Gott, der Herr, ist meine Zuflucht,
von ihm singe ich in meinem Lied.
Er hat mir die Rettung gebracht.
Voll Freude werdet ihr Wasser schöpfen
aus den Quellen, aus denen die Rettung strömt.
Zu der Zeit werdet ihr sagen:
Dankt dem Herrn, verkündet seinen Namen!
Macht unter den Völkern bekannt, was er getan hat.
Verkündet, dass sein Name hoch über allem steht!
Singt dem Herrn, denn er hat Großes getan.
Auf der ganzen Erde soll man es erkennen.
Seid fröhlich und jubelt, ihr Bewohner des Zion.
Der Heilige Israels ist groß in eurer Mitte.
Jesaja blickt aus der verheißenen Zukunft auf die Gegenwart. Er kann ein Lied davon singen, wie es sein wird, wenn Gottes Verheißungen wahr werden.
Das sind nicht einfach Prognosen und Hochrechnungen in einer fernen Zukunft, sondern Trost für die, die in das Lied einstimmen. Damals und hier und heute.
Jesaja wird zum Vorsänger der Hoffnung.
Vorsängerinnen und Vorsänger der Hoffnung sein – das ist es, was Sie als Pfarrerinnen und Pfarrer tun.
An Sterbebetten und an den Gräbern, im Reliunterricht und mit den Konfis, an den Schwellen des Lebens, im Gespräch mit Menschen auf den Marktplätzen und im Rathaus, und bei Besuchen und, ja, auch in Sitzungen von Gremien und Arbeitsgruppen für die Zukunft der Kirche:
Sie bringen einen anderen Ton hinein. Stimmen das Lied der Hoffnung an und halten seine Töne wach. Wenn es gut geht, sogar als Hoffnungsohrwurm, der sich ausbreitet, weil andere einstimmen. Genau da, wo das Leben nicht nur schwarz oder weiß ist, wo Risse sich auftun und Beglückendes sich ereignet.
Wenn wir dieses Hoffnungslied singen, dann öffnen sich die Augen für den zweiten Blick. „Jetzt wächst das Neue auf – erkennt Ihr es denn nicht?“ – so fragt Jesaja an einer anderen Stelle.
Und Jesus lenkt in seinem Wirken beharrlich den Blick auf das Reich Gottes, das längst schon angebrochen ist. Wo Lahmen Beine gemacht werden, Taube hörend und Blinde sehend werden und wo das Evangelium den Armen gepredigt wird.
Noch einmal genauer hinschauen – und nicht einstimmen in die vielen Entweder-Oders, auch das ist die Stärke der Kirche. Und Sie als Pfarrerinnen und Pfarrer spielen da eine wesentliche Rolle.
Mit Gottes Verheißung vor Augen und Jesajas Danklied im Ohr werden die Risse der Gegenwart ja umso deutlicher.
Wo Rettung dringend gefragt ist.
An den unruhigen Grenzen zwischen Armenien und Aserbaidschan.
Für die 415 Menschen, die auf dem Schiff „Humanity1“ sehnlich auf die Zuweisung eines Hafens am Mittelmeer warten.
Für die Menschen bei uns, die bange auf den Winter schauen und sich fragen, wie das werden wird – in der kalten Wohnung.
Vorsänger zur Hoffnung heißt auch: die Türen von Gemeindehäusern zu öffnen, warme Räume bereitzustellen – damit Mägen und Herzen sich aufwärmen können.
Der klare Blick auf das Sperrige, die Risse und das Leid – und auf die vielen Graubereiche des Lebens macht eine starke Kirche aus. Dieser Blick ist geschärft durch den Blick auf den Gekreuzigten, der die Wunden dieser Welt zu seiner Sache gemacht hat.
Vorsängerin der Hoffnung sein, von der Rettung erzählen, die Gott gebracht hat und bringen wird und von Gottes Zukunft reden – das ist unsere Aufgabe. Wir können sie gelassen und heiter angehen, weil uns das Wesentliche dafür geschenkt wird.
Niemand in der Kirche – nicht die Pfarrerinnen und Pfarrer, nicht die Leitungsgremien und auch sonst niemand schafft die Zukunft der Kirche. Das ist und das bleibt Gottes Sache. Unsere Aufgabe ist es, sie zu gestalten. Und offen zu bleiben für die sprudelnden Quellen der Hoffnung.
Voll Freude werdet ihr Wasser schöpfen aus den Quellen, aus denen die Rettung strömt. Die Rettung strömt aus den Quellen, aus denen wir schöpfen. Sie müssen als Pfarrerinnen und Pfarrer nicht mal eben schnell die Welt retten – und auch nicht allmählich.
Die Quellen, aus denen Rettung strömt, sind sehr unterschiedlich. Durch Ihr Vikariat hindurch hat sie das Bild des überfließenden Brunnens begleitet. Er ist auf der Innenseite des Liedblatts abgedruckt und steht nicht weit von hier, im Kloster Maulbronn.
Auf dem Bild ist das Wasser kaum zu erkennen, aber es ist das Entscheidende. Es fließt immer – tags wie nachts.
Die oberste Schale füllt sich aus der Quelle der Tiefe. Erst wenn sie voll ist, füllen sich die Schalen darunter.
Es braucht auch im Pfarramt Zeiten und Inseln, in denen sich die Schale füllt. Bernhard von Clairvaux, der seine Spuren auch in Maulbronn hinterlassen hat, hat das in klare Worte gefasst:
Wenn du vernünftig bist, erweise dich als Schale und nicht als Kanal, der fast gleichzeitig empfängt und weiter gibt, während jene wartet, bis sie erfüllt ist. Auf diese Weise gibt sie das, was bei ihr überfließt, ohne eigenen Schaden weiter
Lerne auch du, nur aus der Fülle auszugießen und habe nicht den Wunsch freigiebiger zu sein als Gott. Die Schale ahmt die Quelle nach. Erst wenn sie mit Wasser gesättigt ist, strömt sie zum Fluss, wird zur See.
(Bernhard von Clairvaux (1090-1153)
Das Wasser, das unsere Schalen füllt, ist das Wasser der Taufe. Unverbrüchlich sind wir alle Kinder Gottes, längst gerettet. Und mit uns die Welt. Wir müssen die Welt nicht retten und auch die uns anvertrauten Menschen nicht.
Wir sind Wasserschöpferinnen und Wasserschöpfer an den Quellen, aus denen die Rettung strömt. Pflegen Sie Ihre Schalen gut, damit die Quelle nicht versiegt. Lassen Sie sich auch selbst stärken durch tröstende Worte von anderen, durch Gottesdienste, die sie einfach mal mitfeiern, durch Menschen, die in Ihnen einfach nur den Mensch und nicht vor allem den Pfarrer sehen, einfach nur die Freundin und nicht vor allem die Pfarrerin. Und auch durch die Gemeinschaft mit den anderen, die Kirche gestalten – den Mitarbeitenden in den Gemeinden, den Kolleginnen und Kollegen in der Gemeinschaft der Ordinierten.
Jesajas Lied singt von der besseren Zukunft unter Gottes Verheißung. Das Reich Gottes ist der Horizont, auf den hin wir unterwegs sind und bleiben.
Sie sind Vorsängerinnen und Vorsänger der Hoffnung. Bringen Sie in unsere Landeskirche ihre eigenen Töne ein, möglichst auch die schrägen.
Es ist Zeit, das Lied davon zu singen, was Gott Großes getan hat. Und es ist Zeit, ihn drängend daran zu erinnern, dass er das Leben in Fülle und umfassendem Frieden verheißen hat - in Friedensgebeten und an den Sterbebetten.
Gehen wir los und singen und sagen, wozu Jesaja uns ermutigt:
Dankt dem Herrn, verkündet seinen Namen!
Macht unter den Völkern bekannt, was er getan hat.
Verkündet, dass sein Name hoch über allem steht!
Singt dem Herrn, denn er hat Großes getan.
Auf der ganzen Erde soll man es erkennen.
Seid fröhlich und jubelt, ihr Bewohner des Zion.
Die Quelle unserer Hoffnung ist der Friede Gottes, der höher ist als all unserer Vernunft. Er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.
